Text-Nummer: 0064

Schaltung am: 28.06.1996
Rubrik(en): Wirtschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 2364
Verfasser(in): Moritz Weber
Geschrieben am: 28.06.1996
Kürzel: Wr
Originaltitel: Zweierlei Maß?
Copyright: Moritz Weber
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Moritz Weber

Zweierlei Maß?

Nein, man wird nicht von "zweierlei Maß" sprechen können, das die Weltbank in ihren Stellungnahmen zum G-7-Gipfel in Lyon anlegt, wenn sie einerseits die Lohnpolitik in den neuen deutschen Bundesländern kritisiert, andererseits von "neuer globaler Partnerschaft" spricht und dazu auffordert, den ärmsten Ländern ihre Schulden zu erlassen. Und wer würde die neuen Bundeländer als "Entwicklungsländer" bezeichnen, ohne sich dafür den Vorwurf des Zynismus gegenüber wirklich armen Ländern einzuhandeln? Insofern können die Bundesländer also nicht gemeint sein, wenn die Bundesregierung von einem "fairen Lastenausgleich" zwischen führenden Industriestaaten spricht, insofern es um Entwicklungshilfe geht. So paradox es auch anmuten mag: Auch der deutsche Osten gehört zu den reichen Ländern.
In der Tat haben in all diesen Bereichen unterschiedliche Maßstäbe zu gelten, auch wenn dies manche Betroffene in den neuen Bundesländern nicht wahrhaben wollen. Durch ihren schnellen Anschluß an die Bundesrepublik wurden sie vor der Entscheidung bewahrt, ob drastische wirtschaftliche Reformen, ob "big bang" also, wie Weltbankpräsident Wolfensohn es mit Blick auf Polen nennt, oder ob allmähliche Reformen richtig sind. Die Politik der "Anpassung" (auch der Löhne) ist eine unmittelbare Folge des überstürzten "Anschlusses", der einen Übergang "vom Plan zum Markt" als Umbruch zu umschiffen versuchte. Die Weltbank sagt es genau: Durch den Anpassungsdruck ist im Osten Deutschlands ein luxuriöses Gewächshaus entstanden, bevor eine Bestandsaufnahme gemacht wurde, was überhaupt Früchte tragen konnte und was nicht. Nun stehen dessen Erbauer nicht nur angesichts der neuesten Hermes-Studie vor der Frage, ob sie nicht eigentlich einen Centerpark promotet haben. Die Zunahme der Insolvenzen von Unternehmen um 40 Prozent zumindest führt der Anpassungspolitik vor Augen, daß sie den Übergang des Plans in die Freizeitgesellschaft befördert hat. Ob aber 30 Prozent Arbeitslose sich den Aufenthalt in einem solchen Freizeitzentrum leisten können, wenn man aufhört, ihnen freien oder ermäßigten Aufenthalt zu gewähren, ist fraglich. Was droht, das ist ein gesellschaftlicher Konflikt, bei dem die Bewohner des ostdeutschen Glashauses auch dann nicht aufhören werden, mit Steinen zu werfen, wenn man Sie darauf hinweist, daß sie im Glashaus sitzen.


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