Ulf Winckler
Unterwegs
Alexander Kluge ist ein medienpolitischer Stratege.
Sein neuester Coup: Eine Reihe von Filmen des "Neuen
Deutschen Films" bei Vox. Zur mitternächtlichen
Stunde wird der Geist der sechziger und siebziger Jahre
heraufbeschworen. Und Vox entblödet sich nicht,
auch diesen Geist mit Werbespots austreiben zu wollen.
Aber Alexander Kluge ist auch ein medienpolitischer
Taktiker. Und so sorgt er dafür, daß einer
der ersten Filme dieser Reihe Wim Wenders "Alice
in den Städten" ist.
Dieses Roadmovie nach mehr als 20 Jahren wiederzusehen,
ist eine Begegnung der unheimlichen Art. Wenn Vogler
in einem amerikanischen Motel den Fernseher als Vergegenständlichung
des "unmenschlichen" Blicks der Werbung auf
den Zuschauer zerstört, so wirkt das weniger terroristisch
als der brutale Schnitt, durch den bunte Werbebilder
der Form des Films der siebziger Jahre den Todesstoß
versetzen. Da sind wir also durch. Hat es Kluge erreicht:
Der Geist des Schwarz-Weiß-Films ist endlich
zur Ruhe gekommen? Nein. Im Gegenteil. Der Schock weckt.
Die Antizipation des bunten Grauens in der dargestellten
alltäglichen Grausamkeit eines Amerikas der siebziger
Jahre wird deutlicher und die aus der Ferne herüberwehenden
Bilder einer Odyssee zeigen dem Zuschauer, wie nah
er sich selbst ins Gesicht blickt. Die Präsentation
des Wenders-Filmes bei Vox ist des Ende der Gemütlichkeit.
Alle Aufmerksamkeit für die Geschichte, ja, diese
selbst erhält einen Stich ins Vergilbte. Wir beginnen,
in den Erinnerungsalben einer Form zu blättern,
die ausgestorben ist. Wir sagen nicht mehr: Wißt
ihr noch ... die Siebziger ... wie wir Chuck Berry
zu Füßen saßen und davon träumten
die Road 66 entlangzufahren. Wir sagen: Wie konnten
wir übersehen, daß diese Straße direkt
in eine Wuppertaler Eisdiele führt? Wir sagen
nicht mehr: der Journalist, sondern: Rüdiger Vogler.
Und wir wissen, daß er bald Zischler treffen
und mit diesem im Lauf der Zeit durch deutsches Niemandsland
touren wird, und, ach ja, auch die Bleibtreustraße
in Berlin ist schon eine Art Niemandsland. Wir sagen
nicht mehr: die kleine Alice, sondern: die kleine Yella
Rottländer, und fragen uns, was aus dieser wohl
geworden ist. Anfang dreißig müßte
sie jetzt wohl sein ... Wim Wenders Wunderland hat
Patina angesetzt, sagen wir, und Alexander Kluge hat
es uns entzaubert.
Aber wir spüren, daß wir lügen. Vielleicht,
weil wir wütend sind. Denn tatsächlich kämpfen
wir mit einem Geist. Und wir fürchten uns vielleicht
auch davor, daß er doch nicht zur Ruhe gekommen
ist. Denn, nach alledem, was wäre, wenn die Reise
doch noch nicht zuende wäre?
Wann hat ein kleines Mädchen in einem deutschen
Film das letzte Mal so in die Sonne geblinzelt wie
die kleine Alice in jener Eisdiele unter der Wuppertaler
Schwebebahn zu dem Gebrumme von Canned Heat? Und wann
ist einem kleinen Mädchen in einem Film schöner
der Appetit auf Eis vergangen, als in "Alice in
den Städten"? Wir bemerken, daß wir
nicht gezappt haben. Wir haben den Fernseher erst um
zweiuhrfünfzehn ausgeschaltet. Und wir haben dann
ganz ruhig dagesessen und gespürt, daß etwas
geschehen ist. Und daß etwas geschehen muß.