Text-Nummer: 0182

Schaltung am: 29.04.97
Rubrik(en): Forschung und Wissenschaft
Umfang des Textes in Zeichen: 9581
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Originaltitel: Hochschulszenarien
Copyright: Hans Tennstedt

Hans Tennstedt

Hochschulszenarien

Der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer hat einen Entwurf für ein neues Hochschulrahmengesetz vorgelegt. Der Entwurf sieht vor, daß Hochschulen zukünftig als Betriebsformen öffentlichen und privaten rechts erprobt werden sollen. Das ist ein erster Ansatz für Hochschulszenarien der Interaktionsgesellschaft, mehr aber auch nicht.
Warum? Der leistungsbezogene Einsatz von Geldern, die Umstrukturierung der Verwaltung - sie werden zwar thematisiert, orientieren sich aber nach wie vor am Leistungsbegriff der Arbeitsgesellschaft und an den hierarchischen Strukturen, die sie hervorgebracht hat. Damit bleibt auch der "Geist" der von Meyer in Gesetzessprache formulierten Neuen Hochschule faustisch, im humanistischen Sinn, das heißt in der Lesart, die der Archetyp industrieller Strebsamkeit durch die akademische Bildung des 19. und 20. Jahrhunderts erfahren hat. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert gilt es aber, andere Szenarien zu entwicklen. Auch die Hochschulen werden nicht überdauern, wenn sie den radikalen Wandel von der Arbeits zur Interaktionsgesellschaft nicht mitvollziehen. In Leistungsformationen der Ausbildungsbereiche der Interaktionsgesellschaft weht ein anderer Geist.
Mancher erschrickt, wenn er die Worte hört: "Hier weht ein anderer Geist." Er wähnt sich im Bereich eines humanistischen Fleißes, der der Arbeitsmoral der Industriegesellschaft verpflichtet ist. (Nichts anders heißt industria ja zunächst: Fleiß.) Geisterbeschwörung als Sinnstiftung. "Hier weht ein anderer Wind", das sind Worte der Väter, die für ihre Nachfahren als Verkörperungen faustischen Strebens erscheinen. Deshalb beschwören sie ihren Geist, um endlich die Tische einmal zu verrücken, unter die sie die Beine immer haben stellen müssen. Allerdings nur, um dem beschworenen Geist der Väter dann die Gretchenfrage zu stellen. All dies wird auch in Meyers Vision deutlich. Wie die Väter gleichen die Nachfahren dem Geist, den sie begreifen, nicht jenem, den sie beschwören und schon gar nicht dem, den sie sich miteinhandeln, wenn sie sich ob der Sinnlosigkeit des eifrigen Bemühens und Studierens an Kulten begeistern, die schon ihre Väter für des Pudels Kern hielten.
"Geist" ist eines der Wörter, die wohl zu Recht "urdeutsch" genannt werden. Andere Wörter, wie zum Beispiel "Inspiration", erfassen zwar Aspekte dessen, worum es sich dreht, wenn "Geist" im Spiel ist, streifen seinen Sinn wohl aber doch nicht an derselben Stelle. "Begeisterung" ist im Kurse gefallen. Die Klage darüber, daß Studenten nicht mehr zu begeistern seien, hat hingegen Konjunktur. Doch woher soll Begeisterung kommen, wenn kein Geist im Spiel ist? Oder höchstens jene Schwundstufe, jene Schlacke des Geistigen, aus der als "akademischem Wissen" alles das verdampft ist, was ein Interesse entflammen könnte? Der Geist der "industria", des Fleißes der Arbeistgesellschaft, ist jene Bewegung, in der im Einklang mit dem Gewußten vorwärtsmarschiert wird, Geist auf Befehl. Das Ziel der Attacke, gleichgültig ob Produkt oder Wissen, wird erstritten, erkämpft, errungen. Solcher Teamgeist - wenn es denn eines ist - geht letztlich über Leichen. Jene, die rechts und links wegfallen, halten den anderen den Weg frei, sichern die Flanken der "gesellschaftlichen Mitte". Nur wenn sich Arbeitsteams in Leistungsformationen verwandeln, kommt eine Begeisterung zum Zuge, die es verdient "kreativ" genannt zu werden. Alles andere bleibt - Exekution des Geistes, vor dem, als Revenant, das Erschrecken wohl berechtigt ist.
Der Leistungsbegriff, den Meyers Entwurf beschwört, bleibt dem Geist einer Elitevorstellung der Arbeitsgesellschaft verpflichtet, die mit jenem Geist wenig gemein hat, der Leistungsträger in Leistungsformationen der Interaktionsgesellschaft antreibt. Die Antreiber traditioneller Hochschulausbildung bleiben für die betriebliche Umstrukturierung Konzepten einer Geschäftsprozeßoptimierung verpflichtet, die die Notwendigkeit der Virtualisierung starrer Verwaltungsstrukturen erneut durch ein "lean management" zu umgehen versucht, in dessen Rahmen Leistung als Effizienz der Arbeit aufgefaßt wird. Durch die lobbyistisch geprägte Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteilen des Kollegialprinzips traditioneller deutscher Hochschulverfassungen und des "demokratischen" Prinzips einer Gruppenuniversität wird verschleiert, daß Wissenschaft und Forschung in Formationen der Interaktionsgesellschaft grundsätzlich anderer Orientierungen und Organisationsformen bedürfen. Mit der Auflösung der Arbeitsgesellschaft hat auch das Modell der Hochschule als Industrieunternehmen ausgedient.
Eines der größten Mißverständnisse, dem die industrielle Arbeitsgesellschaft Vorschub geleistet hat, liegt in der Auffassung, der Mensch sei wesentlich ein lernfähiges Wesen. Schon die alltägliche Erfahrung müßte hier stutzen machen: Wundert man sich nicht darüber, daß "der Mensch" - trotz und nach "alledem" - tatsächlich auch ein lernfähiges Wesen ist? Auch das, was die industrielle Arbeitsgesellschaft "den Menschen" nennt, ist - ganz radikal - wesentlich Genußwesen. Was einschließt, daß es auch Menschen gibt, die das Lernen genießen. Doch dieses Ideal aufklärerischen Denkens zu universalisieren ist eine der anthropologischen Irrtümer, deren Folgen in der Schwelle zwischen industrieller Arbeitsgesellschaft und leistungsorientierter Interaktionsgesellschaft auszubaden sind. Die Folgen einer Pädagogik des "Nürnberger Trichters", in der Leistung mit Wissen und Leistungsfähigkeit mit der Fähigkeit zu seiner Akkumulation verwechselt werden, sind schwerwiegend. In wirtschaftlicher Sprache geht es um die fleißige Anhäufung eines toten Kapitals, die in Schule und Universitäten als Unternehmen betrieben wird, die Mimesis an der industriellen Produktion der Arbeitsgesellschaft üben. Die Zwangsmechanismen, unter denen Schüler aller Schulformen und Studenten aller Hochschulformen für ihren Wunsch nach Bildung mit der Vermittlung von Wissen bestraft werden, sind Abformungen der industriellen Arbeitsgesellschaft. Was die meisten in ihnen als qualvolles Verbiegen und Krümmen erleben, das ist der Haken der Arbeitsgesellschaft selbst, der Prozeß der Initiation in diese. Zwar zeigen etliche pädagogische Leistungen, daß es auch anders geht: Projektorientierte Unterrichtung in der Teilhabe an Leistungsprozessen, in denen Lernen ein Effekt ist, rückt die Teilhabe an Gebrauchswissen in einen wichtigen Brennpunkt der Aufmerksamkeit; die Übung von Interaktion in Leistungsformationen wird bisweilen nicht mit dem Hinweis darauf verhindert, daß Schüler schließlich ein "Recht auf Unterricht" hätten (was nichts anderes bedeutet, als Zeit, solange mit Wissen vollgestopft zu werden, bis sie es "gefressen" haben); Vorbereitung auf Berufspraxis wird gelegentlich nicht zu jenem oberflächlichen Breitband-Bescheidwissen verdünnt, das durch den Zwang des Hetzens von Arbeit zu Arbeit gar keine Chance hat, sich in Bildung zu verwandeln; "Leistung" wird gelegentlich nicht einzig mit Punkten bewertet, die - als verschleierte Zensuren - einen Arbeitslohn in die Schulen einführen, der sich an überkommenen Mechanismen der Akkordarbeit orientiert; kurz: Schüler werden nicht immer zu einer Arbeitsfähigkeit konditioniert, die curricular als Bedarf betrieblicher oder universitärer "Industria" festgeschrieben ist. Im wesentlichen aber bleibt die Arbeit in Schule und Universität eine Plagerei, die jene konditioniert, die in der industriellen Arbeits- und Dienstleistungsgesellschaft "Plätze" und "Stellen" finden sollen, die es fortschreitend so nicht mehr gibt.
Und bis auf die wenigen, die in der Lage sind, derartige Arbeit zu genießen, unermüdliche Platzhalter in Arbeitszusammenhängen, leiden die anderen unter diesem gesellschaftlichen Symptom, das die Leistungsfähigkeit der Interaktionsgesellschaft lähmt. Leistungsdruck ist die Erscheinungsform der Unfähigkeit in der Arbeitsgesellschaft, im Geist der Leistung etwas anderes zu erkennen, als das, was Wagner glaubt, daß Faust beseelt. Darüber hinaus geht man davon aus, daß an der Produktion von tragischen Helden der Arbeitsgesellschaft kein Weg vorbeiführt, deren Solipsismus als potentielle Kompetenz interpretiert wird, der man in Eliteuniversitäten den mephistophelischen Geist nur austreiben muß, damit sie den geläuterten Geist des strebsamen Industriellen verkörpern können.
Der sächsische Entwurf zeigt, daß es offenbar noch ein weiter Weg ist: von der industrialisierten Wissenschaft zu einer Wissenschaft in Leistungsformationen der Interaktionsgesellschaft, auch wenn deren Zukunft längst angebrochen ist.
Die Zukunft der Wissenschaft und Forschung liegt deshalb nicht in gesetzlich verankerten Rahmenbedingungen einer Abwicklung traditioneller Hochschulen, mit denen diese erneut erkennen müssen, daß sie Teil einer wirtschaftlichen Entwicklung sind, vor der sie sich nicht in idyllischem Akademismus verstecken können. Die Zukunft von Wissenschaft und Forschung liegt in virtuellen Korporationen, denen die Schädelstätten der deutschen Hochschullandschaft noch so lange eine Heimstatt bieten, wie deren Testifikationen, im Sinne der Bündelung von "Leistungsscheinen", den Institutionen der Arbeitsgesellschaft über Qualifikation von Studenten "Gewißheit" verschaffen, weil sie für die Vergewisserung von Leistungskompetenzen kein Organ haben. Daß dieses Wort in akademischen Kreisen die Vorstellung eines institutionellen "Kompetenzprüfers" erzeugt, zeigt, wie wenig Ahnung davon besteht, wie sich Kompetenz und Leistung in der Interaktionsgesellschaft bilden und zeigen werden.


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