Christian Kupke
Was das heißt: Hereingeleimtwerden
Bruchstücke einer Traumanalyse
In einem Vortrag mit dem Titel "Zwang und Panik"1
hat sich vor kurzem noch einmal Hinrich Lühmann
mit dem Lacanschen Theorem der Angst auseinandergesetzt.
Dieses Theorem besagt, daß es in Zuständen
der Angst, anders als in solchen der Furcht, nicht
zu einer Begegnung mit dem (Einzel-)Objekt, sondern
mit dem Realen komme, daß also, wie Lacan es
in seinem Seminar "L'Angoisse" sagt, die
Angst zwar nie ganz ohne Objekt sei, aber daß
man auch nicht wisse, um welches Objekt es sich handele2.
In diesem Zusammenhang hat Lühmann verständlich
zu machen versucht, daß die sprachlose Panik
der Angst nicht als Todes-, sondern als Lebensangst
aufzufassen sei: als >>Angst vor dem Realen,
insofern es unser biologisches Leben ist. Leben, das
sich vielleicht so fassen läßt: Leben minus
all das, was das Menschliche als Sprechwesen ausmacht...<<3
Diese, meines Erachtens bedenkenswerte Hypothese entwickelt
Lühmann in zwei Durchgängen: zum einen anhand
eines Kommentars von "Hemmung, Symptom und Angst"
und zum anderen anhand dezidierter Hinweise auf die
Panik des sogenannten Zwangsneurotikers. Auf einige
dieser Hinweise möchte ich mich im folgenden stützen
und sie durch Bezugnahme auf die Deutung eines Traumes
ergänzen, der sich mir als der Traum eines solchen
Zwangsneurotikers entschlüsselte. Ich hoffe dabei,
den Beitrag Lühmanns in einem der von ihm angesprochenen,
die Praxis der Psychoanalyse betreffenden Punkte ergänzen
zu können und so zu dem, was man die "Klinik
der Psychoanalyse" nennen könnte, ein wenig
beizutragen.
Der Traum
Meinen den zwangsneurotischen Diskurs betreffenden Beobachtungen lagen einige Träume zugrunde, von denen ich an dieser Stelle zumindest den zentralen Traum in voller Länge zitieren möchte. Er hatte folgenden Wortlaut:
Im Auditorium Maximum der Universität: eine unübersehbare Zahl von Zuhörern, von denen mir kein einziger bekannt ist. Vorne am Pult Professor T*, mein Doktorvater. In die geradezu gespenstische Ruhe des versammelten Auditoriums hinein spricht er nur ein oder zwei seiner philosophisch schwierigen, aber zugleich auch einfachen Sätze, - und schon geht ein Begeisterungssturm los: Einer der Zuhörer hält eine Laudatio, ein anderer geht nach vorne und drückt meinem Doktorvater die Hand. Der will in seiner Vorlesung fortfahren, aber der Jubel nimmt kein Ende. Schließlich bedankt er sich, läßt an alle Handzettel verteilen, auf denen die einen Einladungen zu ihm nach Hause, die anderen Textmaterial zu seiner Vorlesung finden. Ich frage mich, warum er nicht einfach mit seiner Vorlesung fortfährt und verlasse enttäuscht den Saal. Zu Hause angekommen, rufe ich K*C* und H*M* an. Obwohl ich sie nicht mehr sehen will, bestelle ich sie zu mir in eine gemeinsame Arbeitsgruppe. An ihr nehmen auch noch andere, mir unbekannte Personen teil. Wir sprechen über die in der Vorlesung gehörten Sätze. Ich ärgere mich, aber ich weiß nicht warum; und schon nach einer Weile verspüre ich nur noch Enttäuschung und Wut. Ich ringe nach Worten, ich will mich verständlich machen, aber ich schaffe es nicht. Schließlich erhebe ich mich von meinem Platz und spreche jeden einzelnen persönlich an. Ich gehe auf H*M* zu und schreie, wild gestikulierend: "Du Riesen-Baby Du, Du Verräter!" Und K*C* brülle ich an: "Du bist ein alter Heuchler, ein Schwächling!" Beide nehmen sie meine Worte gleichgültig auf, so als wüßten sie schon, was ich von ihnen denke. Schließlich sage ich zu allen: "Es tut mir leid, aber hiermit muß ich Euch meinen Abgang von der Universität verkünden; wie werden uns nicht mehr wiedersehen." Nach und nach verschwinden alle aus meinem Blickfeld, aber eine mir unbekannte Frau, mindestens einen Kopf kleiner als ich, nicht sehr schön, schon etwas gealtert, will noch etwas von mir, ich weiß nicht was. Wir müssen dazu von der Wohnungstür ins Innere der Wohnung zurück; sie geht neben mir. Auf einmal erkenne ich, daß sie mich doch nur um den kleinen Finger wickeln, mir Honig ums Maul schmieren will. Da rufe ich: "Verlaß meine Wohnung, verschwinde, geh!", und ich wache auf.
Das Zentrum des zwangsneurotischen Diskurses
Nicht auf alle Elemente dieses Traumes kann ich im folgenden
eingehen.4 So muß ich insbesondere darauf verzichten,
seinen gesamten persönlichen Hintergrund zu beleuchten
und damit jene Passagen aufzuhellen, in denen es um
die konkreten Beziehungen des Träumenden zu den
im Traum erwähnten Personen (v.a. zu H*M* und
K*C*) geht. Aber das ist für den hier zu problematisierenden
Zusammenhang auch nicht von allzu großer Dringlichkeit.
Vielmehr kann ich, um den zentralen Punkt zu verdeutlichen,
an dem ansetzen, was auch Hinrich Lühmann bereits
als einen für die Zwangsneurose typischen Zug
hat herausstellen können.
Er führt in seinem Vortrag aus, daß es bei
der Zwangsneurose im allgemeinen das Denken sei, das
zum Gegenstande der Phantasien, aber auch wiederum
selber zum Gegenstande des Denkens werde, und zwar
in der Form des ordnenden, arrangierenden und festlegenden
Denkens. Dieses Denken, das offenbar auf der Suche
nach seinem eigenen Begehren ist, ist aber andererseits
selbst auch von einem Begehren durchtränkt, einem
Begehren, wie Lühmann sagt, >>in verdinglichter
Form; dergestalt, daß er [der Zwangsneurotiker,
C.K.] sich denkend bewegen, seine Wissensschätze
durchlaufen, sie mustern, sich ihrer vergewissern muß.
Da er die Signifikanten nicht laufen läßt,
muß er selber vom einen zum anderen rennen, um
sie zu verbinden. Bewegung allerdings im Begreifbaren,
dem zu Begreifenden oder von anderen bereits Begriffenen.
Diskurs, wie wir wissen, der Universität.<<5
Eben dieser von Lacan angeschriebene Diskurs, der zu
seinem Agens das Wissen S2 hat und bei dem es der Herrensignifikant
S1 ist, der sich am Ort der Wahrheit situiert6, - eben
dieser Diskurs, und zwar in seiner institutionellen
Form, ist, wie bereits deutlich geworden sein dürfte,
auch das Zentrum des soeben zitierten Traumes. Allerdings
ist er dies in zweifacher Weise: Zum einen dreht sich
in ihm - im Sinne einer Attraktion des universitären
Diskurses - alles um den Signifikanten "Doktor-Vater"
(siehe v.a. den ersten Teil des Traumes), zum anderen
aber - im Sinne einer Repulsion dieses Diskurses -
alles um den Signifikanten "Abgang" (siehe
v.a. den zweiten Teil des Traumes). Mit anderen Worten,
die für die Zwangsneurose typische und immer wieder
zu beobachtende Ambivalenz von Liebe und Haß
findet in diesem Traum insofern ihren Niederschlag,
als das geliebte Objekt, das - nach klassischer Auffassung
- in seiner Repräsentantenfunktion den zwangsneurotischen
Diskurs fixiert und stabilisiert, doch zugleich, soweit
es der Haß ist, der es trifft, der Anlaß
ist zu einer zwanghaften Überschreitung des Zwanges
selbst. - Was darunter zu verstehen ist und - vor allem
- was alles Gegenstand einer solchen Überschreitung
zu werden vermag (nämlich auch der psychoanalytische
Diskurs), das möchte ich im folgenden darstellen.
Doktor-Vater-Gott
Ich konzentriere mich zunächst auf das attraktive
Zentrum der Zwangsneurose: Als Doktor-Vater ist der
im Traum erwähnte Professor zunächst bloß
eine infamiliäre Autoritätsperson, als Doktor-Vater
aber zugleich eine familiäre; und beide Funktionen,
in welchen der Professor im Traum auch tatsächlich
erscheint (vgl. die Opposition von "zu Hause"
bzw. "nach Hause" und "Auditorium Maximum"
bzw. "Vorlesung"), werden wiederum überhöht
und fundiert durch eine dritte Funktion, durch die
strukturale Funktion Gottes. Dies ergab sich über
die Analyse eines Tagesrestes, welcher den Schlüssel
zu der im Traum ausformulierten Opposition von den
zugleich "schwierigen" und "einfachen"
Sätzen des Professors enthielt.
Am Vortag des Traums hatte er in einer Monographie von
Chesterton über Thomas von Aquin folgende kleine
Anekdote gelesen: >>Eine Dame meiner Bekanntschaft
bekam zufällig ein Buch des hl. Thomas in die
Hände, das mit einem Kommentar versehen war, und
voller Hoffnung begann sie einen Abschnitt zu lesen,
der den unschuldigen Titel trug: "Über die
Einfachheit Gottes". Nach kurzer Zeit legte sie
das Buch mit einem Seufzer aus der Hand und sagte:
'Wenn das seine Einfachheit ist, so möchte ich
wissen, wie seine Kompliziertheit aussieht.'<<
Damit war klar, daß er in seinem Traum eine Überblendung,
eine Verdichtung vorgenommen hatte zwischen der Kompliziertheit
und Einfachheit Gottes auf der einen und den sowohl
schwierigen als auch einfachen Äußerungen
seines Doktorvaters auf der anderen Seite, daß
er also - unbewußt - diesen mit jenem identifizierte.
Damit zeigte sich als Zentrum seines Diskurses die
signifikante Kette "Doktor-Vater-Gott", deren
er sich zugleich - was eine weitere (hier nicht zu
thematisierende) Assoziation zutage förderte -
so als durchlaufendes Subjekt supponierte, daß
er selber (im Sinne einer Idealbildung) ins Zentrum
dieses Diskurses rückte. Nur auf diese Weise jedenfalls
war zu erklären, warum er in allen von ihm beschriebenen
Situationen des Hasses nicht nur den (symbolischen)
Abgang der anderen, sondern auch seinen eigenen "Abgang"
inszenierte.
Todeswunsch
Was diesen "Abgang", also das repulsive Zentrum
seiner Zwangsneurose anbelangte, so führte auch
auf dessen Spur und zu dessen genauerer Deutung ein
Tagesrest. So erzählte er mir: >>Am Abend
vor meinem Traum hatte ich mich mit einem befreundeten
Ehepaar getroffen. Mein Bekannter, von seiner Frau
nach der Qualität des Weines befragt, von dem
wir gerade tranken, antwortete: der Wein sei zwar immerhin
ein Chianti classico, aber doch ein wenig schwach "im
Abgang". Ich erinnere mich noch, daß mich
diese Worte zu einer Entgegnung gereizt hatten; und
da es schon spät war und mein Bekannter kurz zuvor
seine Absicht geäußert hatte, bald schlafen
zu gehen, sagte ich etwas Ironisches in der Art wie:
"So ist das also: je näher Du daran bist,
selber "den Abgang zu machen", desto schwächer
erscheint er Dir beim Wein."<<
"Den Abgang zu machen" heißt also, der
Logik dieses Tagesrestes zufolge, sich schlafen zu
legen; und "sich schlafen zu legen" wiederum,
gewissen mythologischen Vorstellungen zufolge (denen
der Schlaf als der Bruder des Todes gilt), sich dem
Tod bzw. den Toten anzuähneln. Eine Deutung, die
meines Erachtens auch dann noch Gültigkeit beanspruchen
kann, wenn man mit Lacan annimmt, daß das Todesbegehren
sich nicht auf der Seite des Begehrens zu schlafen,
sondern, da >>der tiefe Schlaf ermöglicht,
daß der Körper dauert<<7, auf der
des Begehrens zu erwachen situiert. Denn in der (hier
dargestellten und auch von Hinrich Lühmann beschriebenen)
Zwangsneurose ist es ja gerade der organische Körper,
das rein biologische Leben, das durch Angst besetzt
ist, nicht der Tod als solcher, vielmehr nur dasjenige
Moment am Tod, das selber als biologisches Moment zu
fassen wäre, das Sterben. Und dementsprechend
konnte es daher auch hier - wie beim Wein - entweder
ein vorübergehendes oder ein vollkommenes Erwachen,
einen "schwachen" oder einen "starken"
Abgang geben, - einen solchen, durch den es zu einer
temporären, oder einen solchen, durch den es zu
einer endgültigen Abwesenheit (bzw. einer totalen
Anwesenheit des Körpers) kommen konnte.8
Daß eine solche Alternative bestand, und daß
sie sich (was ich zunächst übersah) dem zweiten
Lösungsversuch, dem endgültigen Durchschlagen
des symbolischen Knotens, in bestimmter Weise näherte,
bestätigte ein Vorfall, der sich nur einige Tage
später in einer direkten Auseinandersetzung zwischen
ihm und seinem Bekannten ereignet hatte. Leider kann
ich diesen Vorfall hier nicht darstellen, aber er zeigte,
wie die bei ihm vorherrschende affektiv-aggressive
Besetzung des gesamten Feldes des universitären
Diskurses schließlich ein Loch in das symbolische
Netz dieses Feldes zu reißen vermochte, in dem
es zu einer fast panischen, angsterfüllten Begegnung
mit genau jenem Realen kam, das Hinrich Lühmann
am Ende seines Beitrages beschrieben hat.
Begreifenwollen der Psychoanalyse
Man wird daher folgendes festhalten müssen: Der
universitäre Diskurs ist das Zentrum der Zwangsneurose
nur so, daß er immer auch als ein zu verlassendes
Zentrum visiert wird, - als ein Zentrum, in dem die
gleichsam attraktiven und repulsiven, die zentrifugalen
und die zentripetalen Kräfte dessen, worum es
sich in dieser Neurose dreht, sich entweder (wie im
Zwangsdenken) im Gleichgewicht halten oder aber (wie
im hier nicht dargestellten panisch-paranoiden Zustand)
sich voneinander entkoppeln.9
Die Spannung zwischen diesen beiden Kräften schien
jedoch im vorliegenden Fall regelmäßig von
einer weiteren, das Subjekt gleichsam noch einmal zentrierenden
Spannung überformt zu sein. Denn das ordnende,
arrangierende und festlegende Denken, das Lühmann
zurecht in das zwangsneurotische Zentrum stellt, machte
hier, sobald es mit der Psychoanalyse in Berührung
kam, diese ihrerseits zu ihrem sowohl attraktiven als
auch repulsiven Gegenstand, raffte das, was es über
sie wissen konnte, auf und versuchte, auch sie in jedem
ihrer Zipfelchen zu begreifen.
So gab er beispielsweise - um nur einige Aspekte herauszugreifen
- seiner Verwunderung darüber Ausdruck, wie wenig
traumhaft dieser Traum, wie logisch er doch im Grunde
sei, wie wenig er den von Freud immer wieder hervorgehobenen
Eindruck des Fremdartigen und Entstellten mache. Oder
er deutete die Ambiguität seiner Traumformel vom
"Abgang" (in dem ich den Unterschied zwischen
vorübergehendem und endgültigem Erwachen
artikuliert sehe) philosophisch als die Spannung zwischen
bestimmter und abstrakter Negation. Und schließlich
glaubte er auch noch die Schwierigkeiten, mit denen
er beim Schreiben seiner wissenschaftlichen und literarischen
Texte zu kämpfen hatte, mit dem - im übrigen
zitatgetreuen und bibliographisch korrekten - Hinweis
auf eine Stelle bei Freud deuten zu können, wo
es heißt, daß eine neurotische Hemmung
des Schreibens in einer überstarken Erotisierung
der bei dieser Funktion in Anspruch genommenen Organe
begründet sei10.
Die Effekte solchen Begreifen- und Regulierenwollens
(sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen
Ebene) liegen auf der Hand: Nicht nur wird der Zwangsneurotiker
zu einem unangenehmen Genossen in der Analyse, weil,
wie Lühmann sagt, >>ihm das, was man so
freie Assoziation nennt, ein Greuel ist<<, sondern
auch - und vor allem - weil er uns mit seiner Erklärungswut
>>durchaus zu erwischen<< vermag11.
Hier jedenfalls scheint mir, ohne die Dinge dramatisieren
zu wollen, die eigentliche "Gefahr" für
die Praxis der Psychoanalyse zu liegen. Und diese Gefahr
- vom Zwangsneurotiker "erwischt", von seinem
Denken "hereingeleimt" zu werden12 - scheint
mir umso größer zu werden, je weniger es
in der aus solcher Praxis gespeisten und auf sie wieder
zurückwirkenden psychoanalytischen Theorie eine
doppelte Vorsicht gibt: einerseits gegenüber dem
auch in der Psychoanalyse immer möglichen Zwang,
quasi wissenschaftlich erklären zu wollen, was
es mit einem neurotischen Symptom - in diesem Falle
mit dem zwangsneurotischen Symptom - auf sich hat,
und andererseits gegenüber dem für diese
Form der Psychoanalyse offenbar notwendigen Zwang,
sich institutionalisieren zu müssen, und zwar,
um diesem sich erklärenden und erklärt habenden
Wissen eine Verfassung geben zu können13. Immer
dann, wenn sie diese Vorsicht nicht walten läßt,
so meine Hypothese, kann die Psychoanalyse der Herausforderung
des zwangsneurotischen Diskurses nur noch sehr schwer
standhalten, gibt sie ihm im Grunde schon so viel zu,
daß sie dem von ihm versuchten Progreß
in den Diskurs des Analytikers spiegelbildlich stützt
durch einen bei ihr nicht genügend beachteten
Regreß in den Diskurs der Universität14.
Doppelte Institution
So wurde schließlich auch mir - der ich offenbar
selber diesen Fehler begangen hatte - klar, daß
ich mich mit all meinen Deutungsversuchen, je näher
ich dem Zentrum (um nicht zu sagen dem Nabel) seines
Traumes zu kommen schien, doch auf einem Irrweg befand,
daß, indem ich mich auf die ihrerseits systematische
Suche nach einem mir verborgenen System seines Sprechens
machte, ich von seinem Denken "hereingeleimt"
wurde. - Nirgendwo wurde dies deutlicher als da, wo
es darum ging, den Schluß des Traums einer genaueren
Analyse zu unterziehen. Dieser Analyse setzten sich
- für mich zunächst völlig überraschend
- erhebliche Widerstände entgegen. Zu der Frau,
die er im Traum ins Innere der Wohnung zurückbegleitet
und von der er schließlich erkennt, >>daß
sie mich doch nur um den kleinen Finger wickeln, mir
Honig ums Maul schmieren will<<, wollte ihm durchaus
nichts einfallen. Immer wieder betonte er, er hätte
ihr Gesicht nicht gesehen, und er könne sich eben
deshalb auch nicht erinnern, jemals >>einer solchen
Frau<< begegnet zu sein.
Statt ihn auf die Ungereimtheit dieser Formulierung
aufmerksam zu machen, versuchte ich seiner Erinnerung
auf anderem Wege nachzuspüren. Ich bat ihn, mir
von allen Frauen zu berichten, die er in den letzten
Jahren kennengelernt hatte und dabei auch flüchtige
Bekanntschaften nicht auszulassen. Dabei fiel mir die
merkwürdige - im Falle starker Verdrängung
immer wieder zu beobachtende - Affektlosigkeit auf,
mit der er von einer dieser Frauen erzählte und
meinte, er hätte für sie >>im Grunde
nicht viele Worte übrig<<, das sei >>wirklich
nur eine sehr flüchtige Bekanntschaft<<
gewesen. Aber eben diese, für ihn typische Verneinung
nahm ich zum Anlaß meiner Nachfragen; und dabei
stellte sich heraus: Mit dieser Frau (die wie die im
Traum erwähnte >>nicht sehr schön<<
und >>schon etwas älter<< war als
er) hatte er sich nicht nur auf ein kurzfristiges sexuelles
Verhältnis eingelassen, sie hatte ihn auch - und
vor allem - wegen ihres engen Verhältnisses zum
analytischen Diskurs fasziniert. So berichtete er:
>>Sie war schon seit über zehn Jahren in
der Analyse; sie konnte an fast nichts anderes mehr
denken. Immer wenn ich sie traf, redete sie davon,
und wenn sie einmal nicht davon redete, mußte
sie ihre ganze Umgebung "psychoanalysieren":
Freunde, Bekannte, ihren Mann und ihren Sohn; alle
hatten sie irgendeine Neurose: eine Zwangsneurose,
eine Angstneurose, eine Hysterie, eine Depression.
Und für alles hatte sie auch gleich die richtigen
Kategorien parat. Ich konnte damit überhaupt nichts
anfangen, und es hat mich schließlich derart
zermürbt, daß ich schon nach wenigen Wochen
den Kontakt mit ihr wieder abgebrochen habe. Was mich
aber am meisten geärgert hat, war, daß sie
fast allen, die sie zu kennen glaubte, eine Analyse
nahelegte. Das fand ich, gelinde gesagt, ziemlich unmöglich.<<
In diesem Moment war für mich klar, daß sie
auch ihn dazu aufgefordert haben mußte, sich
in eine Analyse zu begeben, und daß - ganz im
Gegensatz zu seinen Beteuerungen - offensichtlich sie
es war, die ihn auf die Idee gebracht hatte, sich mit
mir in Verbindung zu setzen. Wenn aber das zutraf -
und ich hatte daran, trotz fehlender Bestätigung
von seiner Seite, nicht die geringsten Zweifel -, so
war es auch nicht mehr abwegig anzunehmen, daß
sich die Geschehnisse in seinem Traum nicht, wie ich
vermutet hatte, bloß um ein, sondern um zwei
Zentren gruppierten: um den universitären und
den analytischen Diskurs, um diejenige Institution,
die für ihn der Professor, und um diejenige, die
für ihn - in diesem Traum - diese Frau repräsentierte.
Der Wechsel vom einen zum anderen, der Progreß
in den analytischen und der Regreß in den universitären
Diskurs war mithin nicht nur das geheime Thema dieses
Traumes. Sondern in ihm wurde auch über die Sackgasse,
die jede der beiden Bewegungsrichtungen für ihn
bedeutete, auf eindeutige Weise entschieden: "Einer
solchen Sackgasse", sagte er sich, "kann
ich mich im Grunde nur entziehen15". Und er mußte
deshalb auch hier genau denjenigen Abgang praktizieren,
den er in seinem Traum angekündigt und seinem
Freund gegenüber realisiert hatte.
Eben dies ist denn auch geschehen. Er verabschiedete
sich von mir und kam nie wieder.
Le sujet supposè savoir
Will man die Erfahrung, die mit einem solchen Scheitern
verbunden ist, in wenigen Worten zusammenfassen, so
müßte man sagen: Im Zentrum der im universitären
Diskurs sich zentrierenden Zwangsneurose steht, man
kann es drehen und wenden wie man will, auch der analytische
Diskurs. Und dieser kann, unter ungünstigen Bedingungen
(die der Analytiker zu kontrollieren hat), auch zum
primären Zentrum dieser Neurose werden, und zwar
dann, wenn der psychoanalytische Prozeß vom Analysanden
oder auch vom Analytiker selbst als ein seinerseits
erklärender (sprich wissenschaftlicher) und sich
institutionalisierender Diskurs des Wissens unterstellt
wird.
Es ist dies - sicherlich - eine andere Form des sujet
supposè savoir, aber, wie ich hoffe gezeigt
zu haben, eine sehr hartnäckige. Eine solche,
die alle von mir hier vorgetragenen Bedenken zu rechtfertigen
vermag.
Anmerkungen
Dieser Vortrag, gehalten am 12.3.1993 in dem von Claus-Dieter
Rath geleiteten Kolloquium der Berliner "Psychoanalytischen
Assoziation. Die Zeit zum Begreifen" zum Thema
"Affekt", wurde veröffentlicht in: Brief
der Psychoanalytischen Assoziation, Nr.12 vom 8.10.1993,
S.16-35.
2Vgl. Jacques Lacan, L'Angoisse, Sitzung v. 30.1.1963;
vgl. a. ders., L'Envers de la Psychanalyse, Paris 1991,
S.171f.
3Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.34.
4Vgl. zur vollständigen Deutung dieses Traumes
und zu ihrer Problematisierung meinen demnächst
erscheinenden Beitrag: Von der Leimrute eines Zwangsneurotikers.
Eine Traumanalyse, in: Der Entwurf, Nr.1 (1994).
5Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.25.
6Vgl. Jacques Lacan, L'Envers de la Psychanalyse, a.a.O.,
S.43ff, S.61ff passim.
7Jacques Lacan, Das Begehren zu schlafen, in: Der Wunderblock,
Nr.13, Juni 1985, S.3ff; hier S.3.
8Mit anderen Worten, wenn >>denkbar ist, daß
die ganze Sprache nur gemacht ist, um nicht den Tod
zu denken, der in der Tat die undenklichste Sache ist,
die es gibt<< (ebd., S.4), so kann der Tod immer
nur in den (sprachlich) relativen Formen der Abwesenheit
erscheinen, - in Formen, denen je und je eine andere
Form, eine Form der Anwesenheit nämlich, korrespondiert.
9Ähnlich scheint es auch Hinrich Lühmann zu
sehen, wenn er schreibt: >>Panik tritt dann ein,
wenn die Ausführung des Symptoms nicht gestattet
wird, nicht realisierbar ist. Freud erklärte das
Zustandekommen der Symptome aus der Angst. Ich verorte
die Panik dort, wo die rettenden Symptome - aus welchen
Gründen auch immer - zusammenbrechen.<<
(Zwang und Panik, a.a.O., S.24; vgl. a. S.28).
10Vgl. Sigmund Freud, Hemmung, Symptom und Angst, StA
Bd. VI, S.235.
11Hinrich Lühmann, Zwang und Panik, a.a.O., S.25/26.
12Vgl. Jacques Lacan, Vortrag über das Symptom,
in: Riss, Nr.1, 1986, S.5ff, hier S.9.
13Dem erstgenannten Problem hat sich bereits 1986/87
Lutz Mai in einem (noch in der Berliner "Sigmund-Freud-Schule")
gehaltenen Seminar gewidmet, aus dem unter dem Titel
"Apropos `Uni-vers-Cythère'" Auszüge
veröffentlicht worden sind in: Delta Tau Zwei,
Berlin 1987, S.19ff; dem letztgenannten Problem widmete
er sich in einer Veranstaltung anläßlich
der Gründung der "Psychoanalytischen Assoziation.
Die Zeit zum Begreifen", in seinem Vortrag "Unmöglichkeit
der Institution", abgedruckt in: Brief der Psychoanalytischen
Assoziation, Nr.3 vom 10.4.1989, S.7ff. - Seitdem ist
die Diskussion über diese Fragen nicht abgebrochen.
Sie wurde fortgeführt in der Psychoanalytischen
Assoziation anläßlich einiger Vorschläge
zur Satzungsänderung im Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld
"Das Begehren des Analytikers" (vgl. in Brief
Nr.8 die Beiträge von Robert Krokowski und Hinrich
Lühmann, S.3ff u. S.35ff; und in Brief Nr.9 den
Beitrag von Jutta Prasse, S.38ff), und sie wurde und
wird geführt anläßlich des - mittlerweile
umgesetzten - Vorschlags zur Gründung eines überregionalen
Vereins zur Förderung der Psychoanalyse (vgl.
die Beiträge im Diskurier Nr.1, S.39ff, Nr.2,
S.3ff, Nr.3, S.5ff und Nr.4, S.3ff).
14Vgl. Jacques Lacan, Encore, Berlin 1986, S.21; bzw.
ders., Radiophonie. Television, Berlin 1988, S.49.
15Folgerichtig ist daher meines Erachtens, wenn Lacan
die von ihm angeschriebenen Diskurse - des Herrn, der
Hysterikerin, des Analytikers und der Universität
- zwar kreishaft anordnet (jeder der vier Terme wechselt
seinen Platz), aber diesen Kreislauf dann doch in zwei
Halbkreise zerteilt: Zwar erhellt sich der Diskurs
des Herrn durch Regression des Diskurses der Hysterikerin
(erster Halbkreis), und wiederum erhellt sich der Diskurs
der Universität aus seinem Progreß in den
des Analytikers (zweiter Halbkreis); aber weder gibt
es einen graduellen Übergang (weder Regression
noch Progreß) vom Diskurs der Hysterikerin zu
dem des Analytikers noch auch von dem der Universität
zu dem des Herrn (vgl. Jacques Lacan, Encore, a.a.O.,
S.21; ders., L'Envers de la Psychanalyse, a.a.O., S.31
u. S.43; und außerdem: Agnes Hilbig, Zur topologischen
Anschreibung von Diskursen und signifikanten Praktiken,
in: Delta Tau Drei, Berlin 1988, S.19ff).