Text-Nummer: 0067

Schaltung am: 29.06.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3128
Verfasser(in): Ulf Winckler
Geschrieben am: 29.06.1996
Kürzel: win
Originaltitel: Unterwegs
Copyright: Ulf Winckler
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Ulf Winckler

Unterwegs

Alexander Kluge ist ein medienpolitischer Stratege. Sein neuester Coup: Eine Reihe von Filmen des "Neuen Deutschen Films" bei Vox. Zur mitternächtlichen Stunde wird der Geist der sechziger und siebziger Jahre heraufbeschworen. Und Vox entblödet sich nicht, auch diesen Geist mit Werbespots austreiben zu wollen. Aber Alexander Kluge ist auch ein medienpolitischer Taktiker. Und so sorgt er dafür, daß einer der ersten Filme dieser Reihe Wim Wenders "Alice in den Städten" ist.
Dieses Roadmovie nach mehr als 20 Jahren wiederzusehen, ist eine Begegnung der unheimlichen Art. Wenn Vogler in einem amerikanischen Motel den Fernseher als Vergegenständlichung des "unmenschlichen" Blicks der Werbung auf den Zuschauer zerstört, so wirkt das weniger terroristisch als der brutale Schnitt, durch den bunte Werbebilder der Form des Films der siebziger Jahre den Todesstoß versetzen. Da sind wir also durch. Hat es Kluge erreicht: Der Geist des Schwarz-Weiß-Films ist endlich zur Ruhe gekommen? Nein. Im Gegenteil. Der Schock weckt. Die Antizipation des bunten Grauens in der dargestellten alltäglichen Grausamkeit eines Amerikas der siebziger Jahre wird deutlicher und die aus der Ferne herüberwehenden Bilder einer Odyssee zeigen dem Zuschauer, wie nah er sich selbst ins Gesicht blickt. Die Präsentation des Wenders-Filmes bei Vox ist des Ende der Gemütlichkeit. Alle Aufmerksamkeit für die Geschichte, ja, diese selbst erhält einen Stich ins Vergilbte. Wir beginnen, in den Erinnerungsalben einer Form zu blättern, die ausgestorben ist. Wir sagen nicht mehr: Wißt ihr noch ... die Siebziger ... wie wir Chuck Berry zu Füßen saßen und davon träumten die Road 66 entlangzufahren. Wir sagen: Wie konnten wir übersehen, daß diese Straße direkt in eine Wuppertaler Eisdiele führt? Wir sagen nicht mehr: der Journalist, sondern: Rüdiger Vogler. Und wir wissen, daß er bald Zischler treffen und mit diesem im Lauf der Zeit durch deutsches Niemandsland touren wird, und, ach ja, auch die Bleibtreustraße in Berlin ist schon eine Art Niemandsland. Wir sagen nicht mehr: die kleine Alice, sondern: die kleine Yella Rottländer, und fragen uns, was aus dieser wohl geworden ist. Anfang dreißig müßte sie jetzt wohl sein ... Wim Wenders Wunderland hat Patina angesetzt, sagen wir, und Alexander Kluge hat es uns entzaubert.
Aber wir spüren, daß wir lügen. Vielleicht, weil wir wütend sind. Denn tatsächlich kämpfen wir mit einem Geist. Und wir fürchten uns vielleicht auch davor, daß er doch nicht zur Ruhe gekommen ist. Denn, nach alledem, was wäre, wenn die Reise doch noch nicht zuende wäre?
Wann hat ein kleines Mädchen in einem deutschen Film das letzte Mal so in die Sonne geblinzelt wie die kleine Alice in jener Eisdiele unter der Wuppertaler Schwebebahn zu dem Gebrumme von Canned Heat? Und wann ist einem kleinen Mädchen in einem Film schöner der Appetit auf Eis vergangen, als in "Alice in den Städten"? Wir bemerken, daß wir nicht gezappt haben. Wir haben den Fernseher erst um zweiuhrfünfzehn ausgeschaltet. Und wir haben dann ganz ruhig dagesessen und gespürt, daß etwas geschehen ist. Und daß etwas geschehen muß.


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