Hans Tennstedt
Hochschulszenarien
Der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim
Meyer hat einen Entwurf für ein neues Hochschulrahmengesetz
vorgelegt. Der Entwurf sieht vor, daß Hochschulen
zukünftig als Betriebsformen öffentlichen
und privaten rechts erprobt werden sollen. Das ist
ein erster Ansatz für Hochschulszenarien der Interaktionsgesellschaft,
mehr aber auch nicht.
Warum? Der leistungsbezogene Einsatz von Geldern, die
Umstrukturierung der Verwaltung - sie werden zwar thematisiert,
orientieren sich aber nach wie vor am Leistungsbegriff
der Arbeitsgesellschaft und an den hierarchischen Strukturen,
die sie hervorgebracht hat. Damit bleibt auch der "Geist"
der von Meyer in Gesetzessprache formulierten Neuen
Hochschule faustisch, im humanistischen Sinn, das heißt
in der Lesart, die der Archetyp industrieller Strebsamkeit
durch die akademische Bildung des 19. und 20. Jahrhunderts
erfahren hat. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert gilt
es aber, andere Szenarien zu entwicklen. Auch die Hochschulen
werden nicht überdauern, wenn sie den radikalen
Wandel von der Arbeits zur Interaktionsgesellschaft
nicht mitvollziehen. In Leistungsformationen der Ausbildungsbereiche
der Interaktionsgesellschaft weht ein anderer Geist.
Mancher erschrickt, wenn er die Worte hört: "Hier
weht ein anderer Geist." Er wähnt sich im
Bereich eines humanistischen Fleißes, der der
Arbeitsmoral der Industriegesellschaft verpflichtet
ist. (Nichts anders heißt industria ja zunächst:
Fleiß.) Geisterbeschwörung als Sinnstiftung.
"Hier weht ein anderer Wind", das sind Worte
der Väter, die für ihre Nachfahren als Verkörperungen
faustischen Strebens erscheinen. Deshalb beschwören
sie ihren Geist, um endlich die Tische einmal zu verrücken,
unter die sie die Beine immer haben stellen müssen.
Allerdings nur, um dem beschworenen Geist der Väter
dann die Gretchenfrage zu stellen. All dies wird auch
in Meyers Vision deutlich. Wie die Väter gleichen
die Nachfahren dem Geist, den sie begreifen, nicht
jenem, den sie beschwören und schon gar nicht
dem, den sie sich miteinhandeln, wenn sie sich ob der
Sinnlosigkeit des eifrigen Bemühens und Studierens
an Kulten begeistern, die schon ihre Väter für
des Pudels Kern hielten.
"Geist" ist eines der Wörter, die wohl
zu Recht "urdeutsch" genannt werden. Andere
Wörter, wie zum Beispiel "Inspiration",
erfassen zwar Aspekte dessen, worum es sich dreht,
wenn "Geist" im Spiel ist, streifen seinen
Sinn wohl aber doch nicht an derselben Stelle. "Begeisterung"
ist im Kurse gefallen. Die Klage darüber, daß
Studenten nicht mehr zu begeistern seien, hat hingegen
Konjunktur. Doch woher soll Begeisterung kommen, wenn
kein Geist im Spiel ist? Oder höchstens jene Schwundstufe,
jene Schlacke des Geistigen, aus der als "akademischem
Wissen" alles das verdampft ist, was ein Interesse
entflammen könnte? Der Geist der "industria",
des Fleißes der Arbeistgesellschaft, ist jene
Bewegung, in der im Einklang mit dem Gewußten
vorwärtsmarschiert wird, Geist auf Befehl. Das
Ziel der Attacke, gleichgültig ob Produkt oder
Wissen, wird erstritten, erkämpft, errungen. Solcher
Teamgeist - wenn es denn eines ist - geht letztlich
über Leichen. Jene, die rechts und links wegfallen,
halten den anderen den Weg frei, sichern die Flanken
der "gesellschaftlichen Mitte". Nur wenn
sich Arbeitsteams in Leistungsformationen verwandeln,
kommt eine Begeisterung zum Zuge, die es verdient "kreativ"
genannt zu werden. Alles andere bleibt - Exekution
des Geistes, vor dem, als Revenant, das Erschrecken
wohl berechtigt ist.
Der Leistungsbegriff, den Meyers Entwurf beschwört,
bleibt dem Geist einer Elitevorstellung der Arbeitsgesellschaft
verpflichtet, die mit jenem Geist wenig gemein hat,
der Leistungsträger in Leistungsformationen der
Interaktionsgesellschaft antreibt. Die Antreiber traditioneller
Hochschulausbildung bleiben für die betriebliche
Umstrukturierung Konzepten einer Geschäftsprozeßoptimierung
verpflichtet, die die Notwendigkeit der Virtualisierung
starrer Verwaltungsstrukturen erneut durch ein "lean
management" zu umgehen versucht, in dessen Rahmen
Leistung als Effizienz der Arbeit aufgefaßt wird.
Durch die lobbyistisch geprägte Auseinandersetzung
über die Vor- und Nachteilen des Kollegialprinzips
traditioneller deutscher Hochschulverfassungen und
des "demokratischen" Prinzips einer Gruppenuniversität
wird verschleiert, daß Wissenschaft und Forschung
in Formationen der Interaktionsgesellschaft grundsätzlich
anderer Orientierungen und Organisationsformen bedürfen.
Mit der Auflösung der Arbeitsgesellschaft hat
auch das Modell der Hochschule als Industrieunternehmen
ausgedient.
Eines der größten Mißverständnisse,
dem die industrielle Arbeitsgesellschaft Vorschub geleistet
hat, liegt in der Auffassung, der Mensch sei wesentlich
ein lernfähiges Wesen. Schon die alltägliche
Erfahrung müßte hier stutzen machen: Wundert
man sich nicht darüber, daß "der Mensch"
- trotz und nach "alledem" - tatsächlich
auch ein lernfähiges Wesen ist? Auch das, was
die industrielle Arbeitsgesellschaft "den Menschen"
nennt, ist - ganz radikal - wesentlich Genußwesen.
Was einschließt, daß es auch Menschen gibt,
die das Lernen genießen. Doch dieses Ideal aufklärerischen
Denkens zu universalisieren ist eine der anthropologischen
Irrtümer, deren Folgen in der Schwelle zwischen
industrieller Arbeitsgesellschaft und leistungsorientierter
Interaktionsgesellschaft auszubaden sind. Die Folgen
einer Pädagogik des "Nürnberger Trichters",
in der Leistung mit Wissen und Leistungsfähigkeit
mit der Fähigkeit zu seiner Akkumulation verwechselt
werden, sind schwerwiegend. In wirtschaftlicher Sprache
geht es um die fleißige Anhäufung eines
toten Kapitals, die in Schule und Universitäten
als Unternehmen betrieben wird, die Mimesis an der
industriellen Produktion der Arbeitsgesellschaft üben.
Die Zwangsmechanismen, unter denen Schüler aller
Schulformen und Studenten aller Hochschulformen für
ihren Wunsch nach Bildung mit der Vermittlung von Wissen
bestraft werden, sind Abformungen der industriellen
Arbeitsgesellschaft. Was die meisten in ihnen als qualvolles
Verbiegen und Krümmen erleben, das ist der Haken
der Arbeitsgesellschaft selbst, der Prozeß der
Initiation in diese. Zwar zeigen etliche pädagogische
Leistungen, daß es auch anders geht: Projektorientierte
Unterrichtung in der Teilhabe an Leistungsprozessen,
in denen Lernen ein Effekt ist, rückt die Teilhabe
an Gebrauchswissen in einen wichtigen Brennpunkt der
Aufmerksamkeit; die Übung von Interaktion in Leistungsformationen
wird bisweilen nicht mit dem Hinweis darauf verhindert,
daß Schüler schließlich ein "Recht
auf Unterricht" hätten (was nichts anderes
bedeutet, als Zeit, solange mit Wissen vollgestopft
zu werden, bis sie es "gefressen" haben);
Vorbereitung auf Berufspraxis wird gelegentlich nicht
zu jenem oberflächlichen Breitband-Bescheidwissen
verdünnt, das durch den Zwang des Hetzens von
Arbeit zu Arbeit gar keine Chance hat, sich in Bildung
zu verwandeln; "Leistung" wird gelegentlich
nicht einzig mit Punkten bewertet, die - als verschleierte
Zensuren - einen Arbeitslohn in die Schulen einführen,
der sich an überkommenen Mechanismen der Akkordarbeit
orientiert; kurz: Schüler werden nicht immer zu
einer Arbeitsfähigkeit konditioniert, die curricular
als Bedarf betrieblicher oder universitärer "Industria"
festgeschrieben ist. Im wesentlichen aber bleibt die
Arbeit in Schule und Universität eine Plagerei,
die jene konditioniert, die in der industriellen Arbeits-
und Dienstleistungsgesellschaft "Plätze"
und "Stellen" finden sollen, die es fortschreitend
so nicht mehr gibt.
Und bis auf die wenigen, die in der Lage sind, derartige
Arbeit zu genießen, unermüdliche Platzhalter
in Arbeitszusammenhängen, leiden die anderen unter
diesem gesellschaftlichen Symptom, das die Leistungsfähigkeit
der Interaktionsgesellschaft lähmt. Leistungsdruck
ist die Erscheinungsform der Unfähigkeit in der
Arbeitsgesellschaft, im Geist der Leistung etwas anderes
zu erkennen, als das, was Wagner glaubt, daß
Faust beseelt. Darüber hinaus geht man davon aus,
daß an der Produktion von tragischen Helden der
Arbeitsgesellschaft kein Weg vorbeiführt, deren
Solipsismus als potentielle Kompetenz interpretiert
wird, der man in Eliteuniversitäten den mephistophelischen
Geist nur austreiben muß, damit sie den geläuterten
Geist des strebsamen Industriellen verkörpern
können.
Der sächsische Entwurf zeigt, daß es offenbar
noch ein weiter Weg ist: von der industrialisierten
Wissenschaft zu einer Wissenschaft in Leistungsformationen
der Interaktionsgesellschaft, auch wenn deren Zukunft
längst angebrochen ist.
Die Zukunft der Wissenschaft und Forschung liegt deshalb
nicht in gesetzlich verankerten Rahmenbedingungen einer
Abwicklung traditioneller Hochschulen, mit denen diese
erneut erkennen müssen, daß sie Teil einer
wirtschaftlichen Entwicklung sind, vor der sie sich
nicht in idyllischem Akademismus verstecken können.
Die Zukunft von Wissenschaft und Forschung liegt in
virtuellen Korporationen, denen die Schädelstätten
der deutschen Hochschullandschaft noch so lange eine
Heimstatt bieten, wie deren Testifikationen, im Sinne
der Bündelung von "Leistungsscheinen",
den Institutionen der Arbeitsgesellschaft über
Qualifikation von Studenten "Gewißheit"
verschaffen, weil sie für die Vergewisserung von
Leistungskompetenzen kein Organ haben. Daß dieses
Wort in akademischen Kreisen die Vorstellung eines
institutionellen "Kompetenzprüfers"
erzeugt, zeigt, wie wenig Ahnung davon besteht, wie
sich Kompetenz und Leistung in der Interaktionsgesellschaft
bilden und zeigen werden.