Urs Köhnen
Gesichtsverlust verhindert?
Das öffentliche Säbelrasseln in der deutsch-chinesischen
Auseinandersetzung über die Haltung gegenüber
tibetischen "Sonderinteressen" findet an
einer Schamgrenze statt: Es ist die Grenze, an der
diplomatische Kotaus und gehobene Zeigefinger zu einer
Unverschämtheit gegenüber mündigen Bürgern
werden. Niemand nimmt die Vorgänge offenbar ernst.
Der deutsche Botschafter in China gibt eindeutig zu
verstehen, daß Chinas Politiker eigentlich gute
Beziehungen wünschen, aber im Falle Tibet gar
nicht anders können. Der Bundesverband der Deutschen
Industrie setzt selbstbewußt darauf, daß
es sich hier um Theaterdonner handelt. Geht es nur
um die hohe Kunst, sich selbst vor einem Gesichtsverlust
zu bewahren?
Abgesehen davon, daß es immer noch um das Selbstbestimmungsrecht
eines annektierten Landes und seiner Bevölkerung
geht, zeigt die allerorten zur Schau getragene Gelassenheit
in der "Chefsache" China, daß hinter
den Kulissen alles seinen geregelten Gang geht. Es
ist ganz einfach: China hat ein Interesse an der deutschen
Wirtschaft und die deutsche Wirtschaft hat ein Interesse
an China. In Bezug darauf liegt Tibet letztlich im
Himalaya, und dieses Wissen spiegelt sich in den Gesichtern
chinesischer Politiker nicht weniger wider, als in
denen ihrer deutschen Handelspartner. Wenn also die
Zornesmasken gefallen sein werden, wird sich zeigen,
daß niemand sein Gesicht verloren hat. Es sei
denn der mündige Bürger, der glaubte, daß
eine politische Drohgebärde irgendeine andere
Bedeutung hatte als zu zeigen, daß man der Grimasse
mächtig ist.