Text-Nummer: 0006

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 25521
Verfasser(in): Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: CK
Originaltitel: Freud, Ferenczi und Hegel. Referat einer Untersuchung zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie
Copyright: Christian Kupke
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Veröffentlicht von/am: Diskurier 4 (1994), Karlsruhe 1994, S. 47ff
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Christian Kupke

Freud, Ferenczi und Hegel. Referat einer Untersuchung zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie

Um eine Antwort zu finden auf die Frage nach dem Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie gibt es für jede Untersuchung prinzipiell zwei Wege: Zum einen kann man aus einer (sicherlich je unterschiedlichen und auch unterschiedlich gewichteten) Kenntnis sowohl des philosophischen als auch des psychoanalytischen Diskurses einige mehr oder minder generelle Beobachtungen mitteilen, die entweder die Konvergenz oder aber die Divergenz der beiden Diskursformen betonen. Und man kann zum anderen, auf der Grundlage konkreter Beispieltexte, auch anhand eines spezifischen Themas eine zumindest ausschnitthaft verläßliche Beurteilung des in Frage stehenden Verhältnisses zu formulieren versuchen.
Auf diesen zweiten Weg - denn der erste ist schon des öfteren eingeschlagen worden - habe ich mich das erste Mal 1990 in einem in der Berliner "Psychoanalytischen Assoziation - Die Zeit zum Begreifen" gehaltenen Vortrag begeben1 und dabei zeigen können, daß zwischen gewissen ursprungsspekulativen Mythen der Psychoanalyse und der Philosophie strukturelle Identitäten bestehen, die zumindest die These von der vollständigen Divergenz der beiden Diskursformen zweifelhaft erscheinen lassen. Die von mir in diesem Zusammenhang ausgewählten Texte waren folgende: zum einen derjenige Teil von Ferenczis Genitaltheorie, in welchem dieser seinen, von Freud als paläobiologische Spekulation bezeichneten Mythos vom Ursprung des geschlechtlichen Seins vorstellt2, und zum anderen das sogenannte Herr-und-Knecht-Kapitel der Hegelschen >Phänomenologie<, in welchem sich eine soziokulturelle Spekulation als Mythos vom Ursprung des geschichtlichen Seins ausmachen läßt3. Die Ergebnisse meines Vergleiches dieser beiden Texte möchte ich zunächst (in den ersten beiden Teilen) kurz vorstellen, um sodann einige Überlegungen zu referieren, die ich gleichfalls in der Psychoanalytischen Assoziation vorgestellt habe und die bislang noch nicht veröffentlicht wurden.

1. Beide, sowohl Ferenczi als auch Hegel, beschreiben in ihren Spekulationen zunächst den in einer mythischen Vergangenheit angesiedelten Urzustand, von dem aus sich der Übergang in den gegenwärtigen Zustand - also in genau denjenigen Zustand, über den der Mythos verständigen soll - gleichsam narrativ einholen läßt. Bei Ferenczi ist dieser ursprüngliche Zustand, gemäß der Freudschen und Lacanschen Auffassung vom prinzipiell männlichen, aktiven Charakter der Libido, die Existenz eines zwei archaischen Subjekten gemeinsamen männlichen Geschlechtswerkzeugs, also der Zustand einer ursprünglichen bzw. ursprungsmächtigen Aktivität; bei Hegel die zunächst bloß vernichtende Tätigkeit der animalischen Begierde, also, entsprechend seiner Auffassung vom prinzipiell negativen Charakter aller subjektiven Konstitutionsverhältnisse, der Zustand einer ursprünglichen bzw. ursprungsmächtigen Negativität.
Sodann wird der Übergang in den gegenwärtigen Zustand selbst beschrieben. Beide denken diesen Übergang als einen Kampf, und zwar so, daß der durch diesen Kampf herbeizuführende Zustand buchstäblich die Verkehrung des ursprünglichen Zustands darstellt: Bei Ferenczi wird einer der beiden Kontrahenten zur Mutter oder Frau "gemacht", die - männliche - Aktivität des einen also, indem sie die Aktivität des anderen "erleidet", zur Passivität verkehrt; und bei Hegel wird einer der Kontrahenten "gezwungen", durch die Befriedigung seiner Begierde nicht mehr nur sein eigenes Leben, sondern auch noch das des anderen zu erhalten, die Negativität der Begierde dieses anderen also, indem er sie an den Knecht "delegiert", zur Positivität verkehrt.
Auf dieser Grundlage können Ferenczi und Hegel den gegenwärtigen Zustand des geschlechtlichen und des geschichtlichen Seins als einen antagonistischen Zustand beschreiben: Ferenczi, indem er mit Freud das von der Psychoanalyse als Kampf der Geschlechter beschriebene konfliktuelle Verhältnis von Mann und Frau glaubt zurückführen zu können auf die in jenem ursprünglichen Kampf erlittene Kränkung; und Hegel, indem er die geschichtlichen Kämpfe zwischen Freien und Sklaven, Adligen und Leibeigenen, Regierenden und Bürgern in der durch jenen ursprünglichen Kampf hergestellten Struktur von Herr und Knecht gegründet sein läßt.
Schließlich erlaubt ihnen die konkrete Analyse des solchermaßen mythisch hergeleiteten Zustands auch noch gewisse Rückschlüsse auf das allgemeine Telos, also das Ziel der jeweiligen Antagonismen (das man, je nach Perspektive, entweder als "Utopie", als "Ideal" oder aber als das "Seinsollende" des geschlechtlichen bzw. geschichtlichen Seins bezeichnen kann). Für Ferenczi läßt sich dieses Ziel so formulieren: daß beide Geschlechter in ihrem Unterschied sich so zueinander verhalten, daß sie ihren beiderseitigen Mangel anzuerkennen vermögen; und für Hegel: daß beide Subjekte sich als freie und selbständige Subjekte oder, in Hegels Worten, sich als gegenseitig sich Anerkennende anzuerkennen vermögen.

2. Bevor ich weiter unten die näheren Gründe für diese unterschiedlichen Formulierungen erläutern werde, möchte ich zunächst nach dem Status der gewonnenen Ergebnisse fragen und an sie einige differenzierende Bemerkungen knüpfen.
Es könnte so scheinen, als ob sich durch die angeführten Beobachtungen eine direkte Äquivalenz zwischen beiden Texten formulieren ließe: Der Monismus der ursprünglichen Aktivität in der Spekulation Ferenczis scheint dem Monismus der ursprünglichen Negativität in der Spekulation Hegels zu entsprechen, der dieser Negativität entsprungene Dualismus von negativ und positiv dem jener Aktivität entsprungenen Dualismus von aktiv und passiv. Und schließlich scheint man auf einem solchen Hintergrund auch berechtigt zu sein, geschlechtliches und geschichtliches Sein so miteinander zu verschränken, wie man es in gewissen als "weltanschaulich" oder "ideologisch" zu bezeichnenden Diskussionen immer wieder beobachten kann: Der Mann im geschlechtlichen Verhältnis müsse mit dem Herrn im geschichtlichen und umgekehrt die Frau im geschlechtlichen mit dem Knecht im geschichtlichen Verhältnis analogisiert werden.
Die theoretische Absicht einer solchen Analogisierung läge auf der Hand: Die Beziehung der Geschlechter müßte nämlich dann (in ihrem gegenwärtigen Zustand) als eine Herrschaftsbeziehung ausgelegt werden, die nicht nur - was die erste Alternative der Interpretation wäre - als eine in die Herrschaftsstruktur der geschichtlichen Kämpfe eingelassene und in diesem Sinne sozialpsychologische Beziehung aufgefaßt werden könnte, sondern auch - die andere Alternative - als eine diese Herrschaftsstruktur allererst begründende und in diesem Sinne anthropologische Beziehung.
Es ist aber klar, daß keine dieser Alternativen, so erwägenswert sie auch immer sein mögen, eine dezidiert psychoanalytische Position zu begründen vermag, vielmehr bloß eine philosophische. Denn ein Charakteristikum der Philosophie ist es ja, daß sie, zumindest in ihrer klassischen Gestalt als Wissenschaft des Allgemeinen, dem systematischen Aspekt der Erkenntnis größeres Gewicht beimessen muß, während die Psychoanalyse, als Erfahrung des Besonderen, gerade an einem solchen Weltbild, ja überhaupt an Weltbildern und Weltanschauungen wenig Interesse zeigen kann4. Vielmehr, die Psychoanalyse muß solche Bilder und Anschauungen, will sie sich den Lacanschen Theoremen nicht ganz verschließen, dem Verdacht der imaginären Verkennung aussetzen. Und sie muß sich deshalb auch hier die Frage stellen, ob nicht gerade in der Analogisierung von geschlechtlichem und geschichtlichem Sein eine derartige Verkennung am Werke ist. Eine Verkennung, die dazu neigt, die zweifellos vorhandenen strukturellen Identitäten auch als inhaltliche Identitäten auszulegen, und die auf diese Weise die Frage nach dem Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie faktisch so vorentscheidet, daß sie sie - erstens - überhaupt philosophisch entscheidet und eben darin - zweitens - den Unterschied von Psychoanalyse und Philosophie einebnet.

3. Man wird also, bei allem Sinn für die Konvergenzen von Psychoanalyse und Philosophie, deren Differenzen herausarbeiten müssen. Für die hier gewählten Beispiele bedeutet das, eine genauere Kennzeichnung dessen zu versuchen, was jeweils, im philosophischen und im psychoanalytischen Text, unter dem spezifischen Mangel des geschichtlichen bzw. geschlechtlichen Seins zu verstehen ist und inwiefern er entweder, wie bei Hegel, als aufzuhebender, oder aber, wie bei Ferenczi und Freud, als anzuerkennender Mangel gefaßt werden kann.
3.1. Für Hegel besteht der Mangel des geschichtlichen Seins in einem ungleichen Anerkennungsverhältnis. Darunter versteht er ein Verhältnis, in dem, wie er es formuliert, >>das eine nur Anerkanntes, das andere nur Anerkennendes<<5, in dem also das nur anerkannte Subjekt, der Herr, ein nicht anerkennendes und das nur anerkennende Subjekt, der Knecht, ein nicht anerkanntes ist. Oder wenn hier überhaupt von einem Anerkennungsverhältnis die Rede sein soll, dann nur so, daß Anerkennen und Nicht-Anerkennen ihrerseits als Formen von Anerkennung aufgefaßt werden. Und in diesem bestimmten Sinne wären sie dann, unter Heranziehung einer noch zu erläuternden Freudschen Unterscheidung, als Überschätzung und als Geringschätzung zu verstehen. Demzufolge wäre die Position des Herrn dadurch ausgezeichnet, daß die Nicht-Anerkennung des Anderen, durch die sie sich konstituiert, in Wahrheit die Anerkennung eines minderwertigen Subjektes, also eine geringschätzende Anerkennung wäre; während die Position des Knechtes sich dadurch auszeichnete, daß die Anerkennung des Anderen, durch die sie sich konstituiert, die Anerkennung eines höherwertigen Subjektes, also eine überschätzende Anerkennung wäre.
Erst auf dem Hintergrund eines solchen reflexiven Verständnisses von Anerkennung konnte Hegel zu der Auffassung gelangen, daß der Mangel - den er zunächst bloß in einer quasi objektivistischen Weise beschreibt - auch den beiden Subjekten selbst als ein solcher einsichtig und daß eben diese Einsicht zuguterletzt auch praktisch wirksam werden könne. Denn da der Herr, so Hegel, nur durch ein aus seiner Perspektive minderwertiges Subjekt anerkannt, ihm also eine Anerkennung zuteil werde, die er seinerseits nur geringschätzen könne6; und da andererseits der Knecht, indem er den Herrn überschätze, sich selber nur geringschätzen, also auch seine eigene Überschätzung nur als minderwertig einschätzen könne, müsse beiden schließlich dies auch zur praktischen Erfahrung werden: daß Anerkennung weder im Sinne einer überschätzenden noch auch im Sinne einer geringschätzenden Anerkennung wahrhafte Anerkennung sein könne (wahrhaft im Sinne des Seinsollenden), sondern nur in dem eines gleichen Anerkennens von Gleichen.
Mit anderen Worten: Hegel nimmt an, daß das Seinsollende des geschichtlichen Seins die Aufhebung des Mangels ist; und diese Aufhebung, insofern sie selber reflexiven Charakter habe, werde nur dadurch erreicht, daß der Mangel als ein solcher zunächst einmal erkannt (keinesfalls aber anerkannt) werde: >>Die theoretische Arbeit, überzeuge ich mich täglich mehr, bringt mehr zustande in der Welt als die praktische; ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.<<7
3.2. Es ist klar, daß sich dieser bewußtseinstheoretischen Position gegenüber (die die Position der gesamten klassischen Philosophie ist) die psychoanalytische Auffassung in einer strikten Opposition befindet. Diese Opposition wird aber, hinsichtlich der Frage des geschlechtlichen Mangels, gerade nicht von Ferenczi, sondern von Freud formuliert. Denn erst dieser gelangt, und zwar in den >Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens<, zu einer Auffassung, die sich nicht mehr nur an den aktualen Formen des Auftretens dieses Mangels orientiert, sondern den Mangel selbst als eine den jeweiligen Formen zugrundeliegende Konstante auffaßt. Diese Konstante ist das, was Freud als "psychische Impotenz" bezeichnet und deren genaueren Status er in den >Beiträgen< mit den Worten umschreibt: >>Ich glaube, man müßte sich, so befremdend es auch klingt, mit der Möglichkeit beschäftigen, daß etwas in der Natur des Sexualtriebes selbst dem Zustandekommen der vollen Befriedigung nicht günstig ist.<<8 - Das Zustandekommen einer vollen Befriedigung oder eines "vollen sexuellen Genusses", wie Freud auch sagt, ist daher für die Psychoanalyse fortan ein imaginäres Ziel und der "Kampf der Geschlechter", eben weil er sich an diesem Ziel orientiert, ein imaginärer Kampf.
Damit steht zunächst, im Unterschied zum Hegelschen Text, bei Freud nicht das Anerkennungs-, sondern das Befriedigungsverhältnis der beiden Subjekte im Vordergrund. Aber Freud stellt darüber hinaus auch noch einen Aspekt ins Zentrum seiner Theorie des Mangels, der sich so bei Hegel gar nicht thematisiert findet, - nämlich das konfliktuelle Gegeneinander von Befriedigung und Anerkennung. Er verortet es dort, wo die Impotenz in ihrer aktualen Form, also als sexuelle Impotenz, gerade aufgehoben ist: in der Beziehung zum sogenannten "Dritten", zum Liebhaber oder zur Geliebten. Hier, so Freud (mit Lacan gesprochen), trenne sich das Begehren im Register des Imaginären vom Begehren im Register des Symbolischen, werde die "unverkennbar hohe Befriedigung" bzw. der "volle sexuelle Genuß" der beiden Geschlechter durch ein ungleiches Anerkennungsverhalten gleichsam konterkariert. In Freudschen Termini: Der Mann gewinnt seine Potenz nur durch eine psychische Erniedrigung des Sexualobjektes wieder, ist also >>nur potent gegen .. Frauen, die er nicht "liebt", geringschätzt oder selbst verachtet<<; und die Frau gewinnt umgekehrt ihre Potenz nur durch eine psychische Erhöhung des Sexualobjektes wieder, ist also nur potent gegen Männer, die sie "liebt", überschätzt oder bewundert9.
Beide Aspekte in der Beziehung der Geschlechter: Liebe und Begehren (oder, wie Freud auch sagt, himmlische und irdische Liebe), geraten auf diese Weise miteinander in Konflikt: Während der Mangel im Imaginären, die Unmöglichkeit, restlos befriedigt zu sein, ein gleiches Anerkennungsverhältnis der beiden Subjekte zumindest nicht ausschließt, macht sich da, wo die sexuelle Befriedigung unvergleichlich hoch, also der sexuelle Mangel als solcher aufgehoben ist, ein ungleiches Anerkennungsverhältnis, also ein anderer, ein symbolischer Mangel geltend. Die wiedergewonnene sexuelle Potenz (als aufgehobene Impotenz) ist daher, cum grano salis, psychosexuelle Potenz bloß "im Rahmen" psychischer Impotenz, - in einem Rahmen, in dem die durch das Befriedigungserlebnis der beiden Subjekte bestimmte, also im Register des Imaginären zu verortende sinnliche Verliebtheit und die durch ihr Anerkennungsverhalten bestimmte, also im Register des Symbolischen zu verortende psychische Wertschätzung nicht - und zwar grundsätzlich nicht - miteinander kongruieren können.10

4. Freud zufolge ist also eine Aufhebung des Mangels deshalb nicht möglich, weil der Versuch einer solchen Aufhebung den Mangel im Imaginären bloß ins Register des Symbolischen und umgekehrt der Versuch der Aufhebung des Mangels im Symbolischen diesen wiederum ins Register des Imaginären transferieren würde. Dieser transfert ist im folgenden noch etwas genauer zu beschreiben. Denn nur er kann verständlich machen, warum für die Psychoanalyse nicht die Aufhebung, sondern in adäquater Weise nur die Anerkennung des Mangels dem Dilemma des geschlechtlichen Seins zu begegnen vermag.
Daß der Mann seine sexuelle Empfindlichkeit nur durch die Erniedrigung bzw. Geringschätzung seines Sexualobjektes wiedergewinnt, läßt sich in Begriffen der Anerkennung (das Hegelsche, reflexive Verständnis von Anerkennung gleichsam rückgängig machend) folgendermaßen formulieren: Vollen sexuellen Genuß gewinnt der Mann nur durch die Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen. Und daß umgekehrt die Frau ihre sexuelle Empfindlichkeit nur durch die Erhöhung bzw. Überschätzung ihres Sexualobjektes wiedergewinnt, läßt sich so formulieren: Vollen sexuellen Genuß gewinnt die Frau nur durch die Anerkennung des Genießens des Anderen. Daraus ließe sich nun folgern, daß das ungleiche Anerkennungsverhältnis von Mann und Frau schon dann aufgehoben wäre, wenn auch der Mann zur Anerkennung des Genießens des Anderen fähig wäre (die gesuchte Aufhebung des symbolischen Mangels). Diese Auffassung verkennt aber, daß die weibliche Anerkennung des Genießens des Anderen gerade das durch die männliche Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen konstituierte Genießen betrifft, daß also hier (weibliche) Anerkennung und (männliche) Nicht-Anerkennung durcheinander bedingt sind.
Setzt man dieses Bedingungsverhältnis voraus - und ich zweifle nicht daran, daß es sich hierbei um die zentrale Hypothese der Freudschen >Beiträge< handelt -, so würde die soeben kontrafaktisch geforderte männliche Anerkennung des Genießens des Anderen zu einer Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten der Frau und damit konsequenterweise in den Zustand des imaginären Mangels, den Zustand der psychosexuellen Impotenz, zurückführen. Anders formuliert: Das (sogenannte) "chauvinistische" Subordinationsverhältnis der Geschlechter wäre im Falle einer Nicht-Anerkennung des Genießens des Anderen von seiten der Frau zu einem "emanzipistischen" Subordinationsverhältnis bloß verkehrt. Denn man muß annehmen, daß die im chauvinistischen Verhältnis aggressive, die Frau als Sexualobjekt sich aneignende Komponente des männlichen Sexualtriebes bei dieser eine frustratorische, und d.h. regressiv (in Richtung auf das Reale11) ent-täuschende Wirkung haben wird, daß sie sich aber im emanzipistischen Subordinationsverhältnis, das genauso wie das chauvinistische auf der Täuschung eines vollen sexuellen Genusses beruht, ihrerseits aggressiv verkehren und ihre frustratorische Wirkung dem anderen (als Repräsentanten des Objekts klein-a) zurück-spiegeln kann - derart, daß nun auch diese wiederum im Spiegel des anderen sich reflektiert, ent-täuscht, zurück-spiegelt usw. usf., wenn nicht, statt in solch zirkulärer Aufhebung des Mangels zu verbleiben, eine beiderseitige Anerkennung des Mangels, als symbolische im Imaginären, dessen Platz besetzte.
Wie aber sähe eine solche Anerkennung aus? Ich meine, sie wäre offenbar nicht als diejenige bloß basale Anerkennung zu fassen, die der Hegelsche Text beschreibt - anhand der imaginären Logik des >>gedoppelten Tuns<< beider Selbstbewußtseine: >>Jedes sieht das Andere dasselbe tun, was es tut; jedes tut selbst, was es an das Andere fordert, und tut darum, was es tut, auch nur insofern, als das Andere dasselbe tut.<<12 Denn diese Logik einer bewußtseinsorientierten Visualität und eines reflektorischen Zwanges wäre gerade diejenige, derzufolge die Aufhebung des Mangels erreicht werden sollte. Hingegen die beiderseitige Anerkennung des Mangels nach dem psychoanalytischen Modell wäre eine existentiale Anerkennung in dem Sinne, daß beide Geschlechter aus dem Zirkel der Illusion(en): einmal "Herr" werden zu können über den Mangel, herausträten und einander progressiv (d.h. in Richtung auf das Symbolische13) ent-täuschten.

5. Damit ist aber keineswegs schon positiv ausgemacht, wie eine solche beiderseitige Anerkennung des Mangels möglich ist und was, wenn sie denn möglich ist, durch sie erreicht werden könnte. Sie könnte sich nämlich, wie gezeigt, sowohl auf den Mangel im Imaginären als auch auf den im Symbolischen beziehen. Im ersten Falle hieße dies: jedes der beiden Subjekte müßte um der Anerkennung des Anderen willen sich mit dem Mangel im Befriedigungsverhältnis, im zweiten Falle aber: um der Befriedigung des Anderen willen sich mit dem Mangel im Anerkennungsverhältnis arrangieren.
In jedem Falle wäre damit das Freudsche Ideal der >>Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt<< oder der >>Synthese der unsinnlichen, himmlischen und der sinnlichen, irdischen Liebe<<14 gar nicht erreichbar. Im Gegenteil, die doppelte Anerkennung sowohl des Mangels im Imaginären als auch des Mangels im Symbolischen müßte gerade zu einer Trennung der beiden Formen von Liebe (von psychischer Wertschätzung und sinnlicher Verliebtheit), also zur Verteilung beider Begehrungen auf zwei Objekte führen: auf den Mann und den Liebhaber, auf die Frau und die Geliebte. Und den Mangel überhaupt anzuerkennen hieße daher, sich mit diesem Sachverhalt zu arrangieren, oder auf theoretischer Ebene: auch dieses Ideal einer Synthese (wie das des Hegelschen Textes) als imaginäres Ideal, als Ichideal zu dechiffrieren.
In der Auseinandersetzung mit dem philosophischen Diskurs bleibt daher der Psychoanalyse, auf der Grundlage solcher Anerkennung, ihre - allemal berechtigte - Skepsis gegenüber allen idealistischen Annahmen einer Auflösung von Herrschaftsverhältnissen. Das heißt, für die Psychoanalyse ist die bloß scheinbar realistische Annahme einer vom Knecht zu durchlaufenden Emanzipationsgeschichte (daß durch eine Verkehrung der Verkehrung, durch eine "Negation der Negation", wie es bei Hegel heißt, das ungleiche Verhältnis von Herr und Knecht zu einem Verhältnis von Gleichen transponiert, also der Knecht über dieses Verkehrte selber "Herr" werde) nur eine Idealutopie, eine im Unendlichen dieser Geschichte sich spiegelnde Illusion.
Und hierbei hat sie, das sei am Schluß noch vermerkt, auch in direkter Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Text (die hier bewußt vermieden wurde) durchaus triftige Argumente. Eines dieser Argumente möchte ich noch anführen: Hegel erklärt, wie gezeigt, gerade die selbstreflexive Erkenntnis als das eigentliche Zentrum des gedoppelten Tuns beider Subjekte, - die Selbsterkenntnis des Herrn: daß ihm eine Anerkennung zuteil werde, die er selber nur geringschätzen könne, und die des Knechtes: daß auch er seine eigene Überschätzung nur als minderwertig einschätzen könne. Damit aber übersieht er, zumindest was den Knecht anbelangt, daß dieser, gerade wenn er seine eigene Überschätzung bloß geringschätzt, dazu tendieren müßte, diese Überschätzung noch zu steigern, um sie irgendwann einmal selber schätzen zu können. Das heißt, er übersieht das masochistische Moment des knechtischen Bewußtseins, - daß, wie es bei Lacan heißt, der Knecht >>est bien trop content d'être esclave, comme tout le monde<<15.
Erst dann wenn man diese Kritik der reflexionslogischen Dialektik von Herr und Knecht dem Lacanschen Diskurs zugrundelegt, wird meines Erachtens verständlich, warum Lacan im Dezember 1969 vor den utopiebegeisterten Studenten der Fakultät von Vincennes (mit dem Akzent auf derselben Formel: comme tout le monde) erklären konnte: >>Je ne suis libéral, comme tout le monde, que dans la mesure où je suis anti-progressiste.<< Und: >>Ce à quoi vous aspirez comme révolutionnaires c'est à un maître. Vous l'aurez.<<16 - Seitdem sind die Diskussionen auch um den politischen Ort der Psychoanalyse nicht wieder abgerissen.

Anmerkungen

Vgl. Chr. Kupke, Geschlecht/Geschichte. Vortrag zum Verhältnis von Psychoanalyse und Philosophie, Brief der Psychoanalytischen Assoziation. Die Zeit zum Begreifen, Nr.7 v. 1.10.1990, S.10ff.
2Vgl. S. Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie, Schriften zur Psychoanalyse Bd.II, Frankfurt/M. 1972, S.317ff, bes. S.357ff; und: Männlich und weiblich, Bausteine zur Psychoanalyse Bd.III, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1984, S.453ff, bes. S.457ff. - Freuds affirmative Aufnahme dieses Mythos findet sich in: S. Freud, Das Tabu der Virginität, StA Bd.V, S.225.
3Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in zwanzig Bänden Bd.III, Frankfurt/M. 1970, S.143f. u. S.148ff.
4Vgl. J. Lacan, Freuds technische Schriften, Olten 1978, S.30f; und: S. Freud, Hemmung, Symptom und Angst, StA Bd.VI, S.241.
5G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S.147.
6Vgl. ebd., S.152; außerdem: J. Lacan, Freuds technische Schriften, a.a.O., S.282; und: A. Kojève, Hegel - Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M. 1975, S.36f.
7G.W.F. Hegel, Brief an Niethammer v. 28.10.1808, Briefe von und an Hegel Bd.I, Hamburg 1952, S.253.
8S. Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, StA Bd.V, S.208.
9Vgl. S. Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, StA Bd.IX, S.105 (Hervorh. C.K.) u. S.129f; zum Erniedrigungsbegriff vgl. v.a.: Über die allgemeinste Erniedrigung, a.a.O., S.202f u. 204f.
10S. Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung, a.a.O., S.200; vgl. ebd., S.202 u. 209; außerdem: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, StA Bd.V, S.105f passim; und: Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.104f.
11Zur Triade Frustration, Aggression und Regression vgl.: J. Lacan, Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, Schriften I, Olten 1973, S.86ff.; und zur Situierung des Hasses in der Fuge des Imaginären und des Realen vgl.: Freuds technische Schriften, a.a.O., S.340.
12G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S.146f (Hervorh. C.K.).
13Zur Situierung der Liebe in der Fuge des Imaginären und des Symbolischen vgl.: J. Lacan, Freuds technische Schriften, a.a.O., S.340.
14S. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, a.a.O., S.106 (Hervorh. C.K.).; und: Massenpsychologie und Ichanalyse, a.a.O., S.105.
15J. Lacan, Les écrits techniques de Freud, Paris 1975, S.316.
16J. Lacan, L'envers de la psychanalyse, Paris 1991, S.239f.


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