Text-Nummer: 0044

Schaltung am: 05.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 7576
Verfasser(in): Robert Krokowski
Geschrieben am: 04.06.1996
Kürzel: RK
Originaltitel: Selbstverständlichkeiten. Rolf-Hermann Geller zum 50. Geburtstag
Copyright: Robert Krokowski
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Robert Krokowski

Selbstverständlichkeiten

Rolf-Hermann Geller zum 50. Geburtstag

Es selbstverständlich zu finden, daß einer seinen Geburtstag - zumal einen "runden" - nach 364 Tagen nachfeiert, ist nicht selbstverständlich. Daß eine solche Feier auf einem Friedhof stattfindet, scheint auch nicht üblich. Und doch befremdet es den Teilnehmer und Gast, daß manche, denen er davon erzählte, sich darob befremdet zeigen.
Nun, es war selbstverständlich nicht irgendeine Familienfeier, es war die Inszenierung einer solchen durch den Maler und Grafiker, Hochschullehrer und Aktionskünstler Rolf-Hermann Geller. Was diese Inszenierung aber so selbstverständlich machte, das war die Erfahrung, daß alltägliche ästhetische Praxis möglich ist. Inszenierung des Familiären? Familiäre Inszenierung? Fragen, die sich nicht stellten. Sie stellen sich erst nachträglich, nachdem Erzählungen - wie man halt von einer Feier erzählt - Befremden hervorgerufen hatten.
Auf einem Friedhof? Eine Geburtstagsnachfeier? 364 Tage ... ? Der Erzähler stockt. Sollte er in Hannover das Befremdende übersehen haben, daß sich in Blicken und Nachfragen zeigt? Nein, spürt er schulterzuckend. Eigentlich hat in Hannover nichts Ungewöhnliches stattgefunden. Es war ein sehr angenehmer Sonntag. Abgesehen vielleicht von der erzwungenen Rückfahrt nach Berlin. Durchaus. Oder? Und der Erzähler merkt, daß er das Befremden nicht teilt. War doch alles ganz selbstverständlich. Ach so, denkt er: Im Rahmen der Gellerschen Inszenierungen, selbstverständlich ...
Die Teilnahme an Aktionen des Freundes scheint also selbstverständlich. Vielleicht darf man nicht Freund und nicht Wahlverwandter sein, damit Aktionskunst ihr Befremdendes behält? Vielleicht muß man Familienmitglied oder Fremder sein, um sich herausgefordert zu fühlen. Gut, denkt sich der Erzähler, aber verliert die Inszenierung für den Freund und Wahlverwandten dann nicht ihre künstlerische Dimension?
Er schüttelt innerlich den Kopf. Nein. Eigentlich ist es umgekehrt. Endlich ein Familienfest, das nicht befremdet. Das den Eindruck vermittelt, das Feiern von Familienfesten könnte eine Selbstverständlichkeit sein.
Der Geller, das ist schon ein "irrer Typ" - teilt man dem Erzähler kopfschüttelnd mit. Und er erinnert sich, daß auch der beim Fest anwesende Vater und Bruder den Eindruck eines verkörperten Kopfschüttelns machten. Naja, sagt er sich, die weißen Schafe der Familie kommen eben bei manchen Familienfesten nicht ganz ungeschoren davon. Zum Beispiel, wenn Freunden die Plätze im Familiengrab angeboten werden, die noch frei sind.
Aber auch das verkörperte Kopfschütteln der Familienmitglieder scheint dem Erzähler durchaus selbstverständlich und nicht weiter befremdend. Spielen sie in der Inszenierung doch am ihnen zustehenden Platz die selbstgewählte Rolle aufgestellter Statuen. Selbstverständlich auch, daß der Sohn, auf dem Friedhof herumtollend, den Puck spielt.; und die Gattin vor dem Grab Anna Blumes den Sektkelch wie eine Rose hält, leicht fröstelnd, wie es die Witterung in Kombination mit dem hübschen Kleid gebietet; und Rolf-Hermann Geller am Grab Kurt Schwitters die Inschrift des Grabsteines vorliest: "Man kann ja nie wissen ..."
Was also befremdet daran, daß ein Künstler in der Tradition des Bauhauses ebenso steht, wie in der von DADA? Ist es nicht selbstverständlich? Kann es anders sein - wenn der Künstler in seinen Aktionen die Bemerkungen Beuys' darüber, was Kunst und Künstler ausmachen, als Selbstverständlichkeiten nimmt?
Was sich also auf dem Rasen hinter der Großen Haupthalle des Engesohder-Friedhofes in Hannover am 12. Mai 1996 abspielt, zwischen dem Grab Anna Blumes und dem Grab Schwitters, unweit des Gellerschen Familiengrabes, in dem natürlich der Komponist Ritzau seine letzte Ruhestätte schon gefunden hat, unweit auch des Gellerschen Geburtshauses, das fast nur einen Steinwurf vom Friedhof entfernt liegt, was sich also hier auf der grünen Wiese abspielt, im Quadrat zwischen den vier mit Rotwein vollgesogenen Rosen, das ist Dada cool, und es wirft die Honigpumpe des Teilnehmers an - und offenbar die der Befremdeten nicht weniger. Ist es nicht eine Kunst, bei all dem aus einem Familienfest keine klebrige Angelegenheit zu machen? Selbstverständlich.
Selbstverständlich spielt keine Jazzband. Auf einen Friedhof gehört ein Choral. (Man kann ja nie wissen ...) Schon, um den Komponisten in der Familie zu ehren. Doch bevor ihn Geller anstimmt, gilt es, die Versammelten, Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, zusammenzuführen. Die Regeln sind ganz einfach:
In der einen Hand halte man das Sektglas. In der anderen ein Stück Brot. Nun breche man das Brot mit seinem Gegenüber und proste sich zu.
Klar, denken die Anwesenden, warum nicht. Nun stehen sie aber in jenem aus vier mit Rotwein vollgesogenen Rosen abgesteckten Quadrat auf einem Friedhof mitten in Hannover, mitten zwischen dem Grab Anna Blumes und dem Grab Kurt Schwitters, mit oder ohne Krawatte und suchen verzweifelt nach der dritten Hand. Interessante Choreographie, denkt der Erzähler. Selbstverständlich, daß irgendwann Gläser aus Jackentaschen lugen und den befremdeten Friedhofsbesuchern zuzwinkern.
Ein ziemlich unspektakulärer Ablauf der Inszenierung also. Gleichsam selbstverständlich bricht die Gesellschaft zum Familiengrab auf, selbstverständlich hat der Galerist des Künstlers an dessen outfit herumzumäkeln, das ihm wenig repräsentativ zu sein scheint. Geller nimmt es selbstverständlich gelassen. Ein Platz im Familiengrab wird dem Galeristen aber nicht angeboten.
Auf diesem finden die Rundgänger eine Maske. Selbstverständlich. Und zwei ineinander verschränkte Hände. Nein, beides selbstverständlich nicht in den Stein gehauen, sondern als Hinzufügung Gellers, um die er sich beim Verlassen des Familiengrabes selbstverständlich nicht kümmert. Es wundert nicht, daß kaum jemand sich um die besorgten Blicke von Familienmitgliedern kümmert, von denen anzunehmen ist, daß sie sich wünschen, hierher zurückzukehren, um die Assemblage zu richten.
Selbstverständlich, sagt Geller, seien die Assoziationen der Betrachter falsch, wenn sie die auf dem Grabstein verschränkten Hände an das Emblem der ehemaligen SED erinnern sollten ... Nein, hier reichen die Toten den Lebenden die Hände. Muß daran erinnert werden, daß man sich auf einem Friedhof befindet? Selbstverständlich nicht.
Der Erzähler ergreift die Gelegenheit, den Vater des Künstlers nach dem Künstler im Grab zu fragen. Ja, sagt der Vater, er liegt drin.
Zeit also, den Friedhof zu verlassen. Auf dem Weg zu einer Restauration am Maschsee führt der Weg am Geburtshaus vorbei. So also sieht das Haus aus, in das der Großvater, der Komponist, für den jungen Geller wie selbstverständlich einen Privatlehrer einquatierte, einen Maler, der zusammen mit Frau und Töchtern eines der Zimmer bewohnte, von dem selbstverständlich vierfünftel mit Decken als Atelier abgetrennt waren, und in dessen fünftem Fünftel die Frauen beim Schlafen auf ihren Matrazen im gleichen Rhythmus zu atmen hatten, um den Künstler nicht zu stören. Selbstverständlich herrschen zur Zeit solche Zustände in dieser prächtigen Villa wohl nicht mehr.
Und selbstverständlich bedauert der Erzähler, daß er das Ende des Familienfestes nicht mehr miterleben konnte, weil sein Zug nach Berlin ihn zum Aufbruch zwang. Aber er ist sicher, daß jeder der Anwesenden bei Gellers Rede, in der jeder erwähnt worden sein soll, ein kleines Stückchen Fett wegbekam. Und jeder der Abwesenden selbstverständlich auch. Wie bei jedem Familienfest. Und doch ganz anders: auf Gellersche Weise eben.


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