Text-Nummer: 0031

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 5762
Verfasser(in): Hans Tennstedt
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Kürzel: HT
Originaltitel: Imaginäre Architektur
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Imaginäre Architektur

Ob der Passant sich in Berlin dem Potsdamer Platz oder dem Bahnhof Gesundbrunnen nähert, er spürt ohne Zweifel, daß etwas im Gange ist. In architektonischer Hinsicht aber fällt ihm ein Satz ein, der wahrscheinlich von Karl Valentin stammt: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Er fällt also gleichermaßen in ein "architektonisches Antizipationsloch", schaut sich um - und findet sich getröstet wie Lisl Karlstadt: Denn ihm wird gezeigt, daß solche Löcher in seiner eigenen Wahrnehmung in der Regel die gedanklichen Baugruben durchdachter Entwürfe sind. Aha, sagt sich der Passant, so also soll ich mir das vorstellen. Und es gehört zu den Eigentümlichkeiten eines architektonischen Widerspruchs, daß er sich, nach Fertigstellung an den Tatort des Geschehens zurückkehrend, enttäuscht finden wird, fast immer. Warum also sind die Verbildlichungen der Architektur, so wichtig und interessant sie auch sein mögen, immer "Aufsitzer"? Ein zukünftig am Potsdamer Platz ansässiger Autokonzern lud Interessierte zu einem computeranimierten Film ein, der nicht nur die fertigen Gebäude, sondern auch "sich bewegende Menschen" zeigte. Eine derart vorgestellte Animation virtueller Räume und Körper gibt zu denken.
Die Betonung des Visuellen in gegenwärtiger Architektur- und Stadtplanung ist bemerkenswert. Sie steht im Gegensatz zur Alltagserfahrung: Jeder kennt den Unterschied zwischen der Betrachtung eines Modells und dem körperlich-räumlichen Eindruck, den das fertige Gebäude hinterläßt, gleichgültig ob man sich in ihm bewegt oder es als Bestandteil eines Straßenzuges oder eines urbanen Areals erfährt. Kaum jemand, der nicht bei dem Versuch scheitert, ein Modell zu durchspüren. Es setzt ein hohes Maß an Bewegungserfahrung in und zwischen Gebäuden voraus, um die taktile Erfahrung, die Wirkung von Architekturen auf Körper, einzelne oder kollektive, zu antizipieren. Die Fähigkeit der Vorwegnahme einer Erfahrung aber, die erst die Gewöhnung im täglichen Wohnen und Arbeiten, Unterwegssein und Wartenmüssen zeitigt, gehört zu den schwierigsten Teilen architektonischer Planung.
Wo auch immer sich der aufmerksame Passant in Berlin zum Beispiel bewegt, er findet zunächst seine Sicht bedient. Über die zahlreichen Löcher in dem, was nicht zufällig >>Stadtbild<< genannt wird, soll als erstes mit großformatigen Tafeln der Planer und Bauträger hinweggetröstet werden. Sie zeigen: So wird es hier einmal aussehen. Mit anderen Worten: In Hinblick auf die architektonische Wirkung sagt das nur die Hälfte. Nicht viel anders steht es mit all den anderen Visualisierungen: den Modellen der Wettbewerbe, den Fotomontagen der Zeitungen, den jüngst wiederbelebten Panoramen. Auch wenn manche dieser Medien architektonischen sightseeings nahe an die einst authentische Sicht heranreichen mögen, sie können die Raumerfahrung nicht ersetzen. Selbst die Erkundung späterer Innenräume und urbaner Arelale durch Cyberspacefahrten hinterläßt nur Eindrücke, die über die räumlichen Bedingungen des Wohnens und Arbeitens hinwegtäuschen. Aber sie machen deutlich, worum es sich bei all den Modellen, Tafelbildern, Montagen und Panoramen handelt: Um die virtuelle Realität einer Architektur fürs Auge, um eine imaginäre Architektur.
Die Lösung des Auges vom Körper ist eine Bedingung dafür, daß in Städtebau und Architektur Perspektiven vorherrschen. Deshalb wird die Plausibilität einer Vogelperspektive auf das Erscheinungsbild bebauter Areale auch zur Ansichtssache. Deshalb fragen später jene, die sich in und zwischen den Bauwerken bewegen, ob sich die Architekten und Planer eigentlich vorgestellt haben, wie es sich dort lebt. Der Alltag ist gerade in urbanen Verkehrsformen dadurch charakterisiert, daß Visuelles dem Taktilen gegenüber in den Hintergrund tritt. Im Gegensatz zur Sensation des ersten Augenblicks (medial meist nicht zufällig durch das Einfliegen in eine Stadt in Szene gesetzt), ist es nicht die skyline einer City, die den Verkehr zwischen den Menschen bestimmt, sondern das jeweilige Verhältnis, das in Stadtarealen zwischen durchschnittlicher Traufhöhe der Gebäude und Straßenbreite besteht. Diese bestimmen in Kombination mit der Nutzung der Areale als Straßen, Gehwege, Verkaufsflächen und Aufenthaltsräumen das Verhältnis zwischen visuellem und taktilem Eindruck. Wenn nun die Menschen sich in den Modellen und Tafelbildern in einer eigentümlichen Weise "verlieren", in der virtuellen Realität von Computerfahrten in der Regel fehlen, so bringt das die imaginäre Architektur auf den Begriff: als Schädelknochen der Stadt, in dem das entkörperte Auge nach herumgeisternden Bildern sucht, mit denen sich der Knochen eine Vorstellung über das Spiel seiner Muskeln machen will.
Natürlich muß es mannigfaltige Vorbehalte gegenüber einer organologischen Sicht des städtischen Raums geben. Auch hier dient die Allegorie der Sichtveränderung, der Verdichtung des zu Begreifenden in einem Bild. Wo aber der Architektur die Worte ihrer Sprache fehlen, weil sie die Abbildung des Imaginären in ihr in den Vordergrund stellt, bedarf die Einschränkung der Sinnestäuschung erst einer Gewöhnung. Stellt man also fest, daß die Gebäude den alltäglichen Verkehrsströmen zwischen und in ihnen allererst Kontur geben sollen, so ist dies nichts als ein erster Hinweis darauf, daß die taktilen und visuellen Bedingungen einer nichtimaginären Architektur neu zur Sprache gebracht werden müssen. Denn auch wenn viele augenscheinlich das Leben in einer virtuellen Realität herbeisehnen, in der die Körper vor den Bildschirmen und unter den Sichtbrillen so verloren wirken wie in den meisten Architekturmodellen, so werfen sie sich doch immer wieder auch in das Verkehrsgetümmel der Städte, um zu spüren daß es noch Räume gibt - und Körper.


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