Christian Kupke
Geschlecht, Geschichte I
Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
für Heidrun Ostertag
Meine Damen und Herren! Im dritten seiner >Beiträge
zur Psychologie des Liebeslebens< verweist Freud
auf eine von ihm dort so bezeichnete "paläobiologische
Spekulation" Ferenczis1, die von den ansonsten
so fleißigen - ja überfleißigen -
Herausgebern der Studienausgabe keiner einzigen bibliographischen
Fußnote für wert befunden wurde und die
auch sonst, wenn ich recht sehe, nur wenig oder überhaupt
keine Beachtung gefunden hat. Jedenfalls, Freud hielt
sie einer Annotation für würdig, und zwar
in einem Zusammenhang, der ihre Bedeutung für
den psychoanalytischen Diskurs keineswegs mindert,
sondern vielmehr erhöht - und der, wenn Sie mir
diese Anmerkung gestatten, statt sie zu marginalisieren,
sie vielmehr in dasjenige Zentrum rückt, um das
Es sich überhaupt dreht, wenn wir von Psychoanalyse
reden2, und in dem sich zumindest noch zwei weitere
Spekulationen versammeln dürften: der Mythos vom
menschheits- und individualgeschichtlichen Vatermord
und das "Es war einmal" des Vorganges der
mythischen Verneinung3. - Diesen Zusammenhang möchte
ich Ihnen zunächst, anhand zweier Zitate, kurz
darstellen und damit den Rahmen abzustecken versuchen,
in dem Sie die dann folgenden Bemerkungen meines kleinen
Vortrages - ich hoffe, problemlos - werden eintragen
können.
Es geht um nicht mehr und um nicht weniger als um die
strukturierende Bedeutung des Kastrationskomplexes
für den sogenannten "Kampf der Geschlechter"4.
Um eine Strukturierung, die zugleich gequert wird durch
einen doppelten Binarismus, der sie selber, wenn auch
nicht zu sprengen, so doch zu relativieren droht: zum
einen durch die Binarität bzw. durch den von Freud
im zweiten seiner >Beiträge< behaupteten
Parallelismus von Impotenz und Frigidität5 - wobei
die Aufgabe darin besteht, die Frigidität über
den methodischen Weg der Annahme des Penisneids dem
Kastrationskomplex einzuordnen6 - und zum anderen durch
die mit diesem Parallelismus eng verknüpfte Binarität
einerseits der für diesen Komplex zur begrifflichen
Grundlage gewordenen Kastration und andererseits der
auf diese wiederum nicht unmittelbar zu reduzierenden
Defloration.
Dem Problem, das sich hier stellt, versucht sich Freud
zunächst - wie so oft - durch die Anführung
eines literarischen Beispiels bzw. genauer einer literarischen
Gestalt zu nähern, - in diesem Fall der Gestalt
der Judith in Hebbels Tragödie >Judith und
Holofernes<. Er schreibt: "Judith ist eine
jener Frauen, deren Virginität durch ein Tabu
geschützt ist. Ihr erster Mann wurde in der Brautnacht
durch eine rätselhafte Angst gelähmt und
wagte es nie mehr, sie zu berühren. "Meine
Schönheit ist die der Tollkirsche", sagt
sie. "Ihr Genuß bringt Wahnsinn und Tod."
Als der assyrische Feldherr ihre Stadt bedrängt,
faßt sie den Plan, ihn durch ihre Schönheit
zu verführen und zu verderben, verwendet so ein
patriotisches Motiv zur Verdeckung eines sexuellen.
Nach der Defloration durch den gewaltigen, sich seiner
Stärke und Rücksichtslosigkeit rühmenden
Mann findet sie in ihrer Empörung die Kraft, ihm
den Kopf abzuschlagen, und wird so zur Befreierin ihres
Volkes. Köpfen ist uns als symbolischer Ersatz
für Kastrieren wohlbekannt; danach ist Judith
das Weib, das den Mann kastriert, von dem sie defloriert
wurde, wie es auch der von mir berichtete Traum einer
Neuvermählten wollte."7
Eben im Kontext der Diskussion dieses Traumes einer
Neuvermählten, "der sich als Reaktion auf
ihre Entjungferung erkennen ließ", führt
nun aber Freud die Ihnen vorhin genannte paläobiologische
Spekulation Ferenczis an: "Er [der Traum, C.K.]
verriet ohne Zwang den Wunsch des Weibes, den jungen
Ehemann zu kastrieren und seinen Penis bei sich zu
behalten. ... Hinter diesem Penisneid kommt nun die
feindselige Erbitterung des Weibes gegen den Mann zum
Vorschein, die in den Beziehungen der Geschlechter
niemals ganz zu verkennen ist und von der in den Bestrebungen
und literarischen Produktionen der "Emanzipierten"
die deutlichsten Anzeichen vorliegen. Diese Feindseligkeit
des Weibes führt Ferenczi - ich weiß nicht,
ob als erster - in einer paläobiologischen Spekulation
bis auf die Epoche der Differenzierung der Geschlechter
zurück. Anfänglich, meint er, fand die Kopulation
zwischen zwei gleichartigen Individuen statt, von denen
sich aber eines zum stärkeren entwickelte und
das schwächere zwang, die geschlechtliche Vereinigung
zu erdulden. Die Erbitterung über dies Unterlegensein
setze sich noch in der heutigen Anlage des Weibes fort.
Ich halte es für vorwurfsfrei, sich solcher Spekulationen
zu bedienen, solange man es vermeidet, sie zu überwerten."8
Wie aber - so möchte ich doch vorab fragen - soll
diese Vermeidung statthaben ? Führt man den Mythos
im Rahmen einer Wissenschaft an, die sich ihres wissenschaftlichen
Status' keineswegs sicher ist, so wird er eben damit
auf-, die Wissenschaftlichkeit dieser Wissenschaft
aber abgewertet; und führt man ihn nicht an, so
geht sie eben damit, als Psychoanalyse, fehl. Ich meine,
um diesem Dilemma zu begegnen - aber wohlgemerkt: ihm
zu begegnen, nicht es zu lösen -, gibt es nur
zwei Möglichkeiten: Entweder stellt die Psychoanalyse
das in ihrer Praxis sich herausstellende, sich ihr
aufdrängende Mythische immer wieder selber als
dasjenige heraus, um das Es ihr geht, begibt sich also
damit ihrerseits in jenes Zentrum des Mythischen, um
das Es sich dreht; oder aber - und sicherlich schließt
das eine das andere nicht aus - sie stellt sich in
ihrer Theorie der Logik dieses Mythischen, konfrontiert
sich mit anderen, vergleichbaren oder unvergleichlichen,
literarischen, philosophischen oder religiösen
Mythen und begreift sie im Hinblick auf ihr sprachliches,
begriffliches oder bildliches Funktionieren, das vielleicht
Gemeinsames, einen gemeinsamen Grundzug analoge oder
komplementäre Figuren aufweist und sich von daher
reintegrieren ließe, in das, was sich am Anfang
- oder am Ende - aller Psychoanalyse zu sedimentieren
hätte, in eine Logik des Signifikanten.
Diesen zweiten Weg - denn der erste, Sie wissen es,
wird schon seit langem begangen - diesen zweiten Weg
möchte ich Ihnen hier und im folgenden andeuten,
und zwar auf folgende Weise: Zunächst werde ich
Ihnen die von Ferenczi angestellte Spekulation kurz
darstellen und problematisieren, sie sodann ins Verhältnis
setzen zu einem der wohl bekanntesten Mythen der neueren,
aber immer noch klassischen Philosophie - demjenigen,
der im sogenannten Herr-und-Knecht-Kapitel der Hegelschen
>Phänomenologie des Geistes< niedergelegt
ist - und schließlich die Vergleichbarkeit dieser
Mythen selbst zum Thema machen, um Ihnen damit einen
ersten - aber auch wirklich nur einen ersten - Hinweis
zu geben einerseits auf das Verhältnis von Psychoanalyse
und Philosophie (einer Philosophie, die - Sie werden
es kaum glauben - die "Wette" hält9)
und andererseits auf jenen nicht nur psychoanalytisch,
sondern immer auch - und zugleich - philosophisch strukturierten
Rahmen, den ich Ihnen soeben mit den beiden Freud-Zitaten
angegeben habe.
Zunächst also die Darstellung und Problematisierung
der von Ferenczi angestellten paläobiologischen
Spekulation. - Ihr zufolge sollen wir uns die Erdoberfläche
in prähistorischer Zeit als noch gänzlich
von Wasser umgeben und alles pflanzliche und tierische
Leben deshalb als sich noch im Seewasser abspielend
vorstellen. Von dem Moment an aber, als, durch atmosphärische
und geologische Veränderungen bedingt, einzelne
Teile des Meeresbodens sich über die Wasseroberfläche
erheben, muß sich eine Reihe von Tieren an das
Luft- und Landleben anpassen und im Zuge dieser Anpassungsleistung
auch zwei eng miteinander zusammenhängende geschlechtsspezifische
Funktionen ausbilden: die Möglichkeit einer Befruchtung
unter dem Schutz des mütterlichen Leibes und die
einer Geburt außerhalb des Wassers.
Wer aber soll zum Träger dieser Funktionen werden
? Ferenczi zufolge kann dies nur in einem Kampf entschieden
werden, in welchem zwei zunächst gleichwertige
Kontrahenten - beide mit männlichem Geschlechtswerkzeug
- sich gegenübertreten und der eine von ihnen,
der Schwächere, vom anderen, dem Stärkeren,
gewissermaßen zur Frau und Mutter gemacht wird.
Wodurch ihm, wie Ferenczi sich ausdrückt, "das
passive Erdulden der Genitalität" und "die
Leiden und Pflichten der Mutterschaft" zugeschoben
werden, dieses fortan weibliche Geschlecht sich aber
dadurch entschädigt, "daß es [versteht],
aus Not und Leiden Frauen- und Mutterglück zu
schmieden".10
Leider kann ich, aufgrund der Kürze der Zeit, auf
das zumindest philosophisch Problematische dieses psychoanalytischen
Mythos nicht weiter eingehen, möchte Ihnen aber
vier Problempunkte nennen, die Ihnen vor allem den
Vergleich mit dem noch vorzustellenden philosophischen
Mythos, der "soziokulturellen Spekulation"
Hegels erleichtern sollen.
Da wäre zunächst als die ursprüngliche
Grundlage der Differenz von männlich und weiblich
die Existenz eines gemeinsamen männlichen Geschlechtswerkzeugs
zu nennen - gemäß der Freudschen und, wenn
ich richtig sehe, auch der Lacanschen Auffassung vom
prinzipiell männlichen Charakter der Libido und
eines vom Genitalprimat zu unterscheidenden Phallusprimats11.
Sodann muß der Prozeß der Differenzierung
selbst, Ferenczi zufolge, offenbar so gedacht werden,
daß die (männliche) Aktivität einer
der beiden Kontrahenten durch den anderen zum, wie
es heißt, passiven Erdulden der Genitalität
gewissermaßen verkehrt wird - wodurch nun die
Aktivität überhaupt erst zur Aktivität
im bestimmten Sinne, nämlich zum Anderen der Passivität
und der Mann überhaupt erst zum Mann, nämlich
zum Anderen der Frau wird.
Drittens müssen wir aber dadurch auch den sogenannten
Kampf der Geschlechter nurmehr als die in vielfältigen
Abwandlungen wiederkehrende Form des in diesem Mythos
beschriebenen ursprünglichen Kampfes bestimmen
- und zwar auf der Ebene einer schon ausdifferenzierten
Genitalität, auf welcher, wie Ferenczi es andeutet,
im wesentlichen der Defloration das beschriebene Ursprungsmoment
eignet.
Und schließlich müssen wir dem Mythos offenbar
auch noch das Ziel dieser immer wiederkehrenden Kämpfe
entnehmen können und es, obwohl es so nicht ausdrücklich
formuliert ist, dahingehend verstehen: daß beide
sich in ihrem als bestehend erachteten geschlechtlichen
Unterschied so zueinander verhalten können, daß
sie füreinander und miteinander sowohl das Faktum
der Kastration als auch das der Defloration, also ihren
beiderseitigen Mangel anzuerkennen vermögen. -
Warum ich die Zielbestimmung in dieser Weise formuliere,
werde ich Ihnen - wenn auch in diesem Vortrag vorerst
nur implizit - noch zu erläutern haben.
Zuvor aber, wie angekündigt, die Darstellung und
Problematisierung der von Hegel angestellten soziokulturellen
Spekulation. - Ihr zufolge müssen wir uns in prähistorischer
Zeit ein archaisches oder animalisches Subjekt denken,
das dadurch ausgezeichnet ist, daß es sich überhaupt
nur als Begierde konstituiert und in der vernichtenden
Aneignung natürlicher Gegenstände, d.h. in
der Befriedigung dieser Begierde sein eigenes Leben
erhält. Diese Befriedigung ist jedoch wie Hegel
zeigt, aufgrund der in der Natur vorherrschenden zeitlichen
Prozessualität und der Selbständigkeit jedes
einzelnen natürlichen Gegenstandes stets nur temporär
und partial und unterliegt deshalb, wie wir sagen können,
derjenigen Lust- und Unlust-Spirale, die, wenn ich
recht sehe, generell aller bloßen Bedürfnisbefriedigung
eignet.
Ob und wie dieser Kreislauf, wenn schon nicht durchbrochen,
so doch relativiert, die animalische Begierde zur anthropogenen
Begierde12 und die bloß vernichtende Aneignung
zur bewahrenden Anerkennung transformiert werden kann,
entscheidet sich nun auch hier, Hegel zufolge, in einem
Kampf, in welchem zwei gleichermaßen archaische
Subjekte - in animalischer Begierde - sich gegenseitig
zu vernichten drohen und sich der eine von ihnen dadurch
als der Schwächere erweist, daß er, wie
Hegel sagt, vom "selbständigen Sein",
d.h. von der ihn am Leben erhaltenden Natur "im
Kampfe nicht abstrahieren konnte und darum sich als
unselbständig, seine Selbständigkeit in der
Dingheit zu haben erwies", während der Andere,
der Stärkere von beiden, bereit war, nötigenfalls
sein Leben zu lassen, um als Sieger aus dem Kampf hervorzugehen.
Nun aber wird er vom Schwächeren als der Stärkere
anerkannt und kann eben deshalb, ohne noch den Anderen
vernichten zu müssen (und so in den animalischen
Zustand zurückzufallen), sich ihm gegenüber
in seiner Selbständigkeit behaupten, und zwar
so, daß seine eigene Bedürfnisbefriedigung
über diesen Anderen vermittelt und garantiert
ist. Dadurch aber wird er zum Herrn und der Andere
eben deshalb zum Knecht.13
Sicherlich wäre es auch hier interessant, nun umgekehrt
das zumindest psychoanalytisch Problematische dieses
philosophischen Mythos aufzuzeigen, möchte mich
aber ein weiteres Mal darauf beschränken, Ihnen
diejenigen vier Problempunkte zu benennen, von denen
aus es möglich sein müßte, die Relation
der beiden Mythen zueinander etwas genauer zu bestimmen.
Erstens ist die ursprüngliche Grundlage des Herrschafts-
und Knechtschaftsverhältnisses hier, im Gegensatz
zur Aktivität der Libido als Grundlage des Geschlechtsverhältnisses,
die Negativität der die beiden Subjekte gleichermaßen
auszeichnenden Begierde - entsprechend der Hegelschen
Auffassung vom prinzipiell negativen Charakter aller
Relationsverhältnisse und insbesondere derjenigen
- bestimmt negatorischen - Verhältnisse, in denen
sich ein Subjekt als Subjekt konstituiert.
Zweitens wird diese Negativität als die Negativität
einer der beiden Relata dadurch zur Positivität
verkehrt (wie im Mythos Ferenczis die Aktivität
zur Passivität), daß eines der beiden Subjekte,
nämlich der Herr, seine Negativität gewissermaßen
an den Knecht verliert, der nun nicht mehr nur, wie
im archaischen Zustand, durch die Befriedigung seiner
Begierde sein eigenes Leben, sondern auch noch das
des Herrn erhält.
Drittens sind die historischen Kämpfe zwischen
Sklaven und Herren, Leibeigenen und Adligen, Bürgern
und Regierenden oder allgemeiner zwischen beherrschten
und herrschenden Klassen auch hier, wie die Geschlechterkonflikte,
die in vielfältigen Modifikationen wiederkehrenden
Formen jenes ursprünglichen Kampfes auf Leben
und Tod - und zwar auf der Ebene einer schon etablierten
Geschichtlichkeit, auf der, wie wir spätestens
seit Foucault wissen, eine jede Form der Unterwerfung,
der Subjektivierung sich als eine Antwort darstellt
auf die Frage nach dem "Recht über den Tod"
und der "Macht zum Leben"14.
Und viertens kann offenbar auch diesem Mythos noch das
mögliche Ziel solcher historischen Kämpfe,
das sogenannte Ende der Geschichte15 entnommen, wenn
auch nicht wirklich aus ihm abgelesen werden, nämlich
dies: daß beide Seiten sich in den aus ihrer
geschichtlichen Herkunft begründeten sozialen
und kulturellen Unterschieden dennoch derart zueinander
verhalten können, daß sie sich als freie,
füreinander unabhängige und miteinander selbständige
Subjekte oder, in Hegels Worten, sich als gegenseitig
sich Anerkennende anzuerkennen vermögen16.
Wenn ich Ihnen nun im folgenden die Vergleichbarkeit
der soeben dargestellten Spekulationen selber noch
eigens problematisiere, will ich sie doch zunächst
vor einer allzu schematischen Überlagerung, ja
einer geradezu imaginären Identifizierung der
beiden Mythen ausdrücklich warnen. Denn wenn auch
die ursprüngliche Aktivität in der Spekulation
Ferenczis der ursprünglichen Negativität
in der Spekulation Hegels, die dieser Negativität
entgegengesetzte und entsprungene Binarität von
negativ und positiv der jener Aktivität gleichfalls
entgegengesetzten und entsprungenen Binarität
von aktiv und passiv zu entsprechen scheint; und wenn
es auch vielfache Parallelen geben mag zwischen dem
Kampf der Geschlechter einerseits und den historischen
Kämpfen andererseits, der Anerkennung des gegenseitigen
Sich-Anerkennens hier und der beiderseitigen Anerkennung
des Mangels dort, so sollte Sie doch dies nicht dazu
verführen, das Verhältnis der beiden Verhältnisse
- des geschlechtlichen und des geschichtlichen Seins
- als ein direktes Äquivalenzverhältnis auszulegen
- derart, daß dem Mann in dem einen Verhältnis
der Herr in dem anderen und wiederum der Frau in dem
einen der Knecht in dem anderen gleichgesetzt werden
müßte.
Vielmehr, es scheint sich hier eher um eine asymmetrische
Symmetrie, um eine gewissermaßen horizontale
und vertikale Verschränkung der beiden Ebenen
zu handeln, in welcher das geschlechtliche Verhältnis
sich auf Seiten des Knechtes situiert und vielleicht
- aber ich bin mir dessen nicht sicher - als eine bestimmte
Form der Wiederkehr gerade des geschichtlichen Verhältnisses
ausgelegt werden müßte. Während womöglich
Sie - als AnalytikerInnen oder zumindest, wie ich,
als an der Psychoanalyse ernsthaft Interessierte -
zu der umgekehrten Version neigen könnten, nämlich
daß das geschichtliche Verhältnis auf Seiten
des Mannes, nicht aber, realhistorisch betrachtet,
sich auf Seiten der Frau situiert und eben deshalb
als eine bestimmte Form der Wiederkehr jenes ursprünglichen
Kampfes zweier Männer ausgelegt werden müßte.
Ich möchte diese und vielleicht auch noch andere
Interpretationsalternativen hier keineswegs entscheiden,
sondern Sie nur kurz auf diejenigen Argumente hinweisen,
die es mir zum mindesten unmöglich erscheinen
lassen, von einem direkten Äquivalenzverhältnis
auszugehen.
Da wäre zum einen die Tatsache zu nennen, daß
es sich in dem von Ferenczi mitgeteilten Mythos eigentlich
um einen "Kampf um das Leben" handelt, d.h.
um einen primär (paläo-)bio-logischen Kampf,
in welchem es um die Selbsterhaltung der Art, also
um Geschlechtlichkeit vorrangig im Sinne der Fortpflanzungsfunktion
geht; wohingegen der durch den Hegelschen Text dokumentierte
Mythos gerade umgekehrt einen "Kampf auf Leben
und Tod"17 beschreibt, in welchem Sie sich zwar
das Motiv der Selbsterhaltung als impliziert denken
müssen, aber doch zugleich als überformt
dadurch, daß es das zumindest nachträglich
zu erschließende Ziel dieses Kampfes ist, eine
grundlegende, wenn auch anfänglich noch verzerrte
Form von Selbstbestimmung auszubilden, - eine Form
von Selbstbestimmung, die auch hier, wie stets, über
den Signifikanten des Todes vermittelt ist.
Daraus läßt sich nun aber die weitere Tatsache
ableiten, daß sich entlang der signifikanten
Differenz von Leben und Tod, Selbsterhaltung und Selbstbestimmung
dem Verhältnis der beiden Verhältnisse noch
weitere Differenzen einschreiben lassen. So - zum zweiten
- die Differenz einer unterschiedlichen Positionierung
und Transpositionierung der Aktivität und der
Passivität auf der einen und der Negativität
und der Positivität auf der anderen Seite. Während
nämlich im Mythos Ferenczis der Schwächere
durch den Stärkeren, wie ich mich - darin an die
objektivierende Defloration erinnernd - ausdrückte,
zur Frau gemacht wird, der Sieger also die Aktivität
des Besiegten zur Aktivität aktiv verkehrt, wird
im Hegelschen Mythos der Stärkere gerade durch
den Schwächeren - darin an die subjektivierende
Kastration erinnernd - zum Herrn gemacht, die Negativität
des Siegers also durch die Aktivität des Besiegten
(hier durch dessen aktive Bindung an das selbständige
Sein) insofern zur Positivität verkehrt, als der
Schwächere seiner Vernichtung durch den Stärkeren
gerade zuvorkommt und so dem eigentlichen Sieg, der
animalischen, nicht aber der anthropogenen Begierde,
entgeht.
Durch dieses Zuvorkommen und Entgehen, das im geschlechtlichen
Verhältnis kein Äquivalent besitzt, ist aber
- zum dritten - offenbar auch in der Zielbestimmung
der beiden Mythen noch ein wesentlicher Unterschied
festzuhalten. Denn wenn die Transpositionierung der
Negativität im Herr-und-Knecht-Verhältnis
den Herrn an den Ort der Positivität, also an
den des Gesetzes oder des Bestehenden fixiert und ihn
damit zur Passivität, zum bloßen Anerkanntwerden
und reinen Genuß verurteilt (während der
Knecht am Ort der Negativität und der Aktivität,
der Subversion des Gesetzes und des formierenden Sich-selbst-Setzens
sich positioniert)18, so kann das Ziel der historischen
Auseinandersetzung eines solchen Verhältnisses
offensichtlich nur darin bestehen, daß die Ungleichheit
dieses Verhältnisses zu einem Verhältnis
von Gleichen durch den Knecht selber nun ihrerseits
transponiert, also der Mangel aufgehoben wird.
Das aber setzt letzten Endes die Hegelsche Spekulation
vollends in Gegensatz zu der von der Psychoanalyse
vertretenen Position. Denn dieser zufolge besteht erstens
weder die Notwendigkeit noch auch zweitens überhaupt
die Möglichkeit, den Mangel aufzuheben, sondern
nur die, ihn anzuerkennen. Erstens, weil durch die
Anerkennung des beiderseitigen Mangels es möglich
erscheint, in der faktisch bestehenden Ungleichheit
beider dennoch ihre Gleichheit oder jene Ungleichheit
selbst als Gleichheit geltend zu machen; und zweitens,
weil zwar die ursprüngliche Aktivität des
Einen im Kampf diejenige des Anderen zur Passivität
verkehrt, damit nun aber auch diejenige des Einen nurmehr
als verkehrte Passivität, nämlich im Gegensatz
zur verkehrten Aktivität des Anderen bestimmt
ist und mithin beide in diesem Verkehrten, in diesem
Mangel sich wiederfinden, ohne über ihre Verkehrung
selber noch einmal "Herr" werden zu können.
Sie sind darin miteinander gefangen und über die
Differenz, innerhalb dieses Mangels, auch allererst
füreinander befreit; während sie in der Hegelschen
Version aus ihrer Gefangenschaft sich allererst befreien
sollen und auch erst dadurch, aus der geschichtlichen
Differenz heraus, füreinander befreit wären.
Mithin, was die philosophische Spekulation Hegels voraussetzen
muß, daß durch eine zweite Verkehrung der
ersten, im Wendungspunkt der Dialektik19, das ungleiche
Verhältnis von Herr und Knecht zu einem Verhältnis
von Gleichen transponiert, der Knecht über dieses
Verkehrte selber "Herr" wird, - diese Realutopie
ist für die Psychoanalyse bloß eine Illusion.
Und daß sie für die Psychoanalyse bloß
eine Illusion ist, das bezeichnet wahrscheinlich den
tiefsten Unterschied der beiden Spekulationen - und
vielleicht gar den Unterschied zwischen Psychoanalyse
und Philosophie überhaupt.
Erster Teil der revidierten schriftlichen Fassung eines Vortrages, gehalten in der Psychoanalytischen Assoziation am 14.2.1990
Anmerkungen
Vgl. Freud, Das Tabu der Virginität, Studienausgabe
Bd.V, S.225
2Vgl. Lacan, Encore, Berlin 1986, S.47f.
3Zu diesem "Es war einmal" (vgl. Lacan, Schriften
III, Olten 1980, S.197) paßt es, wenn Ferenczi
betont, daß er "Lust" hätte, seine
Mythos vom Ursprung der Genitalität "lieber
in Märchenform zu erzählen" (vgl. Ferenczi,
Männlich und weiblich, in: Bausteine zur Psychoanalyse,
Bd. III, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1984, S.457). - Zum
Zusammenhang der in >Totem und Tabu< und im Aufsatz
>Die Verneinung< dargestellten Mythen, in welchen
der Mythos Ferenczis erst noch eingeschrieben werden
müßte, vgl. Edith Seifert, Was will das
Weib ?, Berlin 1987, S.14ff. u. S.21ff.
4Vgl. Freud, Das Tabu der Virginität, a.a.O., S.227;
außerdem: Freud, Über infantile Sexualtheorien,
Studienausgabe Bd.V, S.181
5Vgl. Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung
des Liebeslebens, Studienausgabe Bd.V, S.204
6Vgl. Freud, Das Tabu der Virginität, a.a.O., S.224
7Ebd., S.226f.
8Ebd., S.225
9Vgl. Satzung der psychoanalytischen Assoziation "Die
Zeit zum Begreifen" (Fassung vom 21.1.1989), S.3
10Die Darstellung dieses Mythos findet sich in dem bereits
in Anm.3 angeführten Text von Ferenczi >Männlich
und weiblich<, S.453-467, hier v.a. S.457ff.
11Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Studienausgabe
Bd. V, Frankfurt/M. 1972, S.123; ders., Die infantile
Genitalorganisation, Studienausgabe Bd. V, a.a.O.,
S.238; Lacan, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse
(Seminar-Band XI), Olten 1978, S.201ff.
12Vgl. zu diesem Begriffspaar: Alexandre Kojève,
Hegel - Kommentar zur Phänomenologie des Geistes,
Frankfurt/M. 1975, S.23 u. S.56f.
13Die Darstellung dieses Mythos findet sich in: G.W.F.Hegel,
Phänomenologie des Geistes, Werke in zwanzig Bänden
Bd.III, Frankfurt/M. 1970, S.143f. u. S.148-150
14Vgl. das Kapitel >Recht über den Tod und Macht
zum Leben<, in: Michel Foucault, Sexualität
und Wahrheit Bd.I (Der Wille zum Wissen), Frankfurt/M.
1977, S.159ff.
15Vgl. Alexandre Kojève, Introduction à
la lecture de Hegel, Paris 1947; hierzu, mit den wichtigsten
Stellen: Vincent Descombes, Das Selbe und das Andere,
Frankfurt/M. 1981, S.37ff.
16Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O.,
S.147
17Vgl. ebd., S.149
18Vgl. ebd., S.151 u. S.153f.
19Vgl. G.W.F.Hegel, Wissenschaft der Logik, Werke in
zwanzig Bänden Bd.VI, Frankfurt/M. 1970, S.