Hans Tennstedt
Der Rest geht nicht auf.
Die Rechenexempel der Neuen Rechten.
Es ist die Relativierungen des Werts von Pogromen und
Greueltaten, Folter und Mord, Erniedrigung und Gnadenlosigkeit,
Haß und Wut, Intoleranz und Arroganz, Idealisierung
und Vernichtung die Parteigänger der sogenannten
Neuen Rechten betreiben. Es ist das, was ihre Kritiker
Verharmlosung nennen. Und es ist das, worauf die Diskussion
von Historikern über Vergleichbarkeit und das
Unvergleichliche letztlich zielt. Indem das Unvergleichliche,
das Beispiellose, an Wert verliert, wird es vergleichbar.
Und das heißt nichts anderes als: Es wird austauschbar.
Deshalb werden "Vorgänge" der "zwölf
Jahre" (wie die Zeit des NS und seine Exzesse
in Kreisen von Burschenschaften zum Beispiel gerne
genannt werden) von Vordenkern der Neuen Rechten mit
einer Währung verglichen, mit der eine Schuld
beglichen werden soll, die in keinem Verhältnis
zum Wert der Ereignisse selbst stehe. Deshalb rechnen
Experten der Neuen Rechten gerne vor, daß die
Rechnung nicht stimme. Und deshalb behaupten ihre Kritiker,
daß sie vom Nachdenken nichts wissen wollen.
Zur Relativierung des Wertes dessen, was von und für
die Zeit des NS zählt, gehört es, das Unvorstellbare
berechenbar zu machen und das heißt: vorstellbar.
Deshalb werfen die Buchhalter der Neuen Rechten den
Archivaren der unzähligen Morde vor, "nicht
bis drei zählen zu können". (Warum sagen
Sie "bis drei"? Darauf wird zurückzukommen
sein.) Sie sagen es selbst: "Die Vergasungen sind
unvorstellbar; und deshalb können die Zahlen nicht
stimmen." Das sagt aber nichts anderes, als daß
die Logik der Vergleichbarkeit auf die Logik des Unvergleichlichen
nicht anwendbar ist. Für das Unvergleichliche
gibt es kein Äquivalent. Solches Nachdenken geht
den Vordenkern der Neuen Rechten über den Horizont.
Deshalb verwechseln sie Nachdenken mit Nachrechnen
und deshalb kann ein Agitator wie Haider vor Ehemaligen
des SS sagen: Wir mögen nicht den politischen
Einfluß haben, der uns zusteht, zahlenmäßig
mögen wir in der Minderheit sein, aber unsere
Rechnung wird trotzdem aufgehen, denn wir verfügen
über den wertvolleren Geist. Deshalb glauben die
Neuen Rechten, ihnen solle dauernd ihre Verstrickung
in Schulden vorgerechnet werden. Und deshalb haben
sie Angst davor, man würde eines Tages fordern,
sie sollten sie begleichen. Deshalb erschöpft
sich die Rhetorik der Neuen Rechten in der Aufstellung
einer ausgeglichenen Bilanz, mit der sie das drohende
Jüngste Gericht abwehren wollen, das sie mit einer
Steuerprüfung verwechseln.
Warum sprechen Agitatoren der Neuen Rechten dauernd
von der Fälschung von Zahlen? Weil sie spüren,
daß es einen Unterschied zwischen dem Zählbaren
und den Unzähligen gibt. Sie können es sich
nicht vorstellen, daß das Unvergleichliche, daß
Zahllosen durch die Furie der Austilgung durch die
Nazi-Schergen widerfuhr, nicht gegen etwas anderes
verrechenbar ist: etwa die Austilgung von "deutschen"
Soldaten durch den Krieg. Deshalb bemühen sich
Redakteure der "Neuen Freiheit" um Verrechnungsargumente.
Und sie nennen das "gerechte Erinnerung".
Daß ihr Begriff von Gerechtigkeit einer der doppelten
Buchführung ist, der das Unvergleichbare auf den
kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, darf man ihnen
nicht vorrechnen, denn sie werden das eine Fälschung
nennen. Deshalb muß man es ihnen buchstabieren,
vor allem aber jenen, die den Rechenexempeln der Neuen
Rechten auf den Leim gehen.
Der Unterschied zwischen Aufrechnung des Unvergleichlichen
in Variablen der Vergleichbarkeit und Buchstabierung
des Unvergleichlichen als Aufspürung des Getilgten
ist es, der den immer wieder geforderten Dialog zwischen
der Neuen Rechten und ihren Kritikern absurd erscheinen
läßt. Denn während für die Neuen
Rechten die Spuren, die die Numerierungen von KZ-Gefangenen
im Gedächtnis der Gegenwart hinterlassen haben,
Variablen sind, mit denen sich die "Verluste an
Deutschen" (!) aufrechnen lassen, gilt die Erinnerung
anderer buchstäblich jenem unvorstellbaren Rest,
der in solcher Rechnung nicht aufgeht. Es ist genau
dieser Rest, der den Neuen Rechten nur als Nichts zählt.
Und deshalb, genau deshalb stehen sie in der Tradition,
der sie sich selbst zurechnen.
Der Rest, um den es in der Erinnerung immer nur buchstäblich
gehen kann, bedürfte aber auch ihrer Alefbethisierung.
Denn es bedürfte einer Teilhabe an Formen des
Erinnerns, die mit jenen in Deutschland tendenziell
ausgelöscht wurden, die sie auch als Eingedenken
praktizierten. Es handelt sich um ein Eingedenken,
daß weder dem Nachrechnen mancher rechter Vordenker,
noch auch dem Nachdenken mancher ihrer Kritiker, die
den Rechten den Rest vorzurechnen versuchen, vertraut
ist. Es handelt sich zum Beispiel um ein Eingedenken,
wie es Walter Benjamin jenen Historisten buchstabiert
hat, die sich um Vergangenes bemühen, "wie
es denn eigentlich gewesen ist". Solcherart aber
läßt es sich nur durch Vergleiche gewinnen.
Deshalb zählen die Neuen Rechten darauf, daß
sich das Äquivalenzdenken durchsetzt. Und in der
Tat durchsetzt es die Diskurse - bis hin zu den Berechnungen,
die Erinnerungsleistungen zugrundegelegt werden sollen.
Fast wäre das Denkmal für Benjamin in Port
Bou an solchem Etatgebaren gescheitert. Für das
Eingedenken ist es eine Frechheit, das Konzept eines
Holocaust-Mahnmals in Berlin an eine Kalkulation seiner
Baukosten zu knüpfen.
Das Selbstbewußtsein der Neuen Rechten rührt
daher, daß sie spüren, auf dem rechten Weg
zu sein. Denn auf dem rechten Weg ist man offenbar
immer, wenn es bei der Begleichung einer Schuld um
die Frage geht, ob die Verhältnismäßigkeit
gewahrt bleibt. Deshalb erscheint den Neuen Rechten
jedes Eingedenken als maßlos; jedes Buchstabieren
der Erinnerung in welcher Form auch immer als Ausdruck
der Unzurechnungsfähigkeit; jede Gefahr, die Durchmischungen
mit sich bringen, als Unberechenbarkeit; jede sprachliche
Darstellung außerhalb ihres eigenen Kalküls
als Addition von Äpfeln und Birnen; jede Zurechenbarkeit
zum System der eigenen Gleichungen als Ausdruck des
deutschen Geistes; jeder Hinweis auf den bleibenden
Rest als gefälschte Rechnung. Jede Aufgabe, die
in der Logik der Rechthaber nicht aufgeht, gilt als
unwahr gestellte - und der Gedanke, warum sie vielleicht
nur als falsch gestellt erscheint, als Abweichung.
Deshalb gilt es, den neuen Rechten neue Aufgaben zu
stellen. Zum Beispiel die Lösung der folgenden
Gleichung:
Man kann auf die Erinnerung zählen, aber nicht
damit rechnen. Man kann in der Erinnerung rechnen,
aber nicht darauf zählen. Der Rest: Das Eingedenken,
das zählt und sich doch nicht rechnet.