Robert Krokowski
Stiefel und Stöcke
Gorleben 96: Es sind wieder schlimme Bilder, die Gewalt
zeigen. "Das ist Krieg", sagt eine augenscheinlich
entsetzte Frau angesichts der Szene: Polizisten demolieren
einen Traktor, der sich einem Wasserwerfer in den Weg
gestellt hat. Sie schlagen den alten, wehrigen Mann
blutig und zerren ihn auf die Straße.
Nein, Krieg ist das nicht. Aber auch kein Spiel. Auch
den jungen Frauen und Männern vergeht das Lachen,
wenn sie nicht mehr einfach nur davongetragen werden,
sondern wenn Polizisten auf ihre Köpfe und in
ihre Gesichter treten. Die Bilder zeigen: Das ist blutiger
Ernst. Die Rigidität, mit der die Befehlsempfänger
der Exekutive die Aufgabe der Ausübung des Gewaltmonopols
umsetzen, stimmt nachdenklich, macht betroffen. Noch
sind die Formen der Entschlossenheit auf beiden Seiten
unterschiedlich. Offensichtlich aber, daß der
menschliche Puffer, der von der Exekutive aufgeboten
wird, provokant aggressiv die Strategie des Angriffs
umsetzt.
Dem Betrachter wird deutlich: Hier gibt es nichts zu
verhandeln. Solche Aggressivität schreit nach
Antwort. Stiefel und Stöcke werden sie geben.
Das suggerieren die Bilder. Niemals aber wird man Ihnen
entnehmen können, wer den ersten Tritt gab, wer
den ersten Schlag führte, denn es war immer ein
Stiefel oder Stock. Immer wird man diesen Bildern entnehmen,
was man sieht. Bilder beweisen nichts. Sie zeigen:
Tritte und Schläge.
Es ist nicht angenehm, Bilder der Gewalt anzuschauen.
Niemals eigentlich, es sei denn der Betrachter frönt
einer bestimmten Art des Voyeurismus. Man kann darüber
streiten, ob Nachrichtensendungen diese bedienen oder
in erster Linie der Information dienen - oder beidem.
Auch solche Fragen gehören zu den "Randbedingungen"
- wenn man es einmal wagt, Details ins Zentrum der
Aufmerksamkeit zu rücken.
Derart zu verfahren heißt, die übliche Perspektive
umzudrehen. Wenn die Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet
wird, was man sonst nur am Rande wahrnimmt, so verschiebt
sich dieser. Sicher sind Fragen des Rechts auf Widerstand,
auf Demonstration, freie Meinungsäußerung
und Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols zentral.
Sich angesichts zutretender Stiefel und zuschlagender
Stöcke auf diese zu konzentrieren, wird der Komplizertheit
der Lage nicht gerecht. Aber es wirft einfache Fragen
auf. Alte und neue.
Zunächst sieht, wer hinschaut, Stiefel und Stöcke
auf beiden Seiten der aufeinanderprallenden Fronten.
Der Unterschied: Auf der einen Seite tragen sie alle.
Auch die Vermummung begegnet auf beiden Seiten. Erst
wenn der Helm gefallen ist, zeigen die langen braunen
Haare, daß sich eine junge Polizistin unter Schmerzen
krümmt. Oder täuscht die Wahrnehmung? Fiel
eine Maske und zeigt sich nun eine leidende Demostrantin?
Stiefel und Stöcke entstellen die Menschen, die
sie tragen und benutzen, zusammen mit all dem anderen
Rüstzeug, zur Unkenntlichkeit. Ihre Funktionen,
die Rollen die sie bei diesem blutigen Ernst spielen,
aber entstellen sie zur Kenntlichkeit.
Beide Seiten folgen einem Ideal. Dem Ideal staatlicher
Souveränität oder dem Ideal des eigenen Gewissens,
das an der Front ebenfalls zu einem kollektiven wird.
Ihm jeweils Wahrheit zuzusprechen, hat Konsequenzen.
Eine Konsequenz ist die, daß das Ideal als solches
in Stiefel und Stock in Erscheinung tritt, wenn es
nichts mehr zu reden gibt. Daß an jedem Ideal
in letzter Konsequenz Blut klebt, das zeigt sich auch
wieder in Gorleben 1996. Hoffnungen: zweifelhaft. Wieder
ziehen beide Seiten geschlagen nach Hause. Und die
Enkel werden es nicht besser ausfechten, nur ebenso
blutig. Eine andere Frage, daß beide Seiten sich
zum Kanonenfutter machen, zu Getretenen und Geschlagenen
gemacht werden, weil der blutige Ernst längst
als Theater erkannt wurde. Die Interpretation liefern
andere, Regisseure. Jene, die die Ideale politisch
zu repräsentieren verstehen. Sie sagen, wie Kanter:
Es sind Kriminelle und Chaoten, die Stiefel tragen
und Stöcke benutzen. Sie sagen: Es sind Faschisten
und Ordnungsfetischisten, die treten und schlagen.
Solche Regisseure kollektivieren zuerst ihre Chargen.
Dann den Feind. Dann ihre Chargen. Dann den Feind.
Sie sagen: Der Faschist. Der Chaot. Wie die Großväter
der Enkel: Der Russe. Der Deutsche.
Also doch Krieg? Nein, nicht Krieg, aber doch das, was
den Krieg möglich macht und alle Situationen,
in denen an Stöcken und Stiefeln schließlich
Blut klebt. Denn dazu sind sie gemacht. Oder vielleicht
doch Krieg, wenn man ihn politisch als nichts anderes
bestimmt, denn als Fortsetzung der Politik mit anderen
Mitteln. Oder ist die Politik die Fortsetzung des Krieges
mit anderen Mitteln? Oder sind beide Mittel der Fortsetzung
einer Idealisierung, zu der, auf welcher Seite auch
immer, die Überhebung gehört, daß Macht
die Mittel heiligt?
Es sind immer Stiefel und Stöcke, mit denen sich
Macht darüber hinwegsetzt, daß es nicht
die eine Wahrheit gibt. Die sie tragen, maschieren
auf, weil kein Ideal tragfähig ist: weder das
eines technologischen Fortschritts, den Atomstrom garantiert,
noch das einer unversehrten Natur, die durch jene garantiert
werden könnte, die auf ihrem Antlitz nicht weniger
Stiefelspuren hinterlassen haben als diejenigen, die
sie angeblich mit Füßen treten.
Übrigens zeigt eine alte Erfahrung, daß diejenigen,
die Stiefel und Stöcke tragen, professionell oder
semiprofessionel, letztlich nur durch Plünderungen
zu ernähren sind.
Nun löst der Gedanke sicherlich Gelächter
aus, daß Ghandi Indien barfuß durchquerte
- und seinen Stock nutzte, sich darauf zu stützen.
Auch der Hinweis darauf, daß die damals herrschende
Macht schließlich das Feld räumen mußte,
wird nur Kopfschütteln hervorrufen. Das Problem
dabei ist, daß es sich in Gorleben 96 nicht um
den Kampf gegen Elend und Armut und diejenigen dreht,
die sie verursachen, um einen Kampf also, der will,
daß es den Enkeln besser geht. Das Problem ist,
daß es sich in Gorleben 96 um einen Kampf gegen
Wohlstand und Reichtum und diejenigen dreht, die ihn
verursachen, um einen Kampf also, der will, daß
es den Enkeln besser geht. Denn das ist das Ideal:
Daß es den Enkeln besser geht. Der Unterschied
allerdings liegt, soll man den Parolen trauen, vor
allem in der Frage: Werden diese Enkel barfuß
gehen oder Stiefel tragen? Werden sie am Stock gehen
dürfen oder ihn zum Schlagen benutzen müssen?
Die Regie will solche Extreme. Zu zeigen daß
es andere gibt, erforderte vor allem andere Inszenierungen.
Diese müssen nicht harmlos wirken, denn man kann
seine Hände nicht nur zum Klampfen verwenden,
sondern auch zum Gestalten. Und es gibt Schritte nicht
nur beim Tanz oder Marsch.
Der Vorschlag ist so naiv wie banal. Sagen wir: Das
eine Ideal hat Kratzer und der atomare Dreck ist nun
einmal da. Wir können ihn mit keinem Zauberstock
wegzaubern. Sagen wir: Das andere Ideal steht auf tönernen
Füßen und porösen Salzstöcken
und 300 Behälter sind genug Last, am Rande der
Belastbarkeit. Schlagen wir vor: Akzeptieren wir zähneknirschend
die blauen Flecken, die wir uns geschlagen haben und
machen wir einen Anfang. Multiplizieren wir fünfzig
Millionen mit dreihundert und richten wir einen Fonds
ein, aus dem weder für das eine noch für
das andere Ideal geschöpft wird, sondern dafür,
daß wir es schaffen, ohne unhaltbare Idealisierungen
zu überleben. Ohne Stiefel und Stöcke. Nicht
barfuß und auf Krücken. Vorschläge
wie das geht? Argumente, worauf solche Vorschläge
fußen? Jederzeit. Aber "Jederzeit"
braucht Mittel. Diese gibt es. Aus der Differenz zwischen
den Entsorgungskosten für Stiefel und Stöcke
und ihrem Einsatz. Erst dem, der verstockt sagt, daß
das nicht geht, dem sollte man seine Stiefel vor die
Tür stellen, auch wenn er eigentlich den Stock
verdient hat.