Gerhard Büntig
Hart am Wind
Wenn Firmen und Unternehmen in Universitäten auftreten,
dann kann es stürmisch werden. In der Berliner
Technischen Universität wurde beim Europool '97
ein Mutterschiff des im sicheren Hafen träge vor
sich hin dümpelnden Wissenschaftsbetriebs mit
den Erfordernissen der hohen See konfrontiert. Die
Nochlandratten unter den Studenten und Professoren
rieben sich Augen und Ohren. Was ihnen von Unternehmensvertretern
zum Thema "marktgerechtes Studieren" vorgetragen
wurde, dürfte manchem Streit über Studienverlaufsorganisation,
Studieninhalte und Riten der Ausbildung Zunder gegeben
haben. Wo noch über Fachlichkeit und Richtlinienkompetenz
gestritten wird, wo Studium an vermeintlichen Forderungen
der Wirtschaft orientiert wird und wo das Ideal der
"eierlegenden Wollmilchsau" durch die Köpfe
geistert, wehte kurzzeitig ein anderer Wind. Wenn Rainer
Schulze zum Beispiel, Personalreferent bei BMW, es
als fehlgehende Idealisierung beschreibt, das Studenten
auf eine Wirtschaft vorbereitet werden, in der sie
nicht nur abgemolken oder geschoren können werden
sollen, sondern auch noch alles ausbrüten können
sollen, so richtet sich seine Kritik gleichzeitig an
eine Idealisierung des Einzelkämpfertums, zu dem
an Universitäten die bestehenden Curricula immer
noch ausbilden. Es wird manchen nachdenklich gemacht
haben, daß Unternehmen die Ausbildung von Studenten
zu reinen Fachleuten mit Schubladenwissen ebenso kritisieren
wie zu überproduktiven Generalisten. Man wird
mit Spannung erwarten dürfen, wie eine Institution
auf die Forderung nach kreativen, teamarbeitsorientierten
"virtuosen Kontextpartisanen" reagiert, der
es immer noch schwerfällt, in Teamarbeit entstandene
Prüfungsarbeiten zu "bewerten" oder
als Studienabschluß anzuerkennen.
Für kurze Zeit präsentierte sich die Technische
Hochschule beim Europool '97 "hart am Wind".
Doch nun sind die Lotsen wieder von Bord, und das heißt
erneut: schrubben, pinseln und feilen - jeder für
sich.