Hans Tennstedt
Das Q im Grass des weiten Felds
Zu Günter Grass, Ein weites Feld, Göttingen (Steidl) 1995
Romane können eine Augenweide sein. Sie nähren
die Sicht, wenn ihre Buchstaben es darauf anlegen,
beim Leser Bilder zu erzeugen. Die an anderen Medien
geschulte Sichtweise empfindet es als Gewinn, daß
die Buchstaben des Textes eines Buches vergessen werden
können, nicht weiter auffallen: Damit der Leser
"in den Sog der Erzählung" gezogen wird,
den Schriftraum und die Schriftzeit vergessen und des
Erzählten inne werden kann, "wie in einem
Film". Deshalb werden Romane der Gegenwart nicht
selten schon als ihre eigenen potentiellen Drehbücher
geschrieben.
In dieser Hinsicht wäre das literarische weite
Feld, das Günter Grass die Hauptfiguren seines
Romans ausschreiten läßt, in Erinnerungen,
Berichten, Dokumenten, Zitaten und vor allem in viel
mehr oder weniger belanglosem Geplauder ein schlechtes
Drehbuch - selbst für einen Film Eric Rohmers.
Die Anregungen, aufgeworfene politische oder gesellschaftliche
Zustände anders zu durchdenken oder zusammen mit
denen, die sie im Roman besprechen, als Irrungen und
Wirrungen nachzuvollziehen, bleiben unterhalb einer
sprachlichen Reizschwelle, in der sie aufregend werden
können. Weshalb die öffentlichen Aufregungen,
die dieses Buch erzeugt, zumindest im Laufe seiner
Lektüre wenig nachvollziehbar erscheinen. Der
Interessantheitsgrad vieler Anspielungen und Schilderungen
überschreitet nur wenig den jener Information,
die der Leser über das Preisniveau von Hamburgern
zur Zeit der Abfassung des Romans erhält.
So erscheint das Buch in weiten Passagen als Brache
eines abgegrasten Feldes und der Leser fragt sich,
was er dort finden soll.
Aus Mangel an reizvollen literarischen Halte- und Reibungspunkten
für die Sicht kehrt das Auge zur Buchstäblichkeit
zurück. Es findet das Q auf der Weide. Es wird
neugierig, folgt seiner Spur und findet schließlich
- auf dem Weg von Q zu Q - zu einer Lektüre, die
zeigt, daß die Fläche eines weiten Feldes
bisweilen den Horizont schafft, vor dem kleine Details
interessant werden, wenn der Blick sich im Großen
und Ganzen verliert.
Der Buchstabe, die Letter Q also. Er kommt dem Gestus
des Großschriftstellers - wie Robert Musil den
Fachmann für das Große und Ganze des weiten
Feldes in der Politik einmal nannte - in die Quere.
In der Typographie des Buches von Günter Grass
hat der Buchstabe Q die Qualität jener störenden
und ihm nicht auffallenden Kleinigkeit, mit der auch
ein Redner zu kämpfen hat, der meint, über
Gott und die Welt Wesentliches mitzuteilen, und sich
fragt, warum die zerstreuten Zuhörer sich mehr
und mehr einem kleinen Geräusch zuwenden, das
bisweilen auftaucht, ohne daß seine Herkunft
oder sein Charakter identifizierbar wären. Und
mancher Redner erinnert sich nur ungern an die unglückliche
Situation, in der er redete und redete - das Publikum
aber nur Interesse an einem Detail hat, zum Beispiel
an seiner schiefsitzenden Fliege. Was ist geschehen,
wird er sich fragen, später, wenn ihm zu Ohren
kommt, daß die Zuhörer sich nur noch an
jene Nebensächlichkeit erinnern, kaum jedoch an
das Gesagte.
Der Buchstabe Q also. Wenn er hier ins Feld geführt
wird, so setzt das voraus, daß er im weiten Feld
des Buches von Grass eine Chance hatte, dem Leser zu
begegnen. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade
weite Felder eignen sich besonders dazu, überflogen
zu werden, und fordern dazu heraus, solchen Überflug
anderen zu überlassen: Die Neigung zur Teilhabe
an Stellvertreterlektüren ist nicht nur eine Folge
literarischer Talkshows. Jeder also, der das Buch von
Günter Grass wirklich einmal aufgeschlagen und
darüber hinaus auch hier und da gelesen hat, wird
sich daran erinnern: Das Q im Grass des weiten Feldes.
Es ist ein eigentümliches typographisches Q. Die
Letter Q erhebt sich auf der Unterlänge eines
Schnörkels von der Oberfläche des Textspiegels
und stellt sich auf die Hinterbeine. Was zunächst
als Null mit angeklebter Tilde erscheint, beginnt in
der Aufmerksamkeit Spuren zu hinterlassen. Es zeigt
sich, daß die Letter Q ein Feld erschließt,
das die in ihm immer wieder auftauchende Kunstfigur
des Archivs absteckt, das die Archivare des Romans
von Grass erahnen: "Quatsch".
"Wir sind", heißt es aus der Perspektive
dieser Archivare, "Wir sind keine Graphologen
und können, bei aller archivalischen Gründlichkeit,
nur laienhaft auslegen, was uns kalligraphisch als
Brief oder Manuskript vorliegt; dennoch sei ein Versuch
gewagt. Besonders fallen bei der Tintenschrift die
schleifigen oder - beim doppelten s nach damaliger
Schreibweise - alle von oben nach unten gezogenen Abstriche
wegen ihrer Unterlängen ins Auge. Flüchtigem,
wie von Eile diktiertem Bleistiftgekritzel gelingen
nur selten offene, mit angeblicher Sinnenlust ausschweifende
Schleifen; so finden sich auf dem uns vorliegenden
Blatt, etwa bei dem Wort "Quatsch", nicht
nur beim h im abschließenden sch, sondern
auch beim langen s keine diese auf Triebhaftigkeit
verweisenden Unterlängen. (Günter Grass,
Ein weites Feld, Göttingen 1995, S. 246f)
Nun sind tatsächlich vor allem die von oben nach
unten gezogenen literarischen Abstriche, die der Leser
angesichts des weiten Feldes archivalischer Gründlichkeit
machen muß, auffällig. Das Q im Textspiegel
des Buches aber zeigt, daß in seinen Unterlängen
ein Rest Triebhaftigkeit erhalten bleibt, die sich
in den Längen des Obertextes ausgetrieben findet.
Es dauert eine ganze Weile, bis das Q im Grass des weiten
Feldes ein erstes Mal Auftrieb erhält: Nicht dort,
wo das "Gespräch über den Wert von Gebrauchslyrik
verebbte" (S. 20), wie man meinen könnte.
Dort hätte es wohl nur auftauchen können,
wenn die Archivare sich den Kommentar dazu nicht erspart
hätten und bei dieser Gelegenheit auch auf den
Wert von Gebrauchsliteratur zu sprechen gekommen wären.
Nein, "bei den Mauerspechten" des ersten
Kapitels des Ersten Buches zeigt sich noch kein Q.
Damit das erste Q auftauchen kann, muß es "annähernd
schottisch" werden: "Quatsch! Wenn einer
redet, dann Fonty, irgendwas über Jenny Treibel."
(S. 28) Nach diesem "Quatsch dauert es ganze sieben
Seiten, bis das Q den Archivaren erneut in die Quere
kommt: ">In Qualm und Brand hielt er das Steuer
fest in der Hand ...< - Hoffnung auf bessere Zeiten,
auf freieres Wort, auf nachlassende Zwänge (...)"
(S. 35).
Es ist das Q im Grass des weiten Feldes, das für
dieses ein wenig Hoffnung läßt. Und so folgt
ihm der Leser. Und er wird aufmerksam: "Wir kannten
Fontys Hang zum alles einbeziehenden Rückgriff.
Das Archiv wußte, welche Quellen er abschöpfte
und daß sein Blick auf Landschaften, die sich
als Schlachtfelder bewiesen hatten, übersättigt
war." (S. 72) Das Q im Grass des weiten Feldes
wird zur "Quelle" zwischen "Quatsch"
und "Qualm" - und so korrespondiert das Q
als Quelle auch dem "Fonty" des weiten Feldes,
wenn auch weniger als Fontäne denn als Zisterne
oder besser Reservoir des Niederschlages an Sinn, in
dem das Q immer wieder untertaucht:
"Als geeichte Archivare kennen Sie diesen Tick.
Alles, selbst der kompletteste Unsinn war ihm bedeutsam.
Sogar Quittungen über zwei Biere zu zweimal Bockwurst
und lange Gesprächsprotokolle von Nichtigkeiten
sammelte er, um sie zu vernichten oder für späteren
Bedarf aufzubewahren. (S.88)
So gelangt, wer dem großen Q auf der Spur bleibt,
hinter die Kulissen des Archivs, und findet sich unversehens
in einem Spiegelkabinett, das Angesichts der Zerrbilder,
die es von anderen Schriftstellern bietet (Hauptmann
und Müller zum Beispiel) der Erkundungen eines
Arno Schmidt würdig wäre, fände die
Figur des DP, des Dichterpriesters noch irgendein gegenwärtiges
Interesse:
"Leider sind auch ihre Altersstücke von ähnlicher
Mache. Aufgedonnerter Kulissenzauber. Beim einen reizt
mystischer Qualm die Lachnerven, der andere bietet
verwursteten Shakespeare und Grausamkeiten als Dutzendware."
(S. 94)
Doch die Verwurstung von Quellen ist ein weites Feld.
Was "reich an Zitaten und schillernden Querverweisen
ist" (S. 130), muß sich notwendiger Weise
auch mit der "Qualität" der Emittenzen
dessen auseinandersetzen, der angesichts "dicker
Lungentorpedos" den "Qualm" zur "Quelle"
des Unverständlichen macht. (S. 133f)
Wenn über das Q im Grass des weiten Feldes aber
auch die "Qual" auftaucht, so schuldet sich
das nicht so sehr dem mystischen Qualm, den wegzublasen
das Buch immer wieder Atem holt - um die Gefährlichkeit
der Literatur demgegenüber an Mathilde Möhring
zu erweisen ... (vgl. S. 658f) So bleiben das weite
Feld der Literatur und das Auftauchen des Q in ihm
schließlich doch jener Zwitter aus Literatur
und Gequatsche (vgl. S. 613f und passim), denen gegenüber
der Autor feststellen kann: "Quitt."