Text-Nummer: 0002

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 40940
Verfasser(in): Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: CK
Originaltitel: Geschlecht, Geschichte II. Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
Copyright: Christian Kupke
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Diskussion/Leserbriefe:

Christian Kupke

Geschlecht, Geschichte II
Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie

Meine Damen und Herren! Im ersten Teil meines Vortrags zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie1 hatte ich Ihnen zwei Mythen vorgestellt: den die geschlechtliche Differenz von männlich und weiblich begründenden psychoanalytischen Mythos Ferenczis und den die geschichtliche Differenz von Herr und Knecht begründenden philosophischen Mythos Hegels. Im Zuge ihrer Explikation hatte ich Ihnen sodann einige Begriffe eingeführt: ursprüngliche Aktivität, anfängliche Verkehrung zu Aktivität und Passivität, Kampf der Geschlechter und Anerkennung des Mangels auf der einen Seite (der Seite des geschlechtlichen Seins) und ursprüngliche Negativität, anfängliche Verkehrung zu Negativität und Positivität, historischer Kampf und Anerkennung des gegenseitigen Sich-Anerkennens auf der anderen Seite (der Seite des geschichtlichen Seins). Zuletzt hatte ich diese Begriffsfelder auf ihre mögliche Deckungsgleichheit oder -ungleichheit hin befragt und darauf verwiesen, daß es allzu leichtfertig wäre, über den vielfältigen strukturellen Identitäten der beiden Mythen deren zentrale inhaltliche Differenzen zu vernachlässigen: ihr unterschiedliches Erklärungsziel (das ich Ihnen an der signifikanten Differenz von Leben und Tod verdeutlichen wollte), die Differenz in der Positionierung und Transpositionierung von verkehrter Aktivität und Passivität, verkehrter Negativität und Positivität und schließlich das inhaltlich unterschiedene Telos der in den beiden Mythen dargestellten Verhältnisse, das ich in dem einen Fall als Anerkennung der Verkehrung und im anderen Fall als Aufhebung der Verkehrung bezeichnet habe.
Nun wird es darum gehen, die damit eröffneten und zueinander ins Verhältnis gesetzten Begriffsfelder in diesem ihrem Verhältnis zueinander zu konkretisieren. Dazu möchte ich Ihnen als erstes den Mangel erörtern, der das Herr-und-Knecht-Verhältnis auszeichnet, und zwar anhand der Begriffe "Ohnmacht" und "Unmacht", die mir applikabel zu sein scheinen auf das, was ich einerseits das Anerkennungs- und andererseits das Befriedigungsverhältnis der beiden Subjekte nennen möchte; sodann diesem Mangel, der der Mangel des geschichtlichen Seins ist, den Mangel des geschlechtlichen Seins gegenübersetzen, der sich, Freud zufolge, in der "psychischen Impotenz des Mannes" und in der "Frigidität der Frau" manifestiert und der in gleicher Weise sowohl das Anerkennungs- als auch das Befriedigungsverhältnis von Mann und Frau betrifft. Und zum Schluß möchte ich Ihnen dann auch diese Gegenüberstellung noch einmal resümieren und Ihnen daraus meine, wenn auch nur kurzen und vorläufigen Schlußfolgerungen mitteilen.


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