Text-Nummer: 0026

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2208
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am:
Kürzel: Ker
Originaltitel: Politische Mondpreise
Copyright: Ulrich Kerner
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Diskussion/Leserbriefe:

Ulrich Kerner

Politische Mondpreise

Die augenblickliche Diskussion um finanzielle Kürzungen im allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erinnert an einen Ausverkauf. Wir müssen den Gürtel enger schnallen: So werden wir daran erinnert, daß die fetten Jahre vorbei sind, in denen wir angeblich Winterspeck angesetzt haben. Aber sind die Diäten politischer Repräsentanten wirklich beispielgebend? Das "Wir" ist trügerisch. Man merkt die Absicht und ist, gelinde ausgedrückt, verstimmt. Im Ausverkauf der sozialen Errungenschaften, an denen sich die sogenannten kleinen Leute nur aus der Sicht der hohen Warte (von der aus der politischen Blick über das Große und Ganze schweift) mästeten, scheint sich ein Kalkül durchzusetzen, das von Schlußverkäufen im Deutschland vergangener Zeiten nur allzu bekannt ist. Bei diesen ist es inzwischen verboten. Gemeint sind die Mondpreise, die dem auf Nachlässe angewiesenen Kunden suggerieren, er habe etwas gespart. Politische Anleihen bei solchem Marktgebaren früherer Zeiten stehen im Augenblick hoch im Kurs. Der Preis für den gesellschaftlichen Wandel wird für viele in derart schwindelerregende Höhen getrieben, daß die Betroffenen irgendwann froh darüber sein werden, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Sie werden erleichtert den Preis zahlen und ihre Stimme wieder denjenigen geben, die ihn gemacht haben.
Solche imaginäre politische Preistreiberei gehört zum Schäbigsten in den Niederungen der sogenannten Realpolitik für die Massen. Denn wie Kaufhäuser einst auf den Wunsch auf Teilhabe an etwas Luxus spekulierten so setzen Forderungen nach Einsparungen bei den Ärmsten darauf, daß jene, die noch wählen gehen, sich über das, was sie sich eingehandelt haben, auch noch freuen werden. Es steht zu befürchten, daß sich ein Finanzminister hier - auch politisch - nicht verrechnet haben wird. Aber immerhin kann man daran erinnern, daß der Profit, der aus solchen fadenscheinigen Geschäften gezogen wird, andere mästet: Die Zinsen werden für Geschäfte gezahlt, die jene nicht zu verantworten haben, die über den Tisch gezogen werden sollen. Daß sie sich durch ihre Stimmen auch noch darum prügeln, die ersten zu sein, bleibt indes bemerkenswert.


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