Text-Nummer: 0038

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2910
Verfasser(in): Ulf Winckler
Geschrieben am: 19.05.1996
Kürzel: win
Originaltitel: Rocky Schlingensief, 96
Copyright: Ulf Winckler
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Ulf Winckler

Rocky Schlingensief, 96

Eines hat Christoph Schlingensief mit seiner Inszenierung Rocky Dutschke, 68 an der Berliner Volksbühne erreicht: Zuschauer und Kritiker bekunden ein profundes Interesse an dem, was auf beiden Seiten des Darms den menschlichen Körper verläßt. Sie erhalten wieder eine Ahnung davon, daß es sich dabei nicht immer um einen Vorgang des natürlichen Stoffwechsels handelt, sondern manchmal auch um einen Gestus: Was herauskommt ist mehrschichtig und Kritiker spüren allmählich, daß solche Hervorbringungen etwas sagen sollen und wollen. Daß sie es in Pausengesprächen und Feuilletons dennoch auf Scheiße und Kotze reduzieren, zeigt die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Es ist dies, was Schlingensief zunächst rechtgibt: Sehnsüchte zu enttäuschen, indem er mit ihnen spielt.
Der Rest steht auf einem anderen Blatt. Insofern haben manche Kritiker und manche Zuschauer recht: Rocky Dutschke, 68 macht den Eindruck eines Ausagierens, bei dem keiner so recht mitbekommt, was eigentlich ausagiert wird. Man könnte meinen: theatralische Grausamkeiten. Nichts bleibt verschont. Nichtigkeit, die jedes Bild erfaßt, wenn es gerade angefangen hat, sich mit der Erfahrung herumzuquälen, daß es seiner eigenen Notwendigkeit nicht auf die Spur zu kommen vermag.
Liegt der Reiz des Theaters heute wirklich in nichts anderem, als Mimesis an Filmen zu üben, die den Zuschauern das eigene Zappen ersparen, weil sie es zu ihrem Konstruktionsprinzip gemacht haben? Theater heute sieht, so will es zeigen, in Geschichte und Gegenwart die Pest und will ihren Rausch verdoppeln. Tatsächlich doublieren viele Inszenierungen aber nicht mehr als Vermeintlichkeiten über die Pest. Artaud, der die Programmatik des Theaters der Pest aufgestellt hat, gilt als zu bewundernder Vorvater - ungeachtet der Tatsache, daß er sich selbst als seine eigene mutter- und vaterlose Hervorbringung wähnte. Die Inszenierungen seiner Söhne und Enkel erscheinen als Kopfgeburten und verfehlen das Programm eines Theaters der Grausamkeiten, indem sie die einzige Grausamkeit begehen, die das Theater nicht verkraftet: Sie treiben es ab, bevor es eine Chance hat, sich neu zu erzeugen. Und sie scheinen nichteinmal zu ahnen, daß manche sich avantgardistisch gerierende Revue nichts anderes ist, als der Zwilling des Musicals, gegen das das untergehende Theater Front machen will. Als solch ein Zwilling ist es aber ebenfalls Versuch der künstlichen Befruchtung eines Raumes, der sich nicht mehr erzeugt.
Womit also geht das Theater heute schwanger, daß es in extenso scheißen und kotzen müssen will, weil nichts anderes herauskommt? Mit einem Vakuum. Und wir warten auf diejenigen, die es implodieren machen, damit es sich mit all den Bildern vollsaugen kann, die es tatsächlich zum Double der gesellschaftlichen Pest machen, die von manchen Inszenierungen auf ihre Karikatur reduziert wird: Darmgrippe.


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