Text-Nummer: 0007

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 25079
Verfasser(in): Christian Kupke
Geschrieben am:
Kürzel: CK
Originaltitel: Was das heißt: Hereingeleimtwerden. Bruchstücke einer Traumanalyse
Copyright: Christian Kupke
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am: Diskurier 5 (1994), Karlsruhe 1994, S. 79ff;
eine veränderte Fassung ist erschienen in:
Psychoanalyse, Psychiatrie, Institution, Entwurf Bd. 1, Frankfurt a.M. 1995, S. 37ff
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Diskussion/Leserbriefe:

Christian Kupke

Was das heißt: Hereingeleimtwerden
Bruchstücke einer Traumanalyse

In einem Vortrag mit dem Titel "Zwang und Panik"1 hat sich vor kurzem noch einmal Hinrich Lühmann mit dem Lacanschen Theorem der Angst auseinandergesetzt. Dieses Theorem besagt, daß es in Zuständen der Angst, anders als in solchen der Furcht, nicht zu einer Begegnung mit dem (Einzel-)Objekt, sondern mit dem Realen komme, daß also, wie Lacan es in seinem Seminar "L'Angoisse" sagt, die Angst zwar nie ganz ohne Objekt sei, aber daß man auch nicht wisse, um welches Objekt es sich handele2. In diesem Zusammenhang hat Lühmann verständlich zu machen versucht, daß die sprachlose Panik der Angst nicht als Todes-, sondern als Lebensangst aufzufassen sei: als >>Angst vor dem Realen, insofern es unser biologisches Leben ist. Leben, das sich vielleicht so fassen läßt: Leben minus all das, was das Menschliche als Sprechwesen ausmacht...<<3
Diese, meines Erachtens bedenkenswerte Hypothese entwickelt Lühmann in zwei Durchgängen: zum einen anhand eines Kommentars von "Hemmung, Symptom und Angst" und zum anderen anhand dezidierter Hinweise auf die Panik des sogenannten Zwangsneurotikers. Auf einige dieser Hinweise möchte ich mich im folgenden stützen und sie durch Bezugnahme auf die Deutung eines Traumes ergänzen, der sich mir als der Traum eines solchen Zwangsneurotikers entschlüsselte. Ich hoffe dabei, den Beitrag Lühmanns in einem der von ihm angesprochenen, die Praxis der Psychoanalyse betreffenden Punkte ergänzen zu können und so zu dem, was man die "Klinik der Psychoanalyse" nennen könnte, ein wenig beizutragen.

Der Traum

Meinen den zwangsneurotischen Diskurs betreffenden Beobachtungen lagen einige Träume zugrunde, von denen ich an dieser Stelle zumindest den zentralen Traum in voller Länge zitieren möchte. Er hatte folgenden Wortlaut:

Im Auditorium Maximum der Universität: eine unübersehbare Zahl von Zuhörern, von denen mir kein einziger bekannt ist. Vorne am Pult Professor T*, mein Doktorvater. In die geradezu gespenstische Ruhe des versammelten Auditoriums hinein spricht er nur ein oder zwei seiner philosophisch schwierigen, aber zugleich auch einfachen Sätze, - und schon geht ein Begeisterungssturm los: Einer der Zuhörer hält eine Laudatio, ein anderer geht nach vorne und drückt meinem Doktorvater die Hand. Der will in seiner Vorlesung fortfahren, aber der Jubel nimmt kein Ende. Schließlich bedankt er sich, läßt an alle Handzettel verteilen, auf denen die einen Einladungen zu ihm nach Hause, die anderen Textmaterial zu seiner Vorlesung finden. Ich frage mich, warum er nicht einfach mit seiner Vorlesung fortfährt und verlasse enttäuscht den Saal. Zu Hause angekommen, rufe ich K*C* und H*M* an. Obwohl ich sie nicht mehr sehen will, bestelle ich sie zu mir in eine gemeinsame Arbeitsgruppe. An ihr nehmen auch noch andere, mir unbekannte Personen teil. Wir sprechen über die in der Vorlesung gehörten Sätze. Ich ärgere mich, aber ich weiß nicht warum; und schon nach einer Weile verspüre ich nur noch Enttäuschung und Wut. Ich ringe nach Worten, ich will mich verständlich machen, aber ich schaffe es nicht. Schließlich erhebe ich mich von meinem Platz und spreche jeden einzelnen persönlich an. Ich gehe auf H*M* zu und schreie, wild gestikulierend: "Du Riesen-Baby Du, Du Verräter!" Und K*C* brülle ich an: "Du bist ein alter Heuchler, ein Schwächling!" Beide nehmen sie meine Worte gleichgültig auf, so als wüßten sie schon, was ich von ihnen denke. Schließlich sage ich zu allen: "Es tut mir leid, aber hiermit muß ich Euch meinen Abgang von der Universität verkünden; wie werden uns nicht mehr wiedersehen." Nach und nach verschwinden alle aus meinem Blickfeld, aber eine mir unbekannte Frau, mindestens einen Kopf kleiner als ich, nicht sehr schön, schon etwas gealtert, will noch etwas von mir, ich weiß nicht was. Wir müssen dazu von der Wohnungstür ins Innere der Wohnung zurück; sie geht neben mir. Auf einmal erkenne ich, daß sie mich doch nur um den kleinen Finger wickeln, mir Honig ums Maul schmieren will. Da rufe ich: "Verlaß meine Wohnung, verschwinde, geh!", und ich wache auf.

Das Zentrum des zwangsneurotischen Diskurses

Nicht auf alle Elemente dieses Traumes kann ich im folgenden eingehen.4 So muß ich insbesondere darauf verzichten, seinen gesamten persönlichen Hintergrund zu beleuchten und damit jene Passagen aufzuhellen, in denen es um die konkreten Beziehungen des Träumenden zu den im Traum erwähnten Personen (v.a. zu H*M* und K*C*) geht. Aber das ist für den hier zu problematisierenden Zusammenhang auch nicht von allzu großer Dringlichkeit. Vielmehr kann ich, um den zentralen Punkt zu verdeutlichen, an dem ansetzen, was auch Hinrich Lühmann bereits als einen für die Zwangsneurose typischen Zug hat herausstellen können.
Er führt in seinem Vortrag aus, daß es bei der Zwangsneurose im allgemeinen das Denken sei, das zum Gegenstande der Phantasien, aber auch wiederum selber zum Gegenstande des Denkens werde, und zwar in der Form des ordnenden, arrangierenden und festlegenden Denkens. Dieses Denken, das offenbar auf der Suche nach seinem eigenen Begehren ist, ist aber andererseits selbst auch von einem Begehren durchtränkt, einem Begehren, wie Lühmann sagt, >>in verdinglichter Form; dergestalt, daß er [der Zwangsneurotiker, C.K.] sich denkend bewegen, seine Wissensschätze durchlaufen, sie mustern, sich ihrer vergewissern muß. Da er die Signifikanten nicht laufen läßt, muß er selber vom einen zum anderen rennen, um sie zu verbinden. Bewegung allerdings im Begreifbaren, dem zu Begreifenden oder von anderen bereits Begriffenen. Diskurs, wie wir wissen, der Universität.<<5
Eben dieser von Lacan angeschriebene Diskurs, der zu seinem Agens das Wissen S2 hat und bei dem es der Herrensignifikant S1 ist, der sich am Ort der Wahrheit situiert6, - eben dieser Diskurs, und zwar in seiner institutionellen Form, ist, wie bereits deutlich geworden sein dürfte, auch das Zentrum des soeben zitierten Traumes. Allerdings ist er dies in zweifacher Weise: Zum einen dreht sich in ihm - im Sinne einer Attraktion des universitären Diskurses - alles um den Signifikanten "Doktor-Vater" (siehe v.a. den ersten Teil des Traumes), zum anderen aber - im Sinne einer Repulsion dieses Diskurses - alles um den Signifikanten "Abgang" (siehe v.a. den zweiten Teil des Traumes). Mit anderen Worten, die für die Zwangsneurose typische und immer wieder zu beobachtende Ambivalenz von Liebe und Haß findet in diesem Traum insofern ihren Niederschlag, als das geliebte Objekt, das - nach klassischer Auffassung - in seiner Repräsentantenfunktion den zwangsneurotischen Diskurs fixiert und stabilisiert, doch zugleich, soweit es der Haß ist, der es trifft, der Anlaß ist zu einer zwanghaften Überschreitung des Zwanges selbst. - Was darunter zu verstehen ist und - vor allem - was alles Gegenstand einer solchen Überschreitung zu werden vermag (nämlich auch der psychoanalytische Diskurs), das möchte ich im folgenden darstellen.

Doktor-Vater-Gott

Ich konzentriere mich zunächst auf das attraktive Zentrum der Zwangsneurose: Als Doktor-Vater ist der im Traum erwähnte Professor zunächst bloß eine infamiliäre Autoritätsperson, als Doktor-Vater aber zugleich eine familiäre; und beide Funktionen, in welchen der Professor im Traum auch tatsächlich erscheint (vgl. die Opposition von "zu Hause" bzw. "nach Hause" und "Auditorium Maximum" bzw. "Vorlesung"), werden wiederum überhöht und fundiert durch eine dritte Funktion, durch die strukturale Funktion Gottes. Dies ergab sich über die Analyse eines Tagesrestes, welcher den Schlüssel zu der im Traum ausformulierten Opposition von den zugleich "schwierigen" und "einfachen" Sätzen des Professors enthielt.
Am Vortag des Traums hatte er in einer Monographie von Chesterton über Thomas von Aquin folgende kleine Anekdote gelesen: >>Eine Dame meiner Bekanntschaft bekam zufällig ein Buch des hl. Thomas in die Hände, das mit einem Kommentar versehen war, und voller Hoffnung begann sie einen Abschnitt zu lesen, der den unschuldigen Titel trug: "Über die Einfachheit Gottes". Nach kurzer Zeit legte sie das Buch mit einem Seufzer aus der Hand und sagte: 'Wenn das seine Einfachheit ist, so möchte ich wissen, wie seine Kompliziertheit aussieht.'<<
Damit war klar, daß er in seinem Traum eine Überblendung, eine Verdichtung vorgenommen hatte zwischen der Kompliziertheit und Einfachheit Gottes auf der einen und den sowohl schwierigen als auch einfachen Äußerungen seines Doktorvaters auf der anderen Seite, daß er also - unbewußt - diesen mit jenem identifizierte. Damit zeigte sich als Zentrum seines Diskurses die signifikante Kette "Doktor-Vater-Gott", deren er sich zugleich - was eine weitere (hier nicht zu thematisierende) Assoziation zutage förderte - so als durchlaufendes Subjekt supponierte, daß er selber (im Sinne einer Idealbildung) ins Zentrum dieses Diskurses rückte. Nur auf diese Weise jedenfalls war zu erklären, warum er in allen von ihm beschriebenen Situationen des Hasses nicht nur den (symbolischen) Abgang der anderen, sondern auch seinen eigenen "Abgang" inszenierte.

Todeswunsch

Was diesen "Abgang", also das repulsive Zentrum seiner Zwangsneurose anbelangte, so führte auch auf dessen Spur und zu dessen genauerer Deutung ein Tagesrest. So erzählte er mir: >>Am Abend vor meinem Traum hatte ich mich mit einem befreundeten Ehepaar getroffen. Mein Bekannter, von seiner Frau nach der Qualität des Weines befragt, von dem wir gerade tranken, antwortete: der Wein sei zwar immerhin ein Chianti classico, aber doch ein wenig schwach "im Abgang". Ich erinnere mich noch, daß mich diese Worte zu einer Entgegnung gereizt hatten; und da es schon spät war und mein Bekannter kurz zuvor seine Absicht geäußert hatte, bald schlafen zu gehen, sagte ich etwas Ironisches in der Art wie: "So ist das also: je näher Du daran bist, selber "den Abgang zu machen", desto schwächer erscheint er Dir beim Wein."<<
"Den Abgang zu machen" heißt also, der Logik dieses Tagesrestes zufolge, sich schlafen zu legen; und "sich schlafen zu legen" wiederum, gewissen mythologischen Vorstellungen zufolge (denen der Schlaf als der Bruder des Todes gilt), sich dem Tod bzw. den Toten anzuähneln. Eine Deutung, die meines Erachtens auch dann noch Gültigkeit beanspruchen kann, wenn man mit Lacan annimmt, daß das Todesbegehren sich nicht auf der Seite des Begehrens zu schlafen, sondern, da >>der tiefe Schlaf ermöglicht, daß der Körper dauert<<7, auf der des Begehrens zu erwachen situiert. Denn in der (hier dargestellten und auch von Hinrich Lühmann beschriebenen) Zwangsneurose ist es ja gerade der organische Körper, das rein biologische Leben, das durch Angst besetzt ist, nicht der Tod als solcher, vielmehr nur dasjenige Moment am Tod, das selber als biologisches Moment zu fassen wäre, das Sterben. Und dementsprechend konnte es daher auch hier - wie beim Wein - entweder ein vorübergehendes oder ein vollkommenes Erwachen, einen "schwachen" oder einen "starken" Abgang geben, - einen solchen, durch den es zu einer temporären, oder einen solchen, durch den es zu einer endgültigen Abwesenheit (bzw. einer totalen Anwesenheit des Körpers) kommen konnte.8
Daß eine solche Alternative bestand, und daß sie sich (was ich zunächst übersah) dem zweiten Lösungsversuch, dem endgültigen Durchschlagen des symbolischen Knotens, in bestimmter Weise näherte, bestätigte ein Vorfall, der sich nur einige Tage später in einer direkten Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Bekannten ereignet hatte. Leider kann ich diesen Vorfall hier nicht darstellen, aber er zeigte, wie die bei ihm vorherrschende affektiv-aggressive Besetzung des gesamten Feldes des universitären Diskurses schließlich ein Loch in das symbolische Netz dieses Feldes zu reißen vermochte, in dem es zu einer fast panischen, angsterfüllten Begegnung mit genau jenem Realen kam, das Hinrich Lühmann am Ende seines Beitrages beschrieben hat.

Begreifenwollen der Psychoanalyse

Man wird daher folgendes festhalten müssen: Der universitäre Diskurs ist das Zentrum der Zwangsneurose nur so, daß er immer auch als ein zu verlassendes Zentrum visiert wird, - als ein Zentrum, in dem die gleichsam attraktiven und repulsiven, die zentrifugalen und die zentripetalen Kräfte dessen, worum es sich in dieser Neurose dreht, sich entweder (wie im Zwangsdenken) im Gleichgewicht halten oder aber (wie im hier nicht dargestellten panisch-paranoiden Zustand) sich voneinander entkoppeln.9
Die Spannung zwischen diesen beiden Kräften schien jedoch im vorliegenden Fall regelmäßig von einer weiteren, das Subjekt gleichsam noch einmal zentrierenden Spannung überformt zu sein. Denn das ordnende, arrangierende und festlegende Denken, das Lühmann zurecht in das zwangsneurotische Zentrum stellt, machte hier, sobald es mit der Psychoanalyse in Berührung kam, diese ihrerseits zu ihrem sowohl attraktiven als auch repulsiven Gegenstand, raffte das, was es über sie wissen konnte, auf und versuchte, auch sie in jedem ihrer Zipfelchen zu begreifen.
So gab er beispielsweise - um nur einige Aspekte herauszugreifen - seiner Verwunderung darüber Ausdruck, wie wenig traumhaft dieser Traum, wie logisch er doch im Grunde sei, wie wenig er den von Freud immer wieder hervorgehobenen Eindruck des Fremdartigen und Entstellten mache. Oder er deutete die Ambiguität seiner Traumformel vom "Abgang" (in dem ich den Unterschied zwischen vorübergehendem und endgültigem Erwachen artikuliert sehe) philosophisch als die Spannung zwischen bestimmter und abstrakter Negation. Und schließlich glaubte er auch noch die Schwierigkeiten, mit denen er beim Schreiben seiner wissenschaftlichen und literarischen Texte zu kämpfen hatte, mit dem - im übrigen zitatgetreuen und bibliographisch korrekten - Hinweis auf eine Stelle bei Freud deuten zu können, wo es heißt, daß eine neurotische Hemmung des Schreibens in einer überstarken Erotisierung der bei dieser Funktion in Anspruch genommenen Organe begründet sei10.
Die Effekte solchen Begreifen- und Regulierenwollens (sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene) liegen auf der Hand: Nicht nur wird der Zwangsneurotiker zu einem unangenehmen Genossen in der Analyse, weil, wie Lühmann sagt, >>ihm das, was man so freie Assoziation nennt, ein Greuel ist<<, sondern auch - und vor allem - weil er uns mit seiner Erklärungswut >>durchaus zu erwischen<< vermag11.
Hier jedenfalls scheint mir, ohne die Dinge dramatisieren zu wollen, die eigentliche "Gefahr" für die Praxis der Psychoanalyse zu liegen. Und diese Gefahr - vom Zwangsneurotiker "erwischt", von seinem Denken "hereingeleimt" zu werden12 - scheint mir umso größer zu werden, je weniger es in der aus solcher Praxis gespeisten und auf sie wieder zurückwirkenden psychoanalytischen Theorie eine doppelte Vorsicht gibt: einerseits gegenüber dem auch in der Psychoanalyse immer möglichen Zwang, quasi wissenschaftlich erklären zu wollen, was es mit einem neurotischen Symptom - in diesem Falle mit dem zwangsneurotischen Symptom - auf sich hat, und andererseits gegenüber dem für diese Form der Psychoanalyse offenbar notwendigen Zwang, sich institutionalisieren zu müssen, und zwar, um diesem sich erklärenden und erklärt habenden Wissen eine Verfassung geben zu können13. Immer dann, wenn sie diese Vorsicht nicht walten läßt, so meine Hypothese, kann die Psychoanalyse der Herausforderung des zwangsneurotischen Diskurses nur noch sehr schwer standhalten, gibt sie ihm im Grunde schon so viel zu, daß sie dem von ihm versuchten Progreß in den Diskurs des Analytikers spiegelbildlich stützt durch einen bei ihr nicht genügend beachteten Regreß in den Diskurs der Universität14.

Doppelte Institution

So wurde schließlich auch mir - der ich offenbar selber diesen Fehler begangen hatte - klar, daß ich mich mit all meinen Deutungsversuchen, je näher ich dem Zentrum (um nicht zu sagen dem Nabel) seines Traumes zu kommen schien, doch auf einem Irrweg befand, daß, indem ich mich auf die ihrerseits systematische Suche nach einem mir verborgenen System seines Sprechens machte, ich von seinem Denken "hereingeleimt" wurde. - Nirgendwo wurde dies deutlicher als da, wo es darum ging, den Schluß des Traums einer genaueren Analyse zu unterziehen. Dieser Analyse setzten sich - für mich zunächst völlig überraschend - erhebliche Widerstände entgegen. Zu der Frau, die er im Traum ins Innere der Wohnung zurückbegleitet und von der er schließlich erkennt, >>daß sie mich doch nur um den kleinen Finger wickeln, mir Honig ums Maul schmieren will<<, wollte ihm durchaus nichts einfallen. Immer wieder betonte er, er hätte ihr Gesicht nicht gesehen, und er könne sich eben deshalb auch nicht erinnern, jemals >>einer solchen Frau<< begegnet zu sein.
Statt ihn auf die Ungereimtheit dieser Formulierung aufmerksam zu machen, versuchte ich seiner Erinnerung auf anderem Wege nachzuspüren. Ich bat ihn, mir von allen Frauen zu berichten, die er in den letzten Jahren kennengelernt hatte und dabei auch flüchtige Bekanntschaften nicht auszulassen. Dabei fiel mir die merkwürdige - im Falle starker Verdrängung immer wieder zu beobachtende - Affektlosigkeit auf, mit der er von einer dieser Frauen erzählte und meinte, er hätte für sie >>im Grunde nicht viele Worte übrig<<, das sei >>wirklich nur eine sehr flüchtige Bekanntschaft<< gewesen. Aber eben diese, für ihn typische Verneinung nahm ich zum Anlaß meiner Nachfragen; und dabei stellte sich heraus: Mit dieser Frau (die wie die im Traum erwähnte >>nicht sehr schön<< und >>schon etwas älter<< war als er) hatte er sich nicht nur auf ein kurzfristiges sexuelles Verhältnis eingelassen, sie hatte ihn auch - und vor allem - wegen ihres engen Verhältnisses zum analytischen Diskurs fasziniert. So berichtete er: >>Sie war schon seit über zehn Jahren in der Analyse; sie konnte an fast nichts anderes mehr denken. Immer wenn ich sie traf, redete sie davon, und wenn sie einmal nicht davon redete, mußte sie ihre ganze Umgebung "psychoanalysieren": Freunde, Bekannte, ihren Mann und ihren Sohn; alle hatten sie irgendeine Neurose: eine Zwangsneurose, eine Angstneurose, eine Hysterie, eine Depression. Und für alles hatte sie auch gleich die richtigen Kategorien parat. Ich konnte damit überhaupt nichts anfangen, und es hat mich schließlich derart zermürbt, daß ich schon nach wenigen Wochen den Kontakt mit ihr wieder abgebrochen habe. Was mich aber am meisten geärgert hat, war, daß sie fast allen, die sie zu kennen glaubte, eine Analyse nahelegte. Das fand ich, gelinde gesagt, ziemlich unmöglich.<<
In diesem Moment war für mich klar, daß sie auch ihn dazu aufgefordert haben mußte, sich in eine Analyse zu begeben, und daß - ganz im Gegensatz zu seinen Beteuerungen - offensichtlich sie es war, die ihn auf die Idee gebracht hatte, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Wenn aber das zutraf - und ich hatte daran, trotz fehlender Bestätigung von seiner Seite, nicht die geringsten Zweifel -, so war es auch nicht mehr abwegig anzunehmen, daß sich die Geschehnisse in seinem Traum nicht, wie ich vermutet hatte, bloß um ein, sondern um zwei Zentren gruppierten: um den universitären und den analytischen Diskurs, um diejenige Institution, die für ihn der Professor, und um diejenige, die für ihn - in diesem Traum - diese Frau repräsentierte.
Der Wechsel vom einen zum anderen, der Progreß in den analytischen und der Regreß in den universitären Diskurs war mithin nicht nur das geheime Thema dieses Traumes. Sondern in ihm wurde auch über die Sackgasse, die jede der beiden Bewegungsrichtungen für ihn bedeutete, auf eindeutige Weise entschieden: "Einer solchen Sackgasse", sagte er sich, "kann ich mich im Grunde nur entziehen15". Und er mußte deshalb auch hier genau denjenigen Abgang praktizieren, den er in seinem Traum angekündigt und seinem Freund gegenüber realisiert hatte.
Eben dies ist denn auch geschehen. Er verabschiedete sich von mir und kam nie wieder.

Le sujet supposè savoir

Will man die Erfahrung, die mit einem solchen Scheitern verbunden ist, in wenigen Worten zusammenfassen, so müßte man sagen: Im Zentrum der im universitären Diskurs sich zentrierenden Zwangsneurose steht, man kann es drehen und wenden wie man will, auch der analytische Diskurs. Und dieser kann, unter ungünstigen Bedingungen (die der Analytiker zu kontrollieren hat), auch zum primären Zentrum dieser Neurose werden, und zwar dann, wenn der psychoanalytische Prozeß vom Analysanden oder auch vom Analytiker selbst als ein seinerseits erklärender (sprich wissenschaftlicher) und sich institutionalisierender Diskurs des Wissens unterstellt wird.
Es ist dies - sicherlich - eine andere Form des sujet supposè savoir, aber, wie ich hoffe gezeigt zu haben, eine sehr hartnäckige. Eine solche, die alle von mir hier vorgetragenen Bedenken zu rechtfertigen vermag.

Anmerkungen

Dieser Vortrag, gehalten am 12.3.1993 in dem von Claus-Dieter Rath geleiteten Kolloquium der Berliner "Psychoanalytischen Assoziation. Die Zeit zum Begreifen" zum Thema "Affekt", wurde veröffentlicht in: Brief der Psychoanalytischen Assoziation, Nr.12 vom 8.10.1993, S.16-35.
2Vgl. Jacques Lacan, L'Angoisse, Sitzung v. 30.1.1963; vgl. a. ders., L'Envers de la Psychanalyse, Paris 1991, S.171f.
3Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.34.
4Vgl. zur vollständigen Deutung dieses Traumes und zu ihrer Problematisierung meinen demnächst erscheinenden Beitrag: Von der Leimrute eines Zwangsneurotikers. Eine Traumanalyse, in: Der Entwurf, Nr.1 (1994).
5Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.25.
6Vgl. Jacques Lacan, L'Envers de la Psychanalyse, a.a.O., S.43ff, S.61ff passim.
7Jacques Lacan, Das Begehren zu schlafen, in: Der Wunderblock, Nr.13, Juni 1985, S.3ff; hier S.3.
8Mit anderen Worten, wenn >>denkbar ist, daß die ganze Sprache nur gemacht ist, um nicht den Tod zu denken, der in der Tat die undenklichste Sache ist, die es gibt<< (ebd., S.4), so kann der Tod immer nur in den (sprachlich) relativen Formen der Abwesenheit erscheinen, - in Formen, denen je und je eine andere Form, eine Form der Anwesenheit nämlich, korrespondiert.
9Ähnlich scheint es auch Hinrich Lühmann zu sehen, wenn er schreibt: >>Panik tritt dann ein, wenn die Ausführung des Symptoms nicht gestattet wird, nicht realisierbar ist. Freud erklärte das Zustandekommen der Symptome aus der Angst. Ich verorte die Panik dort, wo die rettenden Symptome - aus welchen Gründen auch immer - zusammenbrechen.<< (Zwang und Panik, a.a.O., S.24; vgl. a. S.28).
10Vgl. Sigmund Freud, Hemmung, Symptom und Angst, StA Bd. VI, S.235.
11Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.25/26.
12Vgl. Jacques Lacan, Vortrag über das Symptom, in: Riss, Nr.1, 1986, S.5ff, hier S.9.
13Dem erstgenannten Problem hat sich bereits 1986/87 Lutz Mai in einem (noch in der Berliner "Sigmund-Freud-Schule") gehaltenen Seminar gewidmet, aus dem unter dem Titel "Apropos `Uni-vers-Cythère'" Auszüge veröffentlicht worden sind in: Delta Tau Zwei, Berlin 1987, S.19ff; dem letztgenannten Problem widmete er sich in einer Veranstaltung anläßlich der Gründung der "Psychoanalytischen Assoziation. Die Zeit zum Begreifen", in seinem Vortrag "Unmöglichkeit der Institution", abgedruckt in: Brief der Psychoanalytischen Assoziation, Nr.3 vom 10.4.1989, S.7ff. - Seitdem ist die Diskussion über diese Fragen nicht abgebrochen. Sie wurde fortgeführt in der Psychoanalytischen Assoziation anläßlich einiger Vorschläge zur Satzungsänderung im Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld "Das Begehren des Analytikers" (vgl. in Brief Nr.8 die Beiträge von Robert Krokowski und Hinrich Lühmann, S.3ff u. S.35ff; und in Brief Nr.9 den Beitrag von Jutta Prasse, S.38ff), und sie wurde und wird geführt anläßlich des - mittlerweile umgesetzten - Vorschlags zur Gründung eines überregionalen Vereins zur Förderung der Psychoanalyse (vgl. die Beiträge im Diskurier Nr.1, S.39ff, Nr.2, S.3ff, Nr.3, S.5ff und Nr.4, S.3ff).
14Vgl. Jacques Lacan, Encore, Berlin 1986, S.21; bzw. ders., Radiophonie. Television, Berlin 1988, S.49.
15Folgerichtig ist daher meines Erachtens, wenn Lacan die von ihm angeschriebenen Diskurse - des Herrn, der Hysterikerin, des Analytikers und der Universität - zwar kreishaft anordnet (jeder der vier Terme wechselt seinen Platz), aber diesen Kreislauf dann doch in zwei Halbkreise zerteilt: Zwar erhellt sich der Diskurs des Herrn durch Regression des Diskurses der Hysterikerin (erster Halbkreis), und wiederum erhellt sich der Diskurs der Universität aus seinem Progreß in den des Analytikers (zweiter Halbkreis); aber weder gibt es einen graduellen Übergang (weder Regression noch Progreß) vom Diskurs der Hysterikerin zu dem des Analytikers noch auch von dem der Universität zu dem des Herrn (vgl. Jacques Lacan, Encore, a.a.O., S.21; ders., L'Envers de la Psychanalyse, a.a.O., S.31 u. S.43; und außerdem: Agnes Hilbig, Zur topologischen Anschreibung von Diskursen und signifikanten Praktiken, in: Delta Tau Drei, Berlin 1988, S.19ff).


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