Text-Nummer: 0059

Schaltung am: 26.06.1996
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft; Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 24704
Verfasser(in): Robert Krokowski
Geschrieben am: 24.06.1996
Kürzel:
Originaltitel: Sexueller Mißbrauch von Kindern
- Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion
über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit
Copyright: Robert Krokowski
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Diskussion/Leserbriefe:

Robert Krokowski

Sexueller Mißbrauch von Kindern - Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion über psychoanalytische und psychotherapeutische Erinnerungsarbeit

1. Teil: Bedingungen und ein Beispiel für die gegenwärtige Diskussion

Eine Versachlichung der gegenwärtigen Diskussion tut not. Sie ist nicht einfach. Denn eine sachliche Erörterung des Problems der Suggestion von Erinnerungen - nicht nur, was die Frage des sexuellen Mißbrauchs von Kindern angeht - wird paradoxer Weise durch Faktoren behindert, die der Öffentlichkeit nicht selten als Garanten der Sachlichkeit gelten. Bei diesen Faktoren - dies ist keine Behauptung, sondern eine Hypothese zum Problem - scheint es sich sich unter anderem um die folgenden zu handeln und die Behinderung der sachlichen Diskussion scheint durch ihre Kombination zu erfolgen:

Eine gewisse Hörigkeit der Öffentlichkeit ist nicht zu übersehen, was Verlautbarungen von Fachleuten angeht. Je eindrucksvoller der akademische Titel dessen ist, der ein statement zur Frage der Suggestion von Erinnerungen an sexuellen Kindesmißbrauch in psychoanalytischer oder therapeutischer Arbeit abgibt, desto größer ist die Bereitschaft, der Aussage wissenschaftliche Wahrheit oder Geltung zuzusprechen.
Bemerkenswert ist die Neigung von Wissenschaftlern, Schlagzeilen zu produzieren. Es ist auffallend, daß die öffentliche Diskussion mit Behauptungen bedient wird, die als bewiesen ausgegeben werden. Gerade was Fragen der psychoanalytischen und psychotherapeutischen Arbeit angeht, ist die Kunst der Argumentation im Kurse gefallen. Apodiktik beherrscht die Szene, obwohl der Gestus ein assertorischer ist. ("Apodiktisch" werden Urteile und Beweise genannt, die als unumstößlich gelten, weil sie logisch notwendig oder unmittelbar gewiß sind; "assertorisch" werden solche Urteile genannt, in denen ohne jeden Zusatz etwas als wahr behauptet oder geleugnet wird.)
Es besteht die Bereitschaft von Massenmedien, die genannten Formen öffentlicher Hörigkeit ebenso zu bedienen, wie die genannte wissenschaftliche Neigung zu dokumentieren. Die Form, die diese Bereitschaft annimmt, ist die "Meldung". Zur Meldung aber eignen sich besonders statements oder Verlautbarungen, deren Behauptungen durch die Berufsbezeichnug dessen, der sie macht, in ihrem angeblichen Wahrheitsgrad "geadelt" werden.
Hinzuweisen ist auf den im Vorurteil enthaltenen Wunsch des "gesunden Menschenverstands", durch "wissenschaftlich abgesicherte" Urteile die Wahrheit des Vorurteils als "vernünftig" erwiesen zu sehen. Gerade solche Urteile werden mit Vorliebe geglaubt, die die eigene Meinung bestätigen. Wird die Meinung durch Urteile von Wissenschaftlern und Fachleuten als "vernünftig" beurkundet, so gilt sie als bewiesen. Die wissenschaftlich "bewiesene" Erkenntnis wird dann zu einem Streitmittel, das in Auseinandersetzungen den Schein von Argumentation erzeugt. ("Ich kann mich nicht irren, weil sich die Wissenschaft nicht irren kann ...")
Ein wichtiger Faktor bei der öffentlichen Meinungsbildung über Fragen psychoanalytischer und psychotherapeutischer Praxis ist der Anspruch des Ichs, Herr im eigenen Hause zu sein. Er hat mannigfaltige Auswirkungen. Im Rahmen der Diskussion über sexuellen Kindesmißbrauch hat dieser Anspruch keinen geringen Anteil an der Filterung von gemachten Behauptungen. Die Aufmerksamkeit wendet sich gerade solchen Aussagen zu, die dem Leser ein Recht darauf zubilligen, Herr im eigenen Hause zu sein. Wissenschaftliche statements, die den Vorrang des Bewußtseins über das Unbewußte, das dem Bewußtsein gegenüber Fremde als Notwendigkeit behaupten, werden zur Kenntnis genommen. Hinweise auf Bedingtheiten des Bewußtseins und des Ichs, auf unbewußte Einflüsse, werden abgewehrt.
Der generelle Wunsch, kurze, glatte und bequeme Wahrheiten zu erfahren und zu übermitteln, macht sich immer wieder geltend. Gerade im Bereich der Psychoanalyse und der Psychotherapie besteht unleugbar eine Unübersichtlichkeit von Positionen und Praktiken, die die eindeutige Sicht behindert. Jede Verlautbarung, die hier ein Schlaglicht auf das angebliche Dunkel wirft, erspart die Vergewisserung der eigenen Mündigkeit. Bestehende "Unübersichtlichkeit" heißt aber zunächst nur, daß es keine einfache Sicht der Zusammenhänge gibt. Daß jenen, die sie wünschen, von berufener und unberufener Seite "Lichter aufgesteckt werden", ändert nichts an den in der Sache begründeten Unsichtbarkeiten. In der gegenwärtigen Situation erzeugen statements den Schein, Erkenntnisprobleme seien dadurch zu beseitigen, daß endlich einer die Wahrheit sagt. Die Verantwortung jener, die Meinungen bilden und öffentliche Diskussionen prägen, liegt aber darin, den Wunsch nach Gewißheit ernst zu nehmen, ohne ein als Gewißheit verausgabtes Wissen mit der Wahrheit zu verwechseln. Zur Selbstvergewisserung gehört, sich die Frage zu stellen, warum man wünscht, ein mitgeteiltes Wissen möge das endlich allgemeingültige Wissen - und darüber hinaus wahr sein. Daß die Argumentation im Kurse gefallen ist, zeigt sich auch darin, daß von Wahrscheinlichkeiten oder Unwahrscheinlichkeiten im Rahmen von Hypothesenbildungen nicht mehr die Rede ist.

Ein weitere Bemerkenswerter Faktor der Behinderung einer sachgerechten Auseinandersetzung ist der Rückzug aus der öffentlichen Diskussion. Angesichts der genannten Tendenzen gibt es eine Reihe von Sachkundigen, die sich an der öffentlichen Diskussion nicht beteiligen. Ihre Begründungen sind vielfältig:
Die Medien stellten einer sachgerechten Diskussion nicht den Platz zur Verfügung, der zur Argumentation nötig wäre, denn die notwendige Auseinandersetzung ließe sich nicht in Schlagzeilen und kurzen Meldungen führen. Obwohl es sich gerade bei der Frage des sexuellen Mißbrauchs von Kindern und der Erinnerungstäuschung um ein wichtiges gesellschaftliches Problem handele, dominiere die Dokumentation skandalträchtiger Thesen, die im Ton der Wahrhaftigkeit verausgabt würden.
Die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sei - durchaus dem Problem entsprechend - derart "emotional aufgeladen", daß eine sachgerechte Auseinandersetzung nicht stattfinden könne. Wenn es selbst in Universitäten nicht möglich sei, wissenschaftliche Seminare zum Thema durchzuführen, weil vorherrschende Affekte es unmöglich machten, Probleme zum Beispiel des Inzestes zu erörtern - wie solle die Diskussion dann öffentlich führbar sein?
Wissenschaftler vergäben die Chance einer öffentlichen beachtbaren Auseinandersetzung, weil sie ihre Argumente im Jargon der jeweiligen Begrifflichkeit ihrer "Schule" oder ihres Fachgebietes austauschten. Damit erzeuge sich ein Schein von Kommunikation, obwohl tatsächlich aneinander vorbeigeredet werde. Das Interesse an einer tatsächlichen Interdisziplinarität sei ebenso gering, wie das Interesse an der Übersetzung von Thesen in eine auch außerhalb der einzelnen Disziplinen nachvollziehbaren Sprache.
Interessenten richteten sich mit ihren Vorurteilen ein. Sie behandelten Sachkundige, gerade was schwierige Fragen psychischer Probleme angehe, zunächst prinzipiell argwöhnisch. Sie vertäten die Chance, sich der Gründe zu vergewissern, warum etwas schwer begreifbar sei. Der Anspruch auf Plausibilität und Glaubhaftigkeit könne aber in einem Bereich nicht zufriedengestellt werden, in dem die Praxis zeige, daß es selten das Plausible und Glaubhafte sei, was zu den Problemen führe, wegen derer jemand den Zugang zu dieser Praxis suche.
Bedauerliche Kunstfehler und schlechte Erfahrungen würden verallgemeinert. Es bestehe die Neigung, ganze Berufsgruppen und -felder zu kriminalisieren, weil einige in ihnen Tätige den Verführungen nicht widerstünden, die die Ausübung ihres Berufes mit sich bringe. In der Tat werde die Diskussion über die Ethik psychoanalytischer und psychotherapeutischer Arbeit nur unzureichend geführt. Hier gelte es fortzuschreiten, bevor öffentliche statements Eindrücke hinterließen, die das Bild des "verrückten" Therapeuten befestigten, das von Medien mit Vorliebe verausgabt werde, weil diese es sich als Versorger des "gesunden Menschenverstandes" nicht vorstellen könnten, daß dieser sich für etwas anderes interessieren könnte, als für das, was "Patienten" und "Behandelnde" miteinander verbinde - in welcher Form auch immer.

Mögen solche Begründungen, sich der öffentlichen Diskussion zu verweigern, auch einer gewissen Triftigkeit nicht entbehren, die Verweigerung schafft ein politisches Problem. Denn weder plakative Behauptungen noch vorsichtige Zurückhaltung sind einer Versachlichung der Diskussion zuträglich. Diese aber erscheint notwendig, beachtet man die öffentliche "Auseinandersetzung", wie sie zur Zeit in den USA geführt wird - und sich allmählich auch in Europa ausbreitet. Beiträge dazu gibt es von unterschiedlichen Seiten. Charakteristisch erscheint eine Meldung der Deutschen Presseagentur, in der folgenden Form - die kommentierten Zitate (kursiv) ergeben den vollständigen Text - vom Berliner Tagesspiegel am 23.06.1996 unter der Rubrik "Medizin & Gesundheit" dokumentiert (Nr. 15662, S. 25).

Erinnerungen - nur suggeriert? Psychologen: Traumatische Erlebnisse werden nicht "vergessen"

Wenn sich Erwachsene in psychiatrischer Behandlung plötzlich daran zu erinnern glauben, daß sie im Kindesalter sexuell mißbraucht worden sind, beruht dies nach Ansicht eines niederländischen Psychologen-Teams meißt nur auf Einbildung. "Solche Pseudo-Erinnerungen sind äußerst unzuverlässig", sagte Harald Merckelbach, Professor für Psychologie in Maastricht. Zusammen mit seinem Fachkollegen Hans Crombag hat er vor kurzem das Buch "Erfundene Erinnerungen und andere Mißverständnisse" veröffentlicht.

Schon die Einleitung der Meldung ist selbst äußerst suggestiv. Gemeint ist nicht die Wiedergabe durch die Redaktion des "Tagesspiegels", die mit dem Setzen des Fragezeichens und dem Hinweis auf die Quelle eine Meinung dokumentiert. Diese Meinung erhält aber im Sinne des oben Ausgeführten ihr besonderes Gewicht durch die Angabe der beruflichen Qualifikation der Fachleute. Suggestiv ist die Einleitung des Artikels, weil unterstellt wird, daß die Genannten wissen, wovon sie sprechen. Sie sprechen aber von dem, was sie wissen - und zwar aufgrund ihrer Profession. Im einleitenden Text - und im weiteren Verlauf der Meldung - werden vier Berufsfelder genannt. Dem unkundigen Leser wird tendenziell suggeriert, es handele sich dabei um dasselbe Berufsfeld. Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse aber zu unterscheiden, wäre ein erster Schritt, um die Frage der Erinnerung sachgerecht zu erörtern. Ein Vergleich (rein logisch gemeint und keine Analogie in der Sache beabsichtigend) kann vielleicht eine Ahnung davon vermitteln, warum eine Unterscheidung wichtig ist: Was der Sozialwissenschaftler als "abweichendes Verhalten" studiert, wird für das Sozialamt, im Einzelfall vielleicht als "krimineller Akt" eingestuft, zu einem Fall für die Polizei. Der verwaltende Sozialpädagoge sieht sich mit den Normen konfrontiert, die Abweichung und Kriminalität definieren und muß situativ entscheiden. Ein Familienhelfer erfährt vor Ort, daß das angebliche Delikt eine Handlungsweise auf der Grenze zwischen Tat und Vorspiegelung ist und dazu dient, Aufmerksamkeit zu erregen, um für etwas ganz anderes bestraft zu werden als das, was der Sozialwissenschaftler als ein Beispiel "abweichenden Verhaltens" und das Sozialamt als "kriminellen Akt" erkennt. Die Suggestion also, "Erinnerung" sei in "psychiatrischer Behandlung", in psychologischer Statistik, in psychotherapeutischer Behandlung oder in psychoanalytischer Verarbeitung identisch, behauptet die Eindeutigkeit eines erfundenen Begriffs von "Erinnerung" und schafft dadurch prinzipielle und andere Mißverständnisse.
Dies sind keine Spitzfindigkeiten. Im Rahmen der geführten Diskussion sind Sinn und Bedeutung von "Erinnerung" so wichtig, wie in der Pädagogik Sinn und Bedeutung von "Erziehung". Das Problematische an dem einleitenden Text der Meldung ist, daß von einem psychologischen Erinnerungsbegriff behauptet wird, er sei der allgemeingültige. Drei Wortbildungen zeigen dies: "Wenn sich Erwachsene in psychiatrischer Behandlung plötzlich daran zu erinnern glauben ..."; "Pseudo-Erinnerungen", "Erfundene Erinnerungen". Hier wird nahegelegt, "Erinnerung" als etwas aufzufassen, was nur dann Erinnerung ist, wenn diese in einem unmittelbaren Habhaftwerden der Sache selbst besteht. Hierauf wird zurückzukommen sein. Zunächst aber kann die Frage gestellt werden: Welche Voraussetzung werden gemacht, wenn bei der Erinnerung zwischen dieser selbst und einem "glauben zu erinnern" unterschieden wird? Auch die beiden anderen Wortbildungen führen auf eine beachtenswerte Spur, auf die Frage nämlich, ob es eine richtige oder falsche Erinnerung gibt und wenn ja, was diese von einer wahren unterscheidet. Denn es stellt sich sofort die Frage: In Bezug worauf und für wen handelt es sich um eine richtige oder falsche oder wahre Erinnerung? Und es stellt sich die Frage, in welchem Kontext die Frage wichtig ist, ob es sich um eine richtige oder falsche Erinnerung handelt, wenn sich die Richtigkeit des Falschen im Hinblick auf die Wahrheit des Erinnerten herausstellt, weil der Erinnernde zum Beispiel gerade dann eine Wahrheit ausspricht, wenn er lügt. Diese Wahrheit ist allerdings nicht auf die Übereinstimmung von intellectus et res, also von Bewußtsein und Sachverhalt zu reduzieren, von der der fragliche Erinnerungsbegriff der Psychologen auszugehen scheint. Bleibt nur noch anzumerken, daß der Begriff der "Plötzlichkeit" im Zusammenhang mit der Erinnerung im Rahmen vielfältiger Erfahrung mit Erinnerungsvorgängen nicht weniger mehrdeutig ist, als der der "Erinnerung" selbst.

Nach Merckelbachs Beobachtungen kommt es in einigen Ländern Westeuropas in letzter Zeit immer häufiger vor, daß sich Patienten während einer psychiatrischen Therapie etwa unter Hypnose daran erinnern, wie sie als Kleinkind sexuell mißbraucht wurden. Merckelbach glaubt, daß ihnen dies von den Therapeuten suggeriert wird. "Viele Psychotherapeuten gehen nämlich von vornherein davon aus, daß die Behandlung nur dann erfolgreich verlaufen kann, wenn sie in der frühen Kindheit des Patienten graben", sagt er. Die Vorstellung, man könne ein traumatisches Erlebnis so vollständig verdrängen, daß man es - zumindest vorläufig - vergesse, sei jedoch nur eine "Art Volksglaube". Wissenschaftlich sei dies nie nachgewiesen worden, sagte Merckelbach. "Ganz im Gegenteil: Menschen, die in ihrer Kindheit nachweislich furchtbare Dinge erlebt haben - etwa im Konzentrationslager - können die Erinnerung daran ihr ganzes Leben lang nicht abschütteln, so gern sie das vielleicht auch tun würden."

Hier sind einige grundsätzliche Fragen nötig. Wissenschaft "beobachtet", worauf sie ihre Aufmerksamkeit richtet - und worauf ihre Aufmerksamkeit gerichtet wird. Redlich also wäre zunächst einmal die Mitteilung: In einigen Ländern Westeuropas kommt es in letzter Zeit immer häufiger vor, daß Wissenschaftler beobachten, daß davon Mitteilung gemacht wird, daß sich Patienten daran erinnern, daß ... Dieser Hinweis schließt nun umgekehrt nicht aus, daß es möglicherweise unter Therapeuten solche gibt, die im Rahmen "psychiatrischer Therapie" Hypnose einsetzen und diese dazu nutzen, ihren Patienten traumatische Erlebnisse zu suggerieren, die diese nie hatten. Ginge man dabei davon aus, daß Therapeuten nicht pauschal diffamiert werden sollen, so wäre der Informationswert einer solchen Mitteilung ähnlich der Bemerkung, daß es auch Ärzte gibt, die bewußt oder fahrlässig aseptisch operieren, wenn sie zur Entfernung eines Blinddarms eine Gartenschere benutzen ... Natürlich ist es immer möglich, funktionierende Werkzeuge am falschen Ort oder unbrauchbare Werzeuge am richtigen Ort zu verwenden (die Leistungsfähigkeit der Hypnose für analytische "Erinnerungsarbeit" ist ebenso höchst umstritten wie der Einsatz von Suggestion überhaupt, was zum Beispiel für die Pychoanalyses bedeutet, daß Hypnose in der Regel als vollkommen "unbrauchbares Werkzeug" angesehen wird.) Die Behauptung, daß dies häufig geschieht, ist der suggestive Aufbau eines Popanzes, der anscheinend doch einer allgemeinen Diffamierung dient. Um ihn zusätzlich zu kleiden, werden Psychotherapeuten Behauptungen angedichtet, deren Wortwahl allein jenen "Volksglauben" über ihre Tätigkeit bedienen, dessen sie selbst in Bezug auf ihre Theorien bezichtigt werden.
Der Text der Meldung beinhaltet also eine Scheinargumentation, die von ihm zutreffend als "Glauben" benannt wird: "Merckelbach glaubt ...". Doch da die Kritik an "Wissenschaftsgläubigkeit" weit hinter dem Glauben an Wissenschaftlichkeit zurücksteht, wird die Vermeldung der Glaubenssätze Merckelbachs Wirkung zeitigen. Sie wird zum Beispiel jene bestärken, die immer schon wußten, daß es nicht nötig ist, "in der frühen Kindheit eines Patienten zu graben", damit eine "Behandlung" "erfolgreich verlaufen kann".
Zunächst widerspricht hier die Metapher dem Gang der "Argumentation": Denn zuvor ging es um die Suggestion von etwas, was es nicht gab. Also würde, in der Logik der Meldung, nicht nach etwas in der "frühen Kindheit" gegraben, sondern geerntet, was in diese durch den Therapeuten gesät wurde. Aber hier geht es schon gar nicht mehr um die Frage der Suggestion, sondern um grundsätzliche Annahmen der Psychotherapie: Erstens verwenden die Therapeuten die falschen Werkzeuge, zweitens benutzen sie diese richtig, um Falsches zu erzeugen und drittens bedarf eine richtige Behandlung des Patienten des Bodens gar nicht, in den die Therapeuten Falsches einpflanzen. Und vor allem gehen die Therapeuten bei ihrer Verfahrensweise von "wissenschaftlich" unerwiesenen Annahmen aus. Darauf wird zurückzukommen sein. Abgesehen von der Prüfung der Triftigkeit solcher Behauptung: Welche Aussagekraft hätte sie, gesetzt, sie wäre triftig? Welcher Begriff von Wissen liegt hier überhaupt zu Grunde? Würde es die Fähigkeit einer Praxis schmälern, wenn sie nicht mit dem Wissen einer bestimmten Wissenschaft arbeitete (dem der Psychologie zum Beispiel), sondern mit einem praxisgerechten Gebrauchswissen und darüberhinaus dem Wissen, das sie aufgrund praktischer Erfahrung selbst schafft? Ein Beispiel aus einem ganz anderen Bereich mag einen Hinweis geben - auch wenn manche sagen werden: aha, wußten wir es doch ...: Ein guter Koch muß nicht wissen, daß Wasser bei einer bestimmten Temperatur kocht, damit er sich die Finger nicht verbrennt, wenn er arbeitet. Und zu wissen, daß Wasser bei einer bestimmten Temperatur kocht, ist keine Garantie dafür, sich nicht die Finger zu verbrennen, wenn man aufhört zu messen und beginnt zu kochen. Ganz abgesehen davon, daß manche Leute zu kochen anfangen, auch wenn es kein Feuer gibt, und das als Maßstab für ihr Wissen nehmen.
Wer also vom "Vergessen" oder "Verdrängen" "traumatischer Erlebnisse" spricht, der muß sich fragen lassen, welchen Eintopf er da kocht und als Kreation jener verkauft, die er mit dem Hinweis auf die dauernde Erinnerung des nachweislichen Erlebens furchtbarer Dinge offen der Scharlatanerie bezichtigt.
Allein die Frage, ob ein "traumatisches Erlebnis" verdrängt oder vergessen wird - oder ein Erlebnis durch Verdrängung zu einem Trauma - eröffnet hier einen ganz anderen Horizont. Denn die Frage, was ein Erlebnis zu einem traumatischen macht, wird vollständig hinter der Behauptung vergessen, daß man wisse, was das ist, ein Trauma. Ganz abgesehen von der Frage nach dem "man", das angeblich verdrängt oder vergißt, was "man" eben so dahersagt, unterstellend, es sei dasselbe. Daß Menschen ihr ganzens Leben lang Erinnerungen an furchtbare Dinge nicht "abschütteln" können - zeigt sich hier (vorausgesetzt, Herr Merckelbach hat alle diese Sätze der Meldung wirklich gesagt), was er unter Behandlungserfolg versteht? Der Text gibt darüber keine Auskunft und es steht nicht zu hoffen. "Verdrängen" aber und "vergessen" und "abschütteln" in einem Atemzug genannt zu finden, kräftigt diese Hoffnung nicht.

Merckelbach kritisiert, daß viele Psychoanalytiker völlig überholte Vorstellungen vom Funktionieren des Gehirns hätten: "Sie gehen immer noch davon aus, daß das Gehirn wie eine unbestechliche Filmkamera alles speichert und dann ohne Fehler reproduziert. Aber das stimmt nicht. Das Gehirn rekonstruiert in hohem Maße, und dabei schleichen sich Fehler ein."

Hier wird Herr Merckelbach aufgefordert, Namen zu nennen und das "immer noch" zu erklären. Selbst im Rahmen seiner psychologischen Profession müßte Herr Merckelbach wissen, daß seine Behauptung äußerst fragwürdig ist. Er soll sie beweisen. Und es sei ihm anheimgestellt, ob wissenschaftlich oder anders. Bis er diesen Beweis angetreten hat, "daß viele Psychoanalytiker völlig überholte Vorstellungen vom Funktionieren des Gehirns hätten", muß er sich die Behauptung gefallen lassen, daß er es sich wünscht, daß Psychoanalytiker sie haben und sich fragen lassen, warum er sich das wünscht. Zumindest im Rahmen einer öffentlichen, über dpa verbreiteten Meldung betreibt er bis dahin das Ausstreuens eines Gerüchts, wenn nicht einer bewußten Täuschung.

Unter Hypnose oder unter dem Einfluß eines Therapeuten sei ein Mensch außerdem stark manipulierbar. So könnten in seinem Kopf realistisch erscheinende Bilder etwa von der Vergewaltigung durch den Vater auftauchen, die in Wahrheit der Phantasie entsprungen seien.

Ende der Meldung. Zugleich die Verausgabung von Banalitäten, die ihre Vermeldungswürdigkeit nur aus dem Kontext beziehen können, also die Unwissenschaftlichkeit von Therapien belegen sollen: Therapeuten huldigen in dieser Perspektive nicht nur dem Volksglauben - sie sind auch Manipulateure. Was sonst als "Manipulation", also interessegeleitete Beeinflussung, ist Hypnose? Wie bereits festgestellt, gibt es gute Gründe, warum dieses Mittel im Rahmen der Erinnerungsarbeit von den wenigsten Psychoanalytikern eingesetzt wird, und auch von diesen nicht als Standardmittel. Die Verbindung von "Einfluß" und "Hypnose" aber suggeriert, daß jeder therapeutische Einfluß gleichsam hypnotischen Charakter habe. Wozu eine Therapie, wenn der Therapeut nicht in irgendeiner Weise Einfluß auf die Ausrichtung der Kur nimmt? Entscheidend ist aber der letzte Satz der Meldung: Denn er wirft die Frage auf, welcher und wessen Phantasie die realistisch erscheinenden Bilder einer Vergewaltigung entspringen. Das Problem ist, und dies wird ein entscheidender Ansatz für die weiter zu führende Diskussion sein, daß sich Herr Merckelbach in seinen kühnsten Phantasien nicht vorstellen kann, wie sich der Prozeß der Erinnerung in einer analytischen Situation abspielt und welchen Sinn und welche Bedeutung Phantasien in diesem Prozeß haben. Deshalb soll der die Diskussion eröffnende Kommentar der vorstehenden Meldung auch mit einer Provokation enden. Für die Erinnerungsarbeit in der Psychoanalyse - um nur von ihr zu sprechen - spielt es zunächst keine Rolle, ob das Erinnerte oder Phantasierte "real" stattgefunden hat oder nicht. (Dieses zunächst wird zu erklären sein.) Wichtig ist, daß die Phantasien und wie die Phantasien zur Sprache gebracht werden, weil sie auf die Spuren unbewußter Wünsche dessen führen, der spricht. Suggestion fände erst in dem Augenblick statt, in dem der Analytiker dem "Patienten" einzureden versuchte, seine Erinnerung sei dasselbe wie das erinnerte Erlebnis. Die Aufgabe des Analytikers ist es vielmehr, zu analysieren: Warum glaubt der oder die sich Erinnernde, in der Kindheit habe ein sexueller Mißbrauch stattgefunden? Warum glaubt sie oder er zu wissen, der Analytiker wolle genau das wissen? Und warum glaubt alle Welt, Analytiker wollen überhaupt etwas wissen, obwohl sie doch angeblich schon alles wissen, und dieses Wissen nach Gutdünken in die "Köpfe" ihrer Patienten einpflanzen? Warum haben nach Ansicht Herrn Merckelbachs gerade Psychotherapeuten und Psychoanalytiker ein solch großes Interesse daran, aller Welt zu suggerieren, daß die "Vergewaltigung durch den Vater" "immer häufiger" stattgefunden hat? Und wer genießt die Vorstellung, daß das so ist?
Soweit hat die öffentliche Diskussion vielleicht recht: Es ist zu lange gezögert worden, die Erinnerungsarbeit und ihre Bedeutung in Therapie und Analyse zur Sprache zu bringen. Vielleicht hat auch das die Phantasie begünstigt, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker lauerten nur darauf, ein Inzesterlebnis "auszugraben" und ihren "Patienten" zu bedeuten, "geh hin und zeige ihn (oder sie) an, stelle deine Eltern öffentlich an den Pranger." Es sollte aber nachdenklich stimmen, daß das Interesse daran, dort etwas zu sehen, wo es nicht war, aber gewesen sein muß, vor allem diejenigen umtreibt, die nicht analysieren, sondern phantasieren - angesichts welcher Meldung auch immer.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]