Text-Nummer: 0022

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 8865
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am:
Kürzel: HT
Originaltitel: Das Q im Grass des weiten Feldes. Zu Günter Grass, Ein weites Feld, Göttingen (Steidl) 1995
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Das Q im Grass des weiten Felds

Zu Günter Grass, Ein weites Feld, Göttingen (Steidl) 1995

Romane können eine Augenweide sein. Sie nähren die Sicht, wenn ihre Buchstaben es darauf anlegen, beim Leser Bilder zu erzeugen. Die an anderen Medien geschulte Sichtweise empfindet es als Gewinn, daß die Buchstaben des Textes eines Buches vergessen werden können, nicht weiter auffallen: Damit der Leser "in den Sog der Erzählung" gezogen wird, den Schriftraum und die Schriftzeit vergessen und des Erzählten inne werden kann, "wie in einem Film". Deshalb werden Romane der Gegenwart nicht selten schon als ihre eigenen potentiellen Drehbücher geschrieben.
In dieser Hinsicht wäre das literarische weite Feld, das Günter Grass die Hauptfiguren seines Romans ausschreiten läßt, in Erinnerungen, Berichten, Dokumenten, Zitaten und vor allem in viel mehr oder weniger belanglosem Geplauder ein schlechtes Drehbuch - selbst für einen Film Eric Rohmers. Die Anregungen, aufgeworfene politische oder gesellschaftliche Zustände anders zu durchdenken oder zusammen mit denen, die sie im Roman besprechen, als Irrungen und Wirrungen nachzuvollziehen, bleiben unterhalb einer sprachlichen Reizschwelle, in der sie aufregend werden können. Weshalb die öffentlichen Aufregungen, die dieses Buch erzeugt, zumindest im Laufe seiner Lektüre wenig nachvollziehbar erscheinen. Der Interessantheitsgrad vieler Anspielungen und Schilderungen überschreitet nur wenig den jener Information, die der Leser über das Preisniveau von Hamburgern zur Zeit der Abfassung des Romans erhält.
So erscheint das Buch in weiten Passagen als Brache eines abgegrasten Feldes und der Leser fragt sich, was er dort finden soll.
Aus Mangel an reizvollen literarischen Halte- und Reibungspunkten für die Sicht kehrt das Auge zur Buchstäblichkeit zurück. Es findet das Q auf der Weide. Es wird neugierig, folgt seiner Spur und findet schließlich - auf dem Weg von Q zu Q - zu einer Lektüre, die zeigt, daß die Fläche eines weiten Feldes bisweilen den Horizont schafft, vor dem kleine Details interessant werden, wenn der Blick sich im Großen und Ganzen verliert.
Der Buchstabe, die Letter Q also. Er kommt dem Gestus des Großschriftstellers - wie Robert Musil den Fachmann für das Große und Ganze des weiten Feldes in der Politik einmal nannte - in die Quere. In der Typographie des Buches von Günter Grass hat der Buchstabe Q die Qualität jener störenden und ihm nicht auffallenden Kleinigkeit, mit der auch ein Redner zu kämpfen hat, der meint, über Gott und die Welt Wesentliches mitzuteilen, und sich fragt, warum die zerstreuten Zuhörer sich mehr und mehr einem kleinen Geräusch zuwenden, das bisweilen auftaucht, ohne daß seine Herkunft oder sein Charakter identifizierbar wären. Und mancher Redner erinnert sich nur ungern an die unglückliche Situation, in der er redete und redete - das Publikum aber nur Interesse an einem Detail hat, zum Beispiel an seiner schiefsitzenden Fliege. Was ist geschehen, wird er sich fragen, später, wenn ihm zu Ohren kommt, daß die Zuhörer sich nur noch an jene Nebensächlichkeit erinnern, kaum jedoch an das Gesagte.
Der Buchstabe Q also. Wenn er hier ins Feld geführt wird, so setzt das voraus, daß er im weiten Feld des Buches von Grass eine Chance hatte, dem Leser zu begegnen. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade weite Felder eignen sich besonders dazu, überflogen zu werden, und fordern dazu heraus, solchen Überflug anderen zu überlassen: Die Neigung zur Teilhabe an Stellvertreterlektüren ist nicht nur eine Folge literarischer Talkshows. Jeder also, der das Buch von Günter Grass wirklich einmal aufgeschlagen und darüber hinaus auch hier und da gelesen hat, wird sich daran erinnern: Das Q im Grass des weiten Feldes. Es ist ein eigentümliches typographisches Q. Die Letter Q erhebt sich auf der Unterlänge eines Schnörkels von der Oberfläche des Textspiegels und stellt sich auf die Hinterbeine. Was zunächst als Null mit angeklebter Tilde erscheint, beginnt in der Aufmerksamkeit Spuren zu hinterlassen. Es zeigt sich, daß die Letter Q ein Feld erschließt, das die in ihm immer wieder auftauchende Kunstfigur des Archivs absteckt, das die Archivare des Romans von Grass erahnen: "Quatsch".
"Wir sind", heißt es aus der Perspektive dieser Archivare, "Wir sind keine Graphologen und können, bei aller archivalischen Gründlichkeit, nur laienhaft auslegen, was uns kalligraphisch als Brief oder Manuskript vorliegt; dennoch sei ein Versuch gewagt. Besonders fallen bei der Tintenschrift die schleifigen oder - beim doppelten s nach damaliger Schreibweise - alle von oben nach unten gezogenen Abstriche wegen ihrer Unterlängen ins Auge. Flüchtigem, wie von Eile diktiertem Bleistiftgekritzel gelingen nur selten offene, mit angeblicher Sinnenlust ausschweifende Schleifen; so finden sich auf dem uns vorliegenden Blatt, etwa bei dem Wort "Quatsch", nicht nur beim h im abschließenden sch, sondern auch beim langen s keine diese auf Triebhaftigkeit verweisenden Unterlängen. (Günter Grass, Ein weites Feld, Göttingen 1995, S. 246f)
Nun sind tatsächlich vor allem die von oben nach unten gezogenen literarischen Abstriche, die der Leser angesichts des weiten Feldes archivalischer Gründlichkeit machen muß, auffällig. Das Q im Textspiegel des Buches aber zeigt, daß in seinen Unterlängen ein Rest Triebhaftigkeit erhalten bleibt, die sich in den Längen des Obertextes ausgetrieben findet.
Es dauert eine ganze Weile, bis das Q im Grass des weiten Feldes ein erstes Mal Auftrieb erhält: Nicht dort, wo das "Gespräch über den Wert von Gebrauchslyrik verebbte" (S. 20), wie man meinen könnte. Dort hätte es wohl nur auftauchen können, wenn die Archivare sich den Kommentar dazu nicht erspart hätten und bei dieser Gelegenheit auch auf den Wert von Gebrauchsliteratur zu sprechen gekommen wären. Nein, "bei den Mauerspechten" des ersten Kapitels des Ersten Buches zeigt sich noch kein Q. Damit das erste Q auftauchen kann, muß es "annähernd schottisch" werden: "Quatsch! Wenn einer redet, dann Fonty, irgendwas über Jenny Treibel." (S. 28) Nach diesem "Quatsch dauert es ganze sieben Seiten, bis das Q den Archivaren erneut in die Quere kommt: ">In Qualm und Brand hielt er das Steuer fest in der Hand ...< - Hoffnung auf bessere Zeiten, auf freieres Wort, auf nachlassende Zwänge (...)" (S. 35).
Es ist das Q im Grass des weiten Feldes, das für dieses ein wenig Hoffnung läßt. Und so folgt ihm der Leser. Und er wird aufmerksam: "Wir kannten Fontys Hang zum alles einbeziehenden Rückgriff. Das Archiv wußte, welche Quellen er abschöpfte und daß sein Blick auf Landschaften, die sich als Schlachtfelder bewiesen hatten, übersättigt war." (S. 72) Das Q im Grass des weiten Feldes wird zur "Quelle" zwischen "Quatsch" und "Qualm" - und so korrespondiert das Q als Quelle auch dem "Fonty" des weiten Feldes, wenn auch weniger als Fontäne denn als Zisterne oder besser Reservoir des Niederschlages an Sinn, in dem das Q immer wieder untertaucht:
"Als geeichte Archivare kennen Sie diesen Tick. Alles, selbst der kompletteste Unsinn war ihm bedeutsam. Sogar Quittungen über zwei Biere zu zweimal Bockwurst und lange Gesprächsprotokolle von Nichtigkeiten sammelte er, um sie zu vernichten oder für späteren Bedarf aufzubewahren. (S.88)
So gelangt, wer dem großen Q auf der Spur bleibt, hinter die Kulissen des Archivs, und findet sich unversehens in einem Spiegelkabinett, das Angesichts der Zerrbilder, die es von anderen Schriftstellern bietet (Hauptmann und Müller zum Beispiel) der Erkundungen eines Arno Schmidt würdig wäre, fände die Figur des DP, des Dichterpriesters noch irgendein gegenwärtiges Interesse:
"Leider sind auch ihre Altersstücke von ähnlicher Mache. Aufgedonnerter Kulissenzauber. Beim einen reizt mystischer Qualm die Lachnerven, der andere bietet verwursteten Shakespeare und Grausamkeiten als Dutzendware." (S. 94)
Doch die Verwurstung von Quellen ist ein weites Feld. Was "reich an Zitaten und schillernden Querverweisen ist" (S. 130), muß sich notwendiger Weise auch mit der "Qualität" der Emittenzen dessen auseinandersetzen, der angesichts "dicker Lungentorpedos" den "Qualm" zur "Quelle" des Unverständlichen macht. (S. 133f)
Wenn über das Q im Grass des weiten Feldes aber auch die "Qual" auftaucht, so schuldet sich das nicht so sehr dem mystischen Qualm, den wegzublasen das Buch immer wieder Atem holt - um die Gefährlichkeit der Literatur demgegenüber an Mathilde Möhring zu erweisen ... (vgl. S. 658f) So bleiben das weite Feld der Literatur und das Auftauchen des Q in ihm schließlich doch jener Zwitter aus Literatur und Gequatsche (vgl. S. 613f und passim), denen gegenüber der Autor feststellen kann: "Quitt."


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