Ulf Winckler
Rocky Schlingensief, 96
Eines hat Christoph Schlingensief mit seiner Inszenierung
Rocky Dutschke, 68 an der Berliner Volksbühne
erreicht: Zuschauer und Kritiker bekunden ein profundes
Interesse an dem, was auf beiden Seiten des Darms den
menschlichen Körper verläßt. Sie erhalten
wieder eine Ahnung davon, daß es sich dabei nicht
immer um einen Vorgang des natürlichen Stoffwechsels
handelt, sondern manchmal auch um einen Gestus: Was
herauskommt ist mehrschichtig und Kritiker spüren
allmählich, daß solche Hervorbringungen
etwas sagen sollen und wollen. Daß sie es in
Pausengesprächen und Feuilletons dennoch auf Scheiße
und Kotze reduzieren, zeigt die Sehnsucht nach Eindeutigkeit.
Es ist dies, was Schlingensief zunächst rechtgibt:
Sehnsüchte zu enttäuschen, indem er mit ihnen
spielt.
Der Rest steht auf einem anderen Blatt. Insofern haben
manche Kritiker und manche Zuschauer recht: Rocky Dutschke,
68 macht den Eindruck eines Ausagierens, bei dem keiner
so recht mitbekommt, was eigentlich ausagiert wird.
Man könnte meinen: theatralische Grausamkeiten.
Nichts bleibt verschont. Nichtigkeit, die jedes Bild
erfaßt, wenn es gerade angefangen hat, sich mit
der Erfahrung herumzuquälen, daß es seiner
eigenen Notwendigkeit nicht auf die Spur zu kommen
vermag.
Liegt der Reiz des Theaters heute wirklich in nichts
anderem, als Mimesis an Filmen zu üben, die den
Zuschauern das eigene Zappen ersparen, weil sie es
zu ihrem Konstruktionsprinzip gemacht haben? Theater
heute sieht, so will es zeigen, in Geschichte und Gegenwart
die Pest und will ihren Rausch verdoppeln. Tatsächlich
doublieren viele Inszenierungen aber nicht mehr als
Vermeintlichkeiten über die Pest. Artaud, der
die Programmatik des Theaters der Pest aufgestellt
hat, gilt als zu bewundernder Vorvater - ungeachtet
der Tatsache, daß er sich selbst als seine eigene
mutter- und vaterlose Hervorbringung wähnte. Die
Inszenierungen seiner Söhne und Enkel erscheinen
als Kopfgeburten und verfehlen das Programm eines Theaters
der Grausamkeiten, indem sie die einzige Grausamkeit
begehen, die das Theater nicht verkraftet: Sie treiben
es ab, bevor es eine Chance hat, sich neu zu erzeugen.
Und sie scheinen nichteinmal zu ahnen, daß manche
sich avantgardistisch gerierende Revue nichts anderes
ist, als der Zwilling des Musicals, gegen das das untergehende
Theater Front machen will. Als solch ein Zwilling ist
es aber ebenfalls Versuch der künstlichen Befruchtung
eines Raumes, der sich nicht mehr erzeugt.
Womit also geht das Theater heute schwanger, daß
es in extenso scheißen und kotzen müssen
will, weil nichts anderes herauskommt? Mit einem Vakuum.
Und wir warten auf diejenigen, die es implodieren machen,
damit es sich mit all den Bildern vollsaugen kann,
die es tatsächlich zum Double der gesellschaftlichen
Pest machen, die von manchen Inszenierungen auf ihre
Karikatur reduziert wird: Darmgrippe.