Text-Nummer: 0009

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 25334
Verfasser(in): Robert Krokowski
Geschrieben am:
Kürzel: HT
Originaltitel: Kunst und Ritus. Versuch über Sterben und Tod
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am: Aktuell. Magazin der Deutschen Aids-Hilfe, Nr. 12, 1995
Copyright: Robert Krokowski
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Diskussion/Leserbriefe:

Robert Krokowski

Kunst und Ritus

Versuch über Sterben und Tod

Die Nähe zum Tod - die zeitliche, räumliche, logische, sprachliche, buchstäbliche Nähe - entzieht den Dingen die Farbe. Wo Vorstellungen an das Sterben und dessen Übergang in den Tod rühren, zieht sich Farbigkeit zurück und räumt einer besonderen Schwarzweißmalerei das Feld. Manchmal auch als Schrift.
Zu den Trauerriten - zumindest in unserem Kulturkreis - gehört die schwarze Kleidung, Buntes ist verpönt und wirkt fehl am Platz. >>Totenblumen<< gelten als angemessen: Weiße Lilien. In der Trauer geht es darum, sich mit eingeschwärzten Gedanken auseinanderzusetzen. Überwiegendes Schwarz gibt dem Weiß den Rahmen oder wird zum Träger, zum tragenden Zug der Trauer. Schwärze strahlt von diesen Zusammenhängen her aus, löst sich als Zeichen ab, erhält eine metaphorische Bedeutung und zeigt für viele: Hier dreht es sich um den Tod. Die schwarze Armbinde bezeichnet den Trauernden, die schwarzumrandete Todesanzeige das Ende eines Lebens. Der schwarzgerandete Brief ist immer noch eindeutig. Humor wird schwarz, wenn er sich dem nahen eigenen Tod widmet. Die Ausstrahlung des Schwarzen zieht die Menschen in einen Bann: >>Soleil noir<<, Schwarze Sonne ist der Titel eines Buches der französischen Psychoanalytikerin Julia Kristeva, in dem sie sich mit der Depression und der Melancholie auseinandersetzt. Das Melanom taucht auf der Haut als Mal auf und wird für Mediziner zum Zeichen des nahenden Todes. Der schwarze Fleck ist memento mori, gibt anderen Malen einen eigentümlichen Zug zur Bedenklichkkeit, verleiht >>Muttermal<< und >>Leberfleck<< eine zusätzliche >>Tönung<<. Altersflecken werden argwöhnisch beäugt. Mit dem vieldeutigen griechischen Wort melas (das Fleckige, Dunkle, Düstere, Schwarze, Tintige) wandert Trauer in die Wörter ein, wird zu ihrem Bestandteil. Es ist dieses Wort, das mit dem alten mittelhochdeutschen Wort mal (Fleck), dem gotischen meljan (Schreiben) und schließlich mit malen verwandt ist. Das Schwarze erscheint nicht nur als Zeichen, das für den Tod steht, es taucht auch als Mal auf, als Merkmal des Sterbens. Wer führt auf der Haut den Pinsel, verteilt Blässe und Schatten auf dieser besonderen Leinwand? Vom Tod gezeichnet, heißt es.
In der Kunst werden Schwarz und Weiß nicht selten zu >>farblichen<< Grenzwerten, denen ein Gesamtwerk entgegenstrebt. Der Wechsel von Farbigkeit zu Schattierungen des Schwarzen zeigt sich in letzten Bildern wie denen Rothkos, die fortschreitende Auflösung der Kontur in jenem programmatischen >>Wegschreiben<< Opalkas, dessen großformatige Zahlentafeln die weiße Fläche als Grenzwert haben. Rymans White Paintings und Reinhardts Black Paintings konfrontieren das bunte Treiben der Kunst mit ihren Extremen, gelten als memento mori für die Kunst in ihr, ebenso wie Malewitsch' Schwarzes Quadrat, das nicht selten als ein Aspekt des Endes von Kunst selbst aufgefaßt wird.

Schwarzweißmalereien polarisieren die Farbigkeiten des Lebens, treiben es in die Extreme. Zeigt doch die Spektralanalyse des weißen Lichtes, daß es alle Farben enthält, während das Licht in der Schwärze zugrunde zu gehen scheint. Manche finden das Modell tödlicher Tilgung in jenen kosmischen Schwarzen Löcher, die alles Licht, alle Energie in sich aufsaugen und verschlucken. Doch was selbst in physikalischen Zusammenhängen als problematisches Denkmodell zu gelten beginnt - regt doch Hawking an, Schwarze Löcher als Durchlaufschwellen für Energie aufzufassen -, führt in den Trauerriten und Todesvorstellungen auf die Spur des Überganges. Die Vorstellung des Todes als Furie des Verschwindens, die sich an Modellen der Tilgung orientiert, findet sich befremdet.
Dennoch ist der Gedanke des einfachen Abreißens eines Lebensfadens, an den sich nichts mehr knüpft, eine der nüchternsten Vorstellungen. Er muß sich nicht auf mythische Schicksalsfiguren beziehen und das Ende in jener der Moiren verkörpert finden, Atropos, die den Faden einfach abschneidet. Er kann das Ende auch fassen, wie es Edmond Jabès tut (in seinem Buch >>Le parcours<<, als >>Der vorbestimmte Weg<< ins Deutsche übersetzt): >>Das Leben ist buntes Band der Zeit. Der Tod könnte also unvermeidliches Reißen des Bandes sein; gewöhnlich wäre der Verschleiß dessen direkte Ursache.<<
Verschleiß macht ein buntes Band fadenscheinig und läßt die Farben verblassen. Ob Fadenbruch, Bandriß oder der kurze Schnitt des Schicksals, solche Vorstellungen des Endes werfen eine eigentümliche Frage auf: Was geschieht mit dem Faden? Nimmt er als wirres Fadennest Gestalt an, als verfilzter Rest, den der Tod entsorgt? Wird er Schußfaden in der Textur, des Gewebes des Gedenkens? Für manche Vorstellungen wurde er schon restlos aufgezehrt, als Docht, wenn das Lebenslicht am Ende erlischt, bis auf jenen kleinen, kümmerlichen schwarzen Rest, der immer bleibt und der nur daran erinnert, daß da eine Kerze verbrannte, nicht aber daran, welche Farbe sie hatte, welche Form und Gestalt.


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