Hans Tennstedt
Imaginäre Architektur
Ob der Passant sich in Berlin dem Potsdamer Platz oder
dem Bahnhof Gesundbrunnen nähert, er spürt
ohne Zweifel, daß etwas im Gange ist. In architektonischer
Hinsicht aber fällt ihm ein Satz ein, der wahrscheinlich
von Karl Valentin stammt: Wie Sie sehen, sehen Sie
nichts. Er fällt also gleichermaßen in ein
"architektonisches Antizipationsloch", schaut
sich um - und findet sich getröstet wie Lisl Karlstadt:
Denn ihm wird gezeigt, daß solche Löcher
in seiner eigenen Wahrnehmung in der Regel die gedanklichen
Baugruben durchdachter Entwürfe sind. Aha, sagt
sich der Passant, so also soll ich mir das vorstellen.
Und es gehört zu den Eigentümlichkeiten eines
architektonischen Widerspruchs, daß er sich,
nach Fertigstellung an den Tatort des Geschehens zurückkehrend,
enttäuscht finden wird, fast immer. Warum also
sind die Verbildlichungen der Architektur, so wichtig
und interessant sie auch sein mögen, immer "Aufsitzer"?
Ein zukünftig am Potsdamer Platz ansässiger
Autokonzern lud Interessierte zu einem computeranimierten
Film ein, der nicht nur die fertigen Gebäude,
sondern auch "sich bewegende Menschen" zeigte.
Eine derart vorgestellte Animation virtueller Räume
und Körper gibt zu denken.
Die Betonung des Visuellen in gegenwärtiger Architektur-
und Stadtplanung ist bemerkenswert. Sie steht im Gegensatz
zur Alltagserfahrung: Jeder kennt den Unterschied zwischen
der Betrachtung eines Modells und dem körperlich-räumlichen
Eindruck, den das fertige Gebäude hinterläßt,
gleichgültig ob man sich in ihm bewegt oder es
als Bestandteil eines Straßenzuges oder eines
urbanen Areals erfährt. Kaum jemand, der nicht
bei dem Versuch scheitert, ein Modell zu durchspüren.
Es setzt ein hohes Maß an Bewegungserfahrung
in und zwischen Gebäuden voraus, um die taktile
Erfahrung, die Wirkung von Architekturen auf Körper,
einzelne oder kollektive, zu antizipieren. Die Fähigkeit
der Vorwegnahme einer Erfahrung aber, die erst die
Gewöhnung im täglichen Wohnen und Arbeiten,
Unterwegssein und Wartenmüssen zeitigt, gehört
zu den schwierigsten Teilen architektonischer Planung.
Wo auch immer sich der aufmerksame Passant in Berlin
zum Beispiel bewegt, er findet zunächst seine
Sicht bedient. Über die zahlreichen Löcher
in dem, was nicht zufällig >>Stadtbild<<
genannt wird, soll als erstes mit großformatigen
Tafeln der Planer und Bauträger hinweggetröstet
werden. Sie zeigen: So wird es hier einmal aussehen.
Mit anderen Worten: In Hinblick auf die architektonische
Wirkung sagt das nur die Hälfte. Nicht viel anders
steht es mit all den anderen Visualisierungen: den
Modellen der Wettbewerbe, den Fotomontagen der Zeitungen,
den jüngst wiederbelebten Panoramen. Auch wenn
manche dieser Medien architektonischen sightseeings
nahe an die einst authentische Sicht heranreichen mögen,
sie können die Raumerfahrung nicht ersetzen. Selbst
die Erkundung späterer Innenräume und urbaner
Arelale durch Cyberspacefahrten hinterläßt
nur Eindrücke, die über die räumlichen
Bedingungen des Wohnens und Arbeitens hinwegtäuschen.
Aber sie machen deutlich, worum es sich bei all den
Modellen, Tafelbildern, Montagen und Panoramen handelt:
Um die virtuelle Realität einer Architektur fürs
Auge, um eine imaginäre Architektur.
Die Lösung des Auges vom Körper ist eine Bedingung
dafür, daß in Städtebau und Architektur
Perspektiven vorherrschen. Deshalb wird die Plausibilität
einer Vogelperspektive auf das Erscheinungsbild bebauter
Areale auch zur Ansichtssache. Deshalb fragen später
jene, die sich in und zwischen den Bauwerken bewegen,
ob sich die Architekten und Planer eigentlich vorgestellt
haben, wie es sich dort lebt. Der Alltag ist gerade
in urbanen Verkehrsformen dadurch charakterisiert,
daß Visuelles dem Taktilen gegenüber in
den Hintergrund tritt. Im Gegensatz zur Sensation des
ersten Augenblicks (medial meist nicht zufällig
durch das Einfliegen in eine Stadt in Szene gesetzt),
ist es nicht die skyline einer City, die den Verkehr
zwischen den Menschen bestimmt, sondern das jeweilige
Verhältnis, das in Stadtarealen zwischen durchschnittlicher
Traufhöhe der Gebäude und Straßenbreite
besteht. Diese bestimmen in Kombination mit der Nutzung
der Areale als Straßen, Gehwege, Verkaufsflächen
und Aufenthaltsräumen das Verhältnis zwischen
visuellem und taktilem Eindruck. Wenn nun die Menschen
sich in den Modellen und Tafelbildern in einer eigentümlichen
Weise "verlieren", in der virtuellen Realität
von Computerfahrten in der Regel fehlen, so bringt
das die imaginäre Architektur auf den Begriff:
als Schädelknochen der Stadt, in dem das entkörperte
Auge nach herumgeisternden Bildern sucht, mit denen
sich der Knochen eine Vorstellung über das Spiel
seiner Muskeln machen will.
Natürlich muß es mannigfaltige Vorbehalte
gegenüber einer organologischen Sicht des städtischen
Raums geben. Auch hier dient die Allegorie der Sichtveränderung,
der Verdichtung des zu Begreifenden in einem Bild.
Wo aber der Architektur die Worte ihrer Sprache fehlen,
weil sie die Abbildung des Imaginären in ihr in
den Vordergrund stellt, bedarf die Einschränkung
der Sinnestäuschung erst einer Gewöhnung.
Stellt man also fest, daß die Gebäude den
alltäglichen Verkehrsströmen zwischen und
in ihnen allererst Kontur geben sollen, so ist dies
nichts als ein erster Hinweis darauf, daß die
taktilen und visuellen Bedingungen einer nichtimaginären
Architektur neu zur Sprache gebracht werden müssen.
Denn auch wenn viele augenscheinlich das Leben in einer
virtuellen Realität herbeisehnen, in der die Körper
vor den Bildschirmen und unter den Sichtbrillen so
verloren wirken wie in den meisten Architekturmodellen,
so werfen sie sich doch immer wieder auch in das Verkehrsgetümmel
der Städte, um zu spüren daß es noch
Räume gibt - und Körper.