Christian Kupke
Freud, Ferenczi und Hegel. Referat einer Untersuchung zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
Um eine Antwort zu finden auf die Frage nach dem Verhältnis
von Psychoanalyse und Philosophie gibt es für
jede Untersuchung prinzipiell zwei Wege: Zum einen
kann man aus einer (sicherlich je unterschiedlichen
und auch unterschiedlich gewichteten) Kenntnis sowohl
des philosophischen als auch des psychoanalytischen
Diskurses einige mehr oder minder generelle Beobachtungen
mitteilen, die entweder die Konvergenz oder aber die
Divergenz der beiden Diskursformen betonen. Und man
kann zum anderen, auf der Grundlage konkreter Beispieltexte,
auch anhand eines spezifischen Themas eine zumindest
ausschnitthaft verläßliche Beurteilung des
in Frage stehenden Verhältnisses zu formulieren
versuchen.
Auf diesen zweiten Weg - denn der erste ist schon des
öfteren eingeschlagen worden - habe ich mich das
erste Mal 1990 in einem in der Berliner "Psychoanalytischen
Assoziation - Die Zeit zum Begreifen" gehaltenen
Vortrag begeben1 und dabei zeigen können, daß
zwischen gewissen ursprungsspekulativen Mythen der
Psychoanalyse und der Philosophie strukturelle Identitäten
bestehen, die zumindest die These von der vollständigen
Divergenz der beiden Diskursformen zweifelhaft erscheinen
lassen. Die von mir in diesem Zusammenhang ausgewählten
Texte waren folgende: zum einen derjenige Teil von
Ferenczis Genitaltheorie, in welchem dieser seinen,
von Freud als paläobiologische Spekulation bezeichneten
Mythos vom Ursprung des geschlechtlichen Seins vorstellt2,
und zum anderen das sogenannte Herr-und-Knecht-Kapitel
der Hegelschen >Phänomenologie<, in welchem
sich eine soziokulturelle Spekulation als Mythos vom
Ursprung des geschichtlichen Seins ausmachen läßt3.
Die Ergebnisse meines Vergleiches dieser beiden Texte
möchte ich zunächst (in den ersten beiden
Teilen) kurz vorstellen, um sodann einige Überlegungen
zu referieren, die ich gleichfalls in der Psychoanalytischen
Assoziation vorgestellt habe und die bislang noch nicht
veröffentlicht wurden.