Carsten Wilp
Verschwörung im Fußball
Wenn die Nerven blank liegen, dann entsteht bisweilen ein Kurzschluß. Manchmal auch ein kollektiver. Wie in Chemnitz. Die unglückliche Situation des letzten Spieltages mag dabei durchaus an den Nerven der Chemnitzer Fans gescheuert haben. Zwei Bochumer Vereine gaben scheinbar nicht gerade ihr Bestes, um dem Chemnitzer FC den Klassenerhalt in der Zweiten Liga zu sichern. Insider wissen es natürlich längst: Der Aufstieg des Vfl Bochum und der Abstieg der SG Wattenscheid trägt bestimmt nicht dazu bei, die Rivalität zwischen den beiden Bochumer Vereinen zu mindern. Ein Komplott zu vermuten, ist also schon aufgrund des örtlichen Verhältnisses zwischen diesen Vereinen absurd. Dennoch bleibt die Tatsache, daß der Gedanke an eine Schiebung überhaupt aufkommen konnte. Die Nerven liegen blank und die Fans schreien heraus, was sie denken: "Wir wollen die alte DDR-Oberliga zurück. Wir brauchen diese Westvereine nicht." Tief sitzt die Enttäuschung auch über den Anschluß des DDR-Fußballs. Und kleinste Zufälle lassen hervorbrechen, daß die gegenwärtige Fußballwelt ebensowenig durch einen ausgewogenen Spielplan entstanden ist, wie der Staat und das Land, von dem sie ein Teil ist. Während des ersten deutschen Gruppenspiels bei der Europameisterschaft in England wurde von Zuschauern eine große Fahne der ehemaligen DDR gezeigt. Man beginnt also, in vielerlei Hinsicht, Flagge zu zeigen. Zu spät. Auch wenn sich jetzt erst zeigt, daß das Recht, die Welt zu Fußballspielen uneingeschränkt bereisen zu können, nicht alles ist.