Robert Krokowski
Kunst und Ritus
Versuch über Sterben und Tod
Die Nähe zum Tod - die zeitliche, räumliche,
logische, sprachliche, buchstäbliche Nähe
- entzieht den Dingen die Farbe. Wo Vorstellungen an
das Sterben und dessen Übergang in den Tod rühren,
zieht sich Farbigkeit zurück und räumt einer
besonderen Schwarzweißmalerei das Feld. Manchmal
auch als Schrift.
Zu den Trauerriten - zumindest in unserem Kulturkreis
- gehört die schwarze Kleidung, Buntes ist verpönt
und wirkt fehl am Platz. >>Totenblumen<<
gelten als angemessen: Weiße Lilien. In der Trauer
geht es darum, sich mit eingeschwärzten Gedanken
auseinanderzusetzen. Überwiegendes Schwarz gibt
dem Weiß den Rahmen oder wird zum Träger,
zum tragenden Zug der Trauer. Schwärze strahlt
von diesen Zusammenhängen her aus, löst sich
als Zeichen ab, erhält eine metaphorische Bedeutung
und zeigt für viele: Hier dreht es sich um den
Tod. Die schwarze Armbinde bezeichnet den Trauernden,
die schwarzumrandete Todesanzeige das Ende eines Lebens.
Der schwarzgerandete Brief ist immer noch eindeutig.
Humor wird schwarz, wenn er sich dem nahen eigenen
Tod widmet. Die Ausstrahlung des Schwarzen zieht die
Menschen in einen Bann: >>Soleil noir<<,
Schwarze Sonne ist der Titel eines Buches der französischen
Psychoanalytikerin Julia Kristeva, in dem sie sich
mit der Depression und der Melancholie auseinandersetzt.
Das Melanom taucht auf der Haut als Mal auf und wird
für Mediziner zum Zeichen des nahenden Todes.
Der schwarze Fleck ist memento mori, gibt anderen Malen
einen eigentümlichen Zug zur Bedenklichkkeit,
verleiht >>Muttermal<< und >>Leberfleck<<
eine zusätzliche >>Tönung<<.
Altersflecken werden argwöhnisch beäugt.
Mit dem vieldeutigen griechischen Wort melas (das Fleckige,
Dunkle, Düstere, Schwarze, Tintige) wandert Trauer
in die Wörter ein, wird zu ihrem Bestandteil.
Es ist dieses Wort, das mit dem alten mittelhochdeutschen
Wort mal (Fleck), dem gotischen meljan (Schreiben)
und schließlich mit malen verwandt ist. Das Schwarze
erscheint nicht nur als Zeichen, das für den Tod
steht, es taucht auch als Mal auf, als Merkmal des
Sterbens. Wer führt auf der Haut den Pinsel, verteilt
Blässe und Schatten auf dieser besonderen Leinwand?
Vom Tod gezeichnet, heißt es.
In der Kunst werden Schwarz und Weiß nicht selten
zu >>farblichen<< Grenzwerten, denen ein
Gesamtwerk entgegenstrebt. Der Wechsel von Farbigkeit
zu Schattierungen des Schwarzen zeigt sich in letzten
Bildern wie denen Rothkos, die fortschreitende Auflösung
der Kontur in jenem programmatischen >>Wegschreiben<<
Opalkas, dessen großformatige Zahlentafeln die
weiße Fläche als Grenzwert haben. Rymans
White Paintings und Reinhardts Black Paintings konfrontieren
das bunte Treiben der Kunst mit ihren Extremen, gelten
als memento mori für die Kunst in ihr, ebenso
wie Malewitsch' Schwarzes Quadrat, das nicht selten
als ein Aspekt des Endes von Kunst selbst aufgefaßt
wird.
Schwarzweißmalereien polarisieren die Farbigkeiten
des Lebens, treiben es in die Extreme. Zeigt doch die
Spektralanalyse des weißen Lichtes, daß
es alle Farben enthält, während das Licht
in der Schwärze zugrunde zu gehen scheint. Manche
finden das Modell tödlicher Tilgung in jenen kosmischen
Schwarzen Löcher, die alles Licht, alle Energie
in sich aufsaugen und verschlucken. Doch was selbst
in physikalischen Zusammenhängen als problematisches
Denkmodell zu gelten beginnt - regt doch Hawking an,
Schwarze Löcher als Durchlaufschwellen für
Energie aufzufassen -, führt in den Trauerriten
und Todesvorstellungen auf die Spur des Überganges.
Die Vorstellung des Todes als Furie des Verschwindens,
die sich an Modellen der Tilgung orientiert, findet
sich befremdet.
Dennoch ist der Gedanke des einfachen Abreißens
eines Lebensfadens, an den sich nichts mehr knüpft,
eine der nüchternsten Vorstellungen. Er muß
sich nicht auf mythische Schicksalsfiguren beziehen
und das Ende in jener der Moiren verkörpert finden,
Atropos, die den Faden einfach abschneidet. Er kann
das Ende auch fassen, wie es Edmond Jabès tut
(in seinem Buch >>Le parcours<<, als >>Der
vorbestimmte Weg<< ins Deutsche übersetzt):
>>Das Leben ist buntes Band der Zeit. Der Tod
könnte also unvermeidliches Reißen des Bandes
sein; gewöhnlich wäre der Verschleiß
dessen direkte Ursache.<<
Verschleiß macht ein buntes Band fadenscheinig
und läßt die Farben verblassen. Ob Fadenbruch,
Bandriß oder der kurze Schnitt des Schicksals,
solche Vorstellungen des Endes werfen eine eigentümliche
Frage auf: Was geschieht mit dem Faden? Nimmt er als
wirres Fadennest Gestalt an, als verfilzter Rest, den
der Tod entsorgt? Wird er Schußfaden in der Textur,
des Gewebes des Gedenkens? Für manche Vorstellungen
wurde er schon restlos aufgezehrt, als Docht, wenn
das Lebenslicht am Ende erlischt, bis auf jenen kleinen,
kümmerlichen schwarzen Rest, der immer bleibt
und der nur daran erinnert, daß da eine Kerze
verbrannte, nicht aber daran, welche Farbe sie hatte,
welche Form und Gestalt.