David Ingrim
Berlin für Touristen (3)
Orientierungshilfen
Es gilt, dem Gerücht entgegenzutreten, daß
"Berlin für Touristen" diese an der
Nase herumführen will. Das Gegenteil ist der Fall.
Es ist auch nicht beabsichtigt, Touristen in allgemeinen
Betrachtungen herumirren zu lassen. Davon erleben sie
bei Ausflügen mit der "Weißen Flotte"
genug. (Gemeint sind die Schiffsfallen, aus denen Touristen
lange nicht wieder herauskommen, wenn sie sich zu einer
Rundfahrt auf Kanälen, Seen oder der Spree haben
hinreißen lassen. Für ihren Leichtsinn werden
sie in der Regel mit verschärften Allgemeinplätzen
über solche bestraft. Insofern ist "Berlin
für Touristen" höchsten eine Vorübung.)
Im Grunde bietet "Berlin für Touristen"
jedoch ein anderes Programm. Dieses dient nicht, wie
manches sonst Angebotene, der innerstädtischen
Deportierung von Touristen, sondern der Ermutigung,
angeleitet von kleinen Fingerzeigen, der eigenen Findigkeit
zu vertrauen. Um Orientierungshilfen also geht es.
Hierzu bedarf es zunächst eines Stadtplanes. (Touristen
wird empfohlen - etwas Werbung muß sein - sich
zunächst eines Falk-Planes zu bemächtigen.
Zwar ist es in Berlin noch nicht ganz so weit, daß
- wie in manchen anderen Großstädten - die
sich aufblähenden Papierfahnen anderer Stadtpläne
Straßenräubern als untrügliche Zeichen
für willige Opfer gelten. Aber man muß diese
Entwicklung ja nicht unbedingt befördern.) Da
es bei kleinen Fingerzeigen nicht ausbleiben kann,
bisweilen Hausnummern zu nennen, sei der Tourist zunächst
mit einer Besonderheit bekannt gemacht. Denn in Berlin
gibt es drei Möglichkeiten, eine Hausnummer zu
finden:
Die erste Möglichkeit besteht darin, daß
man auf einer Straße etwa einen Kilometer in
eine Richtung läuft, dann auf der anderen Straßenseite
einen Kilometer zurück, um dann festzustellen,
daß die Nummer 350 genau gegenüber der Nummer
1 liegt.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, daß
man sich darüber wundert, daß es in einer
Straße nur gerade Nummern zu geben scheint, obwohl
man schon mehrere Blocks auf derselben Seite gelaufen
ist.
Und die dritte Möglichkeit ist, ein Taxi zu nehmen
und darauf zu vertrauen, daß der Taxifahrer noch
scharfsichtig und willens genug ist, die kleinen Zahlen,
die auf dem Stadtplan neben die Straßen gedruckt
sind, richtig zu deuten.
Man kann diese Möglichkeiten aber auch außer
acht lassen und nach dem glücklichen Finden der
richtigen Straße einen Passanten fragen. Dann
geht man halt dessen Fingerzeig nach und hebt sich
den Hinweis in "Berlin für Touristen"
für einen späteren Besuch auf.
Um also gleich das Versprechen vom Anfang einzulösen:
Es gibt eine Adresse, die sich Berlintouristen unbedingt
notieren sollten. Es handelt sich um die Hardenbergstr.
4-5. Hier findet der Tourist die angeblich größte
Buchhandlung Berlins - und in dieser nicht nur die
angepriesene Orientierungshilfe, sondern auch andere
Papierfahnen jeder Größe (falls er doch
etwas für den Ruf Berlins als Großstadt
tun will). Außerdem kann der Tourist hier die
Erfahrung machen, warum er zukünftig besser "kleinen
Fingerzeigen" nachgeht, will er nicht mindestens
einen Aufenthaltstag mit der Suche nach Orientierungshilfen
verbringen.