Carsten Wilp
Sport und Gesellschaft
Der Sport ist ein Spiegelbild der ganzen Gesellschaft?
Es scheint so. Zumindest der Fußball wird zum
Symbol der Welt im Kleinen. "Identifikation"
lautet das Wort, das mehr und mehr Moderatoren in den
Schatz ihrer spielübergreifenden Analysen aufgenommen
haben. Auch ihnen aber scheint die Welt nur scheinbar
wieder rund, nachdem sich mit dem FC Bayern München
der "Meister der Verlierer" und mit Borussia
Dortmund der "wahre" Deutsche Meister gefunden
hat. Denn nun wendet sich die Aufmerksamkeit den kleinen
Helden zu. Spieler von Hansa Rostock und dem FSV Zwickau
werden zu "Hoffnungsträgern ganzer Regionen".
Zugleich rollen die Trainerköpfe weiter. Was geschieht?
Die Jungs arbeiten und strampeln sich ab. In allen
Vereinen. Da aber nur einige gewinnen können (wie
im richtigen Leben) und einige verlieren müssen
(dito), es aber eigentlich nicht dürfen können
sollen, müssen dauernd "Verantwortliche"
gemacht werden. Wer aber mag schon Hoffnungsträger
verantwortlich machen? Zumal für die Tatsache,
daß schon der Zweite ein Verlierer ist? Ganz
oben mitzuspielen: Das wird als Hoffnung von Regionen
gekennzeichnet.
"Identifikation" ist heute das Wort für
die Überspielung der Hoffnungslosigkeit. Jetzt
kennt es jeder. Und wie bei jeder Illusion müssen
letztlich Köpfe rollen, damit sie aufrechterhalten
werden kann. Jeder könnte ein Meister sein, wenn
es nur den großen Mann gäbe, der richtig
führte. Solche Zeiten treiben den sportpolitischen
Napoleonismus hervor. Wie könnte sich triftiger
die Auffassung bewahrheiten, daß sich die Geschichte,
wenn sie sich wiederholt, dieses immer als Farce tut.
Und weil nicht nur Otto der Große, auf dessen
niederer Herkunft alle hämisch herumhacken, in
solchen Zeiten ein "Emporkömmling" ist,
sondern jeder Trainer, ob "Sir" oder Leiter
eines "Freudenhauses", muß ja wohl
einer versuchen, sich und dem Spiel die Krone selbst
aufzusetzen. Wenn also das Gerede von der "Identifikation"
und den "Hoffnungsträgern von Regionen"
Schule macht, dann wird sich wohl auch bald im "richtigen
Leben" wieder jemand selbst als Kaiser proklamieren.
Gut, daß es die Jungs aus dem Ruhrgebiet gibt,
könnte man meinen. Allerdings nur, bis irgendein
findiger Moderator darauf stoßen wird, daß
das ganze Fußballspiel nur noch aus "Söldnertruppen"
besteht. Und niemand sollte sich darüber beklagen,
daß "Putsch" und "Handstreich"
dann auf der Tagesordnung stehen. Wer den Fußball
als ein Objekt ansieht, das das politische Vakuum ausfüllt,
der kann sich die Folgen nicht aussuchen: Wenn er mit
einem großen Knall implodiert.