Wilfried Armonies / Christian Kupke
Sati(e)risches von Michael Sowa
Der Maler Michael Sowa erhielt in diesem Jahr den Olaf
Gulbransson Preis
Im alltäglichen Umgang miteinander pflegen die
Menschen zumeist nicht zimperlich zu sein. In bosartiger
oder aber auch in liebevoller Absicht vergleichen sie
sich selbst gelegentlich mit Tieren, haben den einen
in Verdacht, wie ein "aufgeblasener Gockel"
oder wie ein "aufgescheuchtes Huhn" umherzulaufen,
während sie einem anderen vorwerfen, eine "alte
Assel" oder ein "dummer Hornochse",
ein "alter Brummbär" oder eine "eingebildete
Ziege" zu sein. Die vielfältigen Phrasen
und Redensarten, der sich der einzelne auf solche Weise
bedient, haben in der karikaturistischen Kunst immer
wieder ihren Niederschlag gefunden: Indem der Karikaturist
den bildlichen Gehalt solcher Redensarten "beim
Wort" nimmt, attribuiert er der Person oder der
Personengruppe, der sein Spott gilt, tierische Merkmale
und kann auf diese Weise einen Bilderwitz erzeugen,
der sich sowohl in konkreten politischen Auseinandersetzungen
als auch zum Zwecke allgemeiner Kultur- oder Zivilisationskritik
effektvoll einsetzen läßt.
Auch die Bilder des mittlerweile einem größeren
Publikum bekannt gewordenen Berliner Malers Michael
Sowa haben nicht selten einen derartigen alltagskritischen
und karikaturistischen Hintergrund. So wie in der Karikatur
die jeweilige Phrase ernst genommen, die zeitweilige
Koinzidenz von menschlicher und tierischer Gestalt
ins Bildliche verkehrt wird, so hantiert in gleicher
Weise Michael Sowa in vielen seiner Arbeiten mit dem
immer wieder überraschenden Mittel, die vom einzelnen
in solch übertragener Redeweise beschworene -
gefürchtete oder aber auch gesuchte - Nähe
zum Animalischen anhand einer unmittelbaren, malerischen
Identifikation von Mensch und Tier zu verdeutlichen.
Diese Identifikation hat zunächst, wie alle bildliche
Verschmelzung von Gegensätzen, einen gewissen
Witz, einen Witz, der hier aus der gespannten und spannungsreichen
Doppelung entsteht, in der der Rezipient das Dargestellte
einmal im buchstäblichen, dann aber auch wieder
im übertragenen Sinne verstehen kann. Wenn in
dem Bild "Schweine raus aus Dödensted"
(1988) die Bauern ihre Schweine aus dem Dorf jagen,
so wird dem Betrachter auf der buchstäblichen
Ebene die Widersinnigkeit einer derartigen Handlung
unmittelbar bewußt: Die Bauern entledigen sich
auf diese Weise ihrer wichtigsten Produktionsgrundlage.
Aber diese Widersinnigkeit teilt sich mittelbar auch
der zweiten, der figurativen Ebene mit, sobald die
Schweine nicht mehr nur als Schweine, sondern auch
als Menschen identifiziert werden. Hier versteht man:
Die als "Schweine" titulierten Mitglieder
eines Gemeinwesens - das können Ausländer,
Minoritäten oder Randgruppen sein - gehören
diesem Gemeinwesen selbst an; sie sind ein Teil derjenigen
produktiven Grundlage, ohne den eine Gesellschaft nicht
existieren könnte.
Andererseits aber gehören sie zu dieser Gesellschaft
- das macht den Sarkasmus dieses Bildes aus - gerade
so wie die Schweine zu ihren Bauern. Weit davon entfernt,
tatsächlich anerkannt oder geachtet zu sein, ist
es lediglich ihr jeweiliger ökonomischer oder
kultureller Nutzwert, ihre "Schweinsart",
der zufolge sie, wenn überhaupt, "gehegt"
und "gepflegt" werden. Das ist die eigentliche,
die tiefe Ironie des Bildes, durch die sich der Maler,
der 1985 anläßlich des Berliner Wahlkampfes
an einer Plakataktion der AL teilnahm, nicht nur generell
als zeitkritischer Künstler, sondern auch als
tagespolitischer Satiriker erweist (vgl. bspw. "Berlin
tut gut", 1985, "Kohl verpackt den Reichstag",
1993 und "Grüße aus der Hauptstadt",
1994).
Jedoch nicht immer und im Grunde auch seltener, als
man vermuten würde, haben die Bilder Michael Sowas
einen in diesem Sinne durchschaubaren Witz. Zwar sind
die karikaturistischen Momente, die einen solchen Witz
erzeugen, in seinen Arbeiten unverkennbar: das Verzerren
und Verzeichnen von Körper- und Raumgestalten
und die an die Form des Comics erinnernden Hinweisschilder
und Sprechblasen (in Arbeiten wie "Die Toscana-Therapie",
1989, "Stille Nacht", 1993 und "Dieser
Witz war in Dänemark ein Riesenerfolg", 1994).
Aber wer geglaubt haben sollte, der künstlerische
Aufwand klassischer Maltechniken lohne sich nicht,
um lediglich witzige, komische oder humoristische Effekte
zu produzieren, wird bei genauerem Betrachten dieser
Bilder eines Besseren belehrt.
Denn die Komik vieler der genannten Arbeiten beruht
im Gegenteil gerade darauf, das Erbauliche romantisch-phantastischer
Motive und Landschaften in den Niederungen menschlich-allzumenschlicher
Verrichtungen aufgehen und umgekehrt das nicht selten
Kindische, weniger Erbauliche dieser Verrichtungen
an der Seriösität der künstlerischen
Form stranden zu lassen. Eben deshalb aber sind die
Bilder Sowas, auch wenn man noch so herzlich über
sie lachen kann, durchaus ernst zu nehmen. Sie sind
Parodien der hohen Kunst auf die hohe Kunst, keine
karikaturistischen, comic- oder cartoonartigen Zeichnungen,
sondern, was immer wieder beobachtet worden ist, vollkommen
eigenständige, dem Darstellungsideal naturalistischer
Kunstwerke verpflichtete Gemälde (vgl. bspw. "Köhlers
Schwein", 1986, "Sommernacht", 1991
und "Der Beweis", 1995).
Lediglich bei der Darstellung anatomischer Details leistet
sich deshalb der Künstler, im Sinne seines parodistischen
Anspruchs, gelegentlich eigenwillige und subtile Freiheiten.
Ausgehend von dem für seine Bildideen bestimmend
gewordenen Gegensatz von Menschlichem und Tierischem
läßt er - den Betrachter gleichsam überrumpelnd
und übertölpelnd - hie und da die Größenverhältnisse
zwischen Mensch und Tier in ihr Gegenteil umkippen,
dichtet Tieren menschliche und sonstige "artfremde"
Merkmale an oder stattet - gerade umgekehrt - Menschen
mit tierischen Attributen aus (vgl. "Frohe Ostern",
1988, "Umzug", 1979/91, "Gegen den Strom",
1994). Diese anatomischen Ver-rücktheiten, dieses
Sati(e)rische macht das eigentlich Komische der Sowaschen
Kunst aus; es verschafft ihr jenen eindringlichen Zug
ins Parodistische, durch den sie sich auch einem weniger
kunstsachverständigen Betrachter augenblicklich
zu entschlüsseln vermag.
Die künstlerische Arbeit Michael Sowas kann man
daher zurecht als eine satirisch-parodistische Kunst
bezeichnen. Aber eben deshalb liegt ihr auch eine so
eigenwillige Bildform wie die der Travestie nicht fern
(die mit der Parodie eng verwandt, aber ihr in gewisser
Weise auch entgegengesetzt ist). In seinem 1992 entstandenen
Bild "Böcklins 6. Fassung" - mit welchem
er sich auf Böcklins bekanntes, um 1880 entstandenes
und in fünf Fassungen überliefertes Werk
"Die Toteninsel" bezieht - nutzt der Künstler
in souveräner Weise noch einmal sowohl die seriöse
Technik einer Mimesis an die hohe Kunst als auch die
komische Technik des Buchstäblichnehmens ihrer
Metaphern: Indem er das Schiff kentern läßt,
das bei Böcklin, einer alten mythologischen Tradition
folgend, den Übergang vom Reich der Lebenden in
das Reich der Toten symbolisiert, ertränkt er
nicht nur die Spannung, mit welcher sich eine solche
- überhöhte und aus ihrer eigenen Höhe
herabstürzende Kunst - dem nüchternen Todesbewußtsein
ihrer Zeit entgegenzustemmen suchte. Er läßt
auch die eigentümliche Hohlform dieser Metapher
gleich mit über Bord gehen.
Auf diese Weise nutzt er die alten Maltechniken, und
doch ironisiert er sie zugleich. Er läßt
ihnen, auf der Ebene der Form, Gerechtigkeit widerfahren
und setzt sie doch im selben Atemzug, indem er ihre
Bildaussagen verkehrt, ja ver-rückt erscheinen
läßt, ins Unrecht. Das ist vielleicht das
Geheimnis ihrer Wirkung, aber sicherlich auch das offen
Vorliegende, das Offen-Sichtliche dieser Kunst.
Von Michael Sowa sind folgende Bildbände erschienen: Michael Sowa, Suppenschwein, Haffmanns Verlag Zürich 1992; und: Olaf Gulbransson Preis 1995 - Michael Sowa, Edition Inkognito Berlin 1995.