Ulrich Kerner
Chirac in London
In den Augen mancher Beobachter ist die Todesverachtung,
mit der Chirac britisches Rindfleisch zu sich nimmt,
fast schon bewundernswert. Dabei enthüllt der
Besuch des französischen Präsidenten in England
in dieser Hinsicht kaum Neues. Ist doch seine Todesverachtung
zumindest seit Amtsantritt und Wiederaufnahme der französischen
Atomversuche bekannt. Schon als Pariser Bürgermeister
war er an die Grenze gegangen: Wer sich an die rigorose
Selbstverachtung erinnert, mit der er sich vor laufender
Kamera, z.B. Christos Anliegen gegenüber, in Geschmacksfragen
als perfekter Utilitarist entblößte, weiß
es schon länger: Chirac schreckt vor keinem Manöver
zurück, das seinen Ruf als Kostgänger des
eigenen Images festigt.
In Deutschland sagt man, daß politische Repräsentanten
gelegentlich in den sauren Apfel beißen müssen,
um auf dem diplomatischen Bankett bestehen zu können.
Für Chirac scheint es keine sauren Äpfel
zu geben. Sein Lächeln ist von immer gleichbleibender
Süße. Der Beobachter ahnt: So genießt
sich selbst nur einer, der keine Nerven hat, somit
auch keine Geschmacksnerven. Das macht ihn als Vertilger
von Geschmacklosigkeiten für die Medien so interessant.
Andere Staatsoberhäupter werden die britische Speisekarte
mit Interesse lesen und ihre Schlüsse daraus ziehen.
Und man wird damit rechnen können, daß Chirac
in Zukunft auch in Washington, Berlin und Moskau lächelt:
Wenn Clinton ihm zu kalifornischem Champagner die offiziellen
Forschungsergebnisse der Langzeitstudie überreicht,
die nach den Atomversuchen der 50er Jahre an den Verstrahlten
durchgeführt wurde; wenn Kohl ihm bei Cognac aus
deutschen Landen die Salzstöcke in Gorleben anpreist;
wenn Jelzin ihm endlich reinen russischen Wein über
die Haltbarkeit des Sarkophags in Tschernobyl einschenkt.
All dies wird Chirac mit derselben Todesverachtungschlucken,
mit der er auch in London gezeigt hat: Was kann mir
jetzt noch geschehen? Schließlich bin ich ja
zum französischen Präsidenten gewählt
worden, obwohl meine Gespräche mit Christo und
Jeanne-Claude gesendet wurden. Und so manches politisch
Unverdauliche mehr.