Text-Nummer: 0169

Schaltung am: 16.01.97
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 1983
Verfasser(in): Gerhard Büntig
Originaltitel: Hart am Wind
Copyright: Gerhard Büntig

Gerhard Büntig

Hart am Wind

Wenn Firmen und Unternehmen in Universitäten auftreten, dann kann es stürmisch werden. In der Berliner Technischen Universität wurde beim Europool '97 ein Mutterschiff des im sicheren Hafen träge vor sich hin dümpelnden Wissenschaftsbetriebs mit den Erfordernissen der hohen See konfrontiert. Die Nochlandratten unter den Studenten und Professoren rieben sich Augen und Ohren. Was ihnen von Unternehmensvertretern zum Thema "marktgerechtes Studieren" vorgetragen wurde, dürfte manchem Streit über Studienverlaufsorganisation, Studieninhalte und Riten der Ausbildung Zunder gegeben haben. Wo noch über Fachlichkeit und Richtlinienkompetenz gestritten wird, wo Studium an vermeintlichen Forderungen der Wirtschaft orientiert wird und wo das Ideal der "eierlegenden Wollmilchsau" durch die Köpfe geistert, wehte kurzzeitig ein anderer Wind. Wenn Rainer Schulze zum Beispiel, Personalreferent bei BMW, es als fehlgehende Idealisierung beschreibt, das Studenten auf eine Wirtschaft vorbereitet werden, in der sie nicht nur abgemolken oder geschoren können werden sollen, sondern auch noch alles ausbrüten können sollen, so richtet sich seine Kritik gleichzeitig an eine Idealisierung des Einzelkämpfertums, zu dem an Universitäten die bestehenden Curricula immer noch ausbilden. Es wird manchen nachdenklich gemacht haben, daß Unternehmen die Ausbildung von Studenten zu reinen Fachleuten mit Schubladenwissen ebenso kritisieren wie zu überproduktiven Generalisten. Man wird mit Spannung erwarten dürfen, wie eine Institution auf die Forderung nach kreativen, teamarbeitsorientierten "virtuosen Kontextpartisanen" reagiert, der es immer noch schwerfällt, in Teamarbeit entstandene Prüfungsarbeiten zu "bewerten" oder als Studienabschluß anzuerkennen.
Für kurze Zeit präsentierte sich die Technische Hochschule beim Europool '97 "hart am Wind". Doch nun sind die Lotsen wieder von Bord, und das heißt erneut: schrubben, pinseln und feilen - jeder für sich.


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