Text-Nummer: 0059

Schaltung am: 26.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft; Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 24704
Verfasser(in): Robert Krokowski
Geschrieben am: 24.06.1996
Kürzel:
Originaltitel: Sexueller Mißbrauch von Kindern
- Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion
über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit
Copyright: Robert Krokowski
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Diskussion/Leserbriefe:

Robert Krokowski

Sexueller Mißbrauch von Kindern - Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit

1. Teil: Bedingungen und ein Beispiel für die gegenwärtige Diskussion

Eine Versachlichung der gegenwärtigen Diskussion tut not. Sie ist nicht einfach. Denn eine sachliche Erörterung des Problems der Suggestion von Erinnerungen - nicht nur, was die Frage des sexuellen Mißbrauchs von Kindern angeht - wird paradoxer Weise durch Faktoren behindert, die der Öffentlichkeit nicht selten als Garanten der Sachlichkeit gelten. Bei diesen Faktoren - dies ist keine Behauptung, sondern eine Hypothese zum Problem - scheint es sich sich unter anderem um die folgenden zu handeln und die Behinderung der sachlichen Diskussion scheint durch ihre Kombination zu erfolgen:

Eine gewisse Hörigkeit der Öffentlichkeit ist nicht zu übersehen, was Verlautbarungen von Fachleuten angeht. Je eindrucksvoller der akademische Titel dessen ist, der ein statement zur Frage der Suggestion von Erinnerungen an sexuellen Kindesmißbrauch in psychoanalytischer oder therapeutischer Arbeit abgibt, desto größer ist die Bereitschaft, der Aussage wissenschaftliche Wahrheit oder Geltung zuzusprechen.
Bemerkenswert ist die Neigung von Wissenschaftlern, Schlagzeilen zu produzieren. Es ist auffallend, daß die öffentliche Diskussion mit Behauptungen bedient wird, die als bewiesen ausgegeben werden. Gerade was Fragen der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Arbeit angeht, ist die Kunst der Argumentation im Kurse gefallen. Apodiktik beherrscht die Szene, obwohl der Gestus ein assertorischer ist. ("Apodiktisch" werden Urteile und Beweise genannt, die als unumstößlich gelten, weil sie logisch notwendig oder unmittelbar gewiß sind; "assertorisch" werden solche Urteile genannt, in denen ohne jeden Zusatz etwas als wahr behauptet oder geleugnet wird.)
Es besteht die Bereitschaft von Massenmedien, die genannten Formen öffentlicher Hörigkeit ebenso zu bedienen, wie die genannte wissenschaftliche Neigung zu dokumentieren. Die Form, die diese Bereitschaft annimmt, ist die "Meldung". Zur Meldung aber eignen sich besonders statements oder Verlautbarungen, deren Behauptungen durch die Berufsbezeichnug dessen, der sie macht, in ihrem angeblichen Wahrheitsgrad "geadelt" werden.
Hinzuweisen ist auf den im Vorurteil enthaltenen Wunsch des "gesunden Menschenverstands", durch "wissenschaftlich abgesicherte" Urteile die Wahrheit des Vorurteils als "vernünftig" erwiesen zu sehen. Gerade solche Urteile werden mit Vorliebe geglaubt, die die eigene Meinung bestätigen. Wird die Meinung durch Urteile von Wissenschaftlern und Fachleuten als "vernünftig" beurkundet, so gilt sie als bewiesen. Die wissenschaftlich "bewiesene" Erkenntnis wird dann zu einem Streitmittel, das in Auseinandersetzungen den Schein von Argumentation erzeugt. ("Ich kann mich nicht irren, weil sich die Wissenschaft nicht irren kann ...")
Ein wichtiger Faktor bei der öffentlichen Meinungsbildung über Fragen psychoanalytischer und psychotherapeutischer Praxis ist der Anspruch des Ichs, Herr im eigenen Hause zu sein. Er hat mannigfaltige Auswirkungen. Im Rahmen der Diskussion über sexuellen Kindesmißbrauch hat dieser Anspruch keinen geringen Anteil an der Filterung von gemachten Behauptungen. Die Aufmerksamkeit wendet sich gerade solchen Aussagen zu, die dem Leser ein Recht darauf zubilligen, Herr im eigenen Hause zu sein. Wissenschaftliche statements, die den Vorrang des Bewußtseins über das Unbewußte, das dem Bewußtsein gegenüber Fremde als Notwendigkeit behaupten, werden zur Kenntnis genommen. Hinweise auf Bedingtheiten des Bewußtseins und des Ichs, auf unbewußte Einflüsse, werden abgewehrt.
Der generelle Wunsch, kurze, glatte und bequeme Wahrheiten zu erfahren und zu übermitteln, macht sich immer wieder geltend. Gerade im Bereich der Psychoanalyse und der Psychotherapie besteht unleugbar eine Unübersichtlichkeit von Positionen und Praktiken, die die eindeutige Sicht behindert. Jede Verlautbarung, die hier ein Schlaglicht auf das angebliche Dunkel wirft, erspart die Vergewisserung der eigenen Mündigkeit. Bestehende "Unübersichtlichkeit" heißt aber zunächst nur, daß es keine einfache Sicht der Zusammenhänge gibt. Daß jenen, die sie wünschen, von berufener und unberufener Seite "Lichter aufgesteckt werden", ändert nichts an den in der Sache begründeten Unsichtbarkeiten. In der gegenwärtigen Situation erzeugen statements den Schein, Erkenntnisprobleme seien dadurch zu beseitigen, daß endlich einer die Wahrheit sagt. Die Verantwortung jener, die Meinungen bilden und öffentliche Diskussionen prägen, liegt aber darin, den Wunsch nach Gewißheit ernst zu nehmen, ohne ein als Gewißheit verausgabtes Wissen mit der Wahrheit zu verwechseln. Zur Selbstvergewisserung gehört, sich die Frage zu stellen, warum man wünscht, ein mitgeteiltes Wissen möge das endlich allgemeingültige Wissen - und darüber hinaus wahr sein. Daß die Argumentation im Kurse gefallen ist, zeigt sich auch darin, daß von Wahrscheinlichkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten im Rahmen von Hypothesenbildungen nicht mehr die Rede ist.


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