Christian Kupke
Das binaristische Fundament phänomenalen Bewußtseins. Zum aspektdualistischen materialistischen Monismus in der Gehirntheorie
(Entwurfsfassung)
In den gehirntheoretischen Debatten zum Status des Bewußtseins
sind grundsätzlich zwei Formen des materialistischen
Monismus denkbar: ein starker, eliminativer Materialismus,
der phänomenales Bewußtsein überhaupt
leugnet bzw. die sogenannte Selbstevidenz dieses Bewußtseins
unter Fiktionsverdacht stellt, und ein schwacher, nicht-eliminativer
Materialismus, der eine solche Evidenz gleichwohl annimmt
und deshalb glaubt, Bewußtsein generell sowohl
unter neuronalen als auch mentalen Gesichtspunkten
thematisieren zu können. Da aber auch der Dualismus
glaubt, phänomenales Bewußtsein unterstellen
zu dürfen, stellt sich die Frage, worin sich die
nicht-eliminative, monistische Position von der explizit
dualistischen Position unterscheidet. Unabhängig
von der konkreten Beantwortung dieser Frage wird man
aber generell davon ausgehen können, daß
auch von dualistischer Seite sowohl eine schwache als
auch eine starke Position vertreten werden kann und
daß dieser schwache Dualismus in gewisser Weise
mit dem schwachen, nicht-eliminativen Materialismus
koinzidiert. Beide wollen, von unterschiedlichen Ausgangsbedingungen,
dasselbe: eine Vermittlung leisten zu der dem eigenen
Standpunkt prinzipiell widersprechenden Position. Der
Dualismus ist also in einer solchen Konstellation immer
auch ein Monismus und umgekehrt der Monismus in gewisser
Weise ein Dualismus.
Eine solche, vermittelnde Position (und zwar von materialistischer
Seite) wird nun durch eine neuere Publikation dokumentiert,
deren Probleme und Grenzen ich im vorliegenden Beitrag
zum Ausgangspunkt einer prinzipientheoretischen Überlegung
machen möchte. Es handelt sich um die Arbeit von
Kai Vogeley "Repräsentation und Identität"
(Berlin 1995), die bereits in ihrem Untertitel - "Zur
Konvergenz von Hirnforschung und Gehirn-Geist-Philosophie"
- ihr systematisches Anliegen klar macht. Denn die
Konvergenz von materialistisch-monistischer Gehirnforschung
und idealistisch-dualistischer Gehirn-Geist-Philosophie
meint für den Autor auf inhaltlicher Ebene gar
nichts anderes als deren weitestgehende "Identität":
Die >>Forderung von ontologischem Anspruch und
gleichzeitiger Akzeptanz der Existenz der psychischen
Welt<< ist ihm zufolge >>in der Identitätstheorie
(am besten) gelöst. Sie [die Identitätstheorie,
C.K.] postuliert eine extensionale Identität von
Psychischem und Physischem, beide sind extensional
gleich, referieren also beide auf dasselbe, nämlich
auf physische Phänomene im Nervensystem.<<
(S.234) Insofern ist diese Position also eine materialistisch
monistische. Aber: >>Der Bedeutungsgehalt auf
intensionaler Ebene ... ist verschieden. Die Bedeutung
eines Gedankens, sein Inhalt enthüllt sich nur
im psychischen Bereich, in welchem er seine funktionale
Bedeutung für die Person besitzt, das Korrelat
des Gedankens im Gehirn ist als Gehirnvorgang ein an
sich nicht Bedeutung tragendes Phänomen. Die Identitätsthese
verbindet also ontologischen Anspruch, indem sie geistige
Phänomene als ko-extensiv mit Hirnvorgängen
charakterisiert, methodologisch erhält die Identitätsthese
die dualistische Intuition, indem sie auf die intensionale
Verschiedenheit psychischer und physischer Phänomene
verweist.<< (ebd.)
Dieser sogenannte "Aspektdualismus", die Anerkennung
sowohl des neuronalen als auch des psychischen Charakters
von Gehirnvorgängen bei gleichzeitiger Anerkennung
ihrer materiellen Äquivalenz, möchte ich
im folgenden näher betrachten. Dabei geht es
mir vor allem um die logische Funktion des dem eliminativen
Materialismus gegenüber formulierten Arguments.
Denn wenn der Aspektdualismus (oder genauer: der "aspektdualistische
materialistische Monismus") nicht nur eine Ergänzung
des materialistischen Monismus sein will, sondern dessen
grundsätzlichen Mangel beheben soll (phänomenales
Bewußtsein widersprüchlicherweise sowohl
vorauszusetzen als auch anzuzielen, wie ich bereits
in meinem Text "Was motiviert Wissenschaftler,
ihr eigenes Ich im Gehirn zu verorten?" nachgewiesen
habe), dann darf man meines Erachtens nicht den Fehler
begehen, sich lediglich auf die Evidenz der dualistischen
Position zu berufen, um mit ihr den materialistischen
Monismus in die Schranken zu weisen. Denn dann stünde
diese Evidenz der dualistischen bloß im Gegensatz
zur Empirie der monistischen Position, und nichts wäre
ihr gegenüber wirklich gewonnen.
Aus der von mir zum Gegenstand meiner Analyse gemachten
Arbeit (und aus anderen Texten, bspw. des Sammelbandes
"Bewußtsein", hrsg. von Thomas Metzinger,
Paderborn 1995) geht aber auch nicht hervor, wie man
denn anders als auf dem Hintergrund von Evidenzkriterien
eine dualistische Position vertreten könne. Damit
jedoch setzt sich diese Position einer methodologischen
Kritik aus, die bereits in den siebziger Jahren bspw.
von Hans Albert formuliert wurde und der man nur schwer
ausweichen kann: Wenn man, so Albert, in einer theoretischen
Grundsatzfrage nicht in einen infiniten Regreß
geraten oder sich eines logischen Zirkelschlusses schuldig
machen wolle, so bleibe im allgemeinen nur der >>Abbruch
des [Begründungs-] Verfahrens an einem bestimmten
Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint,
aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips
der zureichenden Begründung involvieren würde.
... Man pflegt in bezug auf Aussagen, bei denen man
bereit ist, das Begründungsverfahren abzubrechen,
von Selbstevidenz, Selbstbegründung, Fundierung
in unmittelbarer Erkenntnis - in Intuition, Erlebnis
oder Erfahrung - zu sprechen oder in anderer Weise
zu umschreiben, daß man bereit ist, den Begründungsregreß
an einem bestimmten Punkt abzubrechen und das Begründungspostulat
für diesen Punkt zu suspendieren, indem man ihn
als archimedischen Punkt der Erkenntnis deklariert.
... Nennt man aber eine Überzeugung oder Aussage,
die selbst nicht zu begründen ist, aber dabei
mitwirken soll, alles andere zu begründen, ...
eine Behauptung, deren Wahrheit gewiß und die
daher nicht der Begründung bedürftig ist:
ein Dogma, dann zeigt sich unsere dritte Möglichkeit
als das, was man bei einer Lösung des Begründungsproblems
am wenigsten erwarten sollte: als Begründung durch
Rekurs auf ein Dogma.<< (Hans Albert, Traktat
über kritische Vernunft, Tübingen 1975, S.13f)
Ich möchte nun im folgenden zeigen, wie man einem
solchen Dogmatismus-Vorwurf am wirkungsvollsten begegnen
kann und dann diesen Vorschlag anhand der von Kai Vogeley
vertretenen Position konkretisieren. Doch bevor ich
das tue, möchte ich zunächst auf die Relevanz
dessen hinweisen, was hier auf dem Spiel steht: Wenn
man in gehirntheoretischen Debatten die phänomenale
Bewußtseinsposition als evident behauptet, so
nimmt man - auf dem Hintergrund der Darstellung Alberts
- nichts anderes in Anspruch als die Evidenz von Evidenzpositionen.
Denn jede Evidenzbehauptung ist dieser Darstellung
zufolge eine Behauptung phänomenalen Bewußtseins;
sie beruft sich, wie Albert zurecht schreibt, auf "Intuition,
Erlebnis oder Erfahrung". Damit aber bewegt sich
der gehirntheoretische Dualismus - als Dogmatismus
(Stichwort: "archimedischer Punkt der Erkenntnis")
- offenbar seinerseits in einem logischen Zirkel. Denn
dasjenige Bewußtsein, das allein Grund aller
nur möglichen Evidenzbehauptungen sein kann, das
phänomenale Bewußtsein, wird selber in einer
Evidenzbehauptung dieser Behauptung (und allen anderen
Behauptungen) allererst zugrundegelegt.
Wie kann man einen solchen Zirkel vermeiden? - Ich meine,
nur so, daß man für die Annahme phänomenalen
Bewußtseins ein anderes Kriterium ins Feld führt
als ein Evidenzkriterium, oder genauer: daß man
der Annahme phänomenalen Bewußtseins einen
anderen als einen bloß phänomenalen Status
gibt. Hat phänomenales Bewußtsein, so meine
Hypothese, nicht nur einen phänomenalen, sondern
bspw. auch einen logischen oder semantologischen Status,
so stände auch die von einem solchen Bewußtsein
ausgehende Evidenz nicht mehr in Frage. Sie wäre
in gewisser Weise selbst logisch evident, wäre
die Folge einer logischen Struktur, die sowohl den
materialistischen Objektivismus als auch noch den phänomenalen
Subjektivismus übergreift.
Die logische Struktur, an die ich hier denke, ist die
logische Struktur des Binarismus. Mit anderen Worten:
Die Frage, welche strukturellen Probleme ein aspektdualistischer
materialistischer Monismus aufwirft, ließe sich
meines Erachtens nur beantworten, wenn man den einer
solchen Auffassung zugrundeliegenden allgemeinen Binarismus
thematisierte. Was ich darunter verstehe, möchte
ich im ersten Teil erläutern und dann, im zweiten
Teil auf denjenigen spezifischen Binarismus zu sprechen
kommen, der sich einmal als Dualismus von Physischem
und Psychischem und sodann, auf einer höheren
reflexionslogischen Ebene, als Dualismus von Dualismus
und Monismus artikuliert. Zuletzt, im dritten Teil,
werde ich dann noch einen Vorschlag machen, wie man
die mit einem solchen Dualismus zusammenhängenden
Probleme vermeiden kann und dabei insbesondere für
einen negativen Transzendentalismus in der Neuroepistemologie
plädieren.
1. Was verstehe ich unter "Binarismus"? -
In Anknüpfung an eine Formulierung von Roland
Barthes, der den Hang zur >>binäre(n) Einteilung
der Begriffe<< einmal als >>das intellektuelle
Imaginäre unserer Zeit<< bezeichnet hat
(Elemente der Semiologie, Frankfurt/M. 1979, S.12),
verstehe ich unter dem Binarismus das intellektuelle
Symbolische nicht nur unserer Zeit, sondern aller bisherigen
Theoriegeschichte, vielleicht sogar der Geschichte
überhaupt. Damit meine ich die Tatsache, daß
in fast allen uns heute bekannten philosophischen und
wissenschaftlichen Theorien (zumindest der abendländischen
Kultur) oppositiven und dichtotomischen Begriffspaaren
eine konstituierende Funktion im Aufbau dieser Theorien
zukommt, und zugleich die Tatsache, daß wir auch
in unserem - scheinbar unmittelbaren - Selbstverständnis
und Weltverhältnis fast nie umhin können,
dieses Verständnis und dieses Verhältnis
in derart dichotomischen, mehr oder minder klar voneinander
abgegrenzten Begriffen zu artikulieren: Denken und
Fühlen, Form und Inhalt, Ordnung und Chaos, Bestand
und Wandel, Ursache und Wirkung, Qualität und
Quantität, objektiv und subjektiv, absolut und
relativ, theoretisch und praktisch, konkret und abstrakt,
generell und spezifisch, allgemein und individuell,
physisch und psychisch, neuronal und phänomenal
usw. usf. - all dies sind kategoriale Ordnungsmuster,
die unser Denken und Handeln grundlegend anleiten.
Die Art und Weise, in der diese Binarismen unser Denken
und Handeln anleiten, ist dabei sowohl bestimmend als
auch ausschließend: Bestimmend sind diese Binarismen,
insofern sie die begrifflichen Räume abstecken,
innerhalb derer uns etwas verständlich ist bzw.
uns überhaupt verständlich werden kann; und
ausschließend, insofern sie begriffliche Kriterien
darstellen, aufgrund derer uns gewisse Aussagen diskursiv
einlösbar erscheinen. Wobei wiederum entscheidend
ist, daß beide Funktionen des Binarismus (die
er immer zugleich erfüllt) auf einem doppelten
Fundament aufruhen: einem - der Bestimmungsfunktion
des Binarismus zugeordneten - semantischen und einem
- der Ausschließungsfunktion des Binarismus zugeordneten
- logischen Fundament: Semantisch gehen wir immer davon
aus, daß, wenn es auch in den meisten Fällen
möglich ist, einen generellen Terminus positiv
zu verstehen, es dennoch unmöglich ist, das eine
Element des binaristischen Ordnungsmusters zu verstehen,
ohne zugleich über ein zumindest implizites Verständnis
des ihm jeweils zugeordneten Elements zu verfügen.
Und ontologisch gehen wir davon aus, daß, wenn
es auch in den meisten Fällen möglich ist,
einen wirklichen Zustand oder eine Situation anzugeben,
die die zu einer (Einzel-) Aussage widersprüchliche
Aussage wahr macht, es dennoch unmöglich ist,
eine in sich selbst widersprüchliche (binaristische
Doppel-) Aussage diskursiv einzulösen.
Dieses letztere, logische Fundament hat als Satz vom
ausgeschlossenen Widerspruch seine klassische Formulierung
in der "Metaphysik" des Aristoteles gefunden:
>>daß .. dasselbe [Prädikat] demselben
[Subjekt] in derselben Beziehung ... unmöglich
zugleich zukommen und nicht zukommen kann<< (Buch
IV, Kapitel 3, c bzw. 1005b). Das erstere, semantische
Fundament aber ist in der Tradition so gut wie nie
eigens reflektiert worden (es ist der Beobachtung bei
der Lektüre philosophischer Texte und gewissen
sprachphilosophischen Einsichten geschuldet). Es läßt
sich - gleichsam um seine kategoriale Zuordnung zum
Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch deutlich zu machen
- als Satz von der eingeschlossenen Bedeutung reformulieren:
daß die Bedeutung eines Prädikats systematisch
stets von der Bedeutung seines ihm entgegengesetzen
Prädikats bedingt ist.
Zwischen beiden Sätzen gibt es meines Erachtens
mannigfaltige, zumeist auch recht komplexe Beziehungen,
die ich hier leider nicht darstellen kann (vgl. zu
einer ersten Annäherung bspw. die, von einer Einsicht
in den binaristischen Mechanismus allerdings ungetrübte,
Darstellung bei Tugendhat/Wolf, Logisch-semantische
Propädeutik, Stuttgart 1983, S.50ff). Aber worauf
ich an dieser Stelle eingehen kann und eingehen muß,
ist die Tatsache, daß es immer wieder Versuche
gegeben hat und auch wohl weiterhin geben wird, beide
Sätze einander zu kontrastieren und in ein - dem
Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch folgendes - Ausschließungsverhältnis
zu zwingen. Was ich damit meine, wird deutlich, wenn
ich nun und im folgenden auf den eigentlichen Kern
der gegenwärtig geführten gehirntheoretischen
Debatte zurückkomme.
2. Ich reformuliere zunächst das semantische Fundament
dieser Debatte. Dieses lautet: Wenn ich überhaupt
ein Verständnis davon haben soll, was in dieser
Debatte unter einem neuronalen Phänomen oder bspw.
auch unter dem sogenannten "third-person-account"
zu verstehen ist, so muß ich zugleich ein Verständnis
davon haben, was unter einem mentalen Phänomen
bzw. unter einem "first-person-account" zu
verstehen ist. Dieses Fundament ist (und darin eben
ist es ein Fundament) auch vom eliminativen monistischen
Materialismus nicht zu leugnen; denn die gesamte Diskussion
könnte gar nicht geführt werden (und das
Problem wäre auch nicht vorhanden), wenn nicht
jeder der an der Diskussion Beteiligten ein wie auch
immer deutliches Verständnis von dem hätte,
was der jeweils andere meint, wenn er seine Position
zu vertreten versucht. - Aber der materialistische
Monist kann sich zugleich auch auf das logische Fundament
aller binaristischen Begriffsbildung berufen; er kann,
gemäß dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch,
die Behauptung aufstellen, ein neuronales Phänomen
könne nicht in ein und derselben Hinsicht sowohl
ein neuronales als auch ein mentales Phänomen
sein, und weiter argumentieren: Entweder sei die eine
oder die andere Aussage wahr, und da man bislang empirisch
lediglich neuronale, aber keine mentalen Phänomene
hätte nachweisen können, müsse man folgerichtig
alle mentalen Phänomene unter Fiktionsverdacht
stellen.
Nun kann man zurecht zunächst einmal bezweifeln,
ob denn der Dualismus die in Frage kommenden Phänomene
auch tatsächlich in ein und derselben Hinsicht
(unter ein und demselben Aspekt) einmal als neuronale
und ein anderes Mal als mentale Phänomene in Anspruch
nehme. Man könnte argumentieren, er, der Dualismus,
verstehe sie nur in intensionaler Hinsicht als mentale,
in extensionaler Hinsicht aber (durchaus) als neuronale
Phänomene. Kai Vogeley schreibt: >>Diese
Inkompatibilität löst sich erst auf in einer
aspektdualistischen Formulierung der Identitätstheorie,
die ontologisch monistisch und methodologisch pluralistisch
geprägt ist. Eine Identifikation kann zustande
kommen, wenn der intensionale Gehalt des intentional
gerichteten, mentalen Phänomens getrennt wird
vom extensionalen, physiologischen, bedeutungsneutralen
Phänomen, auf das das mentale Phänomen materiell
referiert.<< (Repräsentation und Identität,
S.306)
Ich meine aber, man muß zunächst drei kritische
Punkte im Auge behalten, um die Reichweite dieses Ansatzes
genauer beurteilen zu können: Erstens sind die
fraglichen Phänomene uns überhaupt immer
nur entweder als neuronale oder aber als mentale Phänomene
zugänglich; sie sind keine Phänomene an sich,
also keine, die man einmal unter der einen und ein
anderes Mal unter der anderen Hinsicht betrachten könnte.
Zweitens setzt diese Lösung bereits das voraus,
was der eliminative materialistische Monist gerade
bezweifelt: daß es nämlich überhaupt
eine andere als eine extensionale neuronale Perspektive
auf die Phänomene gibt. Und drittens kann auch
dieser schwache Materialismus, wie jeder Dualismus,
die in Anspruch genommene intensionale Perspektive
wissenschaftlich-empirisch nicht wirklich nachweisen;
er kann sie nicht wirklich erkennen, sondern nur anerkennen
(vgl. Repräsentation und Identität, S.235)
und muß sich also auch hier auf so etwas wie
auf die dualistische Intuition (vgl. ebd., S.228),
auf Evidenz, Fundierung in unmittelbarer Erkenntnis
u. dgl. berufen, also - wie schon oben anläßlich
des Zitates von Hans Albert gesagt - auf eines derjenigen
mentalen Phänomene, die er dem eliminativen materialistischen
Monismus gegenüber allererst legitimieren wollte.
Eben daraus aber erwächst meines Erachtens der
Grundkonflikt eines aspektdualistischen materialistischen
Monismus: Mit ihm soll sowohl die monistische, im engeren
Sinne naturwissenschaftliche als auch die dualistische,
im engeren Sinne philosophische Position vertreten
werden, und er wird eben damit zu einem (philosophischen)
Dualismus von Monismus und Dualismus, der zwar dem
binaristischen Grundansatz metaphysischen Denkens gerecht
wird und treu bleibt (anders als der eliminative Materialismus,
der sich aus ihm in abstrakter Negation zurückziehen
zu können glaubt), der aber, im Rahmen seines
Konzeptes, nicht mehr eigens reflektiert und aufgehoben
werden kann.
An einer argumentativ äußerst aufschlußreichen
Stelle der Publikation von Kai Vogeley heißt
es einmal: >>Die Identitätsthese und der
neutrale Monismus oder Aspektdualismus .. bestätigen
die Intuition, daß eben doch beide differenten
Phänomenwelten nur Attribute einer Ur-Sache sind...<<
(S.239). Zu dieser - höchst spekulativen - Ur-Sache
wäre von philosophischer Seite sicherlich einiges
zu sagen (es scheint, sie ähnelt der spinozistischen
"Substanz" oder auch der Schellingschen "Natur");
aber an dieser Stelle möchte ich doch zunächst
an den Autor die Frage stellen: Attribute welcher (Ur-)
Sache sind denn nun hier der von ihm angeführte
ontologische Monismus und der methodologische Dualismus?
Welche Sache unterscheidet er hier einmal nach einer
ontologischen und einmal nach einer methodologischen
Hinsicht?
Ich meine, das oben angeführte Problem, daß
die in der gehirntheoretischen Debatte in Frage kommenden
Phänomene keine Phänomene "an sich"
sind, an welchen sich irgendeine Hinsichtsunterscheidung
vornehmen ließe, kehrt an dieser Stelle noch
einmal in verschärfter Form zurück. Denn
entweder ist ein Monismus (und das haben Fichte, Schelling
und Hegel gewußt) in jeglicher Hinsicht ein Monismus,
weil er ansonsten ein Dualismus wäre; oder aber
ein Dualismus (und das eben haben Descartes und Kant
gewußt) ist in jeglicher Hinsicht ein Dualismus,
weil er ansonsten ein Pluralismus wäre.
Daß aber der aspektdualistische materialistische
Monismus, weil er überhaupt die Perspektivenunterscheidung
macht, aus dem Dualismus gar nicht mehr herauskommt
und deshalb in einen starken Widerspruch zu sich selbst
gerät, zeigt eine weitere, mir vom Autor freundlicherweise
zur Verfügung gestellte Publikation, in der er
seine Position zu konkretisieren versucht. Dort heißt
es: >>Auf der Grundlage eines aspektdualistischen
materialistischen Monismus besitzen Hirnzustände
Gültigkeit in bezug auf allgemeine Bau- und Funktionsprinzipien
des Gehirns als Grundlage der Realisierung von Psyche
im allgemeinen. Dieser Monismus ist allerdings zwingend
aspektdualistisch zu erweitern, sobald spezifisch psychische,
also individuelle Merkmale zur Debatte stehen, die
sich aus der Entwicklung der einzelnen Person und ihres
Gehirns in ihrer bestimmten Entwicklung ergeben haben.<<
(Grundriß einer Neuroepistemologie, demnächst
in: Psyche im Streit der Theorien. Beiträge der
Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften
der Psyche, Band I, Würzburg 1996, Typoskript
S.9)
Ungeachtet der Tatsache, daß an anderer Stelle
einmal behauptet wird: >>Psyche entspricht dem
Individualgeist einer einzelnen Person<< (ebd.,
S.12), wird nun hier eine alles in allem starke Differenz
aufgemacht von (nicht-individueller) Psyche im allgemeinen
und (individueller) Psyche im besonderen, d.h. die
ohnehin schon bestehende Spannung zwischen Monismus
und Dualismus verschiebt sich hier in einen nun tatsächlich
vertretenen strikten Dualismus von Allgemeinem und
Individuellem auf der Ebene des Psychischen selbst.
Statt des generellen, weit weniger dramatischen Problems,
auf dessen Lösung eine materialistische Position
in jedem Fall drängen muß: wie denn eine
Wechselwirkung mentaler und physischer Vorgänge
möglich sei (vgl. Repräsentation und Identität,
S.235ff), stellt sich nun hier das Problem, die Einheit
des Mentalen selbst zu wahren, insofern auch eine dualistische
Position unter diesen Vorzeichen nicht mehr zu zeigen
vermag, wie beide Aspekte des Psychischen miteinander
zusammenhängen. Das ist aber erforderlich, wenn
eine solche Position überhaupt noch von einem
einheitlichen Phänomen des Psychischen ausgehen
will.
Die These, daß die einem Individuum zugehörigen
Gehalte aus den neuronalen Netzwerkverbänden als
semantische oder intensionale Eigenschaften überhaupt
nicht ersichtlich seien (vgl. Kai Vogeley, Die Einheit
des Bewußtseins in der Neuroepistemologie, im
Druck, Typoskript S.8) reduziert denn schließlich
auch den hier behaupteten Monismus zu einer façon
de parler. Um hier einmal den advocatus diaboli der
materialistischen Position zu spielen: Wenn in irgendeinem
Sinne die These noch weiterhin aufrechterhalten werden
soll, derzufolge Psyche als ein Emergenzphänomen
aus dem Gehirn genau dann hervorgeht, wenn dieses einen
bestimmten Komplexitätsgrad erreicht hat (vgl.
ebd. S.14), dann muß man doch auch annehmen,
daß in dem Moment, in dem eine Wissenschaft in
der Lage ist, genau diesen Komplexitätsgrad deskriptiv
bzw. empirisch zu rekonstruieren, auch in der Lage
sein muß, auf die jeweiligen semantischen oder
intensionalen Eigenschaften der jeweiligen Netzwerkverbände
zu schließen.
Mit anderen Worten, rhetorisch gefragt: Warum soll denn,
wie bereits oben zitiert, >>das Korrelat des
Gedankens im Gehirn .. als Gehirnvorgang ein an sich
nicht Bedeutung tragendes Phänomen<< sein
(Repräsentation und Identität, S.234)? Warum
sollte es nicht, in irgendeiner fernen Zukunft, möglich
sein, diese "neuronale Schrift" einmal genau
so zu lesen, wie wir heute jede x-beliebige andere
Schrift zu lesen vermögen? Daß es auch hierzu,
zu diesem Lese-, Interpretations- und Übersetzungsvorgang,
wie bei allem Verstehen von Sprache und Schrift, eines
phänomenalen Bewußtseins bedarf, das ist
doch damit überhaupt nicht ausgeschlossen. So
wie wir nicht behaupten würden, daß die
sprachliche (und schriftliche) Artikulation des Bewußtseins
ein Programm der vollständigen Reduktion dieses
Bewußtseins auf die unleugbar materiellen Gegebenheiten
der Laute (und Buchstaben) impliziere, derer wir uns
zum Zwecke dieser Artikulation bedienen müssen,
so würden wir doch wohl auch nicht behaupten wollen,
daß die dann als neuronal zu bezeichnende Artikulation
unseres Bewußtseins uns zur Reduktion auf den
uns empirisch zugänglichen Anteil dieser Artikulation
nötige. Vielmehr, wahrscheinlich ist es, daß
wir Wissenschaftler und Philosophen uns auch dann noch,
wie wir es bei der lautlichen (und buchstäblichen)
Artikulation des Bewußtseins gewohnt sind, über
den Sinn dieser merkwürdigen Artikulationen streiten
und ggf. sogar ganze Bücher darüber schreiben
werden, was denn ein bestimmter neuronaler Zustand
eines Gehirns für einen Sinn für die in intensionalen
Kategorien geschehende Selbstexplikation dieses Gehirns
hat.
3. Ich bin mir nun allerdings keineswegs sicher, ob
der im folgenden kurz darzustellende Ansatz beim Binarismus-Problem
alle diejenigen kritischen Punkte auszuräumen
vermag, die ich soeben an der von Kai Vogeley vertretenen
Position herausgestellt habe. Aber mir scheint doch,
daß wenn man dem eliminativen Monismus einen
intuitiven Dualismus nicht nur entgegensetzen oder
jenen durch diesen ergänzen will, man notwendigerweise
das von Kant im Antinomienkapitel begründete und
dann von Hegel radikalisierte Argumentationsverfahren
favorisieren sollte, wonach die Position des Gegners
(in diesem Falle die Position des eliminativen Materialisten)
die eigene Position je schon enthält und nur noch
aus ihr entwickelt zu werden braucht, um ihm nachzuweisen,
daß auch er gerade das behauptet, was man selber
behauptet. Das hätte den Vorteil, sich nicht nur
auf Evidenzkriterien zurückziehen zu müssen,
sondern eine logische Struktur aufweisen zu können,
an der auch der materialistische Monist partizipiert,
und zugleich den Vorteil, statt sich - auf einer reflexionslogisch
höheren Stufe - in einem Dualismus von Monismus
und Dualismus zu verfangen, auf einen Monismus von
Dualismus und Monismus zuzugehen und eben dadurch den
Binarismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
Wie könnte ein solches Verfahren an dieser Stelle
aussehen? Ich komme dazu noch einmal auf die beiden
oben bereits erwähnten Argumente des eliminativen
Materialisten zurück, erstens: ein neuronales
Phänomen könne nicht in ein und derselben
Hinsicht sowohl ein neuronales als auch ein mentales
Phänomen sein, und zweitens: da man bislang empirisch
lediglich neuronale Phänomene hätte nachweisen
können, müsse man alle mentalen Phänomene
unter Fiktiuonsverdacht stellen. In den Worten Kai
Vogeleys: >>Sie [die materialistischen Thesen,
C.K.] leugnen zum Teil die psychische Welt völlig
und gestehen ihr höchstens noch - so im eliminativen
Materialismus - eine sprachliche Repräsentierung
zu, die aber nur noch als Relikt einer längst
überholten Fehldeutung geduldet wird.<<
(Repräsentation und Identität, S.238)
Ich frage nun aber: Wenn es richtig ist, daß auch
der eliminative Materialist sich auf dem semantischen
Feld aller binaristischen Begriffsbildung bewegen muß,
um verständlich sein zu können (s.o.); und
wenn es ferner richtig ist, daß er auf diesem
Feld die eine Position, die des Neuronalen, als wahr
(sie hat einen materiellen Referenten), aber die andere
Position, die des Mentalen, als unwahr (sie hat keinen
materiellen Referenten) deklariert, - wie und wo kann
dann überhaupt noch eine derartige Unwahrheit:
eine solche Fiktion oder Fehldeutung, zustande kommen?
Wie? - Doch offensichtlich nur durch bestimmte, in
extremem Maße subjektive, also (im Sinne des
materialistischen Monismus) fehlerhafte Schlüsse.
Und wo? Doch offensichtlich nur in einem ebenso bestimmten,
phänomenalen Bewußtsein. Denn diese Fiktionen
und Fehldeutungen sind dem materialistischen Monismus
zufolge ja gerade keine Repräsentationen, sondern,
insofern ihnen nichts, aber auch gar nichts in der
Außenwelt entsprechen soll, reine Präsentationen
eines ebenso reinen phänomenalen Bewußtseins.
- Wo denn anders, muß man den materialistischen
Monisten auf dem Boden seiner eigenen Voraussetzungen
fragen, als im phänomenalen, subjektiven Bewußtsein
kann eine derart gegenstands- und objektlose Illusion
entstehen wie gerade die eines phänomenalen Bewußtseins?
Also, wenn die Unwahrheit, resp. die Illusion oder
die Fiktion eines phänomenalen Bewußtseins
(Daniel Dennett: Das je eigene Ich ist eine >>Illusion
ohne Illusionisten<<; Philosophie des menschlichen
Bewußtseins, Hamburg 1994, S.26) nur möglich
ist, weil es ein phänomenales Bewußtsein
gibt, dann kann zumindest die Tatsache, daß es
ein phänomenales Bewußtsein gibt, selber
nicht die Unwahrheit sein.
Worauf ich also hinauswill ist folgendes: Da die gehirntheoretischen
Dispute, aber auch leider die Diskussion phänomenalen
Bewußtseins, wie Thomas Metzinger sie in seinem
oben angeführten Sammelband vorstellt, immer nur
an der unterstellten oder behaupteten, selbst empirisch
verstandenen Wahrheit (bzw. korrekter Richtigkeit)
phänomenalen Bewußtseins orientiert sind:
an der >>Tatsache, daß ich jetzt den Umschlag
dieses Buches als blau empfinde<<, an der >>Tatsache,
daß ich jetzt der Meinung bin, daß ein
grundsätzlich neues Bild des Menschen im Entstehen
begriffen ist<<, an der >>Tatsache, daß
ich jetzt gerade neugierig bin<< (Metzinger,
Sammelband, S.21f); und da es hier immer nur darum
geht, >>Widerspruchsfreiheit und begriffliche
Klarheit<< (ebd., S.17) zu erlangen - während
ich glaube gezeigt zu haben, daß diese Widerspruchsfreiheit
und begriffliche Klarheit nur um den Preis des Widerspruches
und der begrifflichen Unklarheit zu haben ist -, entgeht
diesen Debatten immer gerade das, aufgrund dessen phänomenales
Bewußtsein überhaupt erst erkenntnistheoretisch
interessant ist und relevant sein kann. Es entgeht
ihnen, daß Bewußtsein nicht zuvörderst,
zumindest heute nicht mehr, als transzendentale Bedingung
der Möglichkeit von Wahrheit (Richtigkeit) in
Anspruch genommen werden kann, sondern daß zumindest
das phänomenale Bewußtsein die reale Bedingung
der Möglichkeit von Unwahrheit (Falschheit): von
Irrtum, Illusion, Schein, Fiktion u. dgl. ist (negativer
Transzendentalismus). Oder anders gesprochen: Phänomenales
Bewußtsein ist ein notwendiges Implikat gerade
derjenigen, uns übergreifenden logischen (Sprach-)
Struktur, derzufolge wir an dem binaristischen Unterschied
von Schein und Sein, Fiktion und Wirklichkeit, Wahrheit
und Unwahrheit nach wie vor festhalten müssen
und offenbar auch nach wie vor festhalten wollen.
Und eben das erklärt auch, warum wir selbst dann
noch an der Nicht-Identität von mentalen und neuronalen
Phänomenen festhalten müssen (s.o.), wenn
es einmal eine Wissenschaft geben sollte, die denjenigen
Komplexitätsgrad neuronaler Netzwerkverbände
empirisch nachzuweisen vermag, an dem mentale Phänomene,
so wie wir sie kennen, allererst emergieren. Denn das
Bewußtsein, das solche, auf diesem Komplexitätsgrad
erfaßbaren neuronalen Zustände zu interpretieren,
zu übersetzen hätte, wäre immer noch
genau dasjenige phänomenale Bewußtsein,
das als die reale Bedingung der Möglichkeit von
Unwahrheit - zumindest zufolge der logischen, binaristischen
(Sprach-) Struktur, in der wir uns heute bewegen -
unhintergehbar wäre. Das heißt, es ist eben
auch dann noch nicht ausgeschlossen, daß wir
uns in dem, was wir, bspw. in den uns dann zugänglichen
neuronalen Zuständen, zu erkennen meinen, gerade
irren, einem Schein, einer Illusion, einer Fiktion
unterliegen (oder zum Beispiel, was im Prinzip dasselbe
ist, mit einer "Unschärferelation" vorlieb
nehmen müssen).
Wir können uns also dieser binaristischen, logischen
(Sprach_) Struktur: von Sein und Schein, Wirklichkeit
und Fiktion, Wahrheit und Wahrheit und der auf ihr
abbildbaren Binarität von Physis und Psyche -
das eben zeigt das Beispiel des materialistischen Monisten
- nicht einfach entziehen: >>Es ist sinnlos<<,
schreibt Jacques Derrida, >>auf die Begriffe
der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik
erschüttern will. Wir verfügen über
keine Sprache, - über keine Syntax und keine Lexik
-, die nicht an dieser Geschichte beteiligt wäre.
Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden,
der nicht schon der Form, der Logik, den impliziten
Erfordernissen dessen sich gefügt hätte,
was er gerade in Frage stellen wollte.<< (Die
Schrift und die Differenz, Frankfurt/M. 1976, S.425)