Text-Nummer: 0020

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 6212
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am:
Kürzel: HT
Originaltitel: Namen
Copyright: Hans Tennstedt
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Diskussion/Leserbriefe:

Hans Tennstedt

Namen

Die Ansicht, daß der Journalist ein Dompteur von Eintagsfliegen ist, zeigt sich in einem verbreiteten Gestus des Schreibens. Nichts ist so unbedeutend, als daß es dem tendenziell immer gelangweilten, reizgesättigten und flüchtigen Leser mit der Peitsche des Stils nicht als Sensation vor Augen geführt werden könnte - um ihn zu einem Staunenden zu machen. Journalisten verwandeln Ereignisse in Worte und Bilder. Und wer dabei nicht in der Lage ist, aus einer Mücke auch schon einmal einen Elefanten zu machen, der hat sicherlich eine wichtige Lektion journalistischer Ausbildung nicht gelernt: Schreiben ist nicht nur eine Chronik der laufenden Ereignisse sondern auch eine citation a l'ordre du jour. Der Tagesbefehl, aufgrund dessen Ereignisse vor das Standgericht des journalistischen Prozesses zitiert werden, lautet aber immer auch: Zeige dich in der Monstrosität, die den Aufwand rechtfertigt, der hier getrieben wird.
In journalistischen Artikeln sind es bisweilen die Namen, die herbeizitiert werden. Dies ist nicht nur ein Charakteristikum von Theater- und Buchbesprechungen oder Berichten über sogenannte kulturelle events. Direkte oder indirekte Vergleiche zeugen dabei nicht selten - wohlwollend gedeutet - von einer gewissen Faulheit der Darstellung: Man kann sie mit xyz vergleichen; xyz kann nicht mit zyx verglichen werden - und schon ist es geschehen. Nichts scheint schwieriger, etwas Neues oder Individuelles als das einzuführen, was es ist. Dabei sind nicht jene Vergleiche gemeint, die der Künstler, die Schriftstellerin oder der Regisseur selbst herausfordert, weil er oder sie sich selbst in eine Tradition von Personen und Werken stellt. Es sind jene Vergleiche, in denen sich Journalisten die Mühe ersparen, in dem für sie gewiß engen Rahmen das Besondere oder Bemerkenswerte zu beschreiben. Der Leser soll sich ein Bild machen können, heißt es. Die Frage ist allerdings, ob ein Ereignis angemessen zur Sprache gebracht wird, wenn es einzig über den Vergleich Gestalt annimmt.
Ist der Vergleich einmal etwas anderes als namedropping, das durch Faulheit oder auch Hilflosigkeit der Beschreibung stattfindet, so ist eine weitere Tendenz spürbar: die Auf- oder Abwertung durch die Vermählung eines Namens mit einem anderen. Nicht mehr oder doch mehr geleistet zu haben als xyz wird zum Kriterium für Qualität, ohne daß die Notwendigkeit anerkannt wird, diese im Besonderen nachzuweisen. Solche familiäre Verbindungen von Namen, die Werke als fragwürdige Bastarde oder hoffnungsvolle Sprößlinge der ästhetischen Befruchtung vorstellen, verpassen dem Besonderen eine Stammbaum, mit dem es dann fürderhin leben muß.
Die Koppelung von Faulheit und Gattungsbestimmung ergibt die Neigung zur Etikettierung. Hier werden die Archivare des Journalismus tätig, die meinen, Leser könnten sich ohne ein System von Schubladen nicht orientieren. Diese Schubladen werden umso größer, je mehr die Faulheit überwiegt, und kleiner, je öfter ein Schreibender Schlagwortkataloge oder Lexika bemüht. Hier werden Namen nicht selten zu Synonymen für Richtungen oder sogenannte Weltanschauungen und es macht keinen Unterschied, ob einer dann >>Jünger Freuds<< oder >>Psychoanalytiker<< ist.
Keine Frage, daß die Nennung eines Namens auch Sinn machen kann. So klärt es gerade bei verwendeten Begrifflichkeiten manches, ob ein besprochener Autor im eigenen Namen spricht oder in dem eines anderen. Nicht selten aber staunt der Leser, greift er denn - in der Regel trotz einer Besprechung - doch einmal zu Text, in wessen Namen die Zusammenhänge tatsächlich entfaltet werden. Sicherlich fordert das Tagesgeschäft bisweilen Kommentare zu Schriftereignissen, deren Tradition der Journalist nicht kennt. Vielleicht wird eine gewisse Vorsicht der Neigung gegenüber, Vermeintlichkeiten als Gewißheiten zu verausgaben, wieder journalistische Kultur, wenn zumindet mit dem Gedanken gespielt wird, daß es noch Leser gibt, die sich vergewissern. Und für jene, die aus welchen Motiven auch immer versuchen, Leser für dumm zu verkaufen: Es droht, daß Namen genannt werden.
Ein Zug von Perfidität charakterisiert nun jenes namedropping, mit dem Faulheit und Ahnenforschung vorgespiegelt wird, die Namen aber als Entlarvungsetiketten dienen (ein beliebtes Stilmittel von Rezensenten, die auch im Rahmen einer gewissen Häme die eigene Belesenheit nicht unerwähnt lassen wollen). Solche Namensnennungen sind immer für einen Lacher gut, denn, lieber Leser, wir beide wissen ja ... Aber Vorsicht: Jounalistisches Fraternisieren der Meinung mit der Meinung hat bisweilen den Effekt, daß die Verbrüderung der Vorurteile ausbleibt, weil die Bücher Umberto Ecos mittlerweile weitere Verbreitung gefunden haben als die Michel Foucaults. Doch jene, die Namen zur Stimmungsmache benutzen, wissen dies natürlich, und beschränken sich deshalb darauf, solche zu nennen, die in aller Munde sind, ohne das zu befürchten wäre, daß die Entdeckung des Werks hinter dem Namen stattgefunden hat.
Eine weitere Möglichkeit, durch Namensnennung die Beschäftigung mit der Sache zu ersparen (sich und dem Leser), ist die Spekulation auf das tabu. Je nach redaktionellem Kontext gibt es Positionen, die nicht nur im Sinne einer öffentlichen Meinungshygiene einem Berührungsverbot unterliegen. Allein die Nennung solcher tabuisierter Namen bringt den Autor nicht selten schon unter Verdacht, sich angesteckt zu haben. Es sei denn, er bringt einen anderen Namen mit der persona non grata in Verbindung, darauf spekulierend, daß die Meinungsinfektion das ihre schon bewirken wird. (Tabuverdächtig oder zumindest unter journalistischer Quarantäne zur Zeit: Botho Strauß, Castorf, Heym, PDS, Jünger, Engholm, Barschel, Schimmel, ...; unter Beobachtung: Grass, Schröder, Scharping, Heiner Müller ...)
Je größer die Neigung also, durch namedropping Position zu beziehen, desto geringer die Absicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Flüchtigkeit des Journalismus hat ihren Preis. Das flüchtigste Streifen der Sachverhalte aber könnte bewirken, daß die Erinnerung an manche mit dem Journalismus verbundene Namen nicht vollkommen schwindet, verstellt von Namen, die wahrlich für nichts anderes stehen, als für eine Haltung der Flüchtigkeit.


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