David Ingrim
Berlin für Touristen (2)
Berliner Mauern
Touristen sollten sich nicht einreden lassen, daß
es keine Mauer mehr gibt. Auch das ist eine Erfindung
der Tourismusgegner. Überall in Berlin gibt es
Mauern. Ein zeitgemäßer Reiseführer
hätte nur darauf hinzuweisen, daß die gewohnten
U-Bahnstationen nicht mehr die einzigen Ausgangspunkte
für Mauerbesichtigungen sind. Inzwischen führt
fast jede Station zum Ziel.
Denn da in der deutschen Hauptstadt zur Zeit fast überall
gebaut wird, wird auch fast überall abgerissen.
Und da zur Zeit fast überall noch nicht gebaut
wird, hat der Tourist die einmalige Gelegenheit, besondere
Mauern in Fülle zu sehen. Brandmauern zum Beispiel,
bei denen sich mancher Betrachter fragt, wie es denn
möglich ist, das hier ein Stein auf dem anderen
bleibt. Der Tourist mag sich nicht täuschen: Es
hält. Der Versuch ist zwecklos, sie dadurch zum
Einsturz bringen zu wollen, daß man einen der
unteren losen Steine mitnehmen will.
Für Touristen aber, die weniger daran interessiert
sind, Souvenirs aus Berliner Mauern heimzuschleppen,
sei auf jene Mauern hingewiesen, auf denen sich alte
Reklamesprüche zeigen. Denn hier offenbart sich:
Die ganze Bautätigkeit in Berlin dient eigentlich
dazu, der eigenen Geschichte auf die Spur zu kommen.
Der Tourist ahnt angesichts solcher Mauersprüche,
daß es des Wiederaufbaus des alten Stadtschlosses
in Berlin-Mitte gar nicht bedarf. Denn wie könnte
er mehr über eine Stadt erfahren, als angesichts
des Wortes "Drogen", dem das typographisch
fremde und farblichverblaßte r aus seinem mürben
Putz gefallen ist. Für Touristen aber, denen solche
rebus zu morbide sind, bleiben immer noch andere Rück-
und Ausblicke auf Berliner Mauern: Verlassen Sie den
U-Bahnhof Gesundbrunnen durch den Ausgang in Fahrtrichtung
Wittenau und schauen Sie sich um. Richtig, das U-Bahngebäude
steht unter Denkmalschutz.