Robert Krokowski
Sexueller Mißbrauch von Kindern - Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit
1. Teil: Bedingungen und ein Beispiel für die gegenwärtige Diskussion
Eine Versachlichung der gegenwärtigen Diskussion tut not. Sie ist nicht einfach. Denn eine sachliche Erörterung des Problems der Suggestion von Erinnerungen - nicht nur, was die Frage des sexuellen Mißbrauchs von Kindern angeht - wird paradoxer Weise durch Faktoren behindert, die der Öffentlichkeit nicht selten als Garanten der Sachlichkeit gelten. Bei diesen Faktoren - dies ist keine Behauptung, sondern eine Hypothese zum Problem - scheint es sich sich unter anderem um die folgenden zu handeln und die Behinderung der sachlichen Diskussion scheint durch ihre Kombination zu erfolgen:
Eine gewisse Hörigkeit der Öffentlichkeit
ist nicht zu übersehen, was Verlautbarungen von
Fachleuten angeht. Je eindrucksvoller der akademische
Titel dessen ist, der ein statement zur Frage der Suggestion
von Erinnerungen an sexuellen Kindesmißbrauch
in psychoanalytischer oder therapeutischer Arbeit abgibt,
desto größer ist die Bereitschaft, der Aussage
wissenschaftliche Wahrheit oder Geltung zuzusprechen.
Bemerkenswert ist die Neigung von Wissenschaftlern,
Schlagzeilen zu produzieren. Es ist auffallend, daß
die öffentliche Diskussion mit Behauptungen bedient
wird, die als bewiesen ausgegeben werden. Gerade was
Fragen der psychoanalytischen und psychotherapeutischen
Arbeit angeht, ist die Kunst der Argumentation im Kurse
gefallen. Apodiktik beherrscht die Szene, obwohl der
Gestus ein assertorischer ist. ("Apodiktisch"
werden Urteile und Beweise genannt, die als unumstößlich
gelten, weil sie logisch notwendig oder unmittelbar
gewiß sind; "assertorisch" werden solche
Urteile genannt, in denen ohne jeden Zusatz etwas als
wahr behauptet oder geleugnet wird.)
Es besteht die Bereitschaft von Massenmedien, die genannten
Formen öffentlicher Hörigkeit ebenso zu bedienen,
wie die genannte wissenschaftliche Neigung zu dokumentieren.
Die Form, die diese Bereitschaft annimmt, ist die "Meldung".
Zur Meldung aber eignen sich besonders statements oder
Verlautbarungen, deren Behauptungen durch die Berufsbezeichnug
dessen, der sie macht, in ihrem angeblichen Wahrheitsgrad
"geadelt" werden.
Hinzuweisen ist auf den im Vorurteil enthaltenen Wunsch
des "gesunden Menschenverstands", durch "wissenschaftlich
abgesicherte" Urteile die Wahrheit des Vorurteils
als "vernünftig" erwiesen zu sehen.
Gerade solche Urteile werden mit Vorliebe geglaubt,
die die eigene Meinung bestätigen. Wird die Meinung
durch Urteile von Wissenschaftlern und Fachleuten als
"vernünftig" beurkundet, so gilt sie
als bewiesen. Die wissenschaftlich "bewiesene"
Erkenntnis wird dann zu einem Streitmittel, das in
Auseinandersetzungen den Schein von Argumentation erzeugt.
("Ich kann mich nicht irren, weil sich die Wissenschaft
nicht irren kann ...")
Ein wichtiger Faktor bei der öffentlichen Meinungsbildung
über Fragen psychoanalytischer und psychotherapeutischer
Praxis ist der Anspruch des Ichs, Herr im eigenen Hause
zu sein. Er hat mannigfaltige Auswirkungen. Im Rahmen
der Diskussion über sexuellen Kindesmißbrauch
hat dieser Anspruch keinen geringen Anteil an der Filterung
von gemachten Behauptungen. Die Aufmerksamkeit wendet
sich gerade solchen Aussagen zu, die dem Leser ein
Recht darauf zubilligen, Herr im eigenen Hause zu sein.
Wissenschaftliche statements, die den Vorrang des Bewußtseins
über das Unbewußte, das dem Bewußtsein
gegenüber Fremde als Notwendigkeit behaupten,
werden zur Kenntnis genommen. Hinweise auf Bedingtheiten
des Bewußtseins und des Ichs, auf unbewußte
Einflüsse, werden abgewehrt.
Der generelle Wunsch, kurze, glatte und bequeme Wahrheiten
zu erfahren und zu übermitteln, macht sich immer
wieder geltend. Gerade im Bereich der Psychoanalyse
und der Psychotherapie besteht unleugbar eine Unübersichtlichkeit
von Positionen und Praktiken, die die eindeutige Sicht
behindert. Jede Verlautbarung, die hier ein Schlaglicht
auf das angebliche Dunkel wirft, erspart die Vergewisserung
der eigenen Mündigkeit. Bestehende "Unübersichtlichkeit"
heißt aber zunächst nur, daß es keine
einfache Sicht der Zusammenhänge gibt. Daß
jenen, die sie wünschen, von berufener und unberufener
Seite "Lichter aufgesteckt werden", ändert
nichts an den in der Sache begründeten Unsichtbarkeiten.
In der gegenwärtigen Situation erzeugen statements
den Schein, Erkenntnisprobleme seien dadurch zu beseitigen,
daß endlich einer die Wahrheit sagt. Die Verantwortung
jener, die Meinungen bilden und öffentliche Diskussionen
prägen, liegt aber darin, den Wunsch nach Gewißheit
ernst zu nehmen, ohne ein als Gewißheit verausgabtes
Wissen mit der Wahrheit zu verwechseln. Zur Selbstvergewisserung
gehört, sich die Frage zu stellen, warum man wünscht,
ein mitgeteiltes Wissen möge das endlich allgemeingültige
Wissen - und darüber hinaus wahr sein. Daß
die Argumentation im Kurse gefallen ist, zeigt sich
auch darin, daß von Wahrscheinlichkeiten oder
Unwahrscheinlichkeiten im Rahmen von Hypothesenbildungen
nicht mehr die Rede ist.