Text-Nummer: 0027

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 3105
Verfasser(in): Ulrich Kerner
Geschrieben am:
Kürzel: Ker
Originaltitel: Preußen
Copyright: Ulrich Kerner
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Ulrich Kerner

Preußen

Die Zeit ist rar an Leitbildern. Auf den Vereinigungszug sind nun auch jene gesprungen, die eigentlich kein Land Berlin-Brandenburg wollen, sondern ein Land Preußen. Alte preußische Ideale werden beschworen und zwischen den Zeilen kolportiert: Wahlplakate zeigen nur die Oberfläche. Sollen auf solchen ebenfalls erhobene ironische Forderungen nach einem "buddhistischen Sachsen" das Abstruse in der Suche nach neuen politischen Leitbildern zeigen, so wird nur auf der Oberfläche reagiert. Die Sehnsucht liegt tiefer. Etwas davon wird deutlich, wenn im Berliner Eishockey Flagge gezeigt wird. So werden überkommene Symbole gesellschaftsfähig. Die Beschwörung alter preußischer Tugenden im Zusammenhang mit der Länderfusion Berlin-Brandenburg zeigt die ganze Hilflosigkeit im Umgang mit der Frage politischer Ideale. Zwar nimmt man den für die Ausgabe von Wahlparolen Verantwortlichen ab, daß sie weniger die Regierungszeit des letzten preußischen Ministerpräsidenten, Hermann Göring im Auge haben, als vielmehr die Aufbruchsstimmung unter dem Großen Kurfürsten oder das Selbstbewußtsein des aufgeklärten Absolutismus unter einem Soldatenkönig oder Friedrich dem Großen. Doch wer sich der Auseinandersetzungen um das Verbot der Reichskriegsfahne erinnert, wird argwöhnen, wozu die Verausgabung der Spielmarke Preußen taugt: Daß sich jeder sein Teil denken kann, welches Preußen zwischen 1640 und dem 25.2.1947 gemeint ist, als seine staatsrechtliche Auflösung durch den allierten Kontrollrat erfolgte.
Die Sehnsucht nach neuen politischen Leitbildern und Idealen ist groß. Zur Zeit sind es die alten. Und der mangelnde Protest gegen die Rückbenennung von Straßen nach Größen der feudalen Geschichte Berlins und Brandenburgs mag zu denken geben.
Jede Rückbenennung - und mag sie auch noch so versteckt zwischen den Zeilen stattfinden - ist eine Neubenennung im Namen dessen, wofür ein Name steht. Jene, die sich Berlin und Brandenburg als Preußen wünschen, beginnen, eine entleerte Spielmarke mit Sinn aufzuladen und als Münze mit Wert in Umlauf zu bringen. Noch besitzt sie keinen Tauschwert, aber die Spuren, die ihr Gebrauchswert hinterläßt, werden deutlicher.
Mag es auch sein, daß es sich bei dem Wort "Preußen" um eine Worthülse handelt, mit der es sich verhält wie mit dem Reichstag: Ein entkerntes Gehäuse, dessen Inhalte neu konstruierbar sind. Mag sein, daß es hier um Fassadenfragen geht, die seit der Auseinandersetzung um das Stadtschloß in der Mitte Berlins zur Wesensfrage urbaner Selbstdarstellung geworden sind. Zu bemerken ist aber ohne Zweifel allerorten jener Zug von Restauration, der gefallene Fassaden und Worthülsen (die der DDR) durch andere ersetzen will. Auf Fahnen, Plakaten, Fassaden und Straßenschildern hat sich das immer zuerst gezeigt. Es ist der Zug rückwärtsgewandter Utopien, der auf demselben Gleis beschleunigt, auf dem der wirtschaftliche Fortschritt davonbraust: Die Restauratoren wollen eine Dampflok mit elektronischer Steuerung. Und sie bauen auf die optische Täuschung, bei der die Räder rückwärts laufen, je schneller es geht.


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