Text-Nummer: 0002

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 40940
Verfasser(in): Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: CK
Originaltitel: Geschlecht, Geschichte II. Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
Copyright: Christian Kupke
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Diskussion/Leserbriefe:

Christian Kupke

Geschlecht, Geschichte II
Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie

Meine Damen und Herren! Im ersten Teil meines Vortrags zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie1 hatte ich Ihnen zwei Mythen vorgestellt: den die geschlechtliche Differenz von männlich und weiblich begründenden psychoanalytischen Mythos Ferenczis und den die geschichtliche Differenz von Herr und Knecht begründenden philosophischen Mythos Hegels. Im Zuge ihrer Explikation hatte ich Ihnen sodann einige Begriffe eingeführt: ursprüngliche Aktivität, anfängliche Verkehrung zu Aktivität und Passivität, Kampf der Geschlechter und Anerkennung des Mangels auf der einen Seite (der Seite des geschlechtlichen Seins) und ursprüngliche Negativität, anfängliche Verkehrung zu Negativität und Positivität, historischer Kampf und Anerkennung des gegenseitigen Sich-Anerkennens auf der anderen Seite (der Seite des geschichtlichen Seins). Zuletzt hatte ich diese Begriffsfelder auf ihre mögliche Deckungsgleichheit oder -ungleichheit hin befragt und darauf verwiesen, daß es allzu leichtfertig wäre, über den vielfältigen strukturellen Identitäten der beiden Mythen deren zentrale inhaltliche Differenzen zu vernachlässigen: ihr unterschiedliches Erklärungsziel (das ich Ihnen an der signifikanten Differenz von Leben und Tod verdeutlichen wollte), die Differenz in der Positionierung und Transpositionierung von verkehrter Aktivität und Passivität, verkehrter Negativität und Positivität und schließlich das inhaltlich unterschiedene Telos der in den beiden Mythen dargestellten Verhältnisse, das ich in dem einen Fall als Anerkennung der Verkehrung und im anderen Fall als Aufhebung der Verkehrung bezeichnet habe.
Nun wird es darum gehen, die damit eröffneten und zueinander ins Verhältnis gesetzten Begriffsfelder in diesem ihrem Verhältnis zueinander zu konkretisieren. Dazu möchte ich Ihnen als erstes den Mangel erörtern, der das Herr-und-Knecht-Verhältnis auszeichnet, und zwar anhand der Begriffe "Ohnmacht" und "Unmacht", die mir applikabel zu sein scheinen auf das, was ich einerseits das Anerkennungs- und andererseits das Befriedigungsverhältnis der beiden Subjekte nennen möchte; sodann diesem Mangel, der der Mangel des geschichtlichen Seins ist, den Mangel des geschlechtlichen Seins gegenübersetzen, der sich, Freud zufolge, in der "psychischen Impotenz des Mannes" und in der "Frigidität der Frau" manifestiert und der in gleicher Weise sowohl das Anerkennungs- als auch das Befriedigungsverhältnis von Mann und Frau betrifft. Und zum Schluß möchte ich Ihnen dann auch diese Gegenüberstellung noch einmal resümieren und Ihnen daraus meine, wenn auch nur kurzen und vorläufigen Schlußfolgerungen mitteilen.

Zunächst also die Darstellung des sich im geschichtlichen Verhältnis manifestierenden Mangels. - Diesen Mangel, den Hegel mit dem Begriff der Ungleichheit nur so qualifiziert, daß er damit überhaupt das Verhältnis als Ganzes qualifiziert2, möchte ich Ihnen etwas genauer mit den die Verhältnisglieder als solche kennzeichnenden Begriffen Ohnmacht und Unmacht umschreiben - derart, daß in dem Verhältnis von Herr und Knecht das eigentlich unmächtige Subjekt, entsprechend seiner im ersten Teil meines Vortrags bereits festgestellten Passivität und Positivität, der Herr ist und das eigentlich ohnmächtige Subjekt, entsprechend seiner vom Herrn nur auf ihn transponierten, also von diesem abhängigen Aktivität und Negativität, der Knecht. Denn der Herr positioniert sich zwar, dem Wortsinne nach, am Orte der "Herr_schaft"; er ist, weil er zur Preisgabe seines Lebens bereit war, sowohl der "Herr-scher" über dasjenige Sein, von dem der Knecht im Kampfe nicht abstrahieren konnte, als auch damit der "Herr-scher" über diesen Anderen, der ihm darin zuvorkam. Er ist also überhaupt der Inhaber der Macht und insofern nicht, wie der Knecht, ohne Macht, nicht ohn-mächtig. Aber insofern er dadurch zugleich abhängig geworden ist von der Arbeit des Knechtes und also über das (Herrschafts-) Verhältnis als solches nicht - oder doch zumindest nicht alleine - verfügen kann, ist die im vorherigen Kampf auf Leben und Tod, im "Krieg der beiden Subjekte" deutlich gewordene Dynamik der Machtbeziehungen im "Rahmen" dieses Verhältnisses zugleich erstarrt und blockiert, und das heißt als Herrschaftsverhältnis nun ihrerseits positiviert: als die positive Macht des Bestehenden3. Und umgekehrt gewinnt zwar der Knecht vermöge seiner ihn selbst bildenden und die Natur formierenden Arbeit eine sich mehr und mehr konkretisierende Macht über sich selbst und die Natur; er wird, wie Hegel sagt, >>über die allgemeine Macht und das ganze gegenständliche Wesen mächtig<<4. Aber diese Macht akkumuliert und konkretisiert sich dem Text zufolge doch nur in der >>Zucht des Dienstes und [des] Gehorsams<<5, verbleibt also im Medium der ebenso abstrakten wie totalen Macht der Herrschaft. Sie ist, als die in die Herrschaft eingeschlossene Macht des Knechtes, Ohn_Macht im Sinne eines Nicht_Seins, nämlich des Nichtseins am Platze des Herrn, und die Macht des Herrn dagegen Un-Macht im Sinne eines Seins, nämlich des Fixiertseins an den Ort der Herrschaft.

Den auf solche Weise grundsätzlich zu kennzeichnenden Mangel möchte ich Ihnen nun der Kürze halber anhand von vier Thesen etwas genauer verdeutlichen.
Erstens: Das Befriedigungsverhältnis war zunächst, unter den Strukturierungsbedingungen der animalischen Begierde, als ein duales Verhältnis bestimmt, in welchem ein einzelnes, archaisches Subjekt sich dadurch am Leben erhielt, daß es in der vernichtenden Aneignung natürlicher Gegenstände diese seine Begierde (paradigmatisch hier: seinen Hunger6) befriedigte. Nun aber, unter den Strukturierungsbedingungen der anthropogenen Begierde, ist dieses ursprünglich duale Verhältnis von Subjekt und Natur zu einem triadischen Verhältnis, zur Relation Herr-Knecht-Natur erweitert und stellt deshalb aus der Perspektive des Knechtes ein doppelt duales oder zweiseitiges Verhältnis dar. Einerseits steht der Knecht in einem den Herrn zu einem selbständigen Subjekt unabhängig-setzenden, sich selbst aber dadurch und durch den Dienst an ihm abhängig-setzenden und also insgesamt in einem subjektivierenden Unterwerfungsverhältnis und andererseits in einem die Natur zu einem selbständigen Objekt positiv-setzenden, sich selbst aber dadurch und durch die Arbeit an ihr negativ-setzenden und also insgesamt in einem objektivierenden Aneignungsverhältnis. Also können, je nach Perspektive, entweder nur der Herr oder die Natur dasjenige positive Dritte im Gesamtverhältnis darstellen, über welches sich der Knecht mit seinem jeweils Anderen vermittelt: Der Herr wäre dieses Dritte gegenüber dem objektivierenden Aneignungsverhältnis von Knecht und Natur - maskulin: als der Dritte; und die Natur wäre dieses Dritte gegenüber dem subjektivierenden Unterwerfungsverhältnis von Herr und Knecht - feminin: als die Dritte.
Zweitens: Während der Herr aufgrund des ihn unabhängig-, den Knecht aber abhängig-setzenden Unterwerfungsverhältnisses sich einer hemmungslosen Begierde hingeben und deren von jeglicher Arbeit frei-gesetzte Befriedigung eben deshalb >>reine Negation<< oder reines Genießen sein kann, ist die Begierde des Knechtes gehemmt, weil sie sich nur durch eine im Unterwerfungsverhältnis als abhängig bestimmte Arbeit befriedigen kann. Aber zugleich ist dessen Genießen auch ein konkretes Genießen, weil diese Arbeit selbst wiederum - als objektivierende Aneignung - nicht nur ein die Natur formierendes, sondern ihn selbst zu einem fürsichseienden und selbständigen Subjekt bildendes Tun darstellt7. Anders, deutlicher oder systematischer gesagt: Im Übergang von den Strukturierungsbedingungen der animalischen zu denen der anthropogenen Begierde wird in die Lust- und Unlust-Spirale der animalischen Begierde mit dem doppelt dualen Verhältnis von Herr, Knecht und Natur zugleich auch die doppelte Differenz eines die eigene Lust und Unlust jeweils unterschiedlich reflektierenden Genießens eingeführt: einerseits die eines reinen Genießens, das fixiert ist an die Lust und das in der schnellstmöglichen, unmittelbaren Bewältigung seiner Unlust scheinbar höchste Lust erfährt, und andererseits die eines konkreten Genießens, das an die Unlust fixiert ist und das seine in beständig aufgeschobener, vermittelnder Bewältigung dieser Unlust erfahrene Lust nur als den "Lohn" dieses Aufschubes und dieser Vermittlung genießen kann.
Drittens: Da der in den ersten beiden Thesen anhand des Befriedigungsverhältnisses dokumentierte Mangel des geschichtlichen Seins offenbar begründet ist in einem ungleichen Anerkennungsverhältnis (der Knecht hatte ja seinen späteren Herrn als den Stärkeren und damit sich selbst als den Schwächeren nicht nur erkannt, sondern auch faktisch anerkannt), stellt sich der eigentliche historische Kampf philosophisch gesehen als ein Ringen um Anerkennung dar, und zwar - wie ich ihn hier nennen will - als ein Kampf im Begehren nach der Anerkennung des Anderen. Darunter verstehe ich dreierlei: nicht nur das Ringen darum, vom Anderen anerkannt zu werden (genitivus subjectivus), und auch nicht nur das Ringen darum, ihn selbst anerkennen zu können (genitivus objectivus), sondern als integratives Moment dieser beiden Formen auch schließlich darum, sich selbst "in" der eigenen Anerkennung "mit" der Anerkennung durch den Anderen zu "identifizieren" und so allererst das möglich zu machen, was ich Ihnen im ersten Teil meines Vortrags - dort vorerst noch vage - dialektisch als Anerkennung des gegenseitigen Sich-Anerkennens bezeichnet habe. Diese Integration des Anerkennens ist aber im Herr- und Knecht-Verhältnis den beiden Subjekten versagt, und zwar deshalb, weil - wie Hegel sagt - >>das eine nur Anerkanntes, das andere nur Anerkennendes<<8, also das nur anerkannte (passive) Subjekt, der Herr, ein nicht-anerkennendes und das nur-anerkennende (aktive) Subjekt, der Knecht, ein nicht-anerkanntes ist. Oder, wenn hier überhaupt von einem Anerkennungsverhältnis beider Seiten die Rede sein kann, dann offenbar nur so, daß der Herr den Knecht nur als anerkennenden und sich damit selber auch nur als nicht-anerkennenden anzuerkennen vermag, und daß umgekehrt der Knecht den Herrn nur als anerkannten und sich damit selber auch nur als nicht-anerkannten anzuerkennen vermag.
Viertens: Die aufgezeigte Reflexivität des Anerkennungsbegriffes macht es möglich, daß Anerkennen und Nicht-Anerkennen in einem bestimmten Sinne ihrerseits als Formen der Anerkennung erscheinen. Und in diesem bestimmten Sinne sind sie dann meiner Auffassung zufolge als Überschätzung und Geringschätzung zu verstehen. Demzufolge ist die unmächtige Position des Herrn dadurch ausgezeichnet, daß die Nicht-Anerkennung des Anderen, durch die sie sich konstituiert, in Wahrheit die Anerkennung eines minderwertigen Subjektes, also die soeben angeführte Geringschätzung bedeutet; während die ohnmächtige (Trans-) Position des Knechtes sich dadurch auszeichnet, daß die Anerkennung des Anderen, durch die sie sich konstituiert, dessen Anerkennung als eines höherwertigen Subjektes, d.h. eine Überschätzung bedeutet. - Dann aber muß offenbar der Mangel den beiden Subjekten selber auch als Mangel einsichtig werden können. Denn da der Herr nur durch ein aus seiner Perspektive minderwertiges Subjekt anerkannt wird, ihm also eine Anerkennung zuteil wird, die er seinerseits nur geringschätzen kann9, der Knecht aber in seiner Überschätzung des Herrn sich selber nur geringschätzen und also auch seine eigene Überschätzung nur als minderwertig einschätzen kann, dürfte beiden dadurch, wenn auch in einem langen geschichtlichen Prozeß - wie Hegel sagen würde: >>die Erfahrung werden<<, daß Anerkennung weder im Sinne eines ohnmächtigen Überschätzens noch auch in dem eines unmächtigen Geringschätzens wahrhafte Anerkennung sein kann (wahrhaft im Sinne eines Seinsollenden), sondern nur in dem eines seiner selbst mächtigen Anerkennens von Gleichen.

Nach dieser thesenhaft formulierten Übersicht, mit der ich Sie einmal mehr von der faktischen Struktur des geschichtlichen Verhältnisses zu dem in ihm implizierten und intendierten Telos geführt habe, komme ich nun, in ähnlicher Weise, zur Darstellung des sich im geschlechtlichen Verhältnis manifestierenden Mangels. - Dieser Mangel wird in der Psychoanalyse im allgemeinen als "psychische Impotenz" und, wenn die Verhältnisglieder als solche gekennzeichnet werden sollen, einerseits als "psychische Impotenz des Mannes" und andererseits als "Frigidität der Frau" bezeichnet. Wobei ich Sie gleich vorab darauf hinweisen möchte, daß ich diese Begriffe hier nicht so verwenden will und - als Philosoph - auch keineswegs so verwenden kann, wie sie in vornehmlich psychologisch ausgerichteten Untersuchungen zur Beschreibung einer je vereinzelt auftretenden Störung herangezogen werden und wie auch Ferenczi sie noch in zwei dem Thema gewidmeten Aufsätzen verwendet10. Vielmehr, sie sollen mir hier zur Kennzeichnung derjenigen allgemeinen Störung dienen, die Freud im Blick hat, wenn er im zweiten seiner bereits angeführten >Beiträge< darauf verweist, daß >>alle in Betracht kommenden ersichtlichen Momente, die starke Kindheitsfixierung, die Inzestschranke, die Versagung in den Jahren der Entwicklung nach der Pubertät, bei so ziemlich allen Kulturmenschen als vorhanden anzuerkennen sind<<, und daß er daher berechtigt sei anzunehmen, >>daß die psychische Impotenz ein allgemeines Kulturleiden und nicht die Krankheit einzelner sei<<11. Nur als dieses allgemeine Kulturleiden scheint sie mir nämlich überhaupt vergleichbar zu sein mit dem im historischen Verhältnis sich manifestierenden Mangel und weist nun auch in der Tat als solches einen Grundzug auf, der diesen Vergleich, wie Sie sehen werden, vollends zu rechtfertigen vermag. Ich meine die von Freud so bezeichnete >>Grundlage<< dieses Leidens, die, daß >>hier zwei Strömungen nicht zusammengetroffen (sind), deren Vereinigung erst ein völlig normales Liebesverhalten sichert, zwei Strömungen, die wir als die zärtliche und die sinnliche voneinander unterscheiden können<< und die im Verlauf der von Freud angestellten Untersuchung auch noch weitere Titel erhalten: himmlische und irdische (bzw. tierische) Liebe, Liebe und Begehren, psychische Wertschätzung und sinnliche Verliebtheit12.

Diesen Unterschied zweier gegenläufiger Strebungen, diese >>Liebesspaltung<<, wie Freud sagt, werde ich Ihnen nun - ebenfalls anhand von vier Thesen - in dasjenige Feld der Differenz einzuschreiben versuchen, das ich Ihnen soeben bei der Diskussion des Hegelschen Textes mit den Begriffen einerseits eines Befriedigungs- und andererseits eines Anerkennungsverhältnisses bezeichnet habe.
Erstens: Die Beziehung der beiden Geschlechter kann zunächst - so wie Freud sie betrachtet: unter den Bedingungen der bürgerlichen Privatsphäre, der Familie - als private Liebesbeziehung bezeichnet werden. Tritt im "Rahmen" dieses Liebesverhältnisses bei einem oder bei beiden Geschlechtern die psychische Impotenz als Störung ihres Sexualverhältnisses auf, so erfahren sie dieses monogame, duale Verhältnis als ein privatives, und es muß daher, sollen beide überhaupt in den Genuß sexueller Lust kommen, zu einem die Monogamie überschreitenden triadischen Verhältnis erweitert werden. Dies geschieht dadurch, daß nun zum einen der Mann in Beziehung tritt zu einer Geliebten oder einer zweiten Frau, also zu einer dem anfänglichen Verhältnis gegenüber weiblichen Dritten und zum anderen die Frau in Beziehung tritt zu einem Liebhaber oder einem zweiten Mann, also zu einem dem anfänglichen Verhältnis gegenüber männlichen Dritten13. Eben deshalb aber läßt sich auch hier von einem doppelt dualen oder zweiseitigen Verhältnis sprechen. Auf der einen Seite steht der Mann in einem manifesten Sexual- und in diesem Sinne nicht-privat(iv)en offenen Liebesverhältnis, das hier zugleich verstanden werden muß als ein die Frau zu einem lediglich sexuellen Objekt passiv-, den Mann aber dadurch ihr gegenüber aktiv-setzendes und also insgesamt objektivierendes Aneignungsverhältnis. Und auf der anderen Seite steht die Frau in einem inmanifesten Sexual- und in diesem Sinne nicht-privat(iv)en geheimen Liebesverhältnis, das hier zugleich verstanden werden muß als ein den Mann überhaupt erst als männlich und damit auch die Frau allererst als weiblich setzendes und also insgesamt subjektivierendes Unterwerfungsverhältnis14.
Zweitens: Während der Mann, wie der Herr im Hegelschen Text, sich einer ungehemmten Begierde hingeben kann und ihm die Befriedigung dieser Begierde deshalb, weil sich mit ihr die >>ursprüngliche [mithin phallische15, C.K.] Vollströmung<< der sinnlichen Strebung wieder geltend zu machen vermag16, ein unmittelbar phallisches Genießen ermöglicht, ist zwar die Begierde der Frau keineswegs vollends gehemmt, aber insofern sie den "Umweg" geht über das selber nicht-umwegige, phallische Genießen des Anderen, bleibt doch das ihr eigene Begehren realiter zielgehemmt17; und es ist daher auch das ihr selber mögliche Genießen nur ein, wenn auch mittelbar phallisches Genießen. Woraus sich nun für beide festhalten läßt: daß im Übergang von der privat(iv)en zur offenen oder geheimen Liebesbeziehung in die zuvor durch die Impotenz lediglich stillgestellte, und d.h. auf die Unlust fixierte Dynamik von Lust und Unlust auch hier die doppelte Differenz eines die eigene Lust überhaupt erst wieder erfahrbar machenden Genießens eingeführt wird: einerseits die eines unmittelbar phallischen Genießens, das fixiert ist an die eigene Lust und das in der direkten, nicht-umwegigen Befriedigung dieser Lust schließlich nur noch dadurch genießt, daß es den Anderen genießt, und andererseits die eines mittelbar phallischen Genießens, das fixiert ist an die Lust des Anderen und das in der dadurch indirekten, umwegigen Befriedigung eben dies vor allem genießt: daß es vom Anderen genossen wird.
Drittens: Aus dem bisher Gesagten werden Sie leicht entnehmen können, daß der psychoanalytisch verstandene Kampf der Geschlechter sich darstellen läßt als ein Ringen um den Genuß, als ein Kampf im Begehren nach dem Genuß des Anderen. Darunter verstehe ich auch hier dreierlei: einmal das Begehren darum, vom Anderen genossen zu werden (genitivus subjectivus), sodann das Begehren darum, ihn, diesen Anderen selbst, genießen zu können (genitivus objectivus) und schließlich als integrales Moment dieser beiden Formen auch darum, sich selbst "im" eigenen Genießen "mit" dem Genießen des Anderen "identifizieren" und so allererst der Anerkennung des beiderseitigen Mangels, des Mangels sowohl der Kastration als auch der Defloration fähig werden zu können. Eben dies ist aber den beiden Subjekten in dem aus der psychischen Impotenz wiederhergestellten Sexualverhältnis gerade versagt. Denn das Spezifische der männlichen Position im objektivierenden Aneignungsverhältnis ist ja gerade die - als Nicht-Anerkennung der Kastration zu verstehende - Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen. Und das Spezifische der weiblichen Position im subjektivierenden Unterwerfungsverhältnis ist zwar die - als Anerkennung der Defloration zu verstehende - Anerkennung des Genießens des Anderen. Aber diese Anerkennung eines anderen Genießens von seiten der Frau ist ja gerade bedingt durch die Nichtanerkennung des Genießens des Anderen von seiten des Mannes. Sodaß, wenn hier überhaupt von einem Anerkennungsverhalten im Befriedigungsverhältnis der beiden Subjekte die Rede sein kann, dies nur in folgender Weise möglich ist: Die Frau vermag den Mann nur als ein das Genießen des Anderen nicht-anerkennenden und sich damit selber auch nur als ein dieses Genießen anerkennenden Anderen anzuerkennen; und umgekehrt vermag der Mann die Frau nur als ein das Genießen des Anderen anerkennenden und sich damit selber auch nur als ein dieses Genießen nicht-anerkennenden Anderen anzuerkennen.
Viertens: Konnte das soeben ausgesprochene Telos einer Identifizierung mit dem Genießen des Anderen als basale Form von Anerkennung interpretiert werden, so können nun Anerkennen und Nicht-Anerkennen des Genießens des Anderen in einem bestimmten Sinne ihrerseits als Formen von dessen Anerkennung erscheinen. Und in diesem bestimmten Sinne sind sie dann meiner Auffassung zufolge - die Nicht-Anerkennung der Kastration auf der einen und die Anerkennung der Defloration auf der anderen Seite - auch hier einmal als Geringschätzung und sodann als Überschätzung zu verstehen. Das heißt, in den von Freud selber gewählten Termini: Der Mann gewinnt seine Potenz nur durch eine psychische Erniedrigung des Sexualobjektes wieder, ist also >>nur potent gegen .. Frauen, die er nicht >liebt<, geringschätzt oder selbst verachtet<<18; wodurch er die zärtliche Komponente der sinnlichen Komponente seiner Liebesstrebung unterordnet und solchermaßen seine Potenz als (sexuell-) sinnliche Empfindlichkeit bestimmt. Und die Frau gewinnt umgekehrt ihre Potenz nur durch eine psychische Erhöhung des Sexualobjektes wieder, ist also nur potent gegen Männer, die sie >liebt<, überschätzt oder bewundert19; wodurch sie die zärtliche Komponente der sinnlichen Komponente ihrer Liebesstrebung überordnet und auf diese Weise ihre Potenz als (sexuell-) zärtliche Empfindlichkeit bestimmt. - Muß aber dann nicht, so könnten Sie hier zurecht fragen, die These die sein, daß >>eines der Ideale des Sexuallebens<<, wie Freud es bestimmt: >>die Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt<<, also die >>Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen, irdischen Liebe<<20 hier gerade nicht erreicht ist? Vielmehr, stellt nicht die Aufhebung des Mangels der Impotenz selber wiederum einen Mangel dar; und wäre dadurch nicht bestätigt, was ich im ersten Teil meines Vortrags bloß behaupten, aber noch nicht nachweisen konnte: daß der von der Psychoanalyse vertretenen Position zufolge weder die Notwendigkeit noch auch die Möglichkeit besteht, den Mangel aufzuheben, sondern nur die, ihn anzuerkennen?

Leider kann ich auf die durch diese These aufgeworfene Frage - denn sie bedürfte schon als solche eines gesonderten Vortrages - hier nicht weiter eingehen, möchte sie aber dennoch zur Ausgangs-Frage einer zumindest vorläufigen Antwort und damit auch einer allerersten Schlußfolgerung machen.
Wenn von einer "Aufhebung" des Mangels hier in der Tat nur als von einem, den Hegelschen Aufhebensbegriff ironisch wendenden "Aufbewahren" und "Erhalten" des Mangels gesprochen werden kann21; und wenn daher die psychische Impotenz ein allgemeines Kulturleiden im Sinne eines historisch universellen Leidens darstellt, - wie kann Freud dann doch von einem (mit dem sogenannten Krankheitsgewinn der Neurotiker zu analogisierenden) Gewinn dieser Aufhebung des Mangels sprechen und diesen als >>unverkennbar hohe Befriedigung<< oder gar als >>vollen sexuellen Genuß<< fassen22? - Ich meine, nur dann, wenn man diese Befriedigung oder diesen Genuß - auf dem Hintergrund einer Theorie des Imaginären - als einen bloß in der Simulation und damit in einem simulativen Schein sich realisierenden auffaßt. In einer Simulation, die darin besteht, daß die durch die privat(iv)e Aufhebung des Mangels realiter gewonnene Befriedigung und die in der nicht-privat(iv)en Aufhebung dieses Mangels idealiter angestrebte Befriedigung sich in einer Weise ähneln, daß diese Ähnlichkeit zugleich als Identität erfahren wird. Und damit in einem simulativen Schein, den das Ich als das Subjekt des Bewußten nicht als einen "Betrug" (fraus) zu dechiffrieren vermag - denn wo wäre hier das Subjekt um seinen, ja gerade aus dem Gegensatz zur aktualen Impotenz hervorgehenden Genuß "betrogen"? -, sondern in welchem es als in einer "Täuschung" (illusio) gefangen ist und auch gefangen bleibt23. Anders gesagt: damit dieser Schein sich herzustellen vermag, muß in das sonst insuffiziente, ja inexistente Geschlechtsverhältnis24 eine Täuschung eingehen, durch welche "der, die oder das Andere" - von welchem ich Ihnen hier als dem jeweils "Dritten" gesprochen habe - als ein und dasselbe, nämlich als das Un des Unbewußten25 gewissermaßen in das Reale selbst eingebildet wird, muß in ihm ein imaginärer Tausch von einerseits sinnlich und andererseits zärtlich besetzten (Subjekt-) Objekten in dem Sinne stattfinden, daß das immer Andere - verkehrt zum Objekt klein-a - als das immer Selbe, nämlich als das eine ursprüngliche, unersetzliche und unwiederholbare Objekt imaginiert wird.

Ich kann, wie gesagt, auf diesen Punkt - denn er setzt bereits einen Großteil der Lacanschen Topologie des Imaginären voraus26 - nicht weiter eingehen, sondern möchte Ihnen vielmehr durch das nun folgende und bereits angekündigte Resümmee einige Kriterien an die Hand geben, die die gestellte Frage in anderer Weise erhellen und womöglich auch auf den Untertitel meines Vortrages noch ein anderes Licht werfen dürften.
Was habe ich getan? - Ich habe Ihnen, auf eine bewußt schematische Weise, den in der Hegelschen >Phänomenologie< analysierten Mangel der geschichtlichen Differenz: der Unmacht des Herrschenden und der Ohnmacht des Beherrschten, analogisiert mit dem in den Freudschen >Beiträgen< dokumentierten Mangel des geschlechtlichen Seins: der psychischen Impotenz des Mannes und der Frigidität der Frau. Und zwar nicht in der Absicht, Ihnen ein weiteres Mal die Vorstellung eines direkten Entprechungsverhältnisses zwischen geschichtlichem und geschlechtlichem Sein nahezulegen, sondern vielmehr: um auf der Folie dieser - zweifellos imaginären - Äquivalenz eine, auch schon im ersten Teil meines Vortrags sichtbar gewordene und in der symbolischen Verfassung von Psychoanalyse und Philosophie selber gegründete Differenz deutlich zu machen. Eine Differenz, die ich - scheinbar paradox - selbst noch anhand einer Analogie glaubte herausarbeiten zu können: anhand der Analogie zwischen der im Hegelschen Text deutlich gewordenen Relation eines Befriedigungs- und eines Anerkennungsverhältnisses zweier Subjekte und der in den Freudschen >Beiträgen< zur Grundlage erklärten Liebesspaltung zwischen einer sinnlichen und einer zärtlichen Strömung.
Paradox erscheint dies zunächst einmal deshalb, weil man ja argumentieren könnte: Insofern sowohl der Knecht als auch die Frau den Anderen oder das Genießen des Anderen gerade anerkennen würden, müßten sie doch als eher im Anerkennungsstreben sich situierende Subjekte angesehen werden; und insofern umgekehrt sowohl der Herr als auch der Mann den Anderen oder das Genießen des Anderen gerade nicht anerkennen würden, müßten sie als eher im Befriedigungsstreben sich situierende Subjekte angesehen werden. - Sicherlich, die von mir aufgewiesenen Entsprechungen legen diese Analogie von Knecht und Frau und von Herr und Mann auch nahe. Aber das Entscheidende ist doch hier, daß die vollständige Analyse ein dem direkten Entsprechungsverhältnis von geschlechtlichem und geschichtlichem Sein durchaus auch widersprechendes Verhältnis aufweist, nämlich dies: daß zumindest im Hinblick auf die gesuchte Aufhebung oder Anerkennung des Mangels der Knecht nicht mehr nur mit der Frau, sondern auch mit dem Mann analogisiert werden muß (entsprechend der von mir in meinem ersten Vortrag angeführten horizontalen und vertikalen Verschränkung der beiden Ebenen, in welcher das geschlechtliche Verhältnis auf seiten des Knechtes situiert und als eine bestimmte Wiederkehr des geschichtlichen Verhältnisses ausgelegt werden kann27). Denn wenn Hegel die Einlösung seiner Realutopie zwar vom Anerkennungsverhalten beider Subjekte, als Anerkennung des gegenseitigen Sich-Anerkennens erwartet, er aber doch, insofern vornehmlich der Knecht das im Anerkennungsstreben sich situierende Subjekt darstellt, diesen als den aktiven, revolutionären Motor der Geschichte bestimmt, muß dann nicht Freud die Einlösung des von ihm so genannten Ideals des Sexuallebens, der Synthese von sinnlicher und zärtlicher Liebe von der Aktivität gerade desjenigen Subjektes erwarten, das vornehmlich das im Befriedigungsstreben sich situierende Subjekt darstellt, nämlich vom Mann? - Nun, ich glaube in gewisser Weise schon. Die Ungleichheit im geschlechtlichen Verhältnis hatte ja zuletzt darin bestanden, daß, um überhaupt einer Befriedigung fähig werden zu können, nur die Frau das Genießen des Anderen anerkennen konnte, der Mann aber nicht. Und deshalb liegt es doch nahe anzunehmen, daß die Gleichheit des Verhältnisses allererst dann hergestellt werden kann, wenn auch der Mann das Genießen des Anderen anerkennen würde.
Andererseits aber - und das bitte ich Sie zu beachten - kann offensichtlich auch diese "Aufhebung" des Mangels nicht als ideal, sondern nur als eine im Grunde privat(iv)e Aufhebung verstanden werden. Ist doch das für den Charakter und die Struktur des Mangels entscheidende Indiz hier nicht allein der Dualismus von Anerkennung und Nicht-Anerkennung, sondern, wie ich Ihnen zeigen konnte, vor allem die Tatsache, daß die Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten der Frau bedingt ist durch die Nichtanerkennung des Genießens des Anderen von seiten des Mannes. Sodaß also, dieses Bedingungsverhältnis einmal vorausgesetzt, die dem soeben genannten Modell zufolge geforderte, kontrafaktische Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten des Mannes konsequenterweise zu einer Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten der Frau führen müßte. Oder, wenn Sie mir diese Ausdrücke hier erlauben: Das zunächst als "normal", weil nicht als privativ empfundene Ordinationsverhältnis der Geschlechter wäre, gerade durch die Erfahrung der Privation, als ein "chauvinistisches" Subordinationsverhältnis erkannt (bzw. zu einem solchen transformiert) und im Falle einer Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten der Frau zu einem "emanzipistischen" Subordinationsverhältnis bloß verkehrt. Es wäre, um es so zu sagen, bloß die spiegelbildliche Entsprechung des anderen Verhältnisses und als ein solches der Index einer Aggressions-und-Frustrations-Spirale28 zwischen den Geschlechtern, die die Ihnen schon bekannte Lust-und-Unlust-Spirale der animalischen Begierde auf einem höheren top(olog)ischen Niveau - dem Niveau des Imaginären - lediglich reproduzierte. Denn man wird annehmen können, daß die im chauvinistischen Subordinationsverhältnis aggressive, die Frau als Sexualobjekt sich aneignende Komponente des männlichen Sexualtriebes bei dieser eine frustratorische, und d.h. regressiv (in Richtung auf das Reale29) ent-täuschende Wirkung haben wird, daß sie sich aber im emanzipistischen Subordinationsverhältnis, das in gleicher Weise wie das chauvinistische auf der Täuschung eines vollen sexuellen Genusses beruht, ihrerseits aggressiv verkehren und ihre frustratorische Wirkung dem Anderen (als Objekt klein-a) zurück-spiegeln kann - derart, daß nun auch diese wiederum im Spiegel des Anderen sich reflektiert, ent-täuscht, zurück-spiegelt usw. usf., wenn nicht, statt in solch zirkulärer Aufhebung (sprich Wiedereinsetzung) des Mangels zu verbleiben, eine beiderseitige Anerkennung des Mangels, als symbolische, im Imaginären dessen Platz besetzte.
Wie aber sähe eine solche Anerkennung aus? Ich meine: sie wäre nicht als diejenige bloß basale Anerkennung zu fassen, die der Hegelsche Text, das Imaginäre bloß symbolisierend, beschreibt: als eine Logik des Imaginären und damit als die imaginäre Logik des >>gedoppelten Tuns<< beider Selbstbewußtseine: >>Jedes sieht das Andere dasselbe tun, was es tut; jedes tut selbst, was es an das Andere fordert, und tut darum, was es tut, auch nur insofern, als das Andere dasselbe tut.<<30 Denn diese Logik einer bewußtseinsorientierten Visualität und eines reflektorischen Zwanges ist ja gerade diejenige, derzufolge die Aufhebung des Mangels erreicht werden soll. Während die beiderseitige Anerkennung des Mangels nach dem psychoanalytischen Modell eine wesentliche Anerkennung in dem Sinne wäre, daß beide Geschlechter aus dem Zirkel der Illusion(en): einmal "Herr" werden zu können über die Verkehrung selbst, heraustreten und, das Symbolische realisierend, einander progressiv (in Richtung auf das Symbolische31) ent-täuschen.
Sicher, es ist damit keineswegs schon positiv ausgemacht, wie eine solche beiderseitige Anerkennung der Kastration überhaupt möglich ist - ob, psychoanalytisch formuliert, durch ein mit der Agnoszierung des Unbewußten vermitteltes, vielleicht gar aus der analytischen Erfahrung unmittelbar hervorgehendes symbolisches Handeln oder, philosophisch formuliert, durch eine auf reflexive Selbst- und Fremdverhältnisse nicht reduzierbare Freiheit. Aber eines scheint doch durch einen solchen Befund auf alle Fälle festzustehen: Die von mir so genannte Realutopie des Hegelschen Textes, die realistische Annahme einer vom Knecht zu durchlaufenden Emanzipationsgeschichte der Freiheit wäre diesem Befund zufolge nur eine Idealutopie, eine im Unendlichen dieser Geschichte sich spiegelnde Illusion und demgegenüber die schon angeführte Idealutopie des Freudschen Textes, die idealistische Annahme einer Synthese, einer Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt doch im vollen Sinne eine Realutopie, eine im endlichen Geschlechtsverhältnis jederzeit mögliche, zugleich aber auch notwendige faktische Koinzidenz beider Geschlechter.

Oder etwa nicht? Wer oder was, welches Subjekt und welche Begrifflichkeit bestimmt denn hier die Ideal- und die Realutopie als das, was sie sind oder sein sollen? Und wer oder was bestimmt den Umschlag der einen in die andere? Den Gewinn und den Verlust der Wette zwischen Psychoanalyse und Philosophie?
Lassen Sie mich an dieser Stelle, ohne daß ich eine andere und weitere Begründung anführen könnte als den nach ihrer formalen Seite gesamten bisherigen Verlauf meiner Analyse, einen letzten Gedanken anführen. Wenn, wie sich aus dieser Analyse nach ihrer inhaltlichen Seite ergeben zu haben scheint, die von der Philosophie gehaltene Wette der Psychoanalyse: daß die Subjekte ihre Wahrheit ausplaudern, ohne es zu wissen32, von der Philosophie wirklich verloren und von der Psychoanalyse gewonnen wäre, hieße das nicht - um hier sogleich, vielleicht etwas abrupt, in eine von Friedrich Schlegel auf den Begriff gebrachte Befürchtung zu schlüpfen: daß >>eben das, was ganze Nationen wie man sagt weibisch macht, die Weiber zu männlich machen könnte<<33? Daß der Gewinn der Wette durch die Psychoanalyse nur der verkehrte Verlust der Philosophie (...deren Ver-Lust) und umgekehrt eben dieser Verlust der Wette durch die Philosophie nur der verkehrte Gewinn der Psychoanalyse wäre? Und müßte dann nicht ein jeder Gewinn und ein jeder Verlust (wie auch immer Mann und Frau Es dreht und wendet, und wenn man nicht, wie gesagt, in dasjenige Zentrum rückt, um das Es sich dreht34) - in Wahrheit - nur die halbe Wahrheit sein35?

Zweiter Teil der revidierten schriftlichen Fassung eines Vortrags, gehalten in der Psychoanalytischen Assoziation am 14.2.1990;
in überarbeiteter Form erneut vorgetragen am 26.2.1992

Anmerkungen

Vgl. >Geschlecht, Geschichte - Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie<, in: Brief der psychoanalytischen Assoziation "Die Zeit zum Begreifen", Nr.7 v. 1. Oktober 1990, S.10-21
2Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in zwanzig Bänden Bd.III, Frankfurt/M. 1970, S.147 u. 152
3In dem dadurch angedeuteten Verständnis von Macht und Herrschaft folge ich einem Vorschlag Michel Foucaults, den dieser in einem Interview geäußert hat (vgl. ders., Freiheit und Selbstsorge, Frankfurt/M. 1985, S.11). Zu dem Gedanken, auf den ich darüber hinaus angespielt habe, daß die Grundlage des Machtverhältnisses die kriegerische Auseinandersetzung der Kräfte darstelle, verweise ich auf die von Michel Foucault im Collège de France gehaltenen Vorlesungen vom 7., 14., 21. und 28.1.1976, die veröffentlicht worden sind in: ders., Dispositive der Macht, Berlin 1978, S.55-95, und in: ders., Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin 1986.
4Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O.., S.155 (Hervorh. C.K.)
5Ebd., S.154
6Vgl. A. Kojève, Hegel - Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M. 1975, S.55
7Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S.151 u. 153f.
8Ebd., S.147
9Vgl. ebd., 152
10Vgl. Ferenczi, Analytische Deutung und Behandlung der psychosexuellen Impotenz beim Manne, in: Bausteine zur Psychoanalyse Bd.II, Frankfurt/M./Berlin/Wien 1984, S.203-221; und: Ferenczi, Wirkung der Potenzverkürzung des Mannes auf das Weib, ebd., S.287-291
11Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, Studienausgabe Bd.V, S.203 (Hervorh. C.K.)
12Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung..., a.a.O., S.200, 202 und 209. Vgl. auch: Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Studienausgabe Bd.V, S.105f. passim; außerdem: Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, Studienausgabe Bd.IX, S.104f.
13Vgl. Freud, Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Studienausgabe Bd.V, S.188f.; Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung..., a.a.O., S.204ff.; und: Freud, Das Tabu der Virginität, Studienausgabe Bd.V, S.225f.
14Freud spricht bezüglich des nicht-privat(iv)en offenen Liebesverhältnisses >>mit etwas Vergröberung<< von der >>Dirnenliebe<< (Über einen besonderen Typus..., a.a.O., S.188). Und bezüglich des nicht-privat(iv)en geheimen Liebesverhältnisses betont er mehrfach, daß die Frau, aufgrund der Nachwirkung einer für das männliche und weibliche Geschlecht unterschiedlichen Erziehung, >>oft die Verknüpfung der sinnlichen Betätigung mit dem Verbot nicht mehr auflösen (kann)<<, und daß sie deshalb ihre >>Fähigkeit, normal zu empfinden<< erst dann wiederzuerlangen vermag, >>sobald die Bedingung des Verbots in einem geheimen Liebesverhältnis wiederhergestellt ist<< (Über die allgemeinste Erniedrigung..., a.a.O., S.206; vgl. auch: Das Tabu der Virginität, a.a.O., S.223).
15Vgl. >Geschlecht, Geschichte...<, a.a.O., S.14
16Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.104 (Hervorh. C.K.); vgl. ebd., S.128f.
17Vgl. hierzu ebd., S.104f. u. 128ff.
18Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.105 (Hervorh. C.K.). Zum Begriff der "Erniedrigung" vgl. v.a.: Über die allgemeinste Erniedrigung..., a.a.O., bes. S.202f. u. 204f.
19Vgl. Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.129f.
20Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, a.a.O., S.106 (Hervorh. C.K.); und: Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.105
21Vgl. G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, Werke in zwanzig Bänden Bd.V, Frankfurt/M. 1969, S.113f.; vgl. auch: Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S.150
22Freud, Das Tabu der Virginität, a.a.O., S.221; und: Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung..., a.a.O., S.205
23Vgl. zu dieser >>subtilen Distinktion<< - mit den wichtigsten Zitatstellen: Theunissen, Sein und Schein, Frankfurt/M. 1980, S.356, und als Quelle: Kant, Kritik der reinen Vernunft, Werke (ed. Weischedel) Bd.II, S.308ff.
24Vgl. Lacan, Encore, Das Seminar Buch XX, Berlin 1986, v.a. S.43ff.
25Vgl. Lacan, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Das Seminar Buch XI, Olten 1980, S.32
26Vgl. zu dieser Thematik meinen Beitrag >Die Sanduhr oder die Zeit des Verstehens. Ein audiovisuelles Signifikantenspiel zur Lacanschen Topologie des Imaginären<, in: Delta Tau Eins. Zeitschrift für TopoLogik und StrömungsKunde, Berlin 1986, S.27-124
27Vgl. >Geschlecht/Geschichte...<, a.a.O., S.18
28Vgl. hierzu Lacans Ausführungen zur Triade Frustration, Aggressivität und Regression im sogenannten >Romvortrag<, in: Lacan, Schriften 1, Olten 1973, S.86ff.
29Vgl. hierzu Lacans Situierung des Hasses in der Fuge des Imaginären und des Realen, in: Lacan, Freuds technische Schriften, Seminar Buch I, Olten 1978, S.340
30Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S.146f. (Hervorh. C.K.)
31Vgl. hierzu Lacans Situierung der Liebe in der Fuge des Imaginären und des Symbolischen, in: Lacan, Freuds technische Schriften, a.a.O., S.340
32Vgl. die Satzung der psychoanalytischen Assoziation "Die Zeit zum Begreifen" (Fassung vom 21.1.1989), S.3
33F.Schlegel, Über die Philosophie, in: ders., Kritische Schriften und Fragmente, hrsg. v. E.Behler u. H.Eichner, Bd.2, Paderborn 1988, S.170
34Vgl. >Geschlecht,Geschichte<, a.a.O., S.12
35Vgl. Lacan, Radiophonie.Television, Berlin 1988, S.61


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