Robert Krokowski
Sexueller Mißbrauch von Kindern - Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit
1. Teil: Bedingungen und ein Beispiel für die gegenwärtige Diskussion
Eine Versachlichung der gegenwärtigen Diskussion tut not. Sie ist nicht einfach. Denn eine sachliche Erörterung des Problems der Suggestion von Erinnerungen - nicht nur, was die Frage des sexuellen Mißbrauchs von Kindern angeht - wird paradoxer Weise durch Faktoren behindert, die der Öffentlichkeit nicht selten als Garanten der Sachlichkeit gelten. Bei diesen Faktoren - dies ist keine Behauptung, sondern eine Hypothese zum Problem - scheint es sich sich unter anderem um die folgenden zu handeln und die Behinderung der sachlichen Diskussion scheint durch ihre Kombination zu erfolgen:
Eine gewisse Hörigkeit der Öffentlichkeit
ist nicht zu übersehen, was Verlautbarungen von
Fachleuten angeht. Je eindrucksvoller der akademische
Titel dessen ist, der ein statement zur Frage der Suggestion
von Erinnerungen an sexuellen Kindesmißbrauch
in psychoanalytischer oder therapeutischer Arbeit abgibt,
desto größer ist die Bereitschaft, der Aussage
wissenschaftliche Wahrheit oder Geltung zuzusprechen.
Bemerkenswert ist die Neigung von Wissenschaftlern,
Schlagzeilen zu produzieren. Es ist auffallend, daß
die öffentliche Diskussion mit Behauptungen bedient
wird, die als bewiesen ausgegeben werden. Gerade was
Fragen der psychoanalytischen und psychotherapeutischen
Arbeit angeht, ist die Kunst der Argumentation im Kurse
gefallen. Apodiktik beherrscht die Szene, obwohl der
Gestus ein assertorischer ist. ("Apodiktisch"
werden Urteile und Beweise genannt, die als unumstößlich
gelten, weil sie logisch notwendig oder unmittelbar
gewiß sind; "assertorisch" werden solche
Urteile genannt, in denen ohne jeden Zusatz etwas als
wahr behauptet oder geleugnet wird.)
Es besteht die Bereitschaft von Massenmedien, die genannten
Formen öffentlicher Hörigkeit ebenso zu bedienen,
wie die genannte wissenschaftliche Neigung zu dokumentieren.
Die Form, die diese Bereitschaft annimmt, ist die "Meldung".
Zur Meldung aber eignen sich besonders statements oder
Verlautbarungen, deren Behauptungen durch die Berufsbezeichnug
dessen, der sie macht, in ihrem angeblichen Wahrheitsgrad
"geadelt" werden.
Hinzuweisen ist auf den im Vorurteil enthaltenen Wunsch
des "gesunden Menschenverstands", durch "wissenschaftlich
abgesicherte" Urteile die Wahrheit des Vorurteils
als "vernünftig" erwiesen zu sehen.
Gerade solche Urteile werden mit Vorliebe geglaubt,
die die eigene Meinung bestätigen. Wird die Meinung
durch Urteile von Wissenschaftlern und Fachleuten als
"vernünftig" beurkundet, so gilt sie
als bewiesen. Die wissenschaftlich "bewiesene"
Erkenntnis wird dann zu einem Streitmittel, das in
Auseinandersetzungen den Schein von Argumentation erzeugt.
("Ich kann mich nicht irren, weil sich die Wissenschaft
nicht irren kann ...")
Ein wichtiger Faktor bei der öffentlichen Meinungsbildung
über Fragen psychoanalytischer und psychotherapeutischer
Praxis ist der Anspruch des Ichs, Herr im eigenen Hause
zu sein. Er hat mannigfaltige Auswirkungen. Im Rahmen
der Diskussion über sexuellen Kindesmißbrauch
hat dieser Anspruch keinen geringen Anteil an der Filterung
von gemachten Behauptungen. Die Aufmerksamkeit wendet
sich gerade solchen Aussagen zu, die dem Leser ein
Recht darauf zubilligen, Herr im eigenen Hause zu sein.
Wissenschaftliche statements, die den Vorrang des Bewußtseins
über das Unbewußte, das dem Bewußtsein
gegenüber Fremde als Notwendigkeit behaupten,
werden zur Kenntnis genommen. Hinweise auf Bedingtheiten
des Bewußtseins und des Ichs, auf unbewußte
Einflüsse, werden abgewehrt.
Der generelle Wunsch, kurze, glatte und bequeme Wahrheiten
zu erfahren und zu übermitteln, macht sich immer
wieder geltend. Gerade im Bereich der Psychoanalyse
und der Psychotherapie besteht unleugbar eine Unübersichtlichkeit
von Positionen und Praktiken, die die eindeutige Sicht
behindert. Jede Verlautbarung, die hier ein Schlaglicht
auf das angebliche Dunkel wirft, erspart die Vergewisserung
der eigenen Mündigkeit. Bestehende "Unübersichtlichkeit"
heißt aber zunächst nur, daß es keine
einfache Sicht der Zusammenhänge gibt. Daß
jenen, die sie wünschen, von berufener und unberufener
Seite "Lichter aufgesteckt werden", ändert
nichts an den in der Sache begründeten Unsichtbarkeiten.
In der gegenwärtigen Situation erzeugen statements
den Schein, Erkenntnisprobleme seien dadurch zu beseitigen,
daß endlich einer die Wahrheit sagt. Die Verantwortung
jener, die Meinungen bilden und öffentliche Diskussionen
prägen, liegt aber darin, den Wunsch nach Gewißheit
ernst zu nehmen, ohne ein als Gewißheit verausgabtes
Wissen mit der Wahrheit zu verwechseln. Zur Selbstvergewisserung
gehört, sich die Frage zu stellen, warum man wünscht,
ein mitgeteiltes Wissen möge das endlich allgemeingültige
Wissen - und darüber hinaus wahr sein. Daß
die Argumentation im Kurse gefallen ist, zeigt sich
auch darin, daß von Wahrscheinlichkeiten oder
Unwahrscheinlichkeiten im Rahmen von Hypothesenbildungen
nicht mehr die Rede ist.
Ein weitere Bemerkenswerter Faktor der Behinderung einer
sachgerechten Auseinandersetzung ist der Rückzug
aus der öffentlichen Diskussion. Angesichts der
genannten Tendenzen gibt es eine Reihe von Sachkundigen,
die sich an der öffentlichen Diskussion nicht
beteiligen. Ihre Begründungen sind vielfältig:
Die Medien stellten einer sachgerechten Diskussion nicht
den Platz zur Verfügung, der zur Argumentation
nötig wäre, denn die notwendige Auseinandersetzung
ließe sich nicht in Schlagzeilen und kurzen Meldungen
führen. Obwohl es sich gerade bei der Frage des
sexuellen Mißbrauchs von Kindern und der Erinnerungstäuschung
um ein wichtiges gesellschaftliches Problem handele,
dominiere die Dokumentation skandalträchtiger
Thesen, die im Ton der Wahrhaftigkeit verausgabt würden.
Die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sei
- durchaus dem Problem entsprechend - derart "emotional
aufgeladen", daß eine sachgerechte Auseinandersetzung
nicht stattfinden könne. Wenn es selbst in Universitäten
nicht möglich sei, wissenschaftliche Seminare
zum Thema durchzuführen, weil vorherrschende Affekte
es unmöglich machten, Probleme zum Beispiel des
Inzestes zu erörtern - wie solle die Diskussion
dann öffentlich führbar sein?
Wissenschaftler vergäben die Chance einer öffentlichen
beachtbaren Auseinandersetzung, weil sie ihre Argumente
im Jargon der jeweiligen Begrifflichkeit ihrer "Schule"
oder ihres Fachgebietes austauschten. Damit erzeuge
sich ein Schein von Kommunikation, obwohl tatsächlich
aneinander vorbeigeredet werde. Das Interesse an einer
tatsächlichen Interdisziplinarität sei ebenso
gering, wie das Interesse an der Übersetzung von
Thesen in eine auch außerhalb der einzelnen Disziplinen
nachvollziehbaren Sprache.
Interessenten richteten sich mit ihren Vorurteilen ein.
Sie behandelten Sachkundige, gerade was schwierige
Fragen psychischer Probleme angehe, zunächst prinzipiell
argwöhnisch. Sie vertäten die Chance, sich
der Gründe zu vergewissern, warum etwas schwer
begreifbar sei. Der Anspruch auf Plausibilität
und Glaubhaftigkeit könne aber in einem Bereich
nicht zufriedengestellt werden, in dem die Praxis zeige,
daß es selten das Plausible und Glaubhafte sei,
was zu den Problemen führe, wegen derer jemand
den Zugang zu dieser Praxis suche.
Bedauerliche Kunstfehler und schlechte Erfahrungen würden
verallgemeinert. Es bestehe die Neigung, ganze Berufsgruppen
und -felder zu kriminalisieren, weil einige in ihnen
Tätige den Verführungen nicht widerstünden,
die die Ausübung ihres Berufes mit sich bringe.
In der Tat werde die Diskussion über die Ethik
psychoanalytischer und psychotherapeutischer Arbeit
nur unzureichend geführt. Hier gelte es fortzuschreiten,
bevor öffentliche statements Eindrücke hinterließen,
die das Bild des "verrückten" Therapeuten
befestigten, das von Medien mit Vorliebe verausgabt
werde, weil diese es sich als Versorger des "gesunden
Menschenverstandes" nicht vorstellen könnten,
daß dieser sich für etwas anderes interessieren
könnte, als für das, was "Patienten"
und "Behandelnde" miteinander verbinde -
in welcher Form auch immer.
Mögen solche Begründungen, sich der öffentlichen Diskussion zu verweigern, auch einer gewissen Triftigkeit nicht entbehren, die Verweigerung schafft ein politisches Problem. Denn weder plakative Behauptungen noch vorsichtige Zurückhaltung sind einer Versachlichung der Diskussion zuträglich. Diese aber erscheint notwendig, beachtet man die öffentliche "Auseinandersetzung", wie sie zur Zeit in den USA geführt wird - und sich allmählich auch in Europa ausbreitet. Beiträge dazu gibt es von unterschiedlichen Seiten. Charakteristisch erscheint eine Meldung der Deutschen Presseagentur, in der folgenden Form - die kommentierten Zitate (kursiv) ergeben den vollständigen Text - vom Berliner Tagesspiegel am 23.06.1996 unter der Rubrik "Medizin & Gesundheit" dokumentiert (Nr. 15662, S. 25).
Erinnerungen - nur suggeriert? Psychologen: Traumatische Erlebnisse werden nicht "vergessen"
Wenn sich Erwachsene in psychiatrischer Behandlung plötzlich daran zu erinnern glauben, daß sie im Kindesalter sexuell mißbraucht worden sind, beruht dies nach Ansicht eines niederländischen Psychologen-Teams meißt nur auf Einbildung. "Solche Pseudo-Erinnerungen sind äußerst unzuverlässig", sagte Harald Merckelbach, Professor für Psychologie in Maastricht. Zusammen mit seinem Fachkollegen Hans Crombag hat er vor kurzem das Buch "Erfundene Erinnerungen und andere Mißverständnisse" veröffentlicht.
Schon die Einleitung der Meldung ist selbst äußerst
suggestiv. Gemeint ist nicht die Wiedergabe durch die
Redaktion des "Tagesspiegels", die mit dem
Setzen des Fragezeichens und dem Hinweis auf die Quelle
eine Meinung dokumentiert. Diese Meinung erhält
aber im Sinne des oben Ausgeführten ihr besonderes
Gewicht durch die Angabe der beruflichen Qualifikation
der Fachleute. Suggestiv ist die Einleitung des Artikels,
weil unterstellt wird, daß die Genannten wissen,
wovon sie sprechen. Sie sprechen aber von dem, was
sie wissen - und zwar aufgrund ihrer Profession. Im
einleitenden Text - und im weiteren Verlauf der Meldung
- werden vier Berufsfelder genannt. Dem unkundigen
Leser wird tendenziell suggeriert, es handele sich
dabei um dasselbe Berufsfeld. Psychologie, Psychiatrie,
Psychotherapie und Psychoanalyse aber zu unterscheiden,
wäre ein erster Schritt, um die Frage der Erinnerung
sachgerecht zu erörtern. Ein Vergleich (rein logisch
gemeint und keine Analogie in der Sache beabsichtigend)
kann vielleicht eine Ahnung davon vermitteln, warum
eine Unterscheidung wichtig ist: Was der Sozialwissenschaftler
als "abweichendes Verhalten" studiert, wird
für das Sozialamt, im Einzelfall vielleicht als
"krimineller Akt" eingestuft, zu einem Fall
für die Polizei. Der verwaltende Sozialpädagoge
sieht sich mit den Normen konfrontiert, die Abweichung
und Kriminalität definieren und muß situativ
entscheiden. Ein Familienhelfer erfährt vor Ort,
daß das angebliche Delikt eine Handlungsweise
auf der Grenze zwischen Tat und Vorspiegelung ist und
dazu dient, Aufmerksamkeit zu erregen, um für
etwas ganz anderes bestraft zu werden als das, was
der Sozialwissenschaftler als ein Beispiel "abweichenden
Verhaltens" und das Sozialamt als "kriminellen
Akt" erkennt. Die Suggestion also, "Erinnerung"
sei in "psychiatrischer Behandlung", in psychologischer
Statistik, in psychotherapeutischer Behandlung oder
in psychoanalytischer Verarbeitung identisch, behauptet
die Eindeutigkeit eines erfundenen Begriffs von "Erinnerung"
und schafft dadurch prinzipielle und andere Mißverständnisse.
Dies sind keine Spitzfindigkeiten. Im Rahmen der geführten
Diskussion sind Sinn und Bedeutung von "Erinnerung"
so wichtig, wie in der Pädagogik Sinn und Bedeutung
von "Erziehung". Das Problematische an dem
einleitenden Text der Meldung ist, daß von einem
psychologischen Erinnerungsbegriff behauptet wird,
er sei der allgemeingültige. Drei Wortbildungen
zeigen dies: "Wenn sich Erwachsene in psychiatrischer
Behandlung plötzlich daran zu erinnern glauben
..."; "Pseudo-Erinnerungen", "Erfundene
Erinnerungen". Hier wird nahegelegt, "Erinnerung"
als etwas aufzufassen, was nur dann Erinnerung ist,
wenn diese in einem unmittelbaren Habhaftwerden der
Sache selbst besteht. Hierauf wird zurückzukommen
sein. Zunächst aber kann die Frage gestellt werden:
Welche Voraussetzung werden gemacht, wenn bei der Erinnerung
zwischen dieser selbst und einem "glauben zu erinnern"
unterschieden wird? Auch die beiden anderen Wortbildungen
führen auf eine beachtenswerte Spur, auf die Frage
nämlich, ob es eine richtige oder falsche Erinnerung
gibt und wenn ja, was diese von einer wahren unterscheidet.
Denn es stellt sich sofort die Frage: In Bezug worauf
und für wen handelt es sich um eine richtige oder
falsche oder wahre Erinnerung? Und es stellt sich die
Frage, in welchem Kontext die Frage wichtig ist, ob
es sich um eine richtige oder falsche Erinnerung handelt,
wenn sich die Richtigkeit des Falschen im Hinblick
auf die Wahrheit des Erinnerten herausstellt, weil
der Erinnernde zum Beispiel gerade dann eine Wahrheit
ausspricht, wenn er lügt. Diese Wahrheit ist allerdings
nicht auf die Übereinstimmung von intellectus
et res, also von Bewußtsein und Sachverhalt zu
reduzieren, von der der fragliche Erinnerungsbegriff
der Psychologen auszugehen scheint. Bleibt nur noch
anzumerken, daß der Begriff der "Plötzlichkeit"
im Zusammenhang mit der Erinnerung im Rahmen vielfältiger
Erfahrung mit Erinnerungsvorgängen nicht weniger
mehrdeutig ist, als der der "Erinnerung"
selbst.
Nach Merckelbachs Beobachtungen kommt es in einigen Ländern Westeuropas in letzter Zeit immer häufiger vor, daß sich Patienten während einer psychiatrischen Therapie etwa unter Hypnose daran erinnern, wie sie als Kleinkind sexuell mißbraucht wurden. Merckelbach glaubt, daß ihnen dies von den Therapeuten suggeriert wird. "Viele Psychotherapeuten gehen nämlich von vornherein davon aus, daß die Behandlung nur dann erfolgreich verlaufen kann, wenn sie in der frühen Kindheit des Patienten graben", sagt er. Die Vorstellung, man könne ein traumatisches Erlebnis so vollständig verdrängen, daß man es - zumindest vorläufig - vergesse, sei jedoch nur eine "Art Volksglaube". Wissenschaftlich sei dies nie nachgewiesen worden, sagte Merckelbach. "Ganz im Gegenteil: Menschen, die in ihrer Kindheit nachweislich furchtbare Dinge erlebt haben - etwa im Konzentrationslager - können die Erinnerung daran ihr ganzes Leben lang nicht abschütteln, so gern sie das vielleicht auch tun würden."
Hier sind einige grundsätzliche Fragen nötig.
Wissenschaft "beobachtet", worauf sie ihre
Aufmerksamkeit richtet - und worauf ihre Aufmerksamkeit
gerichtet wird. Redlich also wäre zunächst
einmal die Mitteilung: In einigen Ländern Westeuropas
kommt es in letzter Zeit immer häufiger vor, daß
Wissenschaftler beobachten, daß davon Mitteilung
gemacht wird, daß sich Patienten daran erinnern,
daß ... Dieser Hinweis schließt nun umgekehrt
nicht aus, daß es möglicherweise unter Therapeuten
solche gibt, die im Rahmen "psychiatrischer Therapie"
Hypnose einsetzen und diese dazu nutzen, ihren Patienten
traumatische Erlebnisse zu suggerieren, die diese nie
hatten. Ginge man dabei davon aus, daß Therapeuten
nicht pauschal diffamiert werden sollen, so wäre
der Informationswert einer solchen Mitteilung ähnlich
der Bemerkung, daß es auch Ärzte gibt, die
bewußt oder fahrlässig aseptisch operieren,
wenn sie zur Entfernung eines Blinddarms eine Gartenschere
benutzen ... Natürlich ist es immer möglich,
funktionierende Werkzeuge am falschen Ort oder unbrauchbare
Werzeuge am richtigen Ort zu verwenden (die Leistungsfähigkeit
der Hypnose für analytische "Erinnerungsarbeit"
ist ebenso höchst umstritten wie der Einsatz von
Suggestion überhaupt, was zum Beispiel für
die Pychoanalyses bedeutet, daß Hypnose in der
Regel als vollkommen "unbrauchbares Werkzeug"
angesehen wird.) Die Behauptung, daß dies häufig
geschieht, ist der suggestive Aufbau eines Popanzes,
der anscheinend doch einer allgemeinen Diffamierung
dient. Um ihn zusätzlich zu kleiden, werden Psychotherapeuten
Behauptungen angedichtet, deren Wortwahl allein jenen
"Volksglauben" über ihre Tätigkeit
bedienen, dessen sie selbst in Bezug auf ihre Theorien
bezichtigt werden.
Der Text der Meldung beinhaltet also eine Scheinargumentation,
die von ihm zutreffend als "Glauben" benannt
wird: "Merckelbach glaubt ...". Doch da die
Kritik an "Wissenschaftsgläubigkeit"
weit hinter dem Glauben an Wissenschaftlichkeit zurücksteht,
wird die Vermeldung der Glaubenssätze Merckelbachs
Wirkung zeitigen. Sie wird zum Beispiel jene bestärken,
die immer schon wußten, daß es nicht nötig
ist, "in der frühen Kindheit eines Patienten
zu graben", damit eine "Behandlung"
"erfolgreich verlaufen kann".
Zunächst widerspricht hier die Metapher dem Gang
der "Argumentation": Denn zuvor ging es um
die Suggestion von etwas, was es nicht gab. Also würde,
in der Logik der Meldung, nicht nach etwas in der "frühen
Kindheit" gegraben, sondern geerntet, was in diese
durch den Therapeuten gesät wurde. Aber hier geht
es schon gar nicht mehr um die Frage der Suggestion,
sondern um grundsätzliche Annahmen der Psychotherapie:
Erstens verwenden die Therapeuten die falschen Werkzeuge,
zweitens benutzen sie diese richtig, um Falsches zu
erzeugen und drittens bedarf eine richtige Behandlung
des Patienten des Bodens gar nicht, in den die Therapeuten
Falsches einpflanzen. Und vor allem gehen die Therapeuten
bei ihrer Verfahrensweise von "wissenschaftlich"
unerwiesenen Annahmen aus. Darauf wird zurückzukommen
sein. Abgesehen von der Prüfung der Triftigkeit
solcher Behauptung: Welche Aussagekraft hätte
sie, gesetzt, sie wäre triftig? Welcher Begriff
von Wissen liegt hier überhaupt zu Grunde? Würde
es die Fähigkeit einer Praxis schmälern,
wenn sie nicht mit dem Wissen einer bestimmten Wissenschaft
arbeitete (dem der Psychologie zum Beispiel), sondern
mit einem praxisgerechten Gebrauchswissen und darüberhinaus
dem Wissen, das sie aufgrund praktischer Erfahrung
selbst schafft? Ein Beispiel aus einem ganz anderen
Bereich mag einen Hinweis geben - auch wenn manche
sagen werden: aha, wußten wir es doch ...: Ein
guter Koch muß nicht wissen, daß Wasser
bei einer bestimmten Temperatur kocht, damit er sich
die Finger nicht verbrennt, wenn er arbeitet. Und zu
wissen, daß Wasser bei einer bestimmten Temperatur
kocht, ist keine Garantie dafür, sich nicht die
Finger zu verbrennen, wenn man aufhört zu messen
und beginnt zu kochen. Ganz abgesehen davon, daß
manche Leute zu kochen anfangen, auch wenn es kein
Feuer gibt, und das als Maßstab für ihr
Wissen nehmen.
Wer also vom "Vergessen" oder "Verdrängen"
"traumatischer Erlebnisse" spricht, der muß
sich fragen lassen, welchen Eintopf er da kocht und
als Kreation jener verkauft, die er mit dem Hinweis
auf die dauernde Erinnerung des nachweislichen Erlebens
furchtbarer Dinge offen der Scharlatanerie bezichtigt.
Allein die Frage, ob ein "traumatisches Erlebnis"
verdrängt oder vergessen wird - oder ein Erlebnis
durch Verdrängung zu einem Trauma - eröffnet
hier einen ganz anderen Horizont. Denn die Frage, was
ein Erlebnis zu einem traumatischen macht, wird vollständig
hinter der Behauptung vergessen, daß man wisse,
was das ist, ein Trauma. Ganz abgesehen von der Frage
nach dem "man", das angeblich verdrängt
oder vergißt, was "man" eben so dahersagt,
unterstellend, es sei dasselbe. Daß Menschen
ihr ganzens Leben lang Erinnerungen an furchtbare Dinge
nicht "abschütteln" können - zeigt
sich hier (vorausgesetzt, Herr Merckelbach hat alle
diese Sätze der Meldung wirklich gesagt), was
er unter Behandlungserfolg versteht? Der Text gibt
darüber keine Auskunft und es steht nicht zu hoffen.
"Verdrängen" aber und "vergessen"
und "abschütteln" in einem Atemzug genannt
zu finden, kräftigt diese Hoffnung nicht.
Merckelbach kritisiert, daß viele Psychoanalytiker völlig überholte Vorstellungen vom Funktionieren des Gehirns hätten: "Sie gehen immer noch davon aus, daß das Gehirn wie eine unbestechliche Filmkamera alles speichert und dann ohne Fehler reproduziert. Aber das stimmt nicht. Das Gehirn rekonstruiert in hohem Maße, und dabei schleichen sich Fehler ein."
Hier wird Herr Merckelbach aufgefordert, Namen zu nennen und das "immer noch" zu erklären. Selbst im Rahmen seiner psychologischen Profession müßte Herr Merckelbach wissen, daß seine Behauptung äußerst fragwürdig ist. Er soll sie beweisen. Und es sei ihm anheimgestellt, ob wissenschaftlich oder anders. Bis er diesen Beweis angetreten hat, "daß viele Psychoanalytiker völlig überholte Vorstellungen vom Funktionieren des Gehirns hätten", muß er sich die Behauptung gefallen lassen, daß er es sich wünscht, daß Psychoanalytiker sie haben und sich fragen lassen, warum er sich das wünscht. Zumindest im Rahmen einer öffentlichen, über dpa verbreiteten Meldung betreibt er bis dahin das Ausstreuens eines Gerüchts, wenn nicht einer bewußten Täuschung.
Unter Hypnose oder unter dem Einfluß eines Therapeuten sei ein Mensch außerdem stark manipulierbar. So könnten in seinem Kopf realistisch erscheinende Bilder etwa von der Vergewaltigung durch den Vater auftauchen, die in Wahrheit der Phantasie entsprungen seien.
Ende der Meldung. Zugleich die Verausgabung von Banalitäten,
die ihre Vermeldungswürdigkeit nur aus dem Kontext
beziehen können, also die Unwissenschaftlichkeit
von Therapien belegen sollen: Therapeuten huldigen
in dieser Perspektive nicht nur dem Volksglauben -
sie sind auch Manipulateure. Was sonst als "Manipulation",
also interessegeleitete Beeinflussung, ist Hypnose?
Wie bereits festgestellt, gibt es gute Gründe,
warum dieses Mittel im Rahmen der Erinnerungsarbeit
von den wenigsten Psychoanalytikern eingesetzt wird,
und auch von diesen nicht als Standardmittel. Die Verbindung
von "Einfluß" und "Hypnose"
aber suggeriert, daß jeder therapeutische Einfluß
gleichsam hypnotischen Charakter habe. Wozu eine Therapie,
wenn der Therapeut nicht in irgendeiner Weise Einfluß
auf die Ausrichtung der Kur nimmt? Entscheidend ist
aber der letzte Satz der Meldung: Denn er wirft die
Frage auf, welcher und wessen Phantasie die realistisch
erscheinenden Bilder einer Vergewaltigung entspringen.
Das Problem ist, und dies wird ein entscheidender Ansatz
für die weiter zu führende Diskussion sein,
daß sich Herr Merckelbach in seinen kühnsten
Phantasien nicht vorstellen kann, wie sich der Prozeß
der Erinnerung in einer analytischen Situation abspielt
und welchen Sinn und welche Bedeutung Phantasien in
diesem Prozeß haben. Deshalb soll der die Diskussion
eröffnende Kommentar der vorstehenden Meldung
auch mit einer Provokation enden. Für die Erinnerungsarbeit
in der Psychoanalyse - um nur von ihr zu sprechen -
spielt es zunächst keine Rolle, ob das Erinnerte
oder Phantasierte "real" stattgefunden hat
oder nicht. (Dieses zunächst wird zu erklären
sein.) Wichtig ist, daß die Phantasien und wie
die Phantasien zur Sprache gebracht werden, weil sie
auf die Spuren unbewußter Wünsche dessen
führen, der spricht. Suggestion fände erst
in dem Augenblick statt, in dem der Analytiker dem
"Patienten" einzureden versuchte, seine Erinnerung
sei dasselbe wie das erinnerte Erlebnis. Die Aufgabe
des Analytikers ist es vielmehr, zu analysieren: Warum
glaubt der oder die sich Erinnernde, in der Kindheit
habe ein sexueller Mißbrauch stattgefunden? Warum
glaubt sie oder er zu wissen, der Analytiker wolle
genau das wissen? Und warum glaubt alle Welt, Analytiker
wollen überhaupt etwas wissen, obwohl sie doch
angeblich schon alles wissen, und dieses Wissen nach
Gutdünken in die "Köpfe" ihrer
Patienten einpflanzen? Warum haben nach Ansicht Herrn
Merckelbachs gerade Psychotherapeuten und Psychoanalytiker
ein solch großes Interesse daran, aller Welt
zu suggerieren, daß die "Vergewaltigung
durch den Vater" "immer häufiger"
stattgefunden hat? Und wer genießt die Vorstellung,
daß das so ist?
Soweit hat die öffentliche Diskussion vielleicht
recht: Es ist zu lange gezögert worden, die Erinnerungsarbeit
und ihre Bedeutung in Therapie und Analyse zur Sprache
zu bringen. Vielleicht hat auch das die Phantasie begünstigt,
Psychotherapeuten und Psychoanalytiker lauerten nur
darauf, ein Inzesterlebnis "auszugraben"
und ihren "Patienten" zu bedeuten, "geh
hin und zeige ihn (oder sie) an, stelle deine Eltern
öffentlich an den Pranger." Es sollte aber
nachdenklich stimmen, daß das Interesse daran,
dort etwas zu sehen, wo es nicht war, aber gewesen
sein muß, vor allem diejenigen umtreibt, die
nicht analysieren, sondern phantasieren - angesichts
welcher Meldung auch immer.