Hans Tennstedt
Publizistisches Paradox
Zum Erscheinen von Samuel Becketts "Traum von mehr bis minder schönen Frauen", aus dem Englischen von Wolfgang Held, Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1996
Das Schicksal mancher Bücher ist, daß sie
Patina angesetzt haben, bevor sie gelesen werden konnten.
Das Schicksal mancher Bücher ist aber auch, daß
ihnen die Patina verpaßt wurde, wie dem Konfirmanden
ein schlecht sitzender Anzug oder der eleganten Dame
im Kleinen Schwarzen ein Paar Filzpantoffeln. Zu diesen
Bücher gehört das neueste Buch von Samuel
Beckett.
Und es ist das neueste Buch, auch wenn es vor sechzig
Jahren geschrieben wurde, 1932, "in einem Zimmer
des Pariser Hotels Trianon in der Rue de Vaugirard",
wie der Waschzettel des Buches weiß. Die Veröffentlichung
des Buches: Natürlich gab es keinen triftigen
Grund, sie zu verhindern. Weder von der Seite des Autors,
noch, davor, von der Seite all jener Verleger, die
besseres auf Lager zu haben meinten.
(Man weiß nicht, ob man die Selbstverleugnung
oder die Dreistigkeit des Suhrkampverlages mehr bewundern
soll, der Tabori zu Wort kommen läßt: "Beckett
stand in seinem dritten Lebensjahrzehnt, als er diesen
Roman schrieb, der natürlich von allen Verlegern
jener Periode so taub wie blind abgelehnt wurde."
So macht man sich im Hause Suhrkamp über die Vergangenheit
lustig - und erhebt sich, während man in der Gegenwart
wieder die Augen verschließt. Kurz: Es ärgert
schon, den Verlag mit einem solchen Zitat werben zu
sehen, der sich etwa einem Buch wie der "Tilgweise"
Robert Stillers gegenüber taub und blind verhält.)
So herausfordernd scheint der frühe Text Becketts
zu sein, daß es noch einer dritten "Information"
auf dem Waschzettel bedarf. Sie stammt von Wolfgang
Held, dem Übersetzer:
"Es ist ein erstaunlich ausgeformtes, höhen-
und tiefentrunkenes, zynisch-saturnisch schillerndes,
psychotisch-satirisch-puritanisch-faunisches Werk,
voll subtiler Vulgarismen und Sophismen (...)"
Psaw! Darauf wird zurückzukommen sein.
Warum aber - nach all diesen Einrahmungen des Umschlags
- es noch lesen? Warum dem "Traum von mehr bis
minder schönen Frauen" nachgeben? Aus Trotz.
Nicht gegen Taboris Bemerkungen, der den Text "für
ein Geschenk in dieser Sauregurkenzeit des Lebens und
des Schreibens" hält. Sondern mit dem Eigensinn
des Lesers, der sich wiedereinmal der Tatsache vergewissern
möchte, was das eigentlich ist: lesen. Tabori
schlägt vor, das Buch möge laut gelesen werden,
"am besten in Gegenwart einer Person des anderen
Geschlechts." Aber das wäre schon die Hohe
Schule der Selbstverführung - denn wo finden sich
noch Frauen und Männer mit solchem Stehvermögen?
Geschweige denn mit solchem Verstehenmögen.
Im Zeitalter der literarischen Quickies, den textlichen
one-night-stands, mit denen Buch um Buch abgehakt werden,
ist Becketts "Traum" ein Alptraum wie "Finnegans
Wake". Und welcher Leser setzt sich noch den Partituren
jener manifesten Trauminhalte aus, wenn ihm die Literaturwissenschaft
dazu einen x-beliebigen latenten Traumgedanken als
abstract liefert? Becketts neuestes Buch lesen heißt
also: träumen.
Die Gelegenheiten dazu sind rar geworden. Wann fügt
es sich schon, daß ein Fernseher seinen Geist
aufgibt und sein Fernseher just in diesem Moment zu
Becketts neuestem Buch greift, um zu erfahren, daß
das Zappen ihn dem aktiven Träumen entrückt
hat? Wer noch erwartet eine Partitur, in der die Resultate
der Traumarbeit eines Einzelnen niedergeschrieben sind,
statt jene in Schrift gebannten Filme, die werder Latenz
noch Manifestation von Träumen kennen, sondern
nur noch die Vorstellungsräume, die der Lektor
versteht und die er "Akzeptanz des Marktes"
und "lesbares Buch" nennt? Dies ist das Paradox
des neuesten Buches von Beckett: Nach der Logik verlegerischer
Publizistik hätte es auch heute eigentlich nicht
erscheinen dürfen. Aber sein Verlag spekuliert
darauf, daß der Name zieht. So wird es sich verkaufen.
Aber wird der "Traum von mehr bis minder schönen
Frauen" auch geträumt? Denn wann schon gibt
ein Fernseher seinen Geist auf - und überläßt
sich dem des Schriftstellers, der bei der Niederschrift
nicht schon ein potentielles Drehbuch im Kopf hat,
sondern die rebus der Manifestationen seines Traumes
von Literatur.
Dies ist keine Aufforderung, das neueste Buch von Beckett
zu kaufen, aber eine Anregung, es sich oder einem oder
einer anderen zustoßen zu lassen. Geschieht dies,
so erwarte man nicht zuviel, sondern zunächst
garnichts. Sonst wird man von manchem verärgert
sein, denn das Buch enthält, was ein Traum nun
einmal enthält: Verdichtungen und Verschiebungen,
rebus der Blödheit und Klugheit, Gedanken, die
sich vor allem dann nicht selbst verstehen, wenn sie
sich von selbst verstehen. Psaw!
Vor allem aber erwartet die Leser eines: Arbeit. Traumarbeit.
Und der Lohn? Na, eben der eines jeden Traums. In diesem
Fall die Erfüllung des Wunsches, endlich wieder
einmal die Traumzeit zu finden, ein gutes Buch zu lesen.
Und um zumindest einen Grund zu liefern, sich diesen
Wunsch nicht zu erfüllen:
"Und verbale Retina", sagte sie, "kapiere
ich nicht. Kann ein Wort eine Retina haben?" (S.
226)