Werner Nolte
Vor dem "gesellschaftlichen Großkonflikt"
Es rauscht nicht mehr im Deutschen Wald. Politik und
Wirtschaft, meint der DGB, treiben Raubbau mit den
Ressourcen. Dem entspricht die Wortwahl: Der Forderung
nach sozialer Gerechtigkeit folgt die Warnung vor "sozialem
Kahlschlag". Das Bild von der drohenden Erosion
verwüsteter sozialer Beziehungen soll den Verantwortlichen
bedeuten, daß sie Gesellschaft behandeln wie
Natur. (Und wir alle wissen, daß die immer schlecht
behandelt wird und daß das schlecht ist.) Doch
es bleibt nicht bei der Beschwörung der Folgen
einer Rodungspolitik: "Wer auf sozialen Kahlschlag
setzt, belebt das Gespenst von Weimar", warnt
DAG-Chef Issen die Bundesregierung. Der Beobachter
kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das
Rauschen im Deutschen Wald einem gewissen Raunen Platz
gemacht hat. Was ist das "Gespenst von Weimar"?
Glauben die Gewerkschaften, daß Politiker und
Unternehmer unter die Okkultisten gegangen sind?
Bildsprache und Anspielungsreichtum der gewerkschaftlichen
Rhethorik in allen Ehren - warum wird nicht Klartext
geredet? Weil zur Verteidigung von gewerkschaftlichen
Errungenschaften klare, schlagkräftige Argumente
und Aktionen nötig wären? Und weil sich angesichts
des "Volksfestcharakters" des samstäglichen,
sonnigen Spazierganges die Frage stellt, wer sie hören
und durchführen soll? Was auffällt: Vor dem
"gesellschaftlichen Großkonflikt" wird
gewarnt, als ob er gefürchtet wird und vermieden
werden soll. Schlägt hier die Saturiertheit durch,
die in Jahren der konzertierten Aktionen zahnlos gemacht
hat? Der gesellschaftliche Großkonflikt ist längst
da. Gewerkschaftlich ausgetragen aber wird er mit Luftballons
und Spaziergängen, neuerdings "Korsos"
genannt, immer wieder Sonntags - aber diesmal war da
ja das Fußballspiel. Sogar die Politik muß
den Gewerkschaften angesichts solcher Streitbarkeit
zur Hilfe kommen, und vom "Druck der Straße"
reden. Obwohl Hintze dann doch etwas dick aufträgt,
wenn er die DGB-Aktionen als "total überzogen
und als reinen Aktionismus" schönredet.
Ja, merkt man denn in den Gewerkschaften nicht, daß
sich Helmut Kohl und sein politischer Ziehsohn, in
nicht weniger herablassender Art, über die Handlungsstrategien
der Gewerkschaften lustig machen? Wenn das so weitergeht,
hat Issen doch den Nagel auf den Kopf getroffen: Die
Arbeiterbewegung erscheint nur noch als Gespensterzug,
als Karikatur dessen, was doch alle haben wollen, aber
leider nicht bekommen, weil sie die "bösen
Sachzwänge" umtreiben: ihre Ruhe.