Lutz Meiser
Hi(gh) Qualm
Der amerikanische Zigarettenkonzern Reynolds wundert
sich darüber, daß die militanten Nichtraucher
in den USA auch Front gegen die neueste Zigarettenmarke
des Hauses machen. Militanz aus Prinzip?
Wer sich darüber wundert, daß auch eine Zigarette
wie "Hi.Q" auf prinzipielle Ablehnung stößt,
der hat von dem anhaltend schwelenden Kampf gegen das
Rauchen ebensowenig begriffen wie von der Lust des
Qualmens. Wie kann man überhaupt glauben, die
Entwicklung einer Zigarette wie "Hi.Q" könne
den Zigarettenmarkt revolutionieren? Als könne
ein kleines Stückchen mit Nikotin angereicherten
und von Isoliermasse umgebenen Kohlenstoffs am Stengel,
der nichts als heiße Luft produziert, die Vernichtung
eines Objektes wie der Zigarette simulieren? Darauf
fallen weder Raucher herein, noch deren Feinde.
Reynolds hat die falschen Berater. Sagt diesem Konzern
denn niemand, daß die Gruppe der taktil Süchtigen
- also derer, die ihren Genuß beim Befingern
eines Stäbchens finden - im Verhältnis zu
den oral Süchtigen, bei denen es um die Stimulierung
anderer erogener Zonen geht, verschwindend gering ist?
Die neue Marke muß ein Flop sein.
Und wenn die Pressesprecherin von Reynolds sich über
die militanten Nichtraucher beschwert, so hat sie auch
von deren Genuß nichts begriffen. Alle Welt wundert
sich über die "prinzipielle" Ablehnung
Rauchern gegenüber. Da greift einer zur Zigarette,
in einem Straßencafé, zwischen dessen
Tischen die Autoabgase nur so wabern. Und er wird wegen
seines Rauchens angemacht. Was also ist der Genuß
militanter Anti-Raucher? Wir lassen das zunächst
als Preisfrage offen. Doch wie bei jeder Preisfrage
gibt es eine kleine Hilfestellung: Könnte es sein,
daß militante Nichtraucher es einfach nicht ertragen
können, anderen bei der offensichtlichen Befriedigung
zuzuschauen, die sie beim Frönen ihrer Lust finden?
Manchem fällt nichts schwerer, als den anderen
ihren Genuß zu lassen. Vielleicht wirft das auch
ein etwas anderes Licht auf puritanistische Tendenzen,
die die USA der Gegenwart prägen. Wer öffentlich
seine Perversion praktiziert (denn das Rauchen ist
eine solche), der gehört in den USA inzwischen
genausowenig ins Straßenbild wie ein Exhibitionist.
Was aber ist mit all jenen Voyeuren, die nur darauf
warten, einer Perversion angesichtig zu werden? Wenn
die Entwicklung in den USA so weitergeht, sind sie
bald arm dran. Sie werden sich dann das nächste
Opfer suchen müssen. Wie wäre es mit all
denen, die in Straßencafés hemmungslos
das Beobachten genießen?