Hans Tennstedt
Spiegelungen
Zu Botho Strauß' Anschwellender Bocksgesang
Es ist schon bemerkenswert, wie das, was den einen sauer
aufstößt, anderen doch noch als gelungenes
Backwerk erscheint, auch wenn sie selbst - wie eh und
je - nur sprachliche Blähungen produzieren. Die
Metaphorik der Verdauungsprobleme ist kurrent: "Der
Sauerteig", kommentierte zum Beispiel Gauweiler
mit nicht zu überhörendem Geschmack an den
Brechungen, die Botho Strauß' Essay Anschwellender
Bocksgesang in den Reflexionen der "Grünen"
erzeugte, "Der Sauerteig aus dem diese Bewegung
kommt, wird von der gleichnamigen Partei der etablierten
68er nicht vollständig abgedeckt. Es gibt auch
andere! Ehemalige Anhänger der Revolte - Enzensberger,
Botho Strauß, Walser, Günther Nenning -,
die Täter einer neuen Ruhestörung geworden
sind, deren Botschaft schon von den Denkpolizisten
der "political correctness" mit Argusaugen
beobachtet wird: daß auch für Deutsche Heimatrecht
ein Menschenrecht ist; daß wir unsere Sprache
schützen müssen wie unsere Gewässer
...". Aber es sind nicht nur Flatulenzen, die
der "Gärungsprozeß", den Gauweiler
ebenso diagnostiziert, hervorbringt. Es ist bemerkenswert,
wie hier ein PC den anderen PC füttert, informationspolitisches
Recycling, in dem Verschiedenes verschmolzen wird (Heimatrecht
und Menschenrecht, Gewässerschutz und Sprachsäuberung),
um das, was in der Tat "Störungen" sind,
dem Programm störungsfreier Politik und Kommunikation
einzuverleiben. So werden von einem, der eigentlich
"Ruhe im Lande" will, "Ruhestörungen"
widergespiegelt und als Störung der Störung
abgespeichert.
Aber auch einer der "Störer" dessen,
was gegenwärtig als "linke" oder "rechte"
politische Korrektheit bezeichnet wird - wobei das
Ideal natürlich, wie immer, in der Mitte liegt
- beteiligt sich an der Erzeugung von Konfusion, die
aus den Brechungen der Selbst- und Fremdbespiegelung
der politischen Sicht resultiert. Der Anschwellende
Bocksgesang, Botho Strauß' Spiegelessay, ist
auch ein Versuch, politischen Identifikationen neue
Flötentöne beizubringen. Es geht nicht um
das Horn, in das Leute wie Gauweiler ebenfalls stoßen
zu müssen meinen. Die Konfusion aber erzeugt sich,
weil die Obertöne der Sprache Botho Strauß'
mit den Untertönen einer politischen Intention
verschmelzen. Der neue Ton der political directness,
der in seinem Essay angeschlagen wird, ist nicht -
wie politische Korrektheit es will - der reine Grund-
und Brustton der politischen Überzeugung, den
Hörer wie Gauweiler vernommen haben. Ihnen kommt
das Hinhören auf die "nicht ganz reinen"
Obertöne schon deshalb nicht in den Sinn, weil
"Unreines" ihrer Vorstellung von notwendigen
"Säuberungen" gegenüber dissonant
ist. Was übrigens das Einstimmen in ein gewisses
Unisono derer, bei denen der "anschwellende Bocksgesang"
im Anschwellenden Bocksgesang Anklang oder Schrecken
hervorruft, in ein besonderes Licht rückt.
Was ist das Faszinierende dieses neuen Tones, der im
Anschwellenden Bocksgesang angeschlagen wird, das Verbindungen
zu stiften und Bänder zu zerschneiden vermag?
Ist es das Faszinierende, das manche auch im Flötenspiel
des Rattenfängers zu Hameln erkennen, der es vermag,
die Kinder einer Gesellschaft auf Abwege zu bringen?
Handelt es sich bei Botho Strauß um einen "Wegbereiter"
für diese Abwege, handelt es sich im Anschwellenden
Bocksgesang um ein sprachliches Vorspiel zu jenen neofaschistischen
Pogromen, wie Ignatz Bubis nahelegt, wenn er die "Wegbereiter
des intellektuellen Rechsradikalismus" mit "geistigen
Brandstiftern" wie Schönhuber und Frey zusasammenbringt?
Oder legt Strauß mit Sätzen im Anschwellenden
Bocksgesang gar nahe, eine vom "Aufklärungshochmut"
gekennzeichnete Gesellschaft müsse zur religiösen
Verbindlichkeiten und Sinnstiftungen zurückfinden?
Beim "anschwellenden Bocksgesang", schreibt
Strauß, handele es sich um einen anderen Akt
der Auflehnung, als jenen der Mimesis an Erscheinungen
der "Unheilsgeschichte": um einen Akt der
Auflehnung "gegen die Totalherrschaft der Gegenwart,
die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter
Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von
mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. Anders als
die linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt
sich die rechte kein künftiges Weltreich aus,
bedarf keiner Utopie, sondern sucht den Wiederanschluß
an die lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem Wesen nach
Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder
protopolitische Initiation. Sie ist immer und existenziell
eine Phantasie des Verlustes und nicht der (irdischen
Verheißung). Eine Phantasie also des Dichters,
von Homer bis Hölderlin."
Bei den Orchestrierungen und Interpretationen der Straußschen
Partitur ist die Art und Weise auffällig, wie
sie sich durch einzelne Wörter reizen lassen.
Und auf den Anschwellenden Bocksgesang als ganzen Text
wird reagiert, als sei er einzig der "anschwellende
Bocksgesang", von dem Strauß' Essay handelt:
"Opfergesänge, die im Innern des Angerichteten
anschwellen." Es ist bezeichnend, daß Eindrücke
kolportiert werden, denen bestimmte Sätze keinen
Eindruck hinterlassen haben. Sätze wie die folgenden:
"Überhaupt ist pikant, wie gierig der Mainstream
das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern
sucht, das Verpönte immer wieder und nocheinmal
verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in
die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen,
die Aufregung soll sich lohnen. Das vom Mainstream
Mißbilligte wird von diesem großgezogen,
aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten.
Das mediale Pokerface und die verzerrte Visage des
Fremdenhasses bilden den politischen Januskopf - denn
alles im Politischen läßt sich seitenverkehrt
in einem Kopf vereinen."
Spiegelungen also, die die Frage aufwerfen, was es ist,
das eilfertige Kritiker und Claqueure zu faszinieren
im Stande ist, auf eine Weise, die bisweilen durchaus
geeignet scheint, an ihr Freundschaften zerbrechen
zu lassen und Feinde zu Verbündeten zu machen.
Scheinbar: Denn wenn es derart gefährlich wird,
dann erteilt das dem einen oder der anderen doch einen
Impuls, sich von Spiegelungen loszureißen und
zu tun, was der Anschwellende Bocksgesang fordert:
ihn zu lesen. Geschieht dies, so findet der Leser schnell
heraus, was der Faszination Auftrieb gibt: Im Anschwellenden
Bocksgesang windet sich, was als System von Idealen
Gestalt angenommen hat, in den konvulsivischen Zuckungen
einer Sprache, die es zeigt, noch wo sie es zu begreifen
versucht. Der Textspiegel im Spiegel ist nur scheinbar
glatt. Dem Anspruch vieler seiner Leser gemäß
sollte er es sein, sollte er die politische Meinung
widerspiegeln. Daß er stattdessen von bestimmten
Idealen geprägten Sichtweisen einen Zerrspiegel
vorhält, befremdet die Sicht, stört die Selbstbespiegelung
der Meinung (doxa) und konfrontiert die in Idealen
Gestalt angenommen habende "richtige Meinung",
die Orthodoxie politischer Korrektheit, mit dem Bild
ihrer Auflösung. Im Anschwellenden Bocksgesang
kommen die Ideale ins Schwimmen. Und weil sie ins Schwimmen
gekommen sind, sagt Botho Strauß, mehr noch,
weil sie vom Einfluß des mainstreams aufgelöst
werden und gleichzeitig zur idealisierten Bilderflut
verschmolzen werden, deshalb taucht jener "anschwellende
Bocksgesang" auf, der zunächst nichts anderes
in Erscheinung treten läßt, als die Vorstellung
des "Mitreißenden". Es ist ganz einfach:
Jeder kleine Zug, dem der mainstream Auftrieb gibt,
kann "hinreißend" sein. Jede Kleinigkeit,
die den Mitgerissenen Halt zu geben verspricht, kann
als Anknüpfungspunkt für eine Orientierung
in Erscheinung treten, durch die man wieder festen
Boden unter die Füße bekommt. Botho Strauß_
Text spiegelt die Verschwommenheiten an der Oberfläche
jener medialen Spiegel wieder, auf der die Ideale im
Fluß sind. Daß dabei auch der Ruf nach
Instanzen laut wird, die diesem Treiben Einhalt gebieten,
den politischen Trebern eine Heimat geben wollen, den
Verwahrlosten andere Veranstaltungen bieten wollen
als solche, die öffentlich-rechtliche und private
Bildemissionen als Heimspiele verausgaben, ist das
Echo des Hilfeschreis, den Botho Strauß aus dem
"anschwellenden Bocksgesang" heraushört.
Der Anschwellende Bocksgesang transponiert den "anschwellenden
Bocksgesang" in eine andere Tonart, ist eine interpretierende
Übersetzung durch analoge Darstellung des Darzustellenden,
nicht in erster Linie eine erklärende Übersetzung,
die Bedeutungen des Dargestellten vorstellbar macht.
Das Mitreißende des mainstreams, die Mitgerissenheit
des "anschwellenden Bocksgesangs", die in
Fluß geratenen Ideale der Aufklärung und
Gegenaufklärung im Anschwellenden Bocksgesang,
das Hin- und Hergerissensein der Leser, die sich von
solchen Darstellungen dazu hinreißen lassen,
dem Ideal der Mitgerissenheit wieder ein mitreißendes
Ideal gegenüberzustellen - all dies sind Transpositionen,
Tonarten, Spielweisen eines Prozesses, in dem eine
Gesellschaft unter Einfluß, die ihre Glieder
von sich wirft, versucht, sich zu sammeln. Was Botho
Strauß sprachlich in Szene setzt ist einfach
dies: Deutschland spielt verrückt - aber es ist
ein sehr ernstes Spiel. Das in der Vergangenheit immer
barocker gewordende deutsche Trauerspiel - ist es das,
worauf der Anschwellende Bocksgesang anspielt? -, schickt
es sich an, die antike Tragödie nicht nur zu zitieren
und zu kolportieren, sondern zu erneuern, also revolutionär
zu restituieren: "Von der Gestalt der künftigen
Tragödie wissen wir nichts. Wir hören nur
den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang
in der Tiefe unseres Handelns."
Das für die Leser, der sich vor diesem seine Ideale
dissoziierenden Textspiegel zu sammeln versucht, am
Anschwellenden Bocksgesang offenbar Faszinierende ist,
daß er aus scheinbar Notwendigem etwas Zufälliges
macht, und das aus diesem Zufälligen etwas auftaucht,
was als "alles Mögliche" in Erscheinung
tritt. Der in ihm nach Verbindlichem suchende Leser
kann sich des Eindrucks nicht entziehen, das der Text
"Etwas" hat, was "zieht" oder "nicht
zieht". Der Grundzug des Textes ist es, den Leser
in allem, was möglich ist, auf die Spur einer
Notwendigkeit zu setzen, eines Ideals, demgegenüber
er sich, je nach Neigung, zugeneigt oder abgeneigt
zeigen kann. Solchen "Neigungen" gibt Botho
Strauß Namen, die nicht "abgetönt"
sind: Er nennt sie Liebe und Haß. Und weil Strauß
in seiner Transposition des "anschwellenden Bocksgesangs"
nicht scheut, die Beeinflußbarkeit durch den
mainstream auch am eigenen Textkörper aufzuzeigen,
darzustellen, Idealisierungen seiner eigenen Person
ins Schwimmen zu bringen, zieht er jene Haßliebe
auch auf sich, die er bei den gesellschaftlichen Medien
gegenüber den Erscheinungsformen des "anschwellenden
Bocksgesangs" bemerkt. Unter Einbeziehung der
mathematischen Katastrophentheorie ließe sich
über den Anschwellenden Bocksgesang sagen, daß
er in jener katastrophischen Schwelle auftaucht, und
daß das, wird sie durchschritten, den Leser auf
die Seite der Zuneigung oder Abneigung schleudert,
der Liebe oder des Hasses. Das macht die Intensität
des Anschwellenden Bocksgesangs aus, deren Zug sich
kaum jemand entziehen kann. Die Epilepsie der Sprache,
als die die Konvulsionen der Ideale in Erscheinung
tritt, hat auf manche Leser einen Effekt, der nicht
unähnlich dem ist, den ein Zuschauer verspürt,
wenn er einem epileptischen Anfall beiwohnt: Hin- und
hergerissen neigt er zunächst in Faszination zu
erstarren, um sich - in für ihn kaum berechenbarer
Weise - "dem Geschehen" zu- oder abzuwenden.
Das "Unheimliche" aber in dem, was sich da
abspielt, gleichgültig zu welcher Reaktion es
führt, es ist dem Zuschauer und Leser etwas zutiefst
Bekanntes.
Hat der Künstler, der Schriftsteller, das "Recht",
sich in der Transposition des "Unheimlichen",
der Transposition des "anschwellenden Bocksgesangs"
in den Anschwellenden Bocksgesang "unmittelbar"
zu verhalten, das heißt, hat er das Recht darzustellen,
ohne alles zu begreifen, was sich in dieser Transposition
abspielt? Botho Strauß nimmt sich das Recht.
Ist das der rechte Weg, das Rechte seines Anschwellenden
Bocksgesangs? Ist es richtig oder Richtungweisend?
Es gibt kaum einen Binarismus des Politischen, der vom
mainstream rasanter erodiert würde, als der von
"rechts" und "links". Je stärker
er anschwillt, desto mehr reißt er von beiden
Ufern mit sich, bis den Mitgerissenen Hören und
Sehen vergeht und sie nicht mehr wissen wo Rechts und
Links ist. In diesem Erosionsprozeß werden die
Ränder schärfer und der Strom der Mitte breiter.
In der Weimarer Republik führte das zu einem Trägerwerden
der Strömung und es bedurfte keines allzugroßen
Widerstandes, daß der mainstream sich in einen
linken und rechten Einfluß verzweigte. Immer
noch gibt es ein Rätseln über den Katastrophenpunkt,
der die Bifurkation des eigentlich ersten demokratischen
Treibens motivierte. Der Anschwellende Bocksgesang
ist weit davon entfernt, die immer wieder beschworenen
Weimarer Verhältnisse erneut zu beschwören.
Er ist alles andere als ein Kampflied, das die Verzweigung
des mainstreams fordert, damit endlich der "rechte"
Weg eingeschlagen werden könne. Als rechter Weg
wird etwas ganz anderes beschworen: Auf den Untiefen
des mainstreams Fuß zu fassen, um nicht unterzugehen,
sich nicht mitreißen zu lassen. Es bedarf eigentlich
keines allzu sorgfältigen Hinhörens, um im
Anschwellenden Bocksgesang zu vernehmen, daß
Links und Rechts längst zu einem Strom verschmolzen
seien, jedenfalls Linkes und Rechtes, das seinen Auftrieb
im "anschwellenden Bocksgesang" der erodierten
Ränder der Gesellschaft findet, das sich, vom
mainstream mitgerissen, in dieser oder jener Turbolenz
mischt. Offenbar ist es Strauß nicht gelungen,
diesem Prozeß gegenüber einen anderen "rechten",
richtigeren Weg für jene ins Spiel zu bringen,
die die Gefahr verspüren unterzugehen. Von den
Identifikationen des mainstreams weggespült: Der
leise Hinweis auf die Herkunft des "rechten Weges"
aus der Romantik. Was in all den Reaktionen untergeht:
Die damit angespielte Hoffnung, daß aus der Gefahr
auch Rettung erwachsen könnte. Deshalb ist auch
der "Einzelgänger" eine Epiphanie der
konfusionsanalytischen Darstellung des Anschwellenden
Bocksgesangs und deshalb beschwört Botho Strauß
das Bild eines zeitgemäßen Münchhausen,
der sich an den eigenen Haaren aus dem mainstream zu
ziehen vermag, der ihm in einer seltsamen Metamorphose
zugleich als Mediensumpf erscheint.
"Der Rechte - in der Richte: ein Außenseiter",
schreibt Botho Strauß. Eigentlich also einer,
der auf keiner Seite steht, zumindest was die verschmolzenen
"rechten" und "linken" Strömungen
in Gesellschaft und Politik angeht. Ein gewagtes Unternehmen,
daß der Anschwellende Bocksgesang versucht: In
einem Zeichen ("Links" oder "Rechts")
das im Fluß befindliche Bezeichnete (die Vorstellungen,
die sich jeweils damit verbinden) so zu beeinflussen,
daß dem Verfließen und Verschwimmen der
Ränder im mainstream Einhalt geboten wird. Der
Versuch, mit dem Anschwellenden Bocksgesang dem "anschwellenden
Bocksgesang" Einhalt zu gebieten und denen, die
in ihn einstimmen, einen Halt (auch eine Haltung) anzubieten,
hat etwas vom Griff des Außenseiters und Einzelgängers
zur Notbremse. Hier scheint jener Zug des Provinziellen
auf, den Sombart an Jüngers Escapismus bemerkte:
Wenn in einem urbanen Ballungsraum im kanalisierten
Rauschen des Untergrunds die Stimme laut wird: "Ausstieg
rechts! Ausstieg links!", dann wird jeder Griff
zur Notbremse auf freier Strecke kraftlos, denn der
Zug hält ohnehin erst in der nächsten Station.
So zumindest spielt es sich im Berliner Untergrund
ab.
Botho Strauß plädiert für den Ausstieg
aus dem mainstream, der so mitreißend geworden
zu sein scheint, daß die scheinbare Aufgabe des
Dichters, gegen ihn anzuschwimmen, zur Aufgabe führen
muß, weil seine Schwimmbewegungen kraftlos geworden
sind. Er plädiert für einen Ausstieg, nicht
auf der rechten oder der linken Seite, sondern auf
der richtigen, damit man sich nicht selbst linkt oder
von den verschwommenen Versprechungen des mainstream
gelinkt wird. Er plädiert also im Grunde für
einen Ausstieg nach oben, "Sezession" vom
mainstream durch das Anstreben eines erhabenen, "magischen
Orts der Absonderung", eines "hortus conclusus".
Es ist eine grobe Verkennung zu meinen, die Intention
Botho Strauß' sei es, in diesem geschützten
Garten der Sprache den Bock zum Gärtner zu machen.
"Der Außenseiter-Heros wird aber heute und
künftig andere Züge tragen als der poète
maudit oder der libertäre Rebell", schreibt
er, und dieser "Heros" wird der Vorstellung
Strauß' gemäß auch sicher andere Züge
tragen als der Bock, den nicht mehr zu haben alle jene
beteuern, die begründen sollen, warum sie in den
"anschwellenden Bocksgesang" einstimmen.
Diese rechten Aussteiger meint Strauß nicht.
Sie entsprechen nicht dem Bild des "rechten"
Aussteigers, der es "richtig" machte, den
Strömungen und Kanalisierungen jedweder "Kloake"
zu entsteigen.
Es hat den Anschein, als betrauerte der Anschwellende
Bocksgesang in dieser Hinsicht auch einen Verlust.
Es hat den Anschein, als sei er auch ein Abgesang auf
jenes Wappentier einer politischen Orientierung, die
noch meinte, die entscheidenden Schläge mit der
linken Hand führen zu können, wenn man sich
nur der Kräfte versichern würde, die laut
Marx die bestehende Ordnung unterminierten. Der Anschwellende
Bocksgesang wäre dann auch eine Art Abgesang auf
den Maulwurf, weil dieser im mainstream nicht anders
denn als "anschwellender Bocksgesang" in
Erscheinung treten kann. Das würfe in der Tat
eine interessante Frage auf (und der Ton, den Deleuze
und Guattari im Anti-Ödipus oder Lyotard im Energieteufel
Kapitalismus anschlagen, erhielte eine besondere Färbung),
nämlich die, ob der Maulwurf nicht inzwischen
in Erscheinung getreten ist: als mainstream, der jede
Setzung, jede Ordnung, jede Idealisierung und jede
Verbindlichkeit der Sprache mit sich reißt und
zerstört. Es scheint, als habe sich für Strauß
die List der aufgeklärten Vernunft als blinde
Lust der Entwurzelung demaskiert.
Immerhin versucht Strauß im Anschwellenden Bocksgesang
nicht nur, Einfluß auf das sich im Fluß
befindliche Bezeichnete zu nehmen, wenn er andere Zeichen
setzt, sondern er versucht auch, das flottierende Bezeichnende
stillzustellen, indem er die vom mainstream mitgerissenen
Wörter "rechts" und "links"
an Bedeutungen rückbindet, die nicht in erster
Linie dem politischen Diskurs entstammen. Dies ist
ein dezisionistischer Akt, die Intervention des sprachlichen
Souveräns in einer zur Regel gewordenen Ausnahmesituation,
nämlich der Situation, in der Ordnung von Störung
angegriffen wird. Was Strauß diagnostiziert und
was den Anschwellenden Bocksgesang zu einem konfusionsanalytischen
Essay macht, ist das zur Regel gewordene Chaos, dessen
Strömungen die Gesetze der symbolischen Ordnung,
ihre Ideale und Verbindlichkeiten auflösen. Insofern
könnte die von manchen Kritikern wiederum diagnostizierte
Abkehr Strauß' von der Kritischen Theorie tatsächlich
in einer Wendung um 180 Grad bestehen: Aufgabe von
Kunst heute ist es Ordnung in das Chaos zu bringen.
Der dezisionistische Akt des Essays bestünde dann
darin, in dem bestehenden Chaos eine neue Attraktion
zu setzen, der dieses Chaos im Sinne jenes "seltsamen
Attraktors" "orientiert", den die Theorie
nichtlinearer Prozesse, die Chaostheorie, beschreibt.
Es ergeben sich überraschende Konsequenzen. Denn
ein Zusammenhang seltsamer Attraktoren - die in einem
Anschwellenden Bocksgesang auch als Rechts und Links
in Erscheinung treten - gibt noch keine Antwort darauf,
in welchem Attraktionszentrum die chaotische Bewegung
zu Halten kommt: der "rechte Ort" kann durchaus
der linke sein und der "fehlgehende" Weg
durchaus der nach Rechts ...
Vielleicht aber verhält es sich auch ganz anders.
Denn wenn der Anschwellende Bocksgesang angesichts
des "anschwellenden Bocksgesangs" von einem
Chaos der seltsamen Attraktoren Rechts und Links ausgeht,
dann brächte ein zusätzlicher Bezugspunkt,
quasi als "magischer Ort", eine andere Bewegung
ins Spiel: Dann wäre es die Aufgabe von Kunst
heute Chaos ins Chaos zu bringen und der Anschwellende
Bocksgesang wäre die Melodie, die man den Verhältnissen
vorspielen muß, um sie richtig zum Tanzen zu
bringen ... Soviel Intriganz allerdings mag man dem
Schreiber des "Schlußchors" doch nicht
zutrauen. Andererseits stammt vom Verfasser des Anschwellenden
Bocksgesangs auch der Satz: "Die kurze, schlanke
Gescheitheit ist nur scheinbar sehr zeitgemäß,
in Wahrheit erfaßt sie nichts vom Labyrinth der
jetzt erlittenen Welt."