Christian Kupke
Was heißt "Psyche"?
Ein Diskussionspapier
(vorgelegt in der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche am 10.6.95)
1. Was interessiert mich daran und was heißt es für mich, "Psyche" zu thematisieren?
1.1. Ich werde im vorliegenden Text einige Thesen aufstellen,
deren Erkenntnisanspruch womöglich als sehr weitreichend
eingeschätzt werden dürfte. Ich möchte
jedoch betonen, daß es sich bei meinen Überlegungen
zum Thema "Psyche" lediglich um Modellvorstellungen
handelt, die eine bestimmte Richtung der Arbeit anzeigen,
aber noch nicht deren Ergebnisse vorwegnehmen sollen.
Ich bin, das gestehe ich offen zu, hinsichtlich der
gestellten Frage ziemlich ratlos. Daß ich mich
aber dennoch in diesem Papier zu gewissen philosophischen
Spekulationen über Psyche habe hinreißen
lassen, hat seinen Grund in einem prinzipiellen methodologischen
Interesse:
Weder habe ich ein ausreichenden Hang dazu, das mit
dem Titel "Psyche" gestellte Problem sogleich
naturwissenschaftlich auf die Frage nach den sogenannten
"Gehirnfunktionen" zu verengen (obwohl diese
Frage mittlerweile einen wesentlichen Einfluß
auf meine Auffasung gewonnen hat), noch auch Interesse
an einem philosophiewissenschaftlichen Ausweichen vor
der eigentlichen Frage, indem ich begriffs- und wissenschaftsgeschichtliche
Versatzstücke zu einer Theorie der Psyche versammle.
Denn diese mögen zwar geeignet sein, eine gewisse
- meinetwegen philosophische - Bildung zu demonstrieren,
aber auch sie müssen doch letztlich zu der ganz
unzweifelhaften Tatsache ins Verhältnis gesetzt
werden, erstens: daß wir, bislang jedenfalls,
nicht wissen und vielleicht auch niemals wissen können,
was das ist: die Psyche, und zweitens: daß das
daraus resultierende Nicht-Wissen (oder bloß
scheinbare Wissen) dennoch die massivsten Effekte auf
unseren praktischen Umgang mit diesem Phänomen
gehabt hat und weiterhin haben wird. Eben deshalb aber
scheint es mir sinnvoller zu sein, darüber nachzudenken,
was vielleicht - jenseits eines verifizierbaren Wissens
(und jenseits auch aller disziplinären Verengung)
- Psyche sein könnte oder sein sollte, wenn uns
an einem veränderten Umgang mit diesem Phänomen
gelegen ist.
1.2. Im Sinne dieses Interesses möchte ich daher
zunächst umreißen, wie meines Erachtens
die Fragestellung lauten sollte, anhand derer Psyche
in einem philosophischen Kontext thematisiert werden
müßte. - Die Frage dürfte nicht lauten:
"Was ist das, die Psyche?", sondern allenfalls:
"Was ist Psyche?" oder noch besser: "Was
heißt Psyche?" Denn das "ist"
in Kombination mit dem bestimmten Artikel "die"
in der ersten Frage legt nahe, daß es sich bei
Psyche um einen einzelnen real spezifizierten und deshalb
auch wissensmäßig spezifizierbaren Gegenstand
handelt. Dem ist aber, wie ich bereits in meinem damaligen
Vortrag "Ist Philosophie eine Wissenschaft, und
kann es eine Philosophie der Psyche geben?" ansatzweise
ausgeführt habe, nicht so. Vielmehr ist Psyche
ein je unterschiedlich auftretendes Phänomen (und
zwar ein Übersetzungsphänomen), das uns in
seiner Unterschiedlichkeit auf das verweist, was in
der Tradition als "Individuum" bezeichnet
worden ist.
Damit soll zwar nicht gesagt sein, daß alles,
was psychisch ist, individuell ist, aber doch, daß
die Individualität eines Menschen immer psychischen
Charakters ist. Das heißt: Psyche ist in ihrer
Phänomenalität eher eine Eigenschaft denn
ein Gegenstand, "Psyche" eher ein Attribut
denn ein Nomen, sprachanalytisch gesprochen: eher ein
genereller denn ein singulärer Terminus; und solchen
Termini gegenüber stellen wir vorzugsweise, in
einem ersten Schritt, nicht die Seins- bzw. Wesensfrage,
sondern die Bedeutungsfrage (also in diesem Falle:
"Was heißt Psyche?").
Zwar könnten wir dann, in einem zweiten Schritt,
auch noch die Seins- bzw. Wesensfrage stellen ("Ist
Psyche? Und was ist sie dann?"), indem wir bspw.,
wie die Sprachanalyse, behaupten, generelle Termini
bezeichneten durchweg abstrakte, sogenannte immaterielle
Gegenstände; aber ungeachtet dieses Problems (auf
das ich später noch kurz zurückkommen werde)
scheint mir doch wichtig zu sein, daß eben diese
Frage erst den zweiten Schritt darstellt, während
sich bei konkreten, sogenannten materiellen Gegenständen
die Schrittfolge der Fragestellung umkehrt.
Was ich damit meine wird deutlich, wenn wir - wie es
die gegenwärtige Wissenschaftsentwicklung fordert
- nach dem naturwissenschaftlich erforschbaren Äquivalent
psychischer Phänomene fragen: nach dem Gehirn.
Denn dies, das Gehirn, ist (existiert) offensichtlich,
und es ist deshalb auch ein solcher konkreter, materieller
Gegenstand. Für ihn gilt vorzugsweise nicht die
Bedeutungs-, sondern die Seins- bzw. Wesensfrage. Wir
fragen nicht zunächst (und vielleicht sogar niemals):
"Was heißt Gehirn?", sondern: "Was
ist das, das Gehirn?"
Diese Frage steht am Anfang aller Hirnforschung (und
der mit ihr verbundenen Neuroanatomie und Neurophysiologie),
und sie wird, wenn überhaupt, offensichtlich erst
dann überschritten, wenn diese Forschung an die
Grenzen ihres Gegenstandes gerät, also z.B. veranlaßt
wird zu fragen, ob das, mit dem sie sich ab einer gewissen
Forschungstiefe beschäftigt, überhaupt noch
"Gehirnfunktionen" und nicht vielmehr schon
"psychische Funktionen" sind. Und umgekehrt
wird wohl auch die philosophische Frage nach der Bedeutung
von "Psyche" irgendwann einmal an ihre Grenzen
kommen, nämlich genau dann, wenn das, was ich
ihre Bedeutungskonstitution nenne, sich erschöpft
hat und die Frage entsteht, ob es für die von
ihr aufgewiesenen Bedeutungen nicht auch ein materielles,
konkret gegenständliches Substrat, also einen
Anhalt in der sogenannten empirischen, raum-zeitlichen
Wirklichkeit gibt.
Die philosophische Frage nach dem Bedeutungsgehalt von
Psyche und die naturwissenschaftliche Frage nach Form
und Funktion des Gehirns laufen also, idealiter zumindest,
aufeinander zu. Da wo die eine aufhört - wo sie
keine befriedigende Antwort findet -, müßte
die andere anfangen und umgekehrt; während nach
dem mittlerweile veralteten und obsolet gewordenen
Grundlegungsanspruch der klassischen Philosophie diese
den eigentlichen Anfang darstellen sollte: >>Das
Reden von einer Grundlegung erzeugt den Schein, als
käme die Philosophie den Fachwissenschaften ...
zuvor; es suggeriert, daß die Fachwissenschaften
eigentlich auf die Philosophie warten müßten,
um richtig anfangen zu können.<< (Michael
Theunissen, Möglichkeiten des Philosophierens
heute, in: ders., Negative Theologie der Zeit, Frankfurt/M.
1991, S.24). - Eben deshalb aber, weil der Weg das
Ziel ist und beide eine unterschiedliche Richtung einschlagen,
unterscheiden sie sich auch voneinander; und das was
idealiter aufeinander zuläuft, läuft realiter
auseinander.
2. Was könnte Psyche philosophisch sein, und was ist Psyche offensichtlich nicht?
2.1. Offensichtlich ist Psyche (wie bereits aus dem
ersten Abschnitt deutlich geworden sein sollte) kein
x-beliebiger materieller Gegenstand. Denn ihre eigentümliche,
introspektiv unmittelbar einleuchtende Immaterialität,
die Unmöglichkeit, sie in irgendeiner Weise räumlich
oder zeitlich zu verorten, verbietet meines Erachtens
ihre genaue, definitive Abgrenzung gegenüber anderen
Gegenständen bzw. umgekehrt: ermöglicht es
gerade, sie nicht als Gegenstand, sie nicht als etwas
Substanzielles und auch nicht als ein bloßes
Epiphänomen im Sinne des Epiphänomenalismus
zu begreifen (einer Auffassung, die davon ausgeht,
daß jedes psychologische Ereignis vollkommen
und ausschließlich durch die Physiologie des
Gehirns determiniert sei).
Andererseits aber darf man meines Erachtens auch nicht
den Fehler machen, "Psyche" vorschnell gegenüber
dem abzugrenzen, was man gemeinhin den "Körper"
nennt (einmal abgesehen davon, daß wir oftmals
noch nicht einmal wissen, was wir meinen, wenn wir
vom "Körper" sprechen). Im Gegenteil:
Es scheint mir ein mittlerweile unabweisbares Ergebnis
aller derjenigen Wissenschaften zu sein, die sich mit
Psyche auseinandersetzen, daß diese sich immer
nur ausgehend vom Gehirn und vermittels körperlicher
Aktionen und Reaktionen artikuliert, niemals aber in
ihrer ganzen Reinheit als "Psyche". Und weil
eben deshalb bezweifelt werden kann, daß es überhaupt
einen solchen, von allen körperlichen Innervationen
freien, reinen Gegenstand der "Psyche" gibt,
sollte man - trotz aller Kritik am Epiphänomenalismus
- vorsichtig damit sein, sie in einem derart krassen
Dualismus von diesen ihren Innervationen zu scheiden,
wie dies bspw. (kaum überraschend, denn positivistische
Wissenschaft ist Metaphysik) der Gehirnphysiologe John
C. Eccles und der Psychologe Daniel N. Robinson in
ihrem Buch "The wonder of being human. Our brain
and our mind" (New York 1984) tun.
2.2. Wenn ich behaupte, daß das, was wir Psyche nennen, sich immer nur ausgehend vom Gehirn und vermittels körperlicher, sensuell wahrnehmbarer Aktionen und Reaktionen artikuliert, so will ich unter solchen Aktionen und Reaktionen, neben Gestik, Mimik und körperlichem Handeln, auch (aber selbstverständlich nicht ausschließlich) das Sprechen verstanden wissen. Denn wenn wir auch, wie Lacan einmal sagte, hinter dem, was wir sprechen, oftmals vergessen machen - und vergessen machen lassen _, daß wir sprechen, so muß man doch folgendes im Auge behalten: Zunächst ist die Motorik des Sprechens eine körperliche Motorik und eben deshalb auch die Wahrnehmung dieses Sprechens eine sensuelle, also körperliche Wahrnehmung. Zum zweiten aber - und das ist weitaus wichtiger - hat die Sprache (hier verstanden als Sprechen, als parole und nicht als langue) ihre eigene Körperlichkeit. Sie, die wir oft genug als eine immaterielle Größe zu betrachten neigen, trägt in sich selbst die Differenz von Materialität und Immaterialität aus, nämlich als die Differenz von Signifikant und Signifikat. Der Laut oder der Buchstabe, in all seinen Modulationen, hat materiellen Charakter, und das Signifikat, das er, dieser Laut (oder dieser Buchstabe) als seine Bedeutung transportiert, hat - zumindest nehme ich das an (und ich halte daran vorläufig fest) - immateriellen Charakter.
2.2.1. In einem ersten Schritt hebe ich damit auf die
wesentliche Zeichenhaftigkeit von Psyche ab, auf diejenige
semiotische Phänomenalität des Psychischen,
die zunächst, wie jedes Zeichen, den Schein erzeugt,
"hinter" ihr - gleichsam im metaphysischen
"Hinterland" Nietzsches - "verberge"
sich das Eigentliche, das Wesen des psychischen Aktes.
Dieses berühmte Mißverständnis des
Phänomens als Erscheinung, auf das sich bereits
Heidegger kritisch bezog, als er das Phänomen
als >>das Sich-an-ihm-selbst-Zeigende, das Offenbare<<
bestimmte (Marin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen
1979, S.28) - dieses Mißverständnis läßt
sich auch zeichentheoretisch leicht aufklären:
Es verwechselt das Zeichen, die Einheit von Signifikant
und Signifikat (von Ausdruck und Inhalt), mit dem Signifikanten.
Damit entsteht zunächst die Täuschung, "hinter"
dem Signifikanten "verberge" sich etwas,
nämlich das Signifikat, erneut. Sie läßt
sich aber in einer Weise beheben, daß deutlich
wird: Die Metaphysik der Psyche, als die eines allen
psychischen Akten zugrundeliegenden und sie begründenden
Wesens (des Ichs, der Person, des selbstbewußten
Geistes etc.) hebt sich auf in einer Konzeption von
Psyche als eines psychosemiotischen Textes.
Denn wie, so müssen wir fragen, könnten wir
das, was wir unter einem bestimmten Signifikanten als
das Signifikat dieses Signifikanten (also bspw. auch
unter dem Signifikanten "Psyche") verstehen,
anders verdeutlichen, anders übersetzen, als indem
wir wiederum einen bestimmten Gebrauch von Signifikanten
machten? Und wie könnten wir, als mit dem Signifikanten
Psyche bezeichnete psychische Wesen, uns selbst artikulieren,
uns selbst übersetzen, wenn nicht in dieser -
für uns als psychische Wesen irreduziblen - Differenz
von Signifikant und Signifikat? Indem wir, gleichsam
in der Tiefe, das die psychischen Akte als Signifikantenrelationen
begründende Signifikat, die Psyche, suchen, und
indem wir, gleichsam aus der Tiefe, uns selbst als
psychische Wesen, als dieses Signifikat setzen, werden
und bleiben wir verwiesen auf die Fläche der Signifikantenrelationen
selbst, - auf den Text unseres psychischen Seins, den
psychosemiotischen Text.
Psyche mithin, das ist die These, ist die Übersetzung
eines Textes in einen anderen Text. Sie ist das Wechselverhältnis
einer Übersetzung vom Materiellen ins Immaterielle
und vom Immateriellen ins Materielle, eine Übersetzung
ihrer selbst in ein materielles Artikulationsmedium,
aus dem - und aus dem allein - sie sich zugleich rückübersetzt
in ein immaterielles Artikulationsmedium. Eben darin
aber konstituiert sie sich als das, was sie ist, konstituiert
sie sich nicht als Epiphänomen, sondern als eigenständiges,
an sich selbst offenbares Phänomen, - als psychosemiotischer
Text.
2.2.2. In einem zweiten Schritt ist aber nun zu fragen,
ob man nicht durch eine solche These - in der vom Immateriellen
und vom Materiellen die Rede ist - die klassische,
als Paradoxon gemeinte Frage nach der zugleich materiellen
und immateriellen Seinsweise des Bewußtseins
wieder stellen oder gar die alte Theorie wiederbeleben
will, nach der die Psyche im Gehirn durch sogenannte
"Spiritus Animales", seltsamen Zwitterwesen
zwischen realem und geistigem Sein vertreten sei. Aber
zu einem solchen Mißverständnis kann man
im Grunde nur dann gelangen, wenn man die Charakterisierung
des Signifikanten als materiell und die des Signifikates
als immateriell in einem metaphysischen und nicht in
einem streng strukturalistischen Sinne verstünde.
Zumindest dürfte ein metaphysisches Verständnis
dieser Differenz dadurch erschwert werden, daß
sich aus der Hjemslevschen Unterscheidung zwischen
einer Ausdruckssubstanz und einer Ausdrucksform (auf
der Seite des Signifikanten) und einer Inhaltssubstanz
und einer Inhaltsform (auf der Seite des Signifikats)
kaum noch - unter dem Titel der Substanz - ein einheitlicher
bzw. klassisch-metaphysischer Materiebegriff gewinnen
ließe.
Aber andererseits ist klar, daß eine Darstellung
wie die vorliegende, die sich, zugegebenermaßen,
an einem introspektiven Begriff des Psychischen orientiert,
zumindest einen der in der klassischen Metaphysik kurrenten
Binarismen - da sie von ihm ausgeht und, in einer Theorie
der Über-Setzung, auch von ihm ausgehen muß
- nicht aufzuheben oder zu reduzieren vermag, einen
Binarismus, an dem auch die Unterscheidung zwischen
(materiellem) Signifikant und (immateriellem) Signifikat
grundsätzlich gebunden bleibt. Es ist der Binarismus
von Innen und Außen, genauer: der Binarismus
zwischen der Introspektion, in welcher ich selbst meiner
eigenen psychischen Akte unmittelbar derart bewußt
werde, daß ich sie zunächst in keiner Weise
räumlich zu verorten weiß (eben das macht
ihre Immaterialität aus), und der Extrospektion,
in welcher ich diese Akte nicht nur, wie es die vorliegende
Darstellung anstrebt, als in raum-zeitlichen Konstellationen
vermittelt wissen, sondern sie mir - bedingt durch
die Fortschritte in der neurophysiolgischen Forschung
- gleichsam auf dem Bildschirm des Elektroenzephalogramms
auch "anschauen" kann (aber eben nicht, und
das ist entscheidend, in der Form, in welcher ich mir
dieser Akte ursprünglich inne geworden bin oder
inne werde).
Genau an dieser Stelle aber - an welcher, wie man sieht,
die philosophische Problematisierung allererst in Gang
kommt und die Neurophysiologie und die Neuroanatomie
bereits ihre Ergebnisse präsentieren - zeigt sich
eine eigentümliche Konvergenz. Denn auch die Gehirnforschung
muß auf ihrer Suche nach dem "missing link"
zwischen Gehirn und Geist schließlich feststellen,
daß >>die neurale Information, die das
Verhalten steuert, ... eine nichtphysikalische [sprich
immaterielle, - C.K.] Eigenschaft von physikalischen
bzw. physiologischen [sprich materiellen, C.K.] Eigenschaften
(ist) und ... daher eine eigene funktionale Realität
besitzt.<< Oder, in anderer Formulierung: >>Es
sind die .. verobjektivierbaren organischen Funktionen
von den mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht
verobjektivierbaren, d.h. nicht direkt an den Gehirnereignissen
beobachtbaren kognitiven Funktionen zu unterscheiden.<<
(Erhard Oeser/Franz Seitelberger, Gehirn, Bewußtsein
und Erkenntnis, Darmstadt 1995, S.116 und S.214)
Damit aber schließt sich nun der Kreis: Denn wenn,
wie Oeser und Seitelberger annehmen, die Neuroepistemologie
>>der Versuch des menschlichen Geistes (ist),
durch die Erfassung des Gehirns sich selbst zu erkennen<<
(ebd., S.152), so ist auch dieser Versuch, wie weit
er auch immer geht, eine faktische Übersetzungsleistung
des Psychischen selbst, ein psychisches Phänomen,
das ebenso - und in derselben Weise - zu analysieren,
zu psycho-analysieren ist wie jedes andere auch. -
Eben das aber verweist mich auf die Psychoanalyse.
3. Folgerungen
Ich frage: Was treibt den Menschen (oder überhaupt
einen Menschen) dazu, sich selbst in einem physiologischen
Organ zu verorten (noch dazu in einem Organ, das ihm
schließlich sagt, daß es nichts ist mit
diesem Ort)? Und ich halte fest: Die philosophische
Zugangsweise zum Psychischen muß nicht dem angeblichen
organischen Grund, sondern der Phänomenalität
dieses Phänomens gerecht werden. Das heißt,
sie darf nicht - was immer wieder verführerisch
ist - hinter dem jeweiligen Ausdruck von Psyche das
suchen, was sie als "die" Psyche "des"
Menschen (oder eines einzelnen Menschen) diesem bloß
unterstellt, sondern sie muß das Psychische in
diesem Ausdruck, oder noch schärfer als diesen
Ausdruck selber zu verstehen lernen. Verstehen-lernen
aber heißt hier selber: übersetzen-lernen;
und dieses Übersetzen-lernen ist daher seinerseits
ein psychischer Prozeß.
Niemand anders als Freud ist es gewesen, der in seiner
Theorie von der Lehranalyse und der der Übertragung
und der Gegenübertragung so genau erkannt hat,
was mit einem solchen Übersetzungsvorgang auf
dem Spiel steht. Aber er hat mit eben derselben Schärfe
auch erkannt, daß es zu einer zweiten Übersetzung,
nämlich der des Analytikers, gar nicht kommen
müßte, wenn nicht doch der ersten Übersetzung,
der des Analysanden, etwas verborgen bliebe, das in
der analytischen Situation selber übersetzt, also
als ein dem psychischen Prozeß des Analysanden
selber nichts Fremdes, sondern als sein Eigenes artikuliert
werden muß.
Damit scheint nun allerdings doch - entgegen meiner
soeben formulierten Annahme - die These verbunden zu
sein, daß sich hinter dem psychischen Ausdruck
etwas verberge: das eigentlich Psychische dieses Ausdrucks,
und daß man eben deshalb dieses Psychische auch
hinter diesem Ausdruck zu suchen habe. Aber das, was
man da zu suchen hat - so zumindest verstehe ich Freud
- ist selber gar nichts anderes als ein Ausdruck; und
weil es dieser Ausdruck ist, der sich verbirgt, nämlich
hinter dem Ausdruck dieses Ausdruckes, einer bestimmten
Übersetzung einer anderen Übersetzung, deshalb
müssen in der analytischen Situation auch bestimmte
Vorkehrungen getroffen werden, damit dieser Ausdruck
sich zu artikulieren und damit Geltung zu schaffen
vermag.
Über diese "Methode" der analytischen
Praxis (die, wie man sieht, sich von einer wissenschaftlichen
Methode schon allein dadurch unterscheidet, daß
es hier v.a. der "Gegenstand" ist, der spricht,
und nicht der Analytiker selbst) möchte ich an
dieser Stelle nur sehr wenig sagen. Daß es vornehmlich
die Lautsprache des Analysanden ist, auf die sich die
Analyse konzentriert, und daß es auch nicht -
was man vielfach übersieht - ein eigentlicher
Dialog ist, was sich da zwischen Analysandem und Analytiker
abspielt (in dem dann z.B. auch die Mimik und Gestik
des Analysanden sich in denen des Analytikers zu reflektieren
vermögen), das hat mit einer bestimmten entwicklungstheoretischen,
aber auch topologischen Auffassung darüber zu
tun, wie die eine Übersetzung die andere zu verdrängen
vermag und dadurch zu einer Überbesetzung führt,
in die das selber sich je schon übersetzende Subjekt
sich verstrickt. Worauf es mir hier ankommt, ist allein,
daß offensichtlich jener "Gegenstand",
von dem wir unter Voraussetzung einer wissenschaftlichen
Betrachtungsweise sprechen müßten, gar kein
wirklicher spezifizierter Gegenstand ist, sondern ein
derart individueller und besonderer (Lacan sagt: Die
Psychoanalyse ist eine Erfahrung des Besonderen), daß
jedes noch so diffizil formulierte Gesetz, jedes noch
so subtil arrangierte Experiment diesen Gegenstand
nicht - wie man so schön sagt - zu "fassen"
bekäme; und daß mithin die Methode des Zugangs
zu diesem "Gegenstand" nicht eigentlich -
wie in der Wissenschaft - eine Methode zur Untersuchung
dieses Gegenstandes ist, sondern ein Set von Vorkehrungen,
mittels derer die Verstrickungen möglicher Übersetzungen
gelöst, also - denn wir sind und bleiben psychische
Wesen - anders übersetzt werden müssen.
Die Verstrickungen der Wissenschaft müssen psychoanalysiert,
und die Philosophie muß in eine Psychoanalyse
übergehen, die sich selbst analysiert.