Christian Kupke
Was motiviert Wissenschaftler, ihr eigenes Ich im Gehirn zu verorten? Einige prinzipielle Einwände gegen den materialistischen Monismus in der Gehirntheorie
(Entwurfsfassung)
Die Frage, was Wissenschaftler dazu treibt, ihr eigenes Ich monistisch-materialistisch im Gehirn zu verorten, läßt sich auf zweierlei Weise verstehen: im Hinblick auf den einzelnen Wissenschaftler selbst und im Hinblick auf den Wissenschaftler als Wissenschaftler. Nur diese zweite Frage interessiert mich hier; die erste lasse ich unberücksichtigt (sie würde vermutlich auf psychoanalytische Spekulationen angewiesen sein).
1. Wenn man sich den soeben erschienen Sammelband über
"Bewußtsein" von Thomas Metzinger anschaut
(Paderborn 1996), so kulminiert er konsequenterweise
in der Thematisierung künstlichen Bewußtseins.
Konsequenterweise deshalb, weil jede Leugnung einer
eigenen materialistisch irrreduziblen Qualität
des Bewußtseins notwendigerweise auf die technische
Operationalisierung von Bewußtseinsphänomenen
hinausläuft. Das ist die am Ende des genannten
Sammelbandes dokumentierte Position Daniel Dennetts
(vgl. "COG: Schritte in Richtung auf Bewußtsein
in Robotern", S.691ff). Dabei ist interessant,
daß Dennett zwar annimmt, daß es prinzipiell
möglich ist, menschliches Bewußtsein technisch
zu konstruieren, aber nicht leugnet, daß es vermutlich
faktisch nie möglich sein wird, eine derart komplexe
Bewußtseinsentität zu schaffen, wie sie
das menschliche Gehirn darstellt (S.697). Bewußtsein
ist für ihn ein graduelles, man kann auch sagen:
ein quantitatives Phänomen. Eben deshalb aber
muß man ihm seinerseits die prinzipielle Frage
stellen können: Wo fängt Bewußtsein
an, und wo hört es auf?
Diese Frage scheint zunächst harmlos zu sein, stößt
aber ins Zentrum der Probleme. Denn nehmen wir an,
Dennett wollte gewissen absurden oder gar panpsychistischen
Konsequenzen ausweichen, die die Nicht-Beantwortung
dieser Frage für ihn haben könnte (wenn Bewußtsein
nirgendwo anfängt oder aufhört, gibt es entweder
kein Bewußtsein, oder aber Bewußtsein ist
überall), und zöge sich bspw. auf den Standpunkt
einer gegenwärtig stark diskutierten Hypothese
zurück, derzufolge Bewußtseinsphänomene
immer nur dann auftreten, wenn in bestimmten neuronalen
Verbänden eine bestimmte Schwelle der Aktivierungsrate
überschritten wird (vgl. H.Flohr, Brain processes
and phenomenal consciousness, in: Theory and Psychology
1, S.245ff), so stellt sich doch die Frage, wo denn
bei einer solchen Untersuchung das tertium comparationis
zu suchen ist.
Offensichtlich wird hier ein bestimmter Begriff des
Bewußtseins vorausgesetzt - und muß vorausgesetzt
werden -, der, weil er Maß einer Zuschreibung
von Bewußtseinsphänomenen auf neuronaler
Ebene ist, selber nicht in neuronalen Termini interpretierbar
sein kann. Also ist hier ganz eindeutig ein nicht-neuronaler,
phänomenaler Bewußtseinsbegriff im Spiel,
- ein Begriff, der zumindest in dem Sinne einen "phenomenal
viewpoint" impliziert, als er eine Antwort auf
die Frage impliziert: "How can I (as an observer)
experience someone else's conscious experience?"
(vgl. hierzu demnächst: Kai Vogeley, Grundriß
einer Neuroepistemologie, in: Psyche im Streit der
Theorien. Beiträge der Gesellschaft für Philosophie
und Wissenschaften der Psyche, Band I, Würzburg
1996). Und da man meines Erachtens zeigen kann, daß
dieser phenomenal viewpoint des third-person-account
konstitutiv abhängig ist vom phenomenal viewpoint
des first-person-account, kommt man also auch an dieser
Stelle um den eigentlichen phänomenologischen
Gesichtspunkt gar nicht herum.
2. Ein phänomenaler Bewußtseinsbegriff wird
aber in materialistischen Fassungen des Bewußtseinsphänomens
nicht nur vorausgesetzt, er ist auch zugleich die teleologische
Pointe dieses Denkens. Das läßt sich sehr
schön zeigen nicht nur an Dennetts fixer Idee,
ein mit einem künstlichen Bewußtsein ausgestattetes
Wesen zu konstruieren (oder zumindest ein solches,
das >>Kunststücke ausführen<<
kann, >>die in der Vergangenheit typischerweise
mit Bewußtsein in Verbindung gebracht wurden<<,
S.698), sondern auch an technischen Operationalisierungen
ganz anderer Art.
So arbeiten bspw. gegenwärtig - Stichwort "Neurotechnologie"
- einige Forscher, wie der Leiter der Tübinger
Augenklinik Eberhart Zrenner oder der Bonner Neuroinformatiker
Rolf Eckmiller, an der Entwicklung sogenannter "intelligenter
Sehsysteme", um Erblindeten die Möglichkeit
zu geben, wieder zu sehen. Oder der Düsseldorfer
Hirnforscher Wolfgang Daunicht entwickelt Computer,
anhand derer querschnittsgelähmte Patienten in
die Lage versetzt werden, mittels eines Senders Bewegungsabläufe
und Reflexe ihrer Beine zu kontrollieren (vgl. Der
Spiegel Nr.17 v. 22.4.96, S.188ff). - Ich frage, was
ist hier neben dem vielleicht leidensverringernden
Effekt der eigentliche Sinn und Zweck solcher Apparaturen?
Doch offensichtlich der, den jeweiligen Subjekten genau
diejenigen Erlebnisse zu ermöglichen, die üblicherweise
in ein Konzept phänomenalen (Selbst-) Bewußtseins
eingebunden sind: im Falle des Erblindeten der (ihm
selber bewußte) Bewußtseinszustand einer
Farbwahrnehmung und im Falle des Querschnittsgelähmten
der (ihm selber bewußte) Bewußtseinsakt
einer willentlichen Koordination seiner Motorik.
Und auch in Dennetts Modell eines Roboters mit künstlichem
Bewußtsein (COG) läßt sich die phänomenale
Teleologie der gesamten Konstruktion überhaupt
nicht verbergen. Nicht nur orientieren er und sein
Team sich bei ihrer Arbeit an denjenigen Weisen von
Bewußtsein, die uns zweifelsfrei als Formen von
Bewußtsein erscheinen und die uns wiederum gerade
deshalb zweifelsfrei erscheinen, weil sie uns, wie
das Descartesche und Kantsche "Ich denke",
phänomenal einsichtig sind. Er spricht auch die
Hoffnung aus, >>daß COG fähig sein
wird, sich in weiten Teilen selber zu konstruieren,
indem er von Kindheit an lernt und seine eigenen Repräsentationen
seiner Welt in den Begriffen aufbaut, die er angeborenerweise
versteht<< (S.706). - Man muß also gar
nicht so weit gehen zu behaupten, Dennett ginge es
tatsächlich um ein (im vollen Sinne) human-phänomenales
Bewußtsein; man muß nur zeigen können
(und das ist leicht zu zeigen), daß es ihm um
ein künstlich-phänomenales Bewußtsein
geht. Denn wie beim Menschen die neuronale Konstruktion
und ihr intrinsischer Effekt, eben das phänomenale
Bewußtsein, unterschieden werden müssen
(indem Phänomenalität als ein evolutionärer
Zweck nicht identisch sein kann mit den dazu aufgebrachten
evolutionären Mitteln), so müssen auch bei
einem Roboter wie COG die maschinale Konstruktion und
das dadurch zu bewirkende oder bewirkte Selbsterleben
dieses Konstruktes unterschieden werden. Tritt ein
solches Selbsterleben ein, ist auch der Dualismus (zumindest
der, über den man sich hier streitet) mit Notwendigkeit
gegeben; und wahrscheinlich dürfte dann Dennett
selbst die größten Probleme haben, seine
eigene Konstruktion, nämlich COG, davon zu überzeugen,
daß es kein Qualia-Problem gibt: >>Wenn
COG sich bis zu dem Punkt entwickelt, an dem er in
so etwas wie einer natürlichen Sprache allem Anschein
nach robuste und gut gesteuerte Unterhaltungen führen
kann, dann wird er sicherlich in der Lage sein, mit
seinen eigenen Monitoren (und den Theoretikern, die
diese interpretieren) in Konkurrenz zu treten: als
Wissensquelle darüber, was er gerade tut und fühlt
und warum.<< (S.711)
3. Das ganze Vorgehen ist also in der Tat in sich widersprüchlich:
Das angeblich nicht vorhandene Qualia-Problem ist das
Problem der gesamten Konstruktion. Aber dieser Widerspruch
wird durch eine Theorie verschleiert, die ihre eigenen
Voraus- und Zielsetzungen leugnet. Warum? - Erstens:
Weil mit einer solchen Theorie nurmehr graduelle bzw.
quantitative Standards für das Auftreten von Bewußtsein
als gültig erachtet werden und daher diese Standards
gesenkt werden können, um eine technische Operationalisierung
von Bewußtsein zu ermöglichen. Zweitens:
Weil mit einer solchen Theorie zugleich der ethische
Diskurs vermieden werden kann, der die technische Operationalisierung
von Bewußtsein deshalb ablehnen muß, weil
er notwendigerweise ein qualitativer Diskurs ist bzw.
(wie man jetzt formulieren muß) sich am höchsten
Standard für das Auftreten von Bewußtsein
orientiert, nämlich am menschlichen Bewußtsein.
Drittens: Weil sowohl die Theorie als auch, und insbesondere,
ihre technische Umsetzung das neuzeitliche Wissensideal
zu erfüllen versprechen, nämlich das eines
absoluten Wissens - getreu der Maxime, daß man
nur das vollständig verstanden hat, was man selber
erschaffen hat. Und viertens: Weil auch nur so eine
absolute Herrschaft über Bewußtsein möglich
ist, die (angeblich) ethisch neutral und auch (vermutlich)
sozial legitimierbar ist. Denn jede andere Form von
Herrschaft über Bewußtsein ist - weil sie
das Bewußtsein, das sie beherrscht, nicht selber
erschaffen hat - immer nur eine relative Herrschaft
und deshalb, zumindest was die Herrschaft des Menschen
über den Menschen anbelangt, ethisch und sozial
höchst problematisch.
Meine Antwort auf die Frage, was Naturwissenschaftler
dazu treibt, ihr eigenes Ich monistisch-materialistisch
im Gehirn zu verorten, ist also (unter Absehung von
der psychoanalytischen Problematik) eine vierfache
Antwort, - eine Antwort, die sich wiederum nach zwei
Teil-Hinsichten, nämlich nach der des Mittels
und der des Zweckes, differenzieren läßt:
Diese Verortung (zunächst einmal völlig unabhängig
vom Wahrheits- bzw. Richtigkeitsgehalt ihrer Aussagen)
ermöglicht es den Wissenschaftlern, zum einen
Bewußtsein technisch operationalisierbar zu machen
und dabei ethische Bedenken hintanzustellen und zum
anderen gerade dadurch ihrem theoretischen Ideal, nämlich
einem absoluten Wissen von der Natur, und ihrem praktischen
Ideal, nämlich einer absoluten Herrschaft über
die Natur, ein Stückweit näher zu kommen.
Es ist daher zunächst nicht entscheidend, ob der
materialistische Monismus in der Gehirntheorie recht
oder unrecht, wissenschaftlich gesehen die besseren
oder die schlechteren Argumente für sich verbuchen
kann, also auf der Seite der Wahrheit steht, sondern
umgekehrt: Man muß sehen, daß der Nachweis
dieser Wahrheit für den materialistischen Monismus
allein mit der Durchführung seines Programmes
erbracht werden kann. Also erst dann, wenn künstliches
Bewußtsein wirklich, d.h. in diesem Falle maschinell
erzeugt wurde, wäre auch die Position des materialistischen
Monismus allererst verifiziert. Aber diese Verifikation
- und genau das ist der Widerspruch, in dem sich der
materialistische Monismus befindet - wäre zugleich
seine Falsifikation. Denn all die ethischen und logischen
Probleme, die durch die Theorie ausgeschlossen werden
sollten, würden in dem Moment, wo es ein künstliches
Bewußtsein gäbe, wieder auftreten: Dieses
Bewußtsein, so es denn Bewußtsein wäre,
würde einen Unterschied machen müssen zwischen
seiner Außen- und seiner Innenperspektive, würde
darauf insistieren, subjektive Erlebnisse zu haben
(wobei diese Erlebnisse völlig anderer Art sein
können als human-phänomenale Erlebnisse)
und zudem - wie Dennett selbst zugibt - seine Erschaffer
in einen Diskurs verwickeln bzw. ihnen einen solchen
aufnötigen, in dem die Legitimität ihres
eigenen Wissens und ihrer eigenen Herrschaft zur Disposition
stände.
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Copyright: Christian Kupke, Text-Nr.: 021996-MAIL-CK-13
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