Text-Nummer: 0004

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3177
Verfasser(in): Hans Tennstedt
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Kürzel: HT
Originaltitel: Spiegelungen. Zu Botho Strauß' "Anschwellender Bocksgesang"
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Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Spiegelungen

Zu Botho Strauß' Anschwellender Bocksgesang

Es ist schon bemerkenswert, wie das, was den einen sauer aufstößt, anderen doch noch als gelungenes Backwerk erscheint, auch wenn sie selbst - wie eh und je - nur sprachliche Blähungen produzieren. Die Metaphorik der Verdauungsprobleme ist kurrent: "Der Sauerteig", kommentierte zum Beispiel Gauweiler mit nicht zu überhörendem Geschmack an den Brechungen, die Botho Strauß' Essay Anschwellender Bocksgesang in den Reflexionen der "Grünen" erzeugte, "Der Sauerteig aus dem diese Bewegung kommt, wird von der gleichnamigen Partei der etablierten 68er nicht vollständig abgedeckt. Es gibt auch andere! Ehemalige Anhänger der Revolte - Enzensberger, Botho Strauß, Walser, Günther Nenning -, die Täter einer neuen Ruhestörung geworden sind, deren Botschaft schon von den Denkpolizisten der "political correctness" mit Argusaugen beobachtet wird: daß auch für Deutsche Heimatrecht ein Menschenrecht ist; daß wir unsere Sprache schützen müssen wie unsere Gewässer ...". Aber es sind nicht nur Flatulenzen, die der "Gärungsprozeß", den Gauweiler ebenso diagnostiziert, hervorbringt. Es ist bemerkenswert, wie hier ein PC den anderen PC füttert, informationspolitisches Recycling, in dem Verschiedenes verschmolzen wird (Heimatrecht und Menschenrecht, Gewässerschutz und Sprachsäuberung), um das, was in der Tat "Störungen" sind, dem Programm störungsfreier Politik und Kommunikation einzuverleiben. So werden von einem, der eigentlich "Ruhe im Lande" will, "Ruhestörungen" widergespiegelt und als Störung der Störung abgespeichert.
Aber auch einer der "Störer" dessen, was gegenwärtig als "linke" oder "rechte" politische Korrektheit bezeichnet wird - wobei das Ideal natürlich, wie immer, in der Mitte liegt - beteiligt sich an der Erzeugung von Konfusion, die aus den Brechungen der Selbst- und Fremdbespiegelung der politischen Sicht resultiert. Der Anschwellende Bocksgesang, Botho Strauß' Spiegelessay, ist auch ein Versuch, politischen Identifikationen neue Flötentöne beizubringen. Es geht nicht um das Horn, in das Leute wie Gauweiler ebenfalls stoßen zu müssen meinen. Die Konfusion aber erzeugt sich, weil die Obertöne der Sprache Botho Strauß' mit den Untertönen einer politischen Intention verschmelzen. Der neue Ton der political directness, der in seinem Essay angeschlagen wird, ist nicht - wie politische Korrektheit es will - der reine Grund- und Brustton der politischen Überzeugung, den Hörer wie Gauweiler vernommen haben. Ihnen kommt das Hinhören auf die "nicht ganz reinen" Obertöne schon deshalb nicht in den Sinn, weil "Unreines" ihrer Vorstellung von notwendigen "Säuberungen" gegenüber dissonant ist. Was übrigens das Einstimmen in ein gewisses Unisono derer, bei denen der "anschwellende Bocksgesang" im Anschwellenden Bocksgesang Anklang oder Schrecken hervorruft, in ein besonderes Licht rückt.
Was ist das Faszinierende dieses neuen Tones, der im Anschwellenden Bocksgesang angeschlagen wird, das Verbindungen zu stiften und Bänder zu zerschneiden vermag? Ist es das Faszinierende, das manche auch im Flötenspiel des Rattenfängers zu Hameln erkennen, der es vermag, die Kinder einer Gesellschaft auf Abwege zu bringen? Handelt es sich bei Botho Strauß um einen "Wegbereiter" für diese Abwege, handelt es sich im Anschwellenden Bocksgesang um ein sprachliches Vorspiel zu jenen neofaschistischen Pogromen, wie Ignatz Bubis nahelegt, wenn er die "Wegbereiter des intellektuellen Rechsradikalismus" mit "geistigen Brandstiftern" wie Schönhuber und Frey zusasammenbringt? Oder legt Strauß mit Sätzen im Anschwellenden Bocksgesang gar nahe, eine vom "Aufklärungshochmut" gekennzeichnete Gesellschaft müsse zur religiösen Verbindlichkeiten und Sinnstiftungen zurückfinden?
Beim "anschwellenden Bocksgesang", schreibt Strauß, handele es sich um einen anderen Akt der Auflehnung, als jenen der Mimesis an Erscheinungen der "Unheilsgeschichte": um einen Akt der Auflehnung "gegen die Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, von geschichtlichem Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will. Anders als die linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie malt sich die rechte kein künftiges Weltreich aus, bedarf keiner Utopie, sondern sucht den Wiederanschluß an die lange Zeit, die unbewegte, ist ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation. Sie ist immer und existenziell eine Phantasie des Verlustes und nicht der (irdischen Verheißung). Eine Phantasie also des Dichters, von Homer bis Hölderlin."
Bei den Orchestrierungen und Interpretationen der Straußschen Partitur ist die Art und Weise auffällig, wie sie sich durch einzelne Wörter reizen lassen. Und auf den Anschwellenden Bocksgesang als ganzen Text wird reagiert, als sei er einzig der "anschwellende Bocksgesang", von dem Strauß' Essay handelt: "Opfergesänge, die im Innern des Angerichteten anschwellen." Es ist bezeichnend, daß Eindrücke kolportiert werden, denen bestimmte Sätze keinen Eindruck hinterlassen haben. Sätze wie die folgenden:
"Überhaupt ist pikant, wie gierig der Mainstream das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und nocheinmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich lohnen. Das vom Mainstream Mißbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten. Das mediale Pokerface und die verzerrte Visage des Fremdenhasses bilden den politischen Januskopf - denn alles im Politischen läßt sich seitenverkehrt in einem Kopf vereinen."
Spiegelungen also, die die Frage aufwerfen, was es ist, das eilfertige Kritiker und Claqueure zu faszinieren im Stande ist, auf eine Weise, die bisweilen durchaus geeignet scheint, an ihr Freundschaften zerbrechen zu lassen und Feinde zu Verbündeten zu machen. Scheinbar: Denn wenn es derart gefährlich wird, dann erteilt das dem einen oder der anderen doch einen Impuls, sich von Spiegelungen loszureißen und zu tun, was der Anschwellende Bocksgesang fordert: ihn zu lesen. Geschieht dies, so findet der Leser schnell heraus, was der Faszination Auftrieb gibt: Im Anschwellenden Bocksgesang windet sich, was als System von Idealen Gestalt angenommen hat, in den konvulsivischen Zuckungen einer Sprache, die es zeigt, noch wo sie es zu begreifen versucht. Der Textspiegel im Spiegel ist nur scheinbar glatt. Dem Anspruch vieler seiner Leser gemäß sollte er es sein, sollte er die politische Meinung widerspiegeln. Daß er stattdessen von bestimmten Idealen geprägten Sichtweisen einen Zerrspiegel vorhält, befremdet die Sicht, stört die Selbstbespiegelung der Meinung (doxa) und konfrontiert die in Idealen Gestalt angenommen habende "richtige Meinung", die Orthodoxie politischer Korrektheit, mit dem Bild ihrer Auflösung. Im Anschwellenden Bocksgesang kommen die Ideale ins Schwimmen. Und weil sie ins Schwimmen gekommen sind, sagt Botho Strauß, mehr noch, weil sie vom Einfluß des mainstreams aufgelöst werden und gleichzeitig zur idealisierten Bilderflut verschmolzen werden, deshalb taucht jener "anschwellende Bocksgesang" auf, der zunächst nichts anderes in Erscheinung treten läßt, als die Vorstellung des "Mitreißenden". Es ist ganz einfach: Jeder kleine Zug, dem der mainstream Auftrieb gibt, kann "hinreißend" sein. Jede Kleinigkeit, die den Mitgerissenen Halt zu geben verspricht, kann als Anknüpfungspunkt für eine Orientierung in Erscheinung treten, durch die man wieder festen Boden unter die Füße bekommt. Botho Strauß_ Text spiegelt die Verschwommenheiten an der Oberfläche jener medialen Spiegel wieder, auf der die Ideale im Fluß sind. Daß dabei auch der Ruf nach Instanzen laut wird, die diesem Treiben Einhalt gebieten, den politischen Trebern eine Heimat geben wollen, den Verwahrlosten andere Veranstaltungen bieten wollen als solche, die öffentlich-rechtliche und private Bildemissionen als Heimspiele verausgaben, ist das Echo des Hilfeschreis, den Botho Strauß aus dem "anschwellenden Bocksgesang" heraushört.
Der Anschwellende Bocksgesang transponiert den "anschwellenden Bocksgesang" in eine andere Tonart, ist eine interpretierende Übersetzung durch analoge Darstellung des Darzustellenden, nicht in erster Linie eine erklärende Übersetzung, die Bedeutungen des Dargestellten vorstellbar macht. Das Mitreißende des mainstreams, die Mitgerissenheit des "anschwellenden Bocksgesangs", die in Fluß geratenen Ideale der Aufklärung und Gegenaufklärung im Anschwellenden Bocksgesang, das Hin- und Hergerissensein der Leser, die sich von solchen Darstellungen dazu hinreißen lassen, dem Ideal der Mitgerissenheit wieder ein mitreißendes Ideal gegenüberzustellen - all dies sind Transpositionen, Tonarten, Spielweisen eines Prozesses, in dem eine Gesellschaft unter Einfluß, die ihre Glieder von sich wirft, versucht, sich zu sammeln. Was Botho Strauß sprachlich in Szene setzt ist einfach dies: Deutschland spielt verrückt - aber es ist ein sehr ernstes Spiel. Das in der Vergangenheit immer barocker gewordende deutsche Trauerspiel - ist es das, worauf der Anschwellende Bocksgesang anspielt? -, schickt es sich an, die antike Tragödie nicht nur zu zitieren und zu kolportieren, sondern zu erneuern, also revolutionär zu restituieren: "Von der Gestalt der künftigen Tragödie wissen wir nichts. Wir hören nur den lauter werdenden Mysterienlärm, den Bocksgesang in der Tiefe unseres Handelns."
Das für die Leser, der sich vor diesem seine Ideale dissoziierenden Textspiegel zu sammeln versucht, am Anschwellenden Bocksgesang offenbar Faszinierende ist, daß er aus scheinbar Notwendigem etwas Zufälliges macht, und das aus diesem Zufälligen etwas auftaucht, was als "alles Mögliche" in Erscheinung tritt. Der in ihm nach Verbindlichem suchende Leser kann sich des Eindrucks nicht entziehen, das der Text "Etwas" hat, was "zieht" oder "nicht zieht". Der Grundzug des Textes ist es, den Leser in allem, was möglich ist, auf die Spur einer Notwendigkeit zu setzen, eines Ideals, demgegenüber er sich, je nach Neigung, zugeneigt oder abgeneigt zeigen kann. Solchen "Neigungen" gibt Botho Strauß Namen, die nicht "abgetönt" sind: Er nennt sie Liebe und Haß. Und weil Strauß in seiner Transposition des "anschwellenden Bocksgesangs" nicht scheut, die Beeinflußbarkeit durch den mainstream auch am eigenen Textkörper aufzuzeigen, darzustellen, Idealisierungen seiner eigenen Person ins Schwimmen zu bringen, zieht er jene Haßliebe auch auf sich, die er bei den gesellschaftlichen Medien gegenüber den Erscheinungsformen des "anschwellenden Bocksgesangs" bemerkt. Unter Einbeziehung der mathematischen Katastrophentheorie ließe sich über den Anschwellenden Bocksgesang sagen, daß er in jener katastrophischen Schwelle auftaucht, und daß das, wird sie durchschritten, den Leser auf die Seite der Zuneigung oder Abneigung schleudert, der Liebe oder des Hasses. Das macht die Intensität des Anschwellenden Bocksgesangs aus, deren Zug sich kaum jemand entziehen kann. Die Epilepsie der Sprache, als die die Konvulsionen der Ideale in Erscheinung tritt, hat auf manche Leser einen Effekt, der nicht unähnlich dem ist, den ein Zuschauer verspürt, wenn er einem epileptischen Anfall beiwohnt: Hin- und hergerissen neigt er zunächst in Faszination zu erstarren, um sich - in für ihn kaum berechenbarer Weise - "dem Geschehen" zu- oder abzuwenden. Das "Unheimliche" aber in dem, was sich da abspielt, gleichgültig zu welcher Reaktion es führt, es ist dem Zuschauer und Leser etwas zutiefst Bekanntes.
Hat der Künstler, der Schriftsteller, das "Recht", sich in der Transposition des "Unheimlichen", der Transposition des "anschwellenden Bocksgesangs" in den Anschwellenden Bocksgesang "unmittelbar" zu verhalten, das heißt, hat er das Recht darzustellen, ohne alles zu begreifen, was sich in dieser Transposition abspielt? Botho Strauß nimmt sich das Recht. Ist das der rechte Weg, das Rechte seines Anschwellenden Bocksgesangs? Ist es richtig oder Richtungweisend?
Es gibt kaum einen Binarismus des Politischen, der vom mainstream rasanter erodiert würde, als der von "rechts" und "links". Je stärker er anschwillt, desto mehr reißt er von beiden Ufern mit sich, bis den Mitgerissenen Hören und Sehen vergeht und sie nicht mehr wissen wo Rechts und Links ist. In diesem Erosionsprozeß werden die Ränder schärfer und der Strom der Mitte breiter. In der Weimarer Republik führte das zu einem Trägerwerden der Strömung und es bedurfte keines allzugroßen Widerstandes, daß der mainstream sich in einen linken und rechten Einfluß verzweigte. Immer noch gibt es ein Rätseln über den Katastrophenpunkt, der die Bifurkation des eigentlich ersten demokratischen Treibens motivierte. Der Anschwellende Bocksgesang ist weit davon entfernt, die immer wieder beschworenen Weimarer Verhältnisse erneut zu beschwören. Er ist alles andere als ein Kampflied, das die Verzweigung des mainstreams fordert, damit endlich der "rechte" Weg eingeschlagen werden könne. Als rechter Weg wird etwas ganz anderes beschworen: Auf den Untiefen des mainstreams Fuß zu fassen, um nicht unterzugehen, sich nicht mitreißen zu lassen. Es bedarf eigentlich keines allzu sorgfältigen Hinhörens, um im Anschwellenden Bocksgesang zu vernehmen, daß Links und Rechts längst zu einem Strom verschmolzen seien, jedenfalls Linkes und Rechtes, das seinen Auftrieb im "anschwellenden Bocksgesang" der erodierten Ränder der Gesellschaft findet, das sich, vom mainstream mitgerissen, in dieser oder jener Turbolenz mischt. Offenbar ist es Strauß nicht gelungen, diesem Prozeß gegenüber einen anderen "rechten", richtigeren Weg für jene ins Spiel zu bringen, die die Gefahr verspüren unterzugehen. Von den Identifikationen des mainstreams weggespült: Der leise Hinweis auf die Herkunft des "rechten Weges" aus der Romantik. Was in all den Reaktionen untergeht: Die damit angespielte Hoffnung, daß aus der Gefahr auch Rettung erwachsen könnte. Deshalb ist auch der "Einzelgänger" eine Epiphanie der konfusionsanalytischen Darstellung des Anschwellenden Bocksgesangs und deshalb beschwört Botho Strauß das Bild eines zeitgemäßen Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus dem mainstream zu ziehen vermag, der ihm in einer seltsamen Metamorphose zugleich als Mediensumpf erscheint.
"Der Rechte - in der Richte: ein Außenseiter", schreibt Botho Strauß. Eigentlich also einer, der auf keiner Seite steht, zumindest was die verschmolzenen "rechten" und "linken" Strömungen in Gesellschaft und Politik angeht. Ein gewagtes Unternehmen, daß der Anschwellende Bocksgesang versucht: In einem Zeichen ("Links" oder "Rechts") das im Fluß befindliche Bezeichnete (die Vorstellungen, die sich jeweils damit verbinden) so zu beeinflussen, daß dem Verfließen und Verschwimmen der Ränder im mainstream Einhalt geboten wird. Der Versuch, mit dem Anschwellenden Bocksgesang dem "anschwellenden Bocksgesang" Einhalt zu gebieten und denen, die in ihn einstimmen, einen Halt (auch eine Haltung) anzubieten, hat etwas vom Griff des Außenseiters und Einzelgängers zur Notbremse. Hier scheint jener Zug des Provinziellen auf, den Sombart an Jüngers Escapismus bemerkte: Wenn in einem urbanen Ballungsraum im kanalisierten Rauschen des Untergrunds die Stimme laut wird: "Ausstieg rechts! Ausstieg links!", dann wird jeder Griff zur Notbremse auf freier Strecke kraftlos, denn der Zug hält ohnehin erst in der nächsten Station. So zumindest spielt es sich im Berliner Untergrund ab.
Botho Strauß plädiert für den Ausstieg aus dem mainstream, der so mitreißend geworden zu sein scheint, daß die scheinbare Aufgabe des Dichters, gegen ihn anzuschwimmen, zur Aufgabe führen muß, weil seine Schwimmbewegungen kraftlos geworden sind. Er plädiert für einen Ausstieg, nicht auf der rechten oder der linken Seite, sondern auf der richtigen, damit man sich nicht selbst linkt oder von den verschwommenen Versprechungen des mainstream gelinkt wird. Er plädiert also im Grunde für einen Ausstieg nach oben, "Sezession" vom mainstream durch das Anstreben eines erhabenen, "magischen Orts der Absonderung", eines "hortus conclusus". Es ist eine grobe Verkennung zu meinen, die Intention Botho Strauß' sei es, in diesem geschützten Garten der Sprache den Bock zum Gärtner zu machen. "Der Außenseiter-Heros wird aber heute und künftig andere Züge tragen als der poète maudit oder der libertäre Rebell", schreibt er, und dieser "Heros" wird der Vorstellung Strauß' gemäß auch sicher andere Züge tragen als der Bock, den nicht mehr zu haben alle jene beteuern, die begründen sollen, warum sie in den "anschwellenden Bocksgesang" einstimmen. Diese rechten Aussteiger meint Strauß nicht. Sie entsprechen nicht dem Bild des "rechten" Aussteigers, der es "richtig" machte, den Strömungen und Kanalisierungen jedweder "Kloake" zu entsteigen.
Es hat den Anschein, als betrauerte der Anschwellende Bocksgesang in dieser Hinsicht auch einen Verlust. Es hat den Anschein, als sei er auch ein Abgesang auf jenes Wappentier einer politischen Orientierung, die noch meinte, die entscheidenden Schläge mit der linken Hand führen zu können, wenn man sich nur der Kräfte versichern würde, die laut Marx die bestehende Ordnung unterminierten. Der Anschwellende Bocksgesang wäre dann auch eine Art Abgesang auf den Maulwurf, weil dieser im mainstream nicht anders denn als "anschwellender Bocksgesang" in Erscheinung treten kann. Das würfe in der Tat eine interessante Frage auf (und der Ton, den Deleuze und Guattari im Anti-Ödipus oder Lyotard im Energieteufel Kapitalismus anschlagen, erhielte eine besondere Färbung), nämlich die, ob der Maulwurf nicht inzwischen in Erscheinung getreten ist: als mainstream, der jede Setzung, jede Ordnung, jede Idealisierung und jede Verbindlichkeit der Sprache mit sich reißt und zerstört. Es scheint, als habe sich für Strauß die List der aufgeklärten Vernunft als blinde Lust der Entwurzelung demaskiert.
Immerhin versucht Strauß im Anschwellenden Bocksgesang nicht nur, Einfluß auf das sich im Fluß befindliche Bezeichnete zu nehmen, wenn er andere Zeichen setzt, sondern er versucht auch, das flottierende Bezeichnende stillzustellen, indem er die vom mainstream mitgerissenen Wörter "rechts" und "links" an Bedeutungen rückbindet, die nicht in erster Linie dem politischen Diskurs entstammen. Dies ist ein dezisionistischer Akt, die Intervention des sprachlichen Souveräns in einer zur Regel gewordenen Ausnahmesituation, nämlich der Situation, in der Ordnung von Störung angegriffen wird. Was Strauß diagnostiziert und was den Anschwellenden Bocksgesang zu einem konfusionsanalytischen Essay macht, ist das zur Regel gewordene Chaos, dessen Strömungen die Gesetze der symbolischen Ordnung, ihre Ideale und Verbindlichkeiten auflösen. Insofern könnte die von manchen Kritikern wiederum diagnostizierte Abkehr Strauß' von der Kritischen Theorie tatsächlich in einer Wendung um 180 Grad bestehen: Aufgabe von Kunst heute ist es Ordnung in das Chaos zu bringen. Der dezisionistische Akt des Essays bestünde dann darin, in dem bestehenden Chaos eine neue Attraktion zu setzen, der dieses Chaos im Sinne jenes "seltsamen Attraktors" "orientiert", den die Theorie nichtlinearer Prozesse, die Chaostheorie, beschreibt. Es ergeben sich überraschende Konsequenzen. Denn ein Zusammenhang seltsamer Attraktoren - die in einem Anschwellenden Bocksgesang auch als Rechts und Links in Erscheinung treten - gibt noch keine Antwort darauf, in welchem Attraktionszentrum die chaotische Bewegung zu Halten kommt: der "rechte Ort" kann durchaus der linke sein und der "fehlgehende" Weg durchaus der nach Rechts ...
Vielleicht aber verhält es sich auch ganz anders. Denn wenn der Anschwellende Bocksgesang angesichts des "anschwellenden Bocksgesangs" von einem Chaos der seltsamen Attraktoren Rechts und Links ausgeht, dann brächte ein zusätzlicher Bezugspunkt, quasi als "magischer Ort", eine andere Bewegung ins Spiel: Dann wäre es die Aufgabe von Kunst heute Chaos ins Chaos zu bringen und der Anschwellende Bocksgesang wäre die Melodie, die man den Verhältnissen vorspielen muß, um sie richtig zum Tanzen zu bringen ... Soviel Intriganz allerdings mag man dem Schreiber des "Schlußchors" doch nicht zutrauen. Andererseits stammt vom Verfasser des Anschwellenden Bocksgesangs auch der Satz: "Die kurze, schlanke Gescheitheit ist nur scheinbar sehr zeitgemäß, in Wahrheit erfaßt sie nichts vom Labyrinth der jetzt erlittenen Welt."


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