Text-Nummer: 0015

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 11507
Verfasser(in): Christian Kupke
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Kürzel: CK
Originaltitel: Was motiviert Wissenschaftler, ihr eigenes Ich im Gehrin zu verorten? Einige prinzipielle Einwände gegen den materialistischen Monismus der Gehirntheorie
Copyright: Christian Kupke
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Christian Kupke

Was motiviert Wissenschaftler, ihr eigenes Ich im Gehirn zu verorten? Einige prinzipielle Einwände gegen den materialistischen Monismus in der Gehirntheorie

(Entwurfsfassung)

Die Frage, was Wissenschaftler dazu treibt, ihr eigenes Ich monistisch-materialistisch im Gehirn zu verorten, läßt sich auf zweierlei Weise verstehen: im Hinblick auf den einzelnen Wissenschaftler selbst und im Hinblick auf den Wissenschaftler als Wissenschaftler. Nur diese zweite Frage interessiert mich hier; die erste lasse ich unberücksichtigt (sie würde vermutlich auf psychoanalytische Spekulationen angewiesen sein).

1. Wenn man sich den soeben erschienen Sammelband über "Bewußtsein" von Thomas Metzinger anschaut (Paderborn 1996), so kulminiert er konsequenterweise in der Thematisierung künstlichen Bewußtseins. Konsequenterweise deshalb, weil jede Leugnung einer eigenen materialistisch irrreduziblen Qualität des Bewußtseins notwendigerweise auf die technische Operationalisierung von Bewußtseinsphänomenen hinausläuft. Das ist die am Ende des genannten Sammelbandes dokumentierte Position Daniel Dennetts (vgl. "COG: Schritte in Richtung auf Bewußtsein in Robotern", S.691ff). Dabei ist interessant, daß Dennett zwar annimmt, daß es prinzipiell möglich ist, menschliches Bewußtsein technisch zu konstruieren, aber nicht leugnet, daß es vermutlich faktisch nie möglich sein wird, eine derart komplexe Bewußtseinsentität zu schaffen, wie sie das menschliche Gehirn darstellt (S.697). Bewußtsein ist für ihn ein graduelles, man kann auch sagen: ein quantitatives Phänomen. Eben deshalb aber muß man ihm seinerseits die prinzipielle Frage stellen können: Wo fängt Bewußtsein an, und wo hört es auf?
Diese Frage scheint zunächst harmlos zu sein, stößt aber ins Zentrum der Probleme. Denn nehmen wir an, Dennett wollte gewissen absurden oder gar panpsychistischen Konsequenzen ausweichen, die die Nicht-Beantwortung dieser Frage für ihn haben könnte (wenn Bewußtsein nirgendwo anfängt oder aufhört, gibt es entweder kein Bewußtsein, oder aber Bewußtsein ist überall), und zöge sich bspw. auf den Standpunkt einer gegenwärtig stark diskutierten Hypothese zurück, derzufolge Bewußtseinsphänomene immer nur dann auftreten, wenn in bestimmten neuronalen Verbänden eine bestimmte Schwelle der Aktivierungsrate überschritten wird (vgl. H.Flohr, Brain processes and phenomenal consciousness, in: Theory and Psychology 1, S.245ff), so stellt sich doch die Frage, wo denn bei einer solchen Untersuchung das tertium comparationis zu suchen ist.
Offensichtlich wird hier ein bestimmter Begriff des Bewußtseins vorausgesetzt - und muß vorausgesetzt werden -, der, weil er Maß einer Zuschreibung von Bewußtseinsphänomenen auf neuronaler Ebene ist, selber nicht in neuronalen Termini interpretierbar sein kann. Also ist hier ganz eindeutig ein nicht-neuronaler, phänomenaler Bewußtseinsbegriff im Spiel, - ein Begriff, der zumindest in dem Sinne einen "phenomenal viewpoint" impliziert, als er eine Antwort auf die Frage impliziert: "How can I (as an observer) experience someone else's conscious experience?" (vgl. hierzu demnächst: Kai Vogeley, Grundriß einer Neuroepistemologie, in: Psyche im Streit der Theorien. Beiträge der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche, Band I, Würzburg 1996). Und da man meines Erachtens zeigen kann, daß dieser phenomenal viewpoint des third-person-account konstitutiv abhängig ist vom phenomenal viewpoint des first-person-account, kommt man also auch an dieser Stelle um den eigentlichen phänomenologischen Gesichtspunkt gar nicht herum.

2. Ein phänomenaler Bewußtseinsbegriff wird aber in materialistischen Fassungen des Bewußtseinsphänomens nicht nur vorausgesetzt, er ist auch zugleich die teleologische Pointe dieses Denkens. Das läßt sich sehr schön zeigen nicht nur an Dennetts fixer Idee, ein mit einem künstlichen Bewußtsein ausgestattetes Wesen zu konstruieren (oder zumindest ein solches, das >>Kunststücke ausführen<< kann, >>die in der Vergangenheit typischerweise mit Bewußtsein in Verbindung gebracht wurden<<, S.698), sondern auch an technischen Operationalisierungen ganz anderer Art.
So arbeiten bspw. gegenwärtig - Stichwort "Neurotechnologie" - einige Forscher, wie der Leiter der Tübinger Augenklinik Eberhart Zrenner oder der Bonner Neuroinformatiker Rolf Eckmiller, an der Entwicklung sogenannter "intelligenter Sehsysteme", um Erblindeten die Möglichkeit zu geben, wieder zu sehen. Oder der Düsseldorfer Hirnforscher Wolfgang Daunicht entwickelt Computer, anhand derer querschnittsgelähmte Patienten in die Lage versetzt werden, mittels eines Senders Bewegungsabläufe und Reflexe ihrer Beine zu kontrollieren (vgl. Der Spiegel Nr.17 v. 22.4.96, S.188ff). - Ich frage, was ist hier neben dem vielleicht leidensverringernden Effekt der eigentliche Sinn und Zweck solcher Apparaturen? Doch offensichtlich der, den jeweiligen Subjekten genau diejenigen Erlebnisse zu ermöglichen, die üblicherweise in ein Konzept phänomenalen (Selbst-) Bewußtseins eingebunden sind: im Falle des Erblindeten der (ihm selber bewußte) Bewußtseinszustand einer Farbwahrnehmung und im Falle des Querschnittsgelähmten der (ihm selber bewußte) Bewußtseinsakt einer willentlichen Koordination seiner Motorik.
Und auch in Dennetts Modell eines Roboters mit künstlichem Bewußtsein (COG) läßt sich die phänomenale Teleologie der gesamten Konstruktion überhaupt nicht verbergen. Nicht nur orientieren er und sein Team sich bei ihrer Arbeit an denjenigen Weisen von Bewußtsein, die uns zweifelsfrei als Formen von Bewußtsein erscheinen und die uns wiederum gerade deshalb zweifelsfrei erscheinen, weil sie uns, wie das Descartesche und Kantsche "Ich denke", phänomenal einsichtig sind. Er spricht auch die Hoffnung aus, >>daß COG fähig sein wird, sich in weiten Teilen selber zu konstruieren, indem er von Kindheit an lernt und seine eigenen Repräsentationen seiner Welt in den Begriffen aufbaut, die er angeborenerweise versteht<< (S.706). - Man muß also gar nicht so weit gehen zu behaupten, Dennett ginge es tatsächlich um ein (im vollen Sinne) human-phänomenales Bewußtsein; man muß nur zeigen können (und das ist leicht zu zeigen), daß es ihm um ein künstlich-phänomenales Bewußtsein geht. Denn wie beim Menschen die neuronale Konstruktion und ihr intrinsischer Effekt, eben das phänomenale Bewußtsein, unterschieden werden müssen (indem Phänomenalität als ein evolutionärer Zweck nicht identisch sein kann mit den dazu aufgebrachten evolutionären Mitteln), so müssen auch bei einem Roboter wie COG die maschinale Konstruktion und das dadurch zu bewirkende oder bewirkte Selbsterleben dieses Konstruktes unterschieden werden. Tritt ein solches Selbsterleben ein, ist auch der Dualismus (zumindest der, über den man sich hier streitet) mit Notwendigkeit gegeben; und wahrscheinlich dürfte dann Dennett selbst die größten Probleme haben, seine eigene Konstruktion, nämlich COG, davon zu überzeugen, daß es kein Qualia-Problem gibt: >>Wenn COG sich bis zu dem Punkt entwickelt, an dem er in so etwas wie einer natürlichen Sprache allem Anschein nach robuste und gut gesteuerte Unterhaltungen führen kann, dann wird er sicherlich in der Lage sein, mit seinen eigenen Monitoren (und den Theoretikern, die diese interpretieren) in Konkurrenz zu treten: als Wissensquelle darüber, was er gerade tut und fühlt und warum.<< (S.711)

3. Das ganze Vorgehen ist also in der Tat in sich widersprüchlich: Das angeblich nicht vorhandene Qualia-Problem ist das Problem der gesamten Konstruktion. Aber dieser Widerspruch wird durch eine Theorie verschleiert, die ihre eigenen Voraus- und Zielsetzungen leugnet. Warum? - Erstens: Weil mit einer solchen Theorie nurmehr graduelle bzw. quantitative Standards für das Auftreten von Bewußtsein als gültig erachtet werden und daher diese Standards gesenkt werden können, um eine technische Operationalisierung von Bewußtsein zu ermöglichen. Zweitens: Weil mit einer solchen Theorie zugleich der ethische Diskurs vermieden werden kann, der die technische Operationalisierung von Bewußtsein deshalb ablehnen muß, weil er notwendigerweise ein qualitativer Diskurs ist bzw. (wie man jetzt formulieren muß) sich am höchsten Standard für das Auftreten von Bewußtsein orientiert, nämlich am menschlichen Bewußtsein. Drittens: Weil sowohl die Theorie als auch, und insbesondere, ihre technische Umsetzung das neuzeitliche Wissensideal zu erfüllen versprechen, nämlich das eines absoluten Wissens - getreu der Maxime, daß man nur das vollständig verstanden hat, was man selber erschaffen hat. Und viertens: Weil auch nur so eine absolute Herrschaft über Bewußtsein möglich ist, die (angeblich) ethisch neutral und auch (vermutlich) sozial legitimierbar ist. Denn jede andere Form von Herrschaft über Bewußtsein ist - weil sie das Bewußtsein, das sie beherrscht, nicht selber erschaffen hat - immer nur eine relative Herrschaft und deshalb, zumindest was die Herrschaft des Menschen über den Menschen anbelangt, ethisch und sozial höchst problematisch.
Meine Antwort auf die Frage, was Naturwissenschaftler dazu treibt, ihr eigenes Ich monistisch-materialistisch im Gehirn zu verorten, ist also (unter Absehung von der psychoanalytischen Problematik) eine vierfache Antwort, - eine Antwort, die sich wiederum nach zwei Teil-Hinsichten, nämlich nach der des Mittels und der des Zweckes, differenzieren läßt: Diese Verortung (zunächst einmal völlig unabhängig vom Wahrheits- bzw. Richtigkeitsgehalt ihrer Aussagen) ermöglicht es den Wissenschaftlern, zum einen Bewußtsein technisch operationalisierbar zu machen und dabei ethische Bedenken hintanzustellen und zum anderen gerade dadurch ihrem theoretischen Ideal, nämlich einem absoluten Wissen von der Natur, und ihrem praktischen Ideal, nämlich einer absoluten Herrschaft über die Natur, ein Stückweit näher zu kommen.
Es ist daher zunächst nicht entscheidend, ob der materialistische Monismus in der Gehirntheorie recht oder unrecht, wissenschaftlich gesehen die besseren oder die schlechteren Argumente für sich verbuchen kann, also auf der Seite der Wahrheit steht, sondern umgekehrt: Man muß sehen, daß der Nachweis dieser Wahrheit für den materialistischen Monismus allein mit der Durchführung seines Programmes erbracht werden kann. Also erst dann, wenn künstliches Bewußtsein wirklich, d.h. in diesem Falle maschinell erzeugt wurde, wäre auch die Position des materialistischen Monismus allererst verifiziert. Aber diese Verifikation - und genau das ist der Widerspruch, in dem sich der materialistische Monismus befindet - wäre zugleich seine Falsifikation. Denn all die ethischen und logischen Probleme, die durch die Theorie ausgeschlossen werden sollten, würden in dem Moment, wo es ein künstliches Bewußtsein gäbe, wieder auftreten: Dieses Bewußtsein, so es denn Bewußtsein wäre, würde einen Unterschied machen müssen zwischen seiner Außen- und seiner Innenperspektive, würde darauf insistieren, subjektive Erlebnisse zu haben (wobei diese Erlebnisse völlig anderer Art sein können als human-phänomenale Erlebnisse) und zudem - wie Dennett selbst zugibt - seine Erschaffer in einen Diskurs verwickeln bzw. ihnen einen solchen aufnötigen, in dem die Legitimität ihres eigenen Wissens und ihrer eigenen Herrschaft zur Disposition stände.

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Copyright: Christian Kupke, Text-Nr.: 021996-MAIL-CK-13
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