Text-Nummer: 0028

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 7673
Verfasser(in): Robert Krokowski
Geschrieben am:
Kürzel: RK
Originaltitel: Stiefel und Stöcke
Copyright: Robert Krokowski
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Robert Krokowski

Stiefel und Stöcke

Gorleben 96: Es sind wieder schlimme Bilder, die Gewalt zeigen. "Das ist Krieg", sagt eine augenscheinlich entsetzte Frau angesichts der Szene: Polizisten demolieren einen Traktor, der sich einem Wasserwerfer in den Weg gestellt hat. Sie schlagen den alten, wehrigen Mann blutig und zerren ihn auf die Straße.
Nein, Krieg ist das nicht. Aber auch kein Spiel. Auch den jungen Frauen und Männern vergeht das Lachen, wenn sie nicht mehr einfach nur davongetragen werden, sondern wenn Polizisten auf ihre Köpfe und in ihre Gesichter treten. Die Bilder zeigen: Das ist blutiger Ernst. Die Rigidität, mit der die Befehlsempfänger der Exekutive die Aufgabe der Ausübung des Gewaltmonopols umsetzen, stimmt nachdenklich, macht betroffen. Noch sind die Formen der Entschlossenheit auf beiden Seiten unterschiedlich. Offensichtlich aber, daß der menschliche Puffer, der von der Exekutive aufgeboten wird, provokant aggressiv die Strategie des Angriffs umsetzt.
Dem Betrachter wird deutlich: Hier gibt es nichts zu verhandeln. Solche Aggressivität schreit nach Antwort. Stiefel und Stöcke werden sie geben. Das suggerieren die Bilder. Niemals aber wird man Ihnen entnehmen können, wer den ersten Tritt gab, wer den ersten Schlag führte, denn es war immer ein Stiefel oder Stock. Immer wird man diesen Bildern entnehmen, was man sieht. Bilder beweisen nichts. Sie zeigen: Tritte und Schläge.
Es ist nicht angenehm, Bilder der Gewalt anzuschauen. Niemals eigentlich, es sei denn der Betrachter frönt einer bestimmten Art des Voyeurismus. Man kann darüber streiten, ob Nachrichtensendungen diese bedienen oder in erster Linie der Information dienen - oder beidem. Auch solche Fragen gehören zu den "Randbedingungen" - wenn man es einmal wagt, Details ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.
Derart zu verfahren heißt, die übliche Perspektive umzudrehen. Wenn die Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet wird, was man sonst nur am Rande wahrnimmt, so verschiebt sich dieser. Sicher sind Fragen des Rechts auf Widerstand, auf Demonstration, freie Meinungsäußerung und Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols zentral. Sich angesichts zutretender Stiefel und zuschlagender Stöcke auf diese zu konzentrieren, wird der Komplizertheit der Lage nicht gerecht. Aber es wirft einfache Fragen auf. Alte und neue.
Zunächst sieht, wer hinschaut, Stiefel und Stöcke auf beiden Seiten der aufeinanderprallenden Fronten. Der Unterschied: Auf der einen Seite tragen sie alle. Auch die Vermummung begegnet auf beiden Seiten. Erst wenn der Helm gefallen ist, zeigen die langen braunen Haare, daß sich eine junge Polizistin unter Schmerzen krümmt. Oder täuscht die Wahrnehmung? Fiel eine Maske und zeigt sich nun eine leidende Demostrantin? Stiefel und Stöcke entstellen die Menschen, die sie tragen und benutzen, zusammen mit all dem anderen Rüstzeug, zur Unkenntlichkeit. Ihre Funktionen, die Rollen die sie bei diesem blutigen Ernst spielen, aber entstellen sie zur Kenntlichkeit.
Beide Seiten folgen einem Ideal. Dem Ideal staatlicher Souveränität oder dem Ideal des eigenen Gewissens, das an der Front ebenfalls zu einem kollektiven wird. Ihm jeweils Wahrheit zuzusprechen, hat Konsequenzen. Eine Konsequenz ist die, daß das Ideal als solches in Stiefel und Stock in Erscheinung tritt, wenn es nichts mehr zu reden gibt. Daß an jedem Ideal in letzter Konsequenz Blut klebt, das zeigt sich auch wieder in Gorleben 1996. Hoffnungen: zweifelhaft. Wieder ziehen beide Seiten geschlagen nach Hause. Und die Enkel werden es nicht besser ausfechten, nur ebenso blutig. Eine andere Frage, daß beide Seiten sich zum Kanonenfutter machen, zu Getretenen und Geschlagenen gemacht werden, weil der blutige Ernst längst als Theater erkannt wurde. Die Interpretation liefern andere, Regisseure. Jene, die die Ideale politisch zu repräsentieren verstehen. Sie sagen, wie Kanter: Es sind Kriminelle und Chaoten, die Stiefel tragen und Stöcke benutzen. Sie sagen: Es sind Faschisten und Ordnungsfetischisten, die treten und schlagen. Solche Regisseure kollektivieren zuerst ihre Chargen. Dann den Feind. Dann ihre Chargen. Dann den Feind. Sie sagen: Der Faschist. Der Chaot. Wie die Großväter der Enkel: Der Russe. Der Deutsche.
Also doch Krieg? Nein, nicht Krieg, aber doch das, was den Krieg möglich macht und alle Situationen, in denen an Stöcken und Stiefeln schließlich Blut klebt. Denn dazu sind sie gemacht. Oder vielleicht doch Krieg, wenn man ihn politisch als nichts anderes bestimmt, denn als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Oder ist die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln? Oder sind beide Mittel der Fortsetzung einer Idealisierung, zu der, auf welcher Seite auch immer, die Überhebung gehört, daß Macht die Mittel heiligt?
Es sind immer Stiefel und Stöcke, mit denen sich Macht darüber hinwegsetzt, daß es nicht die eine Wahrheit gibt. Die sie tragen, maschieren auf, weil kein Ideal tragfähig ist: weder das eines technologischen Fortschritts, den Atomstrom garantiert, noch das einer unversehrten Natur, die durch jene garantiert werden könnte, die auf ihrem Antlitz nicht weniger Stiefelspuren hinterlassen haben als diejenigen, die sie angeblich mit Füßen treten.
Übrigens zeigt eine alte Erfahrung, daß diejenigen, die Stiefel und Stöcke tragen, professionell oder semiprofessionel, letztlich nur durch Plünderungen zu ernähren sind.
Nun löst der Gedanke sicherlich Gelächter aus, daß Ghandi Indien barfuß durchquerte - und seinen Stock nutzte, sich darauf zu stützen. Auch der Hinweis darauf, daß die damals herrschende Macht schließlich das Feld räumen mußte, wird nur Kopfschütteln hervorrufen. Das Problem dabei ist, daß es sich in Gorleben 96 nicht um den Kampf gegen Elend und Armut und diejenigen dreht, die sie verursachen, um einen Kampf also, der will, daß es den Enkeln besser geht. Das Problem ist, daß es sich in Gorleben 96 um einen Kampf gegen Wohlstand und Reichtum und diejenigen dreht, die ihn verursachen, um einen Kampf also, der will, daß es den Enkeln besser geht. Denn das ist das Ideal: Daß es den Enkeln besser geht. Der Unterschied allerdings liegt, soll man den Parolen trauen, vor allem in der Frage: Werden diese Enkel barfuß gehen oder Stiefel tragen? Werden sie am Stock gehen dürfen oder ihn zum Schlagen benutzen müssen? Die Regie will solche Extreme. Zu zeigen daß es andere gibt, erforderte vor allem andere Inszenierungen. Diese müssen nicht harmlos wirken, denn man kann seine Hände nicht nur zum Klampfen verwenden, sondern auch zum Gestalten. Und es gibt Schritte nicht nur beim Tanz oder Marsch.
Der Vorschlag ist so naiv wie banal. Sagen wir: Das eine Ideal hat Kratzer und der atomare Dreck ist nun einmal da. Wir können ihn mit keinem Zauberstock wegzaubern. Sagen wir: Das andere Ideal steht auf tönernen Füßen und porösen Salzstöcken und 300 Behälter sind genug Last, am Rande der Belastbarkeit. Schlagen wir vor: Akzeptieren wir zähneknirschend die blauen Flecken, die wir uns geschlagen haben und machen wir einen Anfang. Multiplizieren wir fünfzig Millionen mit dreihundert und richten wir einen Fonds ein, aus dem weder für das eine noch für das andere Ideal geschöpft wird, sondern dafür, daß wir es schaffen, ohne unhaltbare Idealisierungen zu überleben. Ohne Stiefel und Stöcke. Nicht barfuß und auf Krücken. Vorschläge wie das geht? Argumente, worauf solche Vorschläge fußen? Jederzeit. Aber "Jederzeit" braucht Mittel. Diese gibt es. Aus der Differenz zwischen den Entsorgungskosten für Stiefel und Stöcke und ihrem Einsatz. Erst dem, der verstockt sagt, daß das nicht geht, dem sollte man seine Stiefel vor die Tür stellen, auch wenn er eigentlich den Stock verdient hat.


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