Urs Köhnen
Gen-Uhren
Wenn die Genforscher Hekimi und Lakowski von der McGill-Unversität
in Montreal wirklich den sogenannten clock genes des
caenorhabditis elegans, des Fadenwurms also, auf die
Spur gekommen sind, so kündigt sich damit eine
entscheidende Wende in der Frage an, wie die Probleme
der Überbevölkerung der Welt gelöst
werden können. Veränderungen des clock genes
der Fadenwürmer streckten deren Leben um das Drei-
bis Vierfache. Schon tauchen die ersten Phantasien
auf, diese phänomenale Entdeckung könne auch
für Menschen von Vorteil und Nutzen sein. In weiser
Voraussicht wird als Anwendungsbereich das Werner-Syndrom
genannt, bei dem es zu einer vorzeitigen Vergreisung
der Betroffenen kommt.
Auch diese Entdeckung, so sie sich als Entwicklungs-
und Übertragungsfähig erweist, macht wieder
deutlich, wie dringend es die ethische Diskussion über
Fragen der Genmanipulation (nicht nur) beim Menschen
zu führen gilt. Jetzt. Denn wenn es ersteinmal
soweit ist, daß Menschen es den Würmern
gleichtun können, wird es zu spät sein. Die
Science Fiction eines Bladerunner scheint so fiktional
nicht mehr zu sein.
Wer also wird entscheiden, wer an der Gen-Uhr dreht
und bei wem daran gedreht wird? Und wer will und kann
vermutlich bis dahin erlassene Richtlinien kontrollieren?
Wird es die Bevölkerungssituation notwendig machen,
daß jeder, der sein Leben strecken will, mindestens
einen finden muß, der sich den Ablauf der Uhr
beschleunigen läßt? Der Hinweis auf den
möglichen Einsatz der Gentechnologie im Dienste
der Behandlung des Werner-Syndroms ist verräterisch.
Hier wurde verzweifelt nach einem Anwendungsbereich
gesucht, der Aufwand und Ergebnis der Forschung rechtfertigt.
Gerade die faktische Seltenheit dieses Krankheitsbildes
aber erzeugt Zweifel. Sollten es Forscher geschafft
haben, an der Uhr zu drehen, dann ist es jetzt fünf
Minuten vor zwölf. Sie anzuhalten.