Text-Nummer: 0051

Schaltung am: 12.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 5043
Verfasser(in): Susanne Kretzer
Geschrieben am: 1985
Kürzel:
Originaltitel: Mystifiktionale Spuren
Copyright: Susanne Kretzer
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am:
Delta Tau Null, Juni 1985, S. 31 - 33
Übersetzung einer überarbeiteten Fassung in:
The Review of Contemporary Fiction, Vol. 8, Nr. 1
Arno Schmidt Number, Spring 1988
Übersetzungstitel: Mystifictional Traces
Übersetzer(in): F.P. Ott
Copyright Übersetzung: F.P. Ott
Diskussion/Leserbriefe:

Susanne Kretzer

Mystifiktionale Spuren

Der Rahmen des Fensterkreuzes vor dem Schreibtisch gibt den Blick frei auf einen Landschaftsausschnitt, in dem nichts mehr geschieht. Eine leere Landschaft birgt in sich nicht die Bewegung, die ein "Wortmetz" in literarische Handlung meißeln wollte - jedoch bietet sie dem, der "im Zimmer weit größere Freiheiten (hat), als draußen" (Julia 4) die Möglichkeiten, seine Welt aus Kunst und Phantasie in ihr anzusiedeln. In der Bargfelder Klause werden diese Phantasie-Bilder zum Surrogat einer vollen Landschaft, in deren BildRaum sich die Liter(e)alität des späten Schmidt einschreibt.
Wahrnehmung der Außenwelt beschreibt Schmidt in Zettels Traum als "Verstauung und Verteilung auf die (4) Instanzen des psychischen Apparates" (Zettel 1182), während die Umkehr dieses Vorgangs - ausgehend vom Traum: über die Halluzination zu den LGs - sich im Kunstwerk dokomentiert findet. Die einzelnen psychischen Instanzen schaffen in Kooperation miteinander den BildRaum, der, fertiggestellt, das Kunstwerk sei. Dem ubw, "das über die archaisch_unglaublichsten Energien verfügt" (Zettel 1182), fällt dabei der größte Teil raumschaffender Arbeit zu: Es erstellt die Kulisse. Als verfüge es über "wollu'minöse Farbeimer" (Zettel 1184), umgeht es den direkten Befehl des ÜI und pinselt dessen Anweisung in seinem Sinne aus.
Daß aber das ubw als "Innersde der microko(s)mischn MenschnEinheit" (Zettel 1181) die "macrokosmisch fernSde RundumCulissen (Zettel 1181) des KWs bildet, beschreibt Schmidt schalkhaft am Beispiel Karl Mays: Eine Welt, aus Hintern gebaut!" (Sitara 83).
Die vom ubw ausgestaltete "Culisse" verweist auf eirn Begehren, wie es sich im Traum als Wunsch offenbart: Die Kulisse wird zum Ort einer zweifelhaften Utopie, und dem, der da sagt: "die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare" (Julia 4), zum Ziel. Wenn der Künstler in den Hintergrund seines Gemäldes eingeht, dann in die Aufzeichnungen seines ubw (am Schönsten wohl in Blochs Spuren weitergegeben: die chinesische Legende vom Maler, der in einem Ort des Hintergrundes verschwindet, welcher sich damit als Signifikant für den des Malens selbst enthüllt - das Haus).
Die Versetzung des Ichs in den Raum des Ästhetischen, bereitet die Aufhebung des Künstlers vor, der angesichts drohender Verluste seiner vitalen Fähigkeiten sich in die Welt der Gegenstände einschreibt, um so der Barbarei der Sprachlosigkeit zu entgehen und sich mit den Gegenständen für eine bessere Zukunft aufzubewahren. Nach der Katastrophe, die sowohl A&O als auch Jhering für sicher halten, zeugen die Gemälde, stumm und beredt, auch in einer Zeit der Schriftlosigkeit noch von den Einschreibungen der sich ihnen eingebildet habenden Künstler. So wie der Uberlebende in Schwarze Spiegel in einer Welt, die zur Kulisse geworden ist, das Erbe antritt, mag Schmidt einen Rezipienten des Bildlichen nach der Katastrophe imaginieren. Es bleibt jedoch die Frage, ob das Eingehen in die Wunschlandschaft nicht doch zum Eingehen in ihr wird.
Schmidts Rancune gegen "abstrakte" Kunst ist von besonderer Bedeutung, da seine Protagonisten wie selbstverständlich figürlich/gegenständliche Bilder für ihre Grenzübertritte wählen. Die Gemälde Boschs und Jan Mytens versprechen die beruhigende Möglichkeit, einst, wenn auch verändert, aus ihnen heraustreten zu können, ohne der "Furie des Verschwindens" zum Opfer gefallen zu sein.
Abstrakte Kunst scheint da ohne Gewähr. Oft genug verweigert sie sich den Wünschen nach utopischer Selbsterhaltung. Graubners Farbraumkörper werden zum Vexierbildraum für den, der festzustellen sucht, ob er hinaus oder hinein schaut. Rothkos letzte Arbeit verweist auf einen anderen Horizont, als den der ländlichen Idylle. Ad Rheinhardts black paintings geben Aufschluß über den, der da meint, es wäre besser, nicht geboren zu sein und sich zurückwünscht in die Geborgenheit der Mutterleibshöhle. Und Newman stellt selbst diese Utopie in Frage, wenn er dem Schwarz in seinem Prometheus bound nur noch einen schmalen Streifen aus milchigem Weiß hinzufügt, der - am untersten Rand des Tableaus - eher mit der Wand verschmilzt, als daß er zum Bild gehört. Dieses ins Grau changierende Weiß erwartet nicht mehr hoffnungslos einen herangrauenden Morgen. An die Stelle der Hoffnung tritt das Grauen vor der Absolutheit des Schwarzen, vor einem Nichts, aus dem es, einmal hineigestrudelt, kein Entkommen mehr gibt.
Der Geanke von Rettung, sei es nun die des Subjekts, der Kultur oder Kunst, findet sich bei Schmidt nicht nur in den EinBildungen seiner Figuren in Gemälde. "Blochs Lieblingsgleichnis fürs mystische Selbst", vermerkt Adorno in seinen Boten zur Literatur, "ist das Haus, in dem man bei sich selbst wäre, nicht länger entfremdet." Das Blockhaus in Bargfeld, in das sich (wie je in den Idyllen d(a)es Alter(s), Schmidts altes ego zurückzieht, ist von der Architektur all der Rückzugsbastionen des lesenden und schreibenden Intellektuellen. Besucher fallen in Horden ein und stören den vergoldeten Abend.


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