Text-Nummer: 0041

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen:1478
Verfasser(in): David Ingrim
Geschrieben am: 23.05.96
Kürzel: DI
Originaltitel: Berlin für Touristen (2)
Berliner Mauern
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am:
Copyright: David Ingrim
Übersetzungstitel:
Übersetzer(in):
Copyright Übersetzung:
Diskussion/Leserbriefe:

David Ingrim

Berlin für Touristen (2)

Berliner Mauern

Touristen sollten sich nicht einreden lassen, daß es keine Mauer mehr gibt. Auch das ist eine Erfindung der Tourismusgegner. Überall in Berlin gibt es Mauern. Ein zeitgemäßer Reiseführer hätte nur darauf hinzuweisen, daß die gewohnten U-Bahnstationen nicht mehr die einzigen Ausgangspunkte für Mauerbesichtigungen sind. Inzwischen führt fast jede Station zum Ziel.
Denn da in der deutschen Hauptstadt zur Zeit fast überall gebaut wird, wird auch fast überall abgerissen. Und da zur Zeit fast überall noch nicht gebaut wird, hat der Tourist die einmalige Gelegenheit, besondere Mauern in Fülle zu sehen. Brandmauern zum Beispiel, bei denen sich mancher Betrachter fragt, wie es denn möglich ist, das hier ein Stein auf dem anderen bleibt. Der Tourist mag sich nicht täuschen: Es hält. Der Versuch ist zwecklos, sie dadurch zum Einsturz bringen zu wollen, daß man einen der unteren losen Steine mitnehmen will.
Für Touristen aber, die weniger daran interessiert sind, Souvenirs aus Berliner Mauern heimzuschleppen, sei auf jene Mauern hingewiesen, auf denen sich alte Reklamesprüche zeigen. Denn hier offenbart sich: Die ganze Bautätigkeit in Berlin dient eigentlich dazu, der eigenen Geschichte auf die Spur zu kommen. Der Tourist ahnt angesichts solcher Mauersprüche, daß es des Wiederaufbaus des alten Stadtschlosses in Berlin-Mitte gar nicht bedarf. Denn wie könnte er mehr über eine Stadt erfahren, als angesichts des Wortes "Drogen", dem das typographisch fremde und farblichverblaßte r aus seinem mürben Putz gefallen ist. Für Touristen aber, denen solche rebus zu morbide sind, bleiben immer noch andere Rück- und Ausblicke auf Berliner Mauern: Verlassen Sie den U-Bahnhof Gesundbrunnen durch den Ausgang in Fahrtrichtung Wittenau und schauen Sie sich um. Richtig, das U-Bahngebäude steht unter Denkmalschutz.


This text is a Ragman�s Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman�s Rake. e-mail: [email protected]