Hans Tennstedt
Dudendünkel
Nun steht also der neueste Duden ins Haus, in jedes
Haus, denn das friedliche Neben- und Miteinander unterschiedlicher
Auflagen, Bodensatz kleiner Verschiebungen des Sprachgebrauchs
in den Zeitläuften, hat ein Ende. Ein grandioser
wirtschaftlicher Coup, gewiß. In Zeiten der ökonomischen
Krisen sind einem Verlag die Millionenauflagen gewiß.
Glückwunsch.
Noch ist nicht zu ermessen, welche Folgen dieser Setzungsakt
hat: kurz- und mittelfristig finanzielle für die
Länder, langfristig sprachliche für jene
Texte, die in einigen Jahren aufgrund der überkommenen
Brechungen in ihrem Textspiegel Patina angesetzt haben
werden. Es ist noch gar nicht absehbar, welche Gewalt
man ihnen angetan hat, denn sie werden irgendwie komisch
wirken, angestaubt, veraltet. Auch jene Texte, in denen
über die Generationen kommuniziert wird, die sich
heute noch so frisch darstellen, wie zum Zeitpunkt
ihrer Abfassung. Dann werden jene, deren Augen heute
neu konditioniert werden sollen, zu Lesern geworden
sein, die angeblich nicht "Zielgruppe" des
Setzungsaktes sind: "Experten", Schriftsteller,
Wissenschaftler.
Es ist bisher kaum diskutiert worden, ob eine Generation
überhaupt das Recht hat, die Weichen der Skripturalität
durch Setzungsakte neuer Regeln zu stellen, und ältere
Texte damit auf ein Abstellgleis zu schieben. Nach
langer Zeit wurde wieder ein kollektiver Eingriff in
die Sprachregelung vorgenommen, über dessen Berechtigung
auch auf diesem Hintergrund zu streiten wäre.
Nun ist es zu spät. Eine fragwürdige Pragmatik
hat sich durchgesetzt.
Dabei löst der Duden ein Problem, das er selbst
erzeugt hat. Die Dünkelhaftigkeit des Verkehrspolizisten
bei kleineren oder größeren Regelverstößen
hat ihm immer angehaftet. Und Generationen von Lehrern
haben mit seinem erhobenen Zeigefinger das Bußgeld
der schlechten Noten eingetrieben, das für viele
Schüler gleichbedeutend mit dem Entzug der Fahrerlaubnis
im gesellschaftlichen Verkehr war. Nun, da die Straßen
sich zu leeren drohen und mehr und mehr Schüler
sich als zu bestimmten Disziplinierungen unfähig
erweisen, da Oralität die Skripturalität
mehr und mehr verdrängt (vergleiche die neueste
Werbung für Windows 95, in der dem Schreiben ganz
offen der Kampf angesagt wird), wird das Korsett der
Regelzwänge gelockert.
Die friedliche Koexistenz zwischen Schrift und Sprechen
ist dahin. Und alle die kleinen Durchdringungen an
ihren Rändern und Schnittstellen, an denen der
durchs Sprechen und die Sprache gewachsene Schnabel
an den Wortbrocken und Grammatiknetzen des Dudens pickte.
Faktisch wird das Netz nicht weitmaschiger, sondern
enger zusammengezogen. Und wieder wird der erhobene
Zeigefinger dem Undisziplinierten bedeuten: Wenn Du
nichteinmal diese einfachen Regeln verstehst ...
Die Einführung von Schülern in die symbolische
Ordnung der Normsprache mit ihren "Gesetzen"
gehört sicherlich zur Beschneidung der Individualität.
Und sie ist nötig, damit der gesellschaftliche
Verkehr nicht im Chaos endet und Kommunikation unmöglich
wird. Doch drohte das wirklich? Der Setzungsakt der
"Reform" erzeugt eine neue Qualität.
Bisher haben sich die Planer des dudengeregelten Verkehrs
darauf beschränkt, kleine Verschiebungen im Gebrauch
der Sprache nachträglich zu kodifizieren. Der
fortschreitend sich verallgemeinernde Sprachgebrauch
wurde in Abständen zur Norm erhoben. Wechselseitige
Beeinflussung von Schreibenden und Lesenden untereinander
bearbeitete das Sprachmaterial und veränderte
es. Heute wird das erbärmliche Argument von Oberlehrern,
die sich mit Störungen der Norm nicht auseinandersetzen
wollen und sollen, erneut unterfüttert: Wenn Du
mal Schriftsteller bist, dann darfst Du das. Setzen,
fünf.
Warten wir aber die Erfahrungsberichte der Praxis ab.
Denn auch Setzungsakte erzeugen bisweilen eine Chaotisierung,
in die der Befolgungsdrang von Normen münden kann.
Dann nämlich, wenn Schreibende und Lesende sich
wieder der allmählichen Veränderung der Schriftsprache
überlassen und die Frage, was richtig oder falsch
ist sein. Wenn sie es nämlich überhaben,
ihre Zeit mit Blättern im Duden zu verplempern,
statt sich Lesenswertem zuzuwenden. Die langjährige
Frustration der Dudenredakteure ist verständlich.
Endlich wird aus dem Nachschlagewerk das Vorschriftenwerk.
Endlich entkommt man der fatalen Position, Dokumentation
des Schriftgebrauchs zu sein und erhält die Chance,
stilbildend zu wirken. Die Häme jener, die gerne
mit dem Finger zeigen und sagen: falsch, wird man ohnehin
weiter bedienen.
Zweifelhaft, ob deshalb auch der neue Duden erreicht,
was die alten nicht vermochten: Schreibende und Lesende
bei seiner Verwendung nicht blöde zu machen. Denn
die wahre Schule war der Duden für Schreibende
nie. Das waren die Texte, an denen sich das Auge übte.
Und die Rebellion der Finger und Schnäbel gegen
Schriftzüge, die der Sprache nicht nur den Athem
austreiben wollten, sondern auch jene Schriftverzüge,
durch deren Einfälltigkeiten sich zeigt, daß
ein Subjekt am Werk ist und kein Normular.