Wilfried Armonies / Christian Kupke
Jenseits des binaristischen Prinzips. Zur psychoanalytischen Theorie des Witzes
I. Zur symbolischen Überschreitung binaristischen Denkens
Ich verstehe, was du sagen willst, Menon! Siehst du, was für einen streitsüchtigen Satz du uns herbringst? Daß nämlich ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.
Platon, Menon, 80e
Den Binarismus hat Roland Barthes einmal, in einem seiner
vielleicht wichtigsten wissenschaftlichen Werke, den
>Elementen der Semiologie<, als >>das intellektuelle
Imaginäre unserer Zeit<< bezeichnet. Mit
dieser Formulierung zielte er damals (1964) auf das
strukturale Denken ab, - auf ein Denken, in dem, wie
er es formuliert, >>die binäre Einteilung
der Begriffe ... häufig vorzukommen scheint<<1.
Er hätte damit aber auch ebensogut, wie seinerzeit
Jacques Derrida, das gesamte metaphysische Denken meinen
können. Denn der Strukturalismus war von Anbeginn
- wenn auch nicht immer bewußt - der Versuch
einer kritischen Beschreibung genau derjenigen systemproduzierenden
strukturellen Binarismen, die die Metaphysik seit den
Tagen ihres Entstehens geprägt hatten, andererseits
aber auch eine Reflexion der ihn selbst konstituierenden
Binarismen (so z.B. des Binarismus von Raum und Zeit,
Struktur und Ereignis), mithin eine Selbstreflexion
seiner eigenen binaristischen Voraussetzungen.
Auch die Lacansche Psychoanalyse schreibt sich, wie
man weiß, in diesen strukturalistischen Zusammenhang
ein. Zwar schien sie sich zunächst noch ganz affirmativ
an der klassischen Opposition von Imaginärem und
Realem (von Schein und Sein, Innen und Außen,
Subjekt und Objekt, Form und Inhalt etc.) orientieren
zu wollen - so in der auf dem Internationalen Kongreß
für Psychoanalyse 1936 erstmalig und 1949 wiederholt
vorgetragenen Konzeption des Spiegelstadiums -, aber
schon dort deutete sich damals jene Dialektisierung
des Freudschen Dualismus von Lust- und Realitätsprinzip
und eine damit einhergehende Äquivozierung des
Realitätsbegriffs an, die vollgültig nur
durch die Einführung eines weiteren Elements,
eines Dritten plausibel gemacht werden konnte: durch
das den Binarismus tendenziell überschreitende
Element des Symbolischen2. Besonders die ersten beiden
Seminare Lacans (in den Jahren 1953 bis 1955) widmeten
sich daher der Frage, ob und auf welche Weise die Annahme
des Symbolischen den klassischen Formenkanon psychoanalytischen
Denkens gegebenenfalls zu sprengen vermochte, und sie
kulminierten schließlich in dem 1957/58 erstmalig
der Öffentlichkeit vorgestellten topologischen
Anschreibungen des Verhältnisses von Realem, Imaginärem
und Symbolischem in den sogenannten Schemata L und
R.