Christian Kupke
Geschlecht, Geschichte II
Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
Meine Damen und Herren! Im ersten Teil meines Vortrags
zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie1
hatte ich Ihnen zwei Mythen vorgestellt: den die geschlechtliche
Differenz von männlich und weiblich begründenden
psychoanalytischen Mythos Ferenczis und den die geschichtliche
Differenz von Herr und Knecht begründenden philosophischen
Mythos Hegels. Im Zuge ihrer Explikation hatte ich
Ihnen sodann einige Begriffe eingeführt: ursprüngliche
Aktivität, anfängliche Verkehrung zu Aktivität
und Passivität, Kampf der Geschlechter und Anerkennung
des Mangels auf der einen Seite (der Seite des geschlechtlichen
Seins) und ursprüngliche Negativität, anfängliche
Verkehrung zu Negativität und Positivität,
historischer Kampf und Anerkennung des gegenseitigen
Sich-Anerkennens auf der anderen Seite (der Seite des
geschichtlichen Seins). Zuletzt hatte ich diese Begriffsfelder
auf ihre mögliche Deckungsgleichheit oder -ungleichheit
hin befragt und darauf verwiesen, daß es allzu
leichtfertig wäre, über den vielfältigen
strukturellen Identitäten der beiden Mythen deren
zentrale inhaltliche Differenzen zu vernachlässigen:
ihr unterschiedliches Erklärungsziel (das ich
Ihnen an der signifikanten Differenz von Leben und
Tod verdeutlichen wollte), die Differenz in der Positionierung
und Transpositionierung von verkehrter Aktivität
und Passivität, verkehrter Negativität und
Positivität und schließlich das inhaltlich
unterschiedene Telos der in den beiden Mythen dargestellten
Verhältnisse, das ich in dem einen Fall als Anerkennung
der Verkehrung und im anderen Fall als Aufhebung der
Verkehrung bezeichnet habe.
Nun wird es darum gehen, die damit eröffneten und
zueinander ins Verhältnis gesetzten Begriffsfelder
in diesem ihrem Verhältnis zueinander zu konkretisieren.
Dazu möchte ich Ihnen als erstes den Mangel erörtern,
der das Herr-und-Knecht-Verhältnis auszeichnet,
und zwar anhand der Begriffe "Ohnmacht" und
"Unmacht", die mir applikabel zu sein scheinen
auf das, was ich einerseits das Anerkennungs- und andererseits
das Befriedigungsverhältnis der beiden Subjekte
nennen möchte; sodann diesem Mangel, der der Mangel
des geschichtlichen Seins ist, den Mangel des geschlechtlichen
Seins gegenübersetzen, der sich, Freud zufolge,
in der "psychischen Impotenz des Mannes"
und in der "Frigidität der Frau" manifestiert
und der in gleicher Weise sowohl das Anerkennungs-
als auch das Befriedigungsverhältnis von Mann
und Frau betrifft. Und zum Schluß möchte
ich Ihnen dann auch diese Gegenüberstellung noch
einmal resümieren und Ihnen daraus meine, wenn
auch nur kurzen und vorläufigen Schlußfolgerungen
mitteilen.