Text-Nummer: 0016

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 32007
Verfasser(in): Christian Kupke
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Kürzel: CK
Originaltitel: Das binaristische Fundament phänomenalen Bewußtseins. Zum aspektdualistischen materialistischen Monismus in der Gehirmtheorie
Copyright: Christian Kupke
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Christian Kupke

Das binaristische Fundament phänomenalen Bewußtseins. Zum aspektdualistischen materialistischen Monismus in der Gehirntheorie

(Entwurfsfassung)

In den gehirntheoretischen Debatten zum Status des Bewußtseins sind grundsätzlich zwei Formen des materialistischen Monismus denkbar: ein starker, eliminativer Materialismus, der phänomenales Bewußtsein überhaupt leugnet bzw. die sogenannte Selbstevidenz dieses Bewußtseins unter Fiktionsverdacht stellt, und ein schwacher, nicht-eliminativer Materialismus, der eine solche Evidenz gleichwohl annimmt und deshalb glaubt, Bewußtsein generell sowohl unter neuronalen als auch mentalen Gesichtspunkten thematisieren zu können. Da aber auch der Dualismus glaubt, phänomenales Bewußtsein unterstellen zu dürfen, stellt sich die Frage, worin sich die nicht-eliminative, monistische Position von der explizit dualistischen Position unterscheidet. Unabhängig von der konkreten Beantwortung dieser Frage wird man aber generell davon ausgehen können, daß auch von dualistischer Seite sowohl eine schwache als auch eine starke Position vertreten werden kann und daß dieser schwache Dualismus in gewisser Weise mit dem schwachen, nicht-eliminativen Materialismus koinzidiert. Beide wollen, von unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, dasselbe: eine Vermittlung leisten zu der dem eigenen Standpunkt prinzipiell widersprechenden Position. Der Dualismus ist also in einer solchen Konstellation immer auch ein Monismus und umgekehrt der Monismus in gewisser Weise ein Dualismus.
Eine solche, vermittelnde Position (und zwar von materialistischer Seite) wird nun durch eine neuere Publikation dokumentiert, deren Probleme und Grenzen ich im vorliegenden Beitrag zum Ausgangspunkt einer prinzipientheoretischen Überlegung machen möchte. Es handelt sich um die Arbeit von Kai Vogeley "Repräsentation und Identität" (Berlin 1995), die bereits in ihrem Untertitel - "Zur Konvergenz von Hirnforschung und Gehirn-Geist-Philosophie" - ihr systematisches Anliegen klar macht. Denn die Konvergenz von materialistisch-monistischer Gehirnforschung und idealistisch-dualistischer Gehirn-Geist-Philosophie meint für den Autor auf inhaltlicher Ebene gar nichts anderes als deren weitestgehende "Identität": Die >>Forderung von ontologischem Anspruch und gleichzeitiger Akzeptanz der Existenz der psychischen Welt<< ist ihm zufolge >>in der Identitätstheorie (am besten) gelöst. Sie [die Identitätstheorie, C.K.] postuliert eine extensionale Identität von Psychischem und Physischem, beide sind extensional gleich, referieren also beide auf dasselbe, nämlich auf physische Phänomene im Nervensystem.<< (S.234) Insofern ist diese Position also eine materialistisch monistische. Aber: >>Der Bedeutungsgehalt auf intensionaler Ebene ... ist verschieden. Die Bedeutung eines Gedankens, sein Inhalt enthüllt sich nur im psychischen Bereich, in welchem er seine funktionale Bedeutung für die Person besitzt, das Korrelat des Gedankens im Gehirn ist als Gehirnvorgang ein an sich nicht Bedeutung tragendes Phänomen. Die Identitätsthese verbindet also ontologischen Anspruch, indem sie geistige Phänomene als ko-extensiv mit Hirnvorgängen charakterisiert, methodologisch erhält die Identitätsthese die dualistische Intuition, indem sie auf die intensionale Verschiedenheit psychischer und physischer Phänomene verweist.<< (ebd.)
Dieser sogenannte "Aspektdualismus", die Anerkennung sowohl des neuronalen als auch des psychischen Charakters von Gehirnvorgängen bei gleichzeitiger Anerkennung ihrer materiellen Äquivalenz, möchte ich im folgenden näher betrachten. Dabei geht es mir vor allem um die logische Funktion des dem eliminativen Materialismus gegenüber formulierten Arguments. Denn wenn der Aspektdualismus (oder genauer: der "aspektdualistische materialistische Monismus") nicht nur eine Ergänzung des materialistischen Monismus sein will, sondern dessen grundsätzlichen Mangel beheben soll (phänomenales Bewußtsein widersprüchlicherweise sowohl vorauszusetzen als auch anzuzielen, wie ich bereits in meinem Text "Was motiviert Wissenschaftler, ihr eigenes Ich im Gehirn zu verorten?" nachgewiesen habe), dann darf man meines Erachtens nicht den Fehler begehen, sich lediglich auf die Evidenz der dualistischen Position zu berufen, um mit ihr den materialistischen Monismus in die Schranken zu weisen. Denn dann stünde diese Evidenz der dualistischen bloß im Gegensatz zur Empirie der monistischen Position, und nichts wäre ihr gegenüber wirklich gewonnen.
Aus der von mir zum Gegenstand meiner Analyse gemachten Arbeit (und aus anderen Texten, bspw. des Sammelbandes "Bewußtsein", hrsg. von Thomas Metzinger, Paderborn 1995) geht aber auch nicht hervor, wie man denn anders als auf dem Hintergrund von Evidenzkriterien eine dualistische Position vertreten könne. Damit jedoch setzt sich diese Position einer methodologischen Kritik aus, die bereits in den siebziger Jahren bspw. von Hans Albert formuliert wurde und der man nur schwer ausweichen kann: Wenn man, so Albert, in einer theoretischen Grundsatzfrage nicht in einen infiniten Regreß geraten oder sich eines logischen Zirkelschlusses schuldig machen wolle, so bleibe im allgemeinen nur der >>Abbruch des [Begründungs-] Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der zwar prinzipiell durchführbar erscheint, aber eine willkürliche Suspendierung des Prinzips der zureichenden Begründung involvieren würde. ... Man pflegt in bezug auf Aussagen, bei denen man bereit ist, das Begründungsverfahren abzubrechen, von Selbstevidenz, Selbstbegründung, Fundierung in unmittelbarer Erkenntnis - in Intuition, Erlebnis oder Erfahrung - zu sprechen oder in anderer Weise zu umschreiben, daß man bereit ist, den Begründungsregreß an einem bestimmten Punkt abzubrechen und das Begründungspostulat für diesen Punkt zu suspendieren, indem man ihn als archimedischen Punkt der Erkenntnis deklariert. ... Nennt man aber eine Überzeugung oder Aussage, die selbst nicht zu begründen ist, aber dabei mitwirken soll, alles andere zu begründen, ... eine Behauptung, deren Wahrheit gewiß und die daher nicht der Begründung bedürftig ist: ein Dogma, dann zeigt sich unsere dritte Möglichkeit als das, was man bei einer Lösung des Begründungsproblems am wenigsten erwarten sollte: als Begründung durch Rekurs auf ein Dogma.<< (Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 1975, S.13f)
Ich möchte nun im folgenden zeigen, wie man einem solchen Dogmatismus-Vorwurf am wirkungsvollsten begegnen kann und dann diesen Vorschlag anhand der von Kai Vogeley vertretenen Position konkretisieren. Doch bevor ich das tue, möchte ich zunächst auf die Relevanz dessen hinweisen, was hier auf dem Spiel steht: Wenn man in gehirntheoretischen Debatten die phänomenale Bewußtseinsposition als evident behauptet, so nimmt man - auf dem Hintergrund der Darstellung Alberts - nichts anderes in Anspruch als die Evidenz von Evidenzpositionen. Denn jede Evidenzbehauptung ist dieser Darstellung zufolge eine Behauptung phänomenalen Bewußtseins; sie beruft sich, wie Albert zurecht schreibt, auf "Intuition, Erlebnis oder Erfahrung". Damit aber bewegt sich der gehirntheoretische Dualismus - als Dogmatismus (Stichwort: "archimedischer Punkt der Erkenntnis") - offenbar seinerseits in einem logischen Zirkel. Denn dasjenige Bewußtsein, das allein Grund aller nur möglichen Evidenzbehauptungen sein kann, das phänomenale Bewußtsein, wird selber in einer Evidenzbehauptung dieser Behauptung (und allen anderen Behauptungen) allererst zugrundegelegt.
Wie kann man einen solchen Zirkel vermeiden? - Ich meine, nur so, daß man für die Annahme phänomenalen Bewußtseins ein anderes Kriterium ins Feld führt als ein Evidenzkriterium, oder genauer: daß man der Annahme phänomenalen Bewußtseins einen anderen als einen bloß phänomenalen Status gibt. Hat phänomenales Bewußtsein, so meine Hypothese, nicht nur einen phänomenalen, sondern bspw. auch einen logischen oder semantologischen Status, so stände auch die von einem solchen Bewußtsein ausgehende Evidenz nicht mehr in Frage. Sie wäre in gewisser Weise selbst logisch evident, wäre die Folge einer logischen Struktur, die sowohl den materialistischen Objektivismus als auch noch den phänomenalen Subjektivismus übergreift.
Die logische Struktur, an die ich hier denke, ist die logische Struktur des Binarismus. Mit anderen Worten: Die Frage, welche strukturellen Probleme ein aspektdualistischer materialistischer Monismus aufwirft, ließe sich meines Erachtens nur beantworten, wenn man den einer solchen Auffassung zugrundeliegenden allgemeinen Binarismus thematisierte. Was ich darunter verstehe, möchte ich im ersten Teil erläutern und dann, im zweiten Teil auf denjenigen spezifischen Binarismus zu sprechen kommen, der sich einmal als Dualismus von Physischem und Psychischem und sodann, auf einer höheren reflexionslogischen Ebene, als Dualismus von Dualismus und Monismus artikuliert. Zuletzt, im dritten Teil, werde ich dann noch einen Vorschlag machen, wie man die mit einem solchen Dualismus zusammenhängenden Probleme vermeiden kann und dabei insbesondere für einen negativen Transzendentalismus in der Neuroepistemologie plädieren.

1. Was verstehe ich unter "Binarismus"? - In Anknüpfung an eine Formulierung von Roland Barthes, der den Hang zur >>binäre(n) Einteilung der Begriffe<< einmal als >>das intellektuelle Imaginäre unserer Zeit<< bezeichnet hat (Elemente der Semiologie, Frankfurt/M. 1979, S.12), verstehe ich unter dem Binarismus das intellektuelle Symbolische nicht nur unserer Zeit, sondern aller bisherigen Theoriegeschichte, vielleicht sogar der Geschichte überhaupt. Damit meine ich die Tatsache, daß in fast allen uns heute bekannten philosophischen und wissenschaftlichen Theorien (zumindest der abendländischen Kultur) oppositiven und dichtotomischen Begriffspaaren eine konstituierende Funktion im Aufbau dieser Theorien zukommt, und zugleich die Tatsache, daß wir auch in unserem - scheinbar unmittelbaren - Selbstverständnis und Weltverhältnis fast nie umhin können, dieses Verständnis und dieses Verhältnis in derart dichotomischen, mehr oder minder klar voneinander abgegrenzten Begriffen zu artikulieren: Denken und Fühlen, Form und Inhalt, Ordnung und Chaos, Bestand und Wandel, Ursache und Wirkung, Qualität und Quantität, objektiv und subjektiv, absolut und relativ, theoretisch und praktisch, konkret und abstrakt, generell und spezifisch, allgemein und individuell, physisch und psychisch, neuronal und phänomenal usw. usf. - all dies sind kategoriale Ordnungsmuster, die unser Denken und Handeln grundlegend anleiten.
Die Art und Weise, in der diese Binarismen unser Denken und Handeln anleiten, ist dabei sowohl bestimmend als auch ausschließend: Bestimmend sind diese Binarismen, insofern sie die begrifflichen Räume abstecken, innerhalb derer uns etwas verständlich ist bzw. uns überhaupt verständlich werden kann; und ausschließend, insofern sie begriffliche Kriterien darstellen, aufgrund derer uns gewisse Aussagen diskursiv einlösbar erscheinen. Wobei wiederum entscheidend ist, daß beide Funktionen des Binarismus (die er immer zugleich erfüllt) auf einem doppelten Fundament aufruhen: einem - der Bestimmungsfunktion des Binarismus zugeordneten - semantischen und einem - der Ausschließungsfunktion des Binarismus zugeordneten - logischen Fundament: Semantisch gehen wir immer davon aus, daß, wenn es auch in den meisten Fällen möglich ist, einen generellen Terminus positiv zu verstehen, es dennoch unmöglich ist, das eine Element des binaristischen Ordnungsmusters zu verstehen, ohne zugleich über ein zumindest implizites Verständnis des ihm jeweils zugeordneten Elements zu verfügen. Und ontologisch gehen wir davon aus, daß, wenn es auch in den meisten Fällen möglich ist, einen wirklichen Zustand oder eine Situation anzugeben, die die zu einer (Einzel-) Aussage widersprüchliche Aussage wahr macht, es dennoch unmöglich ist, eine in sich selbst widersprüchliche (binaristische Doppel-) Aussage diskursiv einzulösen.
Dieses letztere, logische Fundament hat als Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch seine klassische Formulierung in der "Metaphysik" des Aristoteles gefunden: >>daß .. dasselbe [Prädikat] demselben [Subjekt] in derselben Beziehung ... unmöglich zugleich zukommen und nicht zukommen kann<< (Buch IV, Kapitel 3, c bzw. 1005b). Das erstere, semantische Fundament aber ist in der Tradition so gut wie nie eigens reflektiert worden (es ist der Beobachtung bei der Lektüre philosophischer Texte und gewissen sprachphilosophischen Einsichten geschuldet). Es läßt sich - gleichsam um seine kategoriale Zuordnung zum Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch deutlich zu machen - als Satz von der eingeschlossenen Bedeutung reformulieren: daß die Bedeutung eines Prädikats systematisch stets von der Bedeutung seines ihm entgegengesetzen Prädikats bedingt ist.
Zwischen beiden Sätzen gibt es meines Erachtens mannigfaltige, zumeist auch recht komplexe Beziehungen, die ich hier leider nicht darstellen kann (vgl. zu einer ersten Annäherung bspw. die, von einer Einsicht in den binaristischen Mechanismus allerdings ungetrübte, Darstellung bei Tugendhat/Wolf, Logisch-semantische Propädeutik, Stuttgart 1983, S.50ff). Aber worauf ich an dieser Stelle eingehen kann und eingehen muß, ist die Tatsache, daß es immer wieder Versuche gegeben hat und auch wohl weiterhin geben wird, beide Sätze einander zu kontrastieren und in ein - dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch folgendes - Ausschließungsverhältnis zu zwingen. Was ich damit meine, wird deutlich, wenn ich nun und im folgenden auf den eigentlichen Kern der gegenwärtig geführten gehirntheoretischen Debatte zurückkomme.

2. Ich reformuliere zunächst das semantische Fundament dieser Debatte. Dieses lautet: Wenn ich überhaupt ein Verständnis davon haben soll, was in dieser Debatte unter einem neuronalen Phänomen oder bspw. auch unter dem sogenannten "third-person-account" zu verstehen ist, so muß ich zugleich ein Verständnis davon haben, was unter einem mentalen Phänomen bzw. unter einem "first-person-account" zu verstehen ist. Dieses Fundament ist (und darin eben ist es ein Fundament) auch vom eliminativen monistischen Materialismus nicht zu leugnen; denn die gesamte Diskussion könnte gar nicht geführt werden (und das Problem wäre auch nicht vorhanden), wenn nicht jeder der an der Diskussion Beteiligten ein wie auch immer deutliches Verständnis von dem hätte, was der jeweils andere meint, wenn er seine Position zu vertreten versucht. - Aber der materialistische Monist kann sich zugleich auch auf das logische Fundament aller binaristischen Begriffsbildung berufen; er kann, gemäß dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, die Behauptung aufstellen, ein neuronales Phänomen könne nicht in ein und derselben Hinsicht sowohl ein neuronales als auch ein mentales Phänomen sein, und weiter argumentieren: Entweder sei die eine oder die andere Aussage wahr, und da man bislang empirisch lediglich neuronale, aber keine mentalen Phänomene hätte nachweisen können, müsse man folgerichtig alle mentalen Phänomene unter Fiktionsverdacht stellen.
Nun kann man zurecht zunächst einmal bezweifeln, ob denn der Dualismus die in Frage kommenden Phänomene auch tatsächlich in ein und derselben Hinsicht (unter ein und demselben Aspekt) einmal als neuronale und ein anderes Mal als mentale Phänomene in Anspruch nehme. Man könnte argumentieren, er, der Dualismus, verstehe sie nur in intensionaler Hinsicht als mentale, in extensionaler Hinsicht aber (durchaus) als neuronale Phänomene. Kai Vogeley schreibt: >>Diese Inkompatibilität löst sich erst auf in einer aspektdualistischen Formulierung der Identitätstheorie, die ontologisch monistisch und methodologisch pluralistisch geprägt ist. Eine Identifikation kann zustande kommen, wenn der intensionale Gehalt des intentional gerichteten, mentalen Phänomens getrennt wird vom extensionalen, physiologischen, bedeutungsneutralen Phänomen, auf das das mentale Phänomen materiell referiert.<< (Repräsentation und Identität, S.306)
Ich meine aber, man muß zunächst drei kritische Punkte im Auge behalten, um die Reichweite dieses Ansatzes genauer beurteilen zu können: Erstens sind die fraglichen Phänomene uns überhaupt immer nur entweder als neuronale oder aber als mentale Phänomene zugänglich; sie sind keine Phänomene an sich, also keine, die man einmal unter der einen und ein anderes Mal unter der anderen Hinsicht betrachten könnte. Zweitens setzt diese Lösung bereits das voraus, was der eliminative materialistische Monist gerade bezweifelt: daß es nämlich überhaupt eine andere als eine extensionale neuronale Perspektive auf die Phänomene gibt. Und drittens kann auch dieser schwache Materialismus, wie jeder Dualismus, die in Anspruch genommene intensionale Perspektive wissenschaftlich-empirisch nicht wirklich nachweisen; er kann sie nicht wirklich erkennen, sondern nur anerkennen (vgl. Repräsentation und Identität, S.235) und muß sich also auch hier auf so etwas wie auf die dualistische Intuition (vgl. ebd., S.228), auf Evidenz, Fundierung in unmittelbarer Erkenntnis u. dgl. berufen, also - wie schon oben anläßlich des Zitates von Hans Albert gesagt - auf eines derjenigen mentalen Phänomene, die er dem eliminativen materialistischen Monismus gegenüber allererst legitimieren wollte.
Eben daraus aber erwächst meines Erachtens der Grundkonflikt eines aspektdualistischen materialistischen Monismus: Mit ihm soll sowohl die monistische, im engeren Sinne naturwissenschaftliche als auch die dualistische, im engeren Sinne philosophische Position vertreten werden, und er wird eben damit zu einem (philosophischen) Dualismus von Monismus und Dualismus, der zwar dem binaristischen Grundansatz metaphysischen Denkens gerecht wird und treu bleibt (anders als der eliminative Materialismus, der sich aus ihm in abstrakter Negation zurückziehen zu können glaubt), der aber, im Rahmen seines Konzeptes, nicht mehr eigens reflektiert und aufgehoben werden kann.
An einer argumentativ äußerst aufschlußreichen Stelle der Publikation von Kai Vogeley heißt es einmal: >>Die Identitätsthese und der neutrale Monismus oder Aspektdualismus .. bestätigen die Intuition, daß eben doch beide differenten Phänomenwelten nur Attribute einer Ur-Sache sind...<< (S.239). Zu dieser - höchst spekulativen - Ur-Sache wäre von philosophischer Seite sicherlich einiges zu sagen (es scheint, sie ähnelt der spinozistischen "Substanz" oder auch der Schellingschen "Natur"); aber an dieser Stelle möchte ich doch zunächst an den Autor die Frage stellen: Attribute welcher (Ur-) Sache sind denn nun hier der von ihm angeführte ontologische Monismus und der methodologische Dualismus? Welche Sache unterscheidet er hier einmal nach einer ontologischen und einmal nach einer methodologischen Hinsicht?
Ich meine, das oben angeführte Problem, daß die in der gehirntheoretischen Debatte in Frage kommenden Phänomene keine Phänomene "an sich" sind, an welchen sich irgendeine Hinsichtsunterscheidung vornehmen ließe, kehrt an dieser Stelle noch einmal in verschärfter Form zurück. Denn entweder ist ein Monismus (und das haben Fichte, Schelling und Hegel gewußt) in jeglicher Hinsicht ein Monismus, weil er ansonsten ein Dualismus wäre; oder aber ein Dualismus (und das eben haben Descartes und Kant gewußt) ist in jeglicher Hinsicht ein Dualismus, weil er ansonsten ein Pluralismus wäre.
Daß aber der aspektdualistische materialistische Monismus, weil er überhaupt die Perspektivenunterscheidung macht, aus dem Dualismus gar nicht mehr herauskommt und deshalb in einen starken Widerspruch zu sich selbst gerät, zeigt eine weitere, mir vom Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellte Publikation, in der er seine Position zu konkretisieren versucht. Dort heißt es: >>Auf der Grundlage eines aspektdualistischen materialistischen Monismus besitzen Hirnzustände Gültigkeit in bezug auf allgemeine Bau- und Funktionsprinzipien des Gehirns als Grundlage der Realisierung von Psyche im allgemeinen. Dieser Monismus ist allerdings zwingend aspektdualistisch zu erweitern, sobald spezifisch psychische, also individuelle Merkmale zur Debatte stehen, die sich aus der Entwicklung der einzelnen Person und ihres Gehirns in ihrer bestimmten Entwicklung ergeben haben.<< (Grundriß einer Neuroepistemologie, demnächst in: Psyche im Streit der Theorien. Beiträge der Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche, Band I, Würzburg 1996, Typoskript S.9)
Ungeachtet der Tatsache, daß an anderer Stelle einmal behauptet wird: >>Psyche entspricht dem Individualgeist einer einzelnen Person<< (ebd., S.12), wird nun hier eine alles in allem starke Differenz aufgemacht von (nicht-individueller) Psyche im allgemeinen und (individueller) Psyche im besonderen, d.h. die ohnehin schon bestehende Spannung zwischen Monismus und Dualismus verschiebt sich hier in einen nun tatsächlich vertretenen strikten Dualismus von Allgemeinem und Individuellem auf der Ebene des Psychischen selbst. Statt des generellen, weit weniger dramatischen Problems, auf dessen Lösung eine materialistische Position in jedem Fall drängen muß: wie denn eine Wechselwirkung mentaler und physischer Vorgänge möglich sei (vgl. Repräsentation und Identität, S.235ff), stellt sich nun hier das Problem, die Einheit des Mentalen selbst zu wahren, insofern auch eine dualistische Position unter diesen Vorzeichen nicht mehr zu zeigen vermag, wie beide Aspekte des Psychischen miteinander zusammenhängen. Das ist aber erforderlich, wenn eine solche Position überhaupt noch von einem einheitlichen Phänomen des Psychischen ausgehen will.
Die These, daß die einem Individuum zugehörigen Gehalte aus den neuronalen Netzwerkverbänden als semantische oder intensionale Eigenschaften überhaupt nicht ersichtlich seien (vgl. Kai Vogeley, Die Einheit des Bewußtseins in der Neuroepistemologie, im Druck, Typoskript S.8) reduziert denn schließlich auch den hier behaupteten Monismus zu einer façon de parler. Um hier einmal den advocatus diaboli der materialistischen Position zu spielen: Wenn in irgendeinem Sinne die These noch weiterhin aufrechterhalten werden soll, derzufolge Psyche als ein Emergenzphänomen aus dem Gehirn genau dann hervorgeht, wenn dieses einen bestimmten Komplexitätsgrad erreicht hat (vgl. ebd. S.14), dann muß man doch auch annehmen, daß in dem Moment, in dem eine Wissenschaft in der Lage ist, genau diesen Komplexitätsgrad deskriptiv bzw. empirisch zu rekonstruieren, auch in der Lage sein muß, auf die jeweiligen semantischen oder intensionalen Eigenschaften der jeweiligen Netzwerkverbände zu schließen.
Mit anderen Worten, rhetorisch gefragt: Warum soll denn, wie bereits oben zitiert, >>das Korrelat des Gedankens im Gehirn .. als Gehirnvorgang ein an sich nicht Bedeutung tragendes Phänomen<< sein (Repräsentation und Identität, S.234)? Warum sollte es nicht, in irgendeiner fernen Zukunft, möglich sein, diese "neuronale Schrift" einmal genau so zu lesen, wie wir heute jede x-beliebige andere Schrift zu lesen vermögen? Daß es auch hierzu, zu diesem Lese-, Interpretations- und Übersetzungsvorgang, wie bei allem Verstehen von Sprache und Schrift, eines phänomenalen Bewußtseins bedarf, das ist doch damit überhaupt nicht ausgeschlossen. So wie wir nicht behaupten würden, daß die sprachliche (und schriftliche) Artikulation des Bewußtseins ein Programm der vollständigen Reduktion dieses Bewußtseins auf die unleugbar materiellen Gegebenheiten der Laute (und Buchstaben) impliziere, derer wir uns zum Zwecke dieser Artikulation bedienen müssen, so würden wir doch wohl auch nicht behaupten wollen, daß die dann als neuronal zu bezeichnende Artikulation unseres Bewußtseins uns zur Reduktion auf den uns empirisch zugänglichen Anteil dieser Artikulation nötige. Vielmehr, wahrscheinlich ist es, daß wir Wissenschaftler und Philosophen uns auch dann noch, wie wir es bei der lautlichen (und buchstäblichen) Artikulation des Bewußtseins gewohnt sind, über den Sinn dieser merkwürdigen Artikulationen streiten und ggf. sogar ganze Bücher darüber schreiben werden, was denn ein bestimmter neuronaler Zustand eines Gehirns für einen Sinn für die in intensionalen Kategorien geschehende Selbstexplikation dieses Gehirns hat.

3. Ich bin mir nun allerdings keineswegs sicher, ob der im folgenden kurz darzustellende Ansatz beim Binarismus-Problem alle diejenigen kritischen Punkte auszuräumen vermag, die ich soeben an der von Kai Vogeley vertretenen Position herausgestellt habe. Aber mir scheint doch, daß wenn man dem eliminativen Monismus einen intuitiven Dualismus nicht nur entgegensetzen oder jenen durch diesen ergänzen will, man notwendigerweise das von Kant im Antinomienkapitel begründete und dann von Hegel radikalisierte Argumentationsverfahren favorisieren sollte, wonach die Position des Gegners (in diesem Falle die Position des eliminativen Materialisten) die eigene Position je schon enthält und nur noch aus ihr entwickelt zu werden braucht, um ihm nachzuweisen, daß auch er gerade das behauptet, was man selber behauptet. Das hätte den Vorteil, sich nicht nur auf Evidenzkriterien zurückziehen zu müssen, sondern eine logische Struktur aufweisen zu können, an der auch der materialistische Monist partizipiert, und zugleich den Vorteil, statt sich - auf einer reflexionslogisch höheren Stufe - in einem Dualismus von Monismus und Dualismus zu verfangen, auf einen Monismus von Dualismus und Monismus zuzugehen und eben dadurch den Binarismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
Wie könnte ein solches Verfahren an dieser Stelle aussehen? Ich komme dazu noch einmal auf die beiden oben bereits erwähnten Argumente des eliminativen Materialisten zurück, erstens: ein neuronales Phänomen könne nicht in ein und derselben Hinsicht sowohl ein neuronales als auch ein mentales Phänomen sein, und zweitens: da man bislang empirisch lediglich neuronale Phänomene hätte nachweisen können, müsse man alle mentalen Phänomene unter Fiktiuonsverdacht stellen. In den Worten Kai Vogeleys: >>Sie [die materialistischen Thesen, C.K.] leugnen zum Teil die psychische Welt völlig und gestehen ihr höchstens noch - so im eliminativen Materialismus - eine sprachliche Repräsentierung zu, die aber nur noch als Relikt einer längst überholten Fehldeutung geduldet wird.<< (Repräsentation und Identität, S.238)
Ich frage nun aber: Wenn es richtig ist, daß auch der eliminative Materialist sich auf dem semantischen Feld aller binaristischen Begriffsbildung bewegen muß, um verständlich sein zu können (s.o.); und wenn es ferner richtig ist, daß er auf diesem Feld die eine Position, die des Neuronalen, als wahr (sie hat einen materiellen Referenten), aber die andere Position, die des Mentalen, als unwahr (sie hat keinen materiellen Referenten) deklariert, - wie und wo kann dann überhaupt noch eine derartige Unwahrheit: eine solche Fiktion oder Fehldeutung, zustande kommen? Wie? - Doch offensichtlich nur durch bestimmte, in extremem Maße subjektive, also (im Sinne des materialistischen Monismus) fehlerhafte Schlüsse. Und wo? Doch offensichtlich nur in einem ebenso bestimmten, phänomenalen Bewußtsein. Denn diese Fiktionen und Fehldeutungen sind dem materialistischen Monismus zufolge ja gerade keine Repräsentationen, sondern, insofern ihnen nichts, aber auch gar nichts in der Außenwelt entsprechen soll, reine Präsentationen eines ebenso reinen phänomenalen Bewußtseins. - Wo denn anders, muß man den materialistischen Monisten auf dem Boden seiner eigenen Voraussetzungen fragen, als im phänomenalen, subjektiven Bewußtsein kann eine derart gegenstands- und objektlose Illusion entstehen wie gerade die eines phänomenalen Bewußtseins? Also, wenn die Unwahrheit, resp. die Illusion oder die Fiktion eines phänomenalen Bewußtseins (Daniel Dennett: Das je eigene Ich ist eine >>Illusion ohne Illusionisten<<; Philosophie des menschlichen Bewußtseins, Hamburg 1994, S.26) nur möglich ist, weil es ein phänomenales Bewußtsein gibt, dann kann zumindest die Tatsache, daß es ein phänomenales Bewußtsein gibt, selber nicht die Unwahrheit sein.
Worauf ich also hinauswill ist folgendes: Da die gehirntheoretischen Dispute, aber auch leider die Diskussion phänomenalen Bewußtseins, wie Thomas Metzinger sie in seinem oben angeführten Sammelband vorstellt, immer nur an der unterstellten oder behaupteten, selbst empirisch verstandenen Wahrheit (bzw. korrekter Richtigkeit) phänomenalen Bewußtseins orientiert sind: an der >>Tatsache, daß ich jetzt den Umschlag dieses Buches als blau empfinde<<, an der >>Tatsache, daß ich jetzt der Meinung bin, daß ein grundsätzlich neues Bild des Menschen im Entstehen begriffen ist<<, an der >>Tatsache, daß ich jetzt gerade neugierig bin<< (Metzinger, Sammelband, S.21f); und da es hier immer nur darum geht, >>Widerspruchsfreiheit und begriffliche Klarheit<< (ebd., S.17) zu erlangen - während ich glaube gezeigt zu haben, daß diese Widerspruchsfreiheit und begriffliche Klarheit nur um den Preis des Widerspruches und der begrifflichen Unklarheit zu haben ist -, entgeht diesen Debatten immer gerade das, aufgrund dessen phänomenales Bewußtsein überhaupt erst erkenntnistheoretisch interessant ist und relevant sein kann. Es entgeht ihnen, daß Bewußtsein nicht zuvörderst, zumindest heute nicht mehr, als transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Wahrheit (Richtigkeit) in Anspruch genommen werden kann, sondern daß zumindest das phänomenale Bewußtsein die reale Bedingung der Möglichkeit von Unwahrheit (Falschheit): von Irrtum, Illusion, Schein, Fiktion u. dgl. ist (negativer Transzendentalismus). Oder anders gesprochen: Phänomenales Bewußtsein ist ein notwendiges Implikat gerade derjenigen, uns übergreifenden logischen (Sprach-) Struktur, derzufolge wir an dem binaristischen Unterschied von Schein und Sein, Fiktion und Wirklichkeit, Wahrheit und Unwahrheit nach wie vor festhalten müssen und offenbar auch nach wie vor festhalten wollen.
Und eben das erklärt auch, warum wir selbst dann noch an der Nicht-Identität von mentalen und neuronalen Phänomenen festhalten müssen (s.o.), wenn es einmal eine Wissenschaft geben sollte, die denjenigen Komplexitätsgrad neuronaler Netzwerkverbände empirisch nachzuweisen vermag, an dem mentale Phänomene, so wie wir sie kennen, allererst emergieren. Denn das Bewußtsein, das solche, auf diesem Komplexitätsgrad erfaßbaren neuronalen Zustände zu interpretieren, zu übersetzen hätte, wäre immer noch genau dasjenige phänomenale Bewußtsein, das als die reale Bedingung der Möglichkeit von Unwahrheit - zumindest zufolge der logischen, binaristischen (Sprach-) Struktur, in der wir uns heute bewegen - unhintergehbar wäre. Das heißt, es ist eben auch dann noch nicht ausgeschlossen, daß wir uns in dem, was wir, bspw. in den uns dann zugänglichen neuronalen Zuständen, zu erkennen meinen, gerade irren, einem Schein, einer Illusion, einer Fiktion unterliegen (oder zum Beispiel, was im Prinzip dasselbe ist, mit einer "Unschärferelation" vorlieb nehmen müssen).
Wir können uns also dieser binaristischen, logischen (Sprach_) Struktur: von Sein und Schein, Wirklichkeit und Fiktion, Wahrheit und Wahrheit und der auf ihr abbildbaren Binarität von Physis und Psyche - das eben zeigt das Beispiel des materialistischen Monisten - nicht einfach entziehen: >>Es ist sinnlos<<, schreibt Jacques Derrida, >>auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will. Wir verfügen über keine Sprache, - über keine Syntax und keine Lexik -, die nicht an dieser Geschichte beteiligt wäre. Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden, der nicht schon der Form, der Logik, den impliziten Erfordernissen dessen sich gefügt hätte, was er gerade in Frage stellen wollte.<< (Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M. 1976, S.425)


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