Text-Nummer: 0043

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 5111
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am:
Kürzel: HT
Originaltitel: Publizistisches Paradox. Zum Erscheinen von Samuel Becketts "Traum von mehr bis minder schönen Frauen", aus dem Englischen von Wolfgang Held,
Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1996
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Hans Tennstedt

Publizistisches Paradox

Zum Erscheinen von Samuel Becketts "Traum von mehr bis minder schönen Frauen", aus dem Englischen von Wolfgang Held, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1996

Das Schicksal mancher Bücher ist, daß sie Patina angesetzt haben, bevor sie gelesen werden konnten. Das Schicksal mancher Bücher ist aber auch, daß ihnen die Patina verpaßt wurde, wie dem Konfirmanden ein schlecht sitzender Anzug oder der eleganten Dame im Kleinen Schwarzen ein Paar Filzpantoffeln. Zu diesen Bücher gehört das neueste Buch von Samuel Beckett.
Und es ist das neueste Buch, auch wenn es vor sechzig Jahren geschrieben wurde, 1932, "in einem Zimmer des Pariser Hotels Trianon in der Rue de Vaugirard", wie der Waschzettel des Buches weiß. Die Veröffentlichung des Buches: Natürlich gab es keinen triftigen Grund, sie zu verhindern. Weder von der Seite des Autors, noch, davor, von der Seite all jener Verleger, die besseres auf Lager zu haben meinten.
(Man weiß nicht, ob man die Selbstverleugnung oder die Dreistigkeit des Suhrkampverlages mehr bewundern soll, der Tabori zu Wort kommen läßt: "Beckett stand in seinem dritten Lebensjahrzehnt, als er diesen Roman schrieb, der natürlich von allen Verlegern jener Periode so taub wie blind abgelehnt wurde." So macht man sich im Hause Suhrkamp über die Vergangenheit lustig - und erhebt sich, während man in der Gegenwart wieder die Augen verschließt. Kurz: Es ärgert schon, den Verlag mit einem solchen Zitat werben zu sehen, der sich etwa einem Buch wie der "Tilgweise" Robert Stillers gegenüber taub und blind verhält.)
So herausfordernd scheint der frühe Text Becketts zu sein, daß es noch einer dritten "Information" auf dem Waschzettel bedarf. Sie stammt von Wolfgang Held, dem Übersetzer:
"Es ist ein erstaunlich ausgeformtes, höhen- und tiefentrunkenes, zynisch-saturnisch schillerndes, psychotisch-satirisch-puritanisch-faunisches Werk, voll subtiler Vulgarismen und Sophismen (...)" Psaw! Darauf wird zurückzukommen sein.
Warum aber - nach all diesen Einrahmungen des Umschlags - es noch lesen? Warum dem "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" nachgeben? Aus Trotz. Nicht gegen Taboris Bemerkungen, der den Text "für ein Geschenk in dieser Sauregurkenzeit des Lebens und des Schreibens" hält. Sondern mit dem Eigensinn des Lesers, der sich wiedereinmal der Tatsache vergewissern möchte, was das eigentlich ist: lesen. Tabori schlägt vor, das Buch möge laut gelesen werden, "am besten in Gegenwart einer Person des anderen Geschlechts." Aber das wäre schon die Hohe Schule der Selbstverführung - denn wo finden sich noch Frauen und Männer mit solchem Stehvermögen? Geschweige denn mit solchem Verstehenmögen.
Im Zeitalter der literarischen Quickies, den textlichen one-night-stands, mit denen Buch um Buch abgehakt werden, ist Becketts "Traum" ein Alptraum wie "Finnegans Wake". Und welcher Leser setzt sich noch den Partituren jener manifesten Trauminhalte aus, wenn ihm die Literaturwissenschaft dazu einen x-beliebigen latenten Traumgedanken als abstract liefert? Becketts neuestes Buch lesen heißt also: träumen.
Die Gelegenheiten dazu sind rar geworden. Wann fügt es sich schon, daß ein Fernseher seinen Geist aufgibt und sein Fernseher just in diesem Moment zu Becketts neuestem Buch greift, um zu erfahren, daß das Zappen ihn dem aktiven Träumen entrückt hat? Wer noch erwartet eine Partitur, in der die Resultate der Traumarbeit eines Einzelnen niedergeschrieben sind, statt jene in Schrift gebannten Filme, die werder Latenz noch Manifestation von Träumen kennen, sondern nur noch die Vorstellungsräume, die der Lektor versteht und die er "Akzeptanz des Marktes" und "lesbares Buch" nennt? Dies ist das Paradox des neuesten Buches von Beckett: Nach der Logik verlegerischer Publizistik hätte es auch heute eigentlich nicht erscheinen dürfen. Aber sein Verlag spekuliert darauf, daß der Name zieht. So wird es sich verkaufen. Aber wird der "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" auch geträumt? Denn wann schon gibt ein Fernseher seinen Geist auf - und überläßt sich dem des Schriftstellers, der bei der Niederschrift nicht schon ein potentielles Drehbuch im Kopf hat, sondern die rebus der Manifestationen seines Traumes von Literatur.
Dies ist keine Aufforderung, das neueste Buch von Beckett zu kaufen, aber eine Anregung, es sich oder einem oder einer anderen zustoßen zu lassen. Geschieht dies, so erwarte man nicht zuviel, sondern zunächst garnichts. Sonst wird man von manchem verärgert sein, denn das Buch enthält, was ein Traum nun einmal enthält: Verdichtungen und Verschiebungen, rebus der Blödheit und Klugheit, Gedanken, die sich vor allem dann nicht selbst verstehen, wenn sie sich von selbst verstehen. Psaw!
Vor allem aber erwartet die Leser eines: Arbeit. Traumarbeit. Und der Lohn? Na, eben der eines jeden Traums. In diesem Fall die Erfüllung des Wunsches, endlich wieder einmal die Traumzeit zu finden, ein gutes Buch zu lesen. Und um zumindest einen Grund zu liefern, sich diesen Wunsch nicht zu erfüllen:
"Und verbale Retina", sagte sie, "kapiere ich nicht. Kann ein Wort eine Retina haben?" (S. 226)


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