Text-Nummer: 0008

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 73394
Verfasser(in): Wilfried Armonies / Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: WA/CK
Originaltitel: Jenseits des binaristischen Prinzips. Zur psychoanalytischen Theorie des Witzes
Copyright: Wilfried Armonies / Christian Kupke
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am: Fragmente 46 (1994), Kassel 1994, S. 91ff
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Diskussion/Leserbriefe:

Wilfried Armonies / Christian Kupke

Jenseits des binaristischen Prinzips. Zur psychoanalytischen Theorie des Witzes

I. Zur symbolischen Überschreitung binaristischen Denkens

Ich verstehe, was du sagen willst, Menon! Siehst du, was für einen streitsüchtigen Satz du uns herbringst? Daß nämlich ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.

Platon, Menon, 80e

Den Binarismus hat Roland Barthes einmal, in einem seiner vielleicht wichtigsten wissenschaftlichen Werke, den >Elementen der Semiologie<, als >>das intellektuelle Imaginäre unserer Zeit<< bezeichnet. Mit dieser Formulierung zielte er damals (1964) auf das strukturale Denken ab, - auf ein Denken, in dem, wie er es formuliert, >>die binäre Einteilung der Begriffe ... häufig vorzukommen scheint<<1. Er hätte damit aber auch ebensogut, wie seinerzeit Jacques Derrida, das gesamte metaphysische Denken meinen können. Denn der Strukturalismus war von Anbeginn - wenn auch nicht immer bewußt - der Versuch einer kritischen Beschreibung genau derjenigen systemproduzierenden strukturellen Binarismen, die die Metaphysik seit den Tagen ihres Entstehens geprägt hatten, andererseits aber auch eine Reflexion der ihn selbst konstituierenden Binarismen (so z.B. des Binarismus von Raum und Zeit, Struktur und Ereignis), mithin eine Selbstreflexion seiner eigenen binaristischen Voraussetzungen.
Auch die Lacansche Psychoanalyse schreibt sich, wie man weiß, in diesen strukturalistischen Zusammenhang ein. Zwar schien sie sich zunächst noch ganz affirmativ an der klassischen Opposition von Imaginärem und Realem (von Schein und Sein, Innen und Außen, Subjekt und Objekt, Form und Inhalt etc.) orientieren zu wollen - so in der auf dem Internationalen Kongreß für Psychoanalyse 1936 erstmalig und 1949 wiederholt vorgetragenen Konzeption des Spiegelstadiums -, aber schon dort deutete sich damals jene Dialektisierung des Freudschen Dualismus von Lust- und Realitätsprinzip und eine damit einhergehende Äquivozierung des Realitätsbegriffs an, die vollgültig nur durch die Einführung eines weiteren Elements, eines Dritten plausibel gemacht werden konnte: durch das den Binarismus tendenziell überschreitende Element des Symbolischen2. Besonders die ersten beiden Seminare Lacans (in den Jahren 1953 bis 1955) widmeten sich daher der Frage, ob und auf welche Weise die Annahme des Symbolischen den klassischen Formenkanon psychoanalytischen Denkens gegebenenfalls zu sprengen vermochte, und sie kulminierten schließlich in dem 1957/58 erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellten topologischen Anschreibungen des Verhältnisses von Realem, Imaginärem und Symbolischem in den sogenannten Schemata L und R.


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