Text-Nummer: 0052

Schaltung am: 17.06.1996
Rubrik(en): Politik
Umfang des Textes in Zeichen: 2499
Verfasser(in): Werner Nolte
Geschrieben am: 17.06.1996
Kürzel: Nol
Originaltitel: Vor dem "gesellschaftlichen Großkonflikt"
Copyright: Werner Nolte
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am:
Übersetzer(in):
Copyright Übersetzung:
Diskussion/Leserbriefe:

Werner Nolte

Vor dem "gesellschaftlichen Großkonflikt"

Es rauscht nicht mehr im Deutschen Wald. Politik und Wirtschaft, meint der DGB, treiben Raubbau mit den Ressourcen. Dem entspricht die Wortwahl: Der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit folgt die Warnung vor "sozialem Kahlschlag". Das Bild von der drohenden Erosion verwüsteter sozialer Beziehungen soll den Verantwortlichen bedeuten, daß sie Gesellschaft behandeln wie Natur. (Und wir alle wissen, daß die immer schlecht behandelt wird und daß das schlecht ist.) Doch es bleibt nicht bei der Beschwörung der Folgen einer Rodungspolitik: "Wer auf sozialen Kahlschlag setzt, belebt das Gespenst von Weimar", warnt DAG-Chef Issen die Bundesregierung. Der Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das Rauschen im Deutschen Wald einem gewissen Raunen Platz gemacht hat. Was ist das "Gespenst von Weimar"? Glauben die Gewerkschaften, daß Politiker und Unternehmer unter die Okkultisten gegangen sind?
Bildsprache und Anspielungsreichtum der gewerkschaftlichen Rhethorik in allen Ehren - warum wird nicht Klartext geredet? Weil zur Verteidigung von gewerkschaftlichen Errungenschaften klare, schlagkräftige Argumente und Aktionen nötig wären? Und weil sich angesichts des "Volksfestcharakters" des samstäglichen, sonnigen Spazierganges die Frage stellt, wer sie hören und durchführen soll? Was auffällt: Vor dem "gesellschaftlichen Großkonflikt" wird gewarnt, als ob er gefürchtet wird und vermieden werden soll. Schlägt hier die Saturiertheit durch, die in Jahren der konzertierten Aktionen zahnlos gemacht hat? Der gesellschaftliche Großkonflikt ist längst da. Gewerkschaftlich ausgetragen aber wird er mit Luftballons und Spaziergängen, neuerdings "Korsos" genannt, immer wieder Sonntags - aber diesmal war da ja das Fußballspiel. Sogar die Politik muß den Gewerkschaften angesichts solcher Streitbarkeit zur Hilfe kommen, und vom "Druck der Straße" reden. Obwohl Hintze dann doch etwas dick aufträgt, wenn er die DGB-Aktionen als "total überzogen und als reinen Aktionismus" schönredet. Ja, merkt man denn in den Gewerkschaften nicht, daß sich Helmut Kohl und sein politischer Ziehsohn, in nicht weniger herablassender Art, über die Handlungsstrategien der Gewerkschaften lustig machen? Wenn das so weitergeht, hat Issen doch den Nagel auf den Kopf getroffen: Die Arbeiterbewegung erscheint nur noch als Gespensterzug, als Karikatur dessen, was doch alle haben wollen, aber leider nicht bekommen, weil sie die "bösen Sachzwänge" umtreiben: ihre Ruhe.


Wenn Sie diesen Text als Datei im Rich Text Format downloaden wollen, so finden sie ihn im Ragman's Rake Reservoir unter derselben Rubrik und Textnummer.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]