Hans Tennstedt
Namen
Die Ansicht, daß der Journalist ein Dompteur von
Eintagsfliegen ist, zeigt sich in einem verbreiteten
Gestus des Schreibens. Nichts ist so unbedeutend, als
daß es dem tendenziell immer gelangweilten, reizgesättigten
und flüchtigen Leser mit der Peitsche des Stils
nicht als Sensation vor Augen geführt werden könnte
- um ihn zu einem Staunenden zu machen. Journalisten
verwandeln Ereignisse in Worte und Bilder. Und wer
dabei nicht in der Lage ist, aus einer Mücke auch
schon einmal einen Elefanten zu machen, der hat sicherlich
eine wichtige Lektion journalistischer Ausbildung nicht
gelernt: Schreiben ist nicht nur eine Chronik der laufenden
Ereignisse sondern auch eine citation a l'ordre du
jour. Der Tagesbefehl, aufgrund dessen Ereignisse vor
das Standgericht des journalistischen Prozesses zitiert
werden, lautet aber immer auch: Zeige dich in der Monstrosität,
die den Aufwand rechtfertigt, der hier getrieben wird.
In journalistischen Artikeln sind es bisweilen die Namen,
die herbeizitiert werden. Dies ist nicht nur ein Charakteristikum
von Theater- und Buchbesprechungen oder Berichten über
sogenannte kulturelle events. Direkte oder indirekte
Vergleiche zeugen dabei nicht selten - wohlwollend
gedeutet - von einer gewissen Faulheit der Darstellung:
Man kann sie mit xyz vergleichen; xyz kann nicht mit
zyx verglichen werden - und schon ist es geschehen.
Nichts scheint schwieriger, etwas Neues oder Individuelles
als das einzuführen, was es ist. Dabei sind nicht
jene Vergleiche gemeint, die der Künstler, die
Schriftstellerin oder der Regisseur selbst herausfordert,
weil er oder sie sich selbst in eine Tradition von
Personen und Werken stellt. Es sind jene Vergleiche,
in denen sich Journalisten die Mühe ersparen,
in dem für sie gewiß engen Rahmen das Besondere
oder Bemerkenswerte zu beschreiben. Der Leser soll
sich ein Bild machen können, heißt es. Die
Frage ist allerdings, ob ein Ereignis angemessen zur
Sprache gebracht wird, wenn es einzig über den
Vergleich Gestalt annimmt.
Ist der Vergleich einmal etwas anderes als namedropping,
das durch Faulheit oder auch Hilflosigkeit der Beschreibung
stattfindet, so ist eine weitere Tendenz spürbar:
die Auf- oder Abwertung durch die Vermählung eines
Namens mit einem anderen. Nicht mehr oder doch mehr
geleistet zu haben als xyz wird zum Kriterium für
Qualität, ohne daß die Notwendigkeit anerkannt
wird, diese im Besonderen nachzuweisen. Solche familiäre
Verbindungen von Namen, die Werke als fragwürdige
Bastarde oder hoffnungsvolle Sprößlinge
der ästhetischen Befruchtung vorstellen, verpassen
dem Besonderen eine Stammbaum, mit dem es dann fürderhin
leben muß.
Die Koppelung von Faulheit und Gattungsbestimmung ergibt
die Neigung zur Etikettierung. Hier werden die Archivare
des Journalismus tätig, die meinen, Leser könnten
sich ohne ein System von Schubladen nicht orientieren.
Diese Schubladen werden umso größer, je
mehr die Faulheit überwiegt, und kleiner, je öfter
ein Schreibender Schlagwortkataloge oder Lexika bemüht.
Hier werden Namen nicht selten zu Synonymen für
Richtungen oder sogenannte Weltanschauungen und es
macht keinen Unterschied, ob einer dann >>Jünger
Freuds<< oder >>Psychoanalytiker<<
ist.
Keine Frage, daß die Nennung eines Namens auch
Sinn machen kann. So klärt es gerade bei verwendeten
Begrifflichkeiten manches, ob ein besprochener Autor
im eigenen Namen spricht oder in dem eines anderen.
Nicht selten aber staunt der Leser, greift er denn
- in der Regel trotz einer Besprechung - doch einmal
zu Text, in wessen Namen die Zusammenhänge tatsächlich
entfaltet werden. Sicherlich fordert das Tagesgeschäft
bisweilen Kommentare zu Schriftereignissen, deren Tradition
der Journalist nicht kennt. Vielleicht wird eine gewisse
Vorsicht der Neigung gegenüber, Vermeintlichkeiten
als Gewißheiten zu verausgaben, wieder journalistische
Kultur, wenn zumindet mit dem Gedanken gespielt wird,
daß es noch Leser gibt, die sich vergewissern.
Und für jene, die aus welchen Motiven auch immer
versuchen, Leser für dumm zu verkaufen: Es droht,
daß Namen genannt werden.
Ein Zug von Perfidität charakterisiert nun jenes
namedropping, mit dem Faulheit und Ahnenforschung vorgespiegelt
wird, die Namen aber als Entlarvungsetiketten dienen
(ein beliebtes Stilmittel von Rezensenten, die auch
im Rahmen einer gewissen Häme die eigene Belesenheit
nicht unerwähnt lassen wollen). Solche Namensnennungen
sind immer für einen Lacher gut, denn, lieber
Leser, wir beide wissen ja ... Aber Vorsicht: Jounalistisches
Fraternisieren der Meinung mit der Meinung hat bisweilen
den Effekt, daß die Verbrüderung der Vorurteile
ausbleibt, weil die Bücher Umberto Ecos mittlerweile
weitere Verbreitung gefunden haben als die Michel Foucaults.
Doch jene, die Namen zur Stimmungsmache benutzen, wissen
dies natürlich, und beschränken sich deshalb
darauf, solche zu nennen, die in aller Munde sind,
ohne das zu befürchten wäre, daß die
Entdeckung des Werks hinter dem Namen stattgefunden
hat.
Eine weitere Möglichkeit, durch Namensnennung die
Beschäftigung mit der Sache zu ersparen (sich
und dem Leser), ist die Spekulation auf das tabu. Je
nach redaktionellem Kontext gibt es Positionen, die
nicht nur im Sinne einer öffentlichen Meinungshygiene
einem Berührungsverbot unterliegen. Allein die
Nennung solcher tabuisierter Namen bringt den Autor
nicht selten schon unter Verdacht, sich angesteckt
zu haben. Es sei denn, er bringt einen anderen Namen
mit der persona non grata in Verbindung, darauf spekulierend,
daß die Meinungsinfektion das ihre schon bewirken
wird. (Tabuverdächtig oder zumindest unter journalistischer
Quarantäne zur Zeit: Botho Strauß, Castorf,
Heym, PDS, Jünger, Engholm, Barschel, Schimmel,
...; unter Beobachtung: Grass, Schröder, Scharping,
Heiner Müller ...)
Je größer die Neigung also, durch namedropping
Position zu beziehen, desto geringer die Absicht, die
Dinge beim Namen zu nennen. Die Flüchtigkeit des
Journalismus hat ihren Preis. Das flüchtigste
Streifen der Sachverhalte aber könnte bewirken,
daß die Erinnerung an manche mit dem Journalismus
verbundene Namen nicht vollkommen schwindet, verstellt
von Namen, die wahrlich für nichts anderes stehen,
als für eine Haltung der Flüchtigkeit.