Text-Nummer: 0037

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 1906
Verfasser(in): Urs Köhnen
Geschrieben am: 19.05.1996
Kürzel: köh
Originaltitel: Gen-Uhren
Copyright: Urs Köhnen
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am:
Übersetzungstitel:
Übersetzer(in):
Copyright Übersetzung:
Diskussion/Leserbriefe:

Urs Köhnen

Gen-Uhren

Wenn die Genforscher Hekimi und Lakowski von der McGill-Unversität in Montreal wirklich den sogenannten clock genes des caenorhabditis elegans, des Fadenwurms also, auf die Spur gekommen sind, so kündigt sich damit eine entscheidende Wende in der Frage an, wie die Probleme der Überbevölkerung der Welt gelöst werden können. Veränderungen des clock genes der Fadenwürmer streckten deren Leben um das Drei- bis Vierfache. Schon tauchen die ersten Phantasien auf, diese phänomenale Entdeckung könne auch für Menschen von Vorteil und Nutzen sein. In weiser Voraussicht wird als Anwendungsbereich das Werner-Syndrom genannt, bei dem es zu einer vorzeitigen Vergreisung der Betroffenen kommt.
Auch diese Entdeckung, so sie sich als Entwicklungs- und Übertragungsfähig erweist, macht wieder deutlich, wie dringend es die ethische Diskussion über Fragen der Genmanipulation (nicht nur) beim Menschen zu führen gilt. Jetzt. Denn wenn es ersteinmal soweit ist, daß Menschen es den Würmern gleichtun können, wird es zu spät sein. Die Science Fiction eines Bladerunner scheint so fiktional nicht mehr zu sein.
Wer also wird entscheiden, wer an der Gen-Uhr dreht und bei wem daran gedreht wird? Und wer will und kann vermutlich bis dahin erlassene Richtlinien kontrollieren? Wird es die Bevölkerungssituation notwendig machen, daß jeder, der sein Leben strecken will, mindestens einen finden muß, der sich den Ablauf der Uhr beschleunigen läßt? Der Hinweis auf den möglichen Einsatz der Gentechnologie im Dienste der Behandlung des Werner-Syndroms ist verräterisch. Hier wurde verzweifelt nach einem Anwendungsbereich gesucht, der Aufwand und Ergebnis der Forschung rechtfertigt. Gerade die faktische Seltenheit dieses Krankheitsbildes aber erzeugt Zweifel. Sollten es Forscher geschafft haben, an der Uhr zu drehen, dann ist es jetzt fünf Minuten vor zwölf. Sie anzuhalten.


Wenn Sie diesen Text als Datei im Rich Text Format downloaden wollen, so finden sie ihn im Ragman's Rake Reservoir unter derselben Rubrik und Textnummer.


This text is a Ragman�s Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman�s Rake. e-mail: [email protected]