Text-Nummer: 0042

Schaltung am: 01.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3177
Verfasser(in): David Ingrim
Geschrieben am: 25.05.1996
Kürzel: DI
Originaltitel: Berlin für Touristen (3)
Orientierungshilfen
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Copyright: David Ingram
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David Ingrim

Berlin für Touristen (3)

Orientierungshilfen

Es gilt, dem Gerücht entgegenzutreten, daß "Berlin für Touristen" diese an der Nase herumführen will. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist auch nicht beabsichtigt, Touristen in allgemeinen Betrachtungen herumirren zu lassen. Davon erleben sie bei Ausflügen mit der "Weißen Flotte" genug. (Gemeint sind die Schiffsfallen, aus denen Touristen lange nicht wieder herauskommen, wenn sie sich zu einer Rundfahrt auf Kanälen, Seen oder der Spree haben hinreißen lassen. Für ihren Leichtsinn werden sie in der Regel mit verschärften Allgemeinplätzen über solche bestraft. Insofern ist "Berlin für Touristen" höchsten eine Vorübung.)
Im Grunde bietet "Berlin für Touristen" jedoch ein anderes Programm. Dieses dient nicht, wie manches sonst Angebotene, der innerstädtischen Deportierung von Touristen, sondern der Ermutigung, angeleitet von kleinen Fingerzeigen, der eigenen Findigkeit zu vertrauen. Um Orientierungshilfen also geht es.
Hierzu bedarf es zunächst eines Stadtplanes. (Touristen wird empfohlen - etwas Werbung muß sein - sich zunächst eines Falk-Planes zu bemächtigen. Zwar ist es in Berlin noch nicht ganz so weit, daß - wie in manchen anderen Großstädten - die sich aufblähenden Papierfahnen anderer Stadtpläne Straßenräubern als untrügliche Zeichen für willige Opfer gelten. Aber man muß diese Entwicklung ja nicht unbedingt befördern.) Da es bei kleinen Fingerzeigen nicht ausbleiben kann, bisweilen Hausnummern zu nennen, sei der Tourist zunächst mit einer Besonderheit bekannt gemacht. Denn in Berlin gibt es drei Möglichkeiten, eine Hausnummer zu finden:
Die erste Möglichkeit besteht darin, daß man auf einer Straße etwa einen Kilometer in eine Richtung läuft, dann auf der anderen Straßenseite einen Kilometer zurück, um dann festzustellen, daß die Nummer 350 genau gegenüber der Nummer 1 liegt.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, daß man sich darüber wundert, daß es in einer Straße nur gerade Nummern zu geben scheint, obwohl man schon mehrere Blocks auf derselben Seite gelaufen ist.
Und die dritte Möglichkeit ist, ein Taxi zu nehmen und darauf zu vertrauen, daß der Taxifahrer noch scharfsichtig und willens genug ist, die kleinen Zahlen, die auf dem Stadtplan neben die Straßen gedruckt sind, richtig zu deuten.
Man kann diese Möglichkeiten aber auch außer acht lassen und nach dem glücklichen Finden der richtigen Straße einen Passanten fragen. Dann geht man halt dessen Fingerzeig nach und hebt sich den Hinweis in "Berlin für Touristen" für einen späteren Besuch auf.
Um also gleich das Versprechen vom Anfang einzulösen: Es gibt eine Adresse, die sich Berlintouristen unbedingt notieren sollten. Es handelt sich um die Hardenbergstr. 4-5. Hier findet der Tourist die angeblich größte Buchhandlung Berlins - und in dieser nicht nur die angepriesene Orientierungshilfe, sondern auch andere Papierfahnen jeder Größe (falls er doch etwas für den Ruf Berlins als Großstadt tun will). Außerdem kann der Tourist hier die Erfahrung machen, warum er zukünftig besser "kleinen Fingerzeigen" nachgeht, will er nicht mindestens einen Aufenthaltstag mit der Suche nach Orientierungshilfen verbringen.


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