Robin Stein
Das ficktum brutum der Kunst
"Spritzers Stift. Ficktum brutum der Kunst"
- Rolf-Hermann Gellers Collagen- und Textbuch hält,
was der Titel verspricht: Die Ausführungen und
Darstellungen in diesem Buch sind sexual-betont, sogar
bis zur Obsession, und damit auch skandalös. Sie
unterscheiden sich jedoch in einem wesentlichen Punkt
von der üblichen Berichterstattung: Sie räumen
der Authentizität den Vorrang gegenüber der
vermarktungsbezogenen Lüge ein und verzichten
auf die seichte Dramaturgie der volksnahen Kunstpädagogik.
Das macht sie zu einer schwerverdaulichen Kost für
diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, in einer
multimedialen Welt vor allem Fiktives und Virtuelles
vorgesetzt zu bekommen.
Nur jemand wie Geller - Maler, Grafiker, Designer und
perfomance-Künstler von Rang - kann es gelingen,
eine Künstlerentwicklung mit dem Blick, dem Empfinden
und den technischen Mitteln eines Künstlers in
Wort und Bild aufzuzeigen. Das Vorhaben ist gewaltig
- eigentlich nicht zu schaffen. Doch es ist gerade
die von ihm beschriebene Obsession, die ihn dieses
riesige Pensum bewältigen läßt.
Leserinnen und Lesern, Betrachterinnen und Betrachtern
wird mit diesem Buch einiges zugemutet: Vor allem aber
erhalten sie die seltene Chance, am nachträglich
dokumentierten und darstellerisch umgesetzten Werdegang
eines Künstlers teilhaben zu können. Geller
- selbst als Didaktiker im Hochschulbereich tätig
- sieht sein Werk durchaus als Alternative zur herkömmlichen
akademischen Ausbildung. Er beantwortet die Frage:
Wie wird man Künstler? nicht mit der Bemerkung:
Indem man sich bei einer Kunsthochschule bewirbt. Er
fragt: Du willst wissen, wie einer Künstler wird?
und antwortet: Dann sieh her und lies das.
"Spritzers Stift" räumt mit den Betulichkeiten
auf, die glauben, es gäbe irgendwelche rationalen
Kriterien, nach denen über den Weg eines Kreativen
zu seinem Tun befunden werden könnte. Jedem, dem
nach einer Bewerbung wiedereinmal seine Mappe zurückgegeben
wurde, sei die Ansicht und Lektüre dieses Buches
empfohlen - und auch jenen, die als wohlwollend von
der Akademie Akzeptierte sich nun für Künstler
halten. Wer sich also für das Ficktum brutum der
Kunst interessiert, für jene Züge, die einen
Künstler charakterisieren, und jenen einen Zug,
der bei allen Künstlern die ästhetische Verausgabung
bestimmt, der kommt um "Spritzers Stift"
nicht herum.
Das Buch besteht aus 150 hervorragender sw-Abbildungen
der farbigen Originalcollagen Gellers, 50 Textseiten
und der vierfarbigen Reproduktion einer jener Arbeiten,
auf die der in den Collagen dokumentierte "Ausbildungsweg"
hinausläuft. Im Preis ist ganz offenbar schon
die Vergünstigung für Auszubildende berücksichtigt:
Rolf-Hermann S.F. Geller, Spritzers Stift, Ficktum brutum
der Kunst, Edition Delta Tau Kunst / Materialis Verlag,
ISBN 3-885535-176-5, 352 Seiten, 150 sw-Abbildungen,
1 farbige Reproduktion, DM 39.90