Text-Nummer: 0069

Schaltung am: 01.07.1996
Rubrik(en): Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 5010
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 01.07.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Dudendünkel
Copyright: Hans Tennstedt
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Diskussion/Leserbriefe:

Hans Tennstedt

Dudendünkel

Nun steht also der neueste Duden ins Haus, in jedes Haus, denn das friedliche Neben- und Miteinander unterschiedlicher Auflagen, Bodensatz kleiner Verschiebungen des Sprachgebrauchs in den Zeitläuften, hat ein Ende. Ein grandioser wirtschaftlicher Coup, gewiß. In Zeiten der ökonomischen Krisen sind einem Verlag die Millionenauflagen gewiß. Glückwunsch.
Noch ist nicht zu ermessen, welche Folgen dieser Setzungsakt hat: kurz- und mittelfristig finanzielle für die Länder, langfristig sprachliche für jene Texte, die in einigen Jahren aufgrund der überkommenen Brechungen in ihrem Textspiegel Patina angesetzt haben werden. Es ist noch gar nicht absehbar, welche Gewalt man ihnen angetan hat, denn sie werden irgendwie komisch wirken, angestaubt, veraltet. Auch jene Texte, in denen über die Generationen kommuniziert wird, die sich heute noch so frisch darstellen, wie zum Zeitpunkt ihrer Abfassung. Dann werden jene, deren Augen heute neu konditioniert werden sollen, zu Lesern geworden sein, die angeblich nicht "Zielgruppe" des Setzungsaktes sind: "Experten", Schriftsteller, Wissenschaftler.
Es ist bisher kaum diskutiert worden, ob eine Generation überhaupt das Recht hat, die Weichen der Skripturalität durch Setzungsakte neuer Regeln zu stellen, und ältere Texte damit auf ein Abstellgleis zu schieben. Nach langer Zeit wurde wieder ein kollektiver Eingriff in die Sprachregelung vorgenommen, über dessen Berechtigung auch auf diesem Hintergrund zu streiten wäre. Nun ist es zu spät. Eine fragwürdige Pragmatik hat sich durchgesetzt.
Dabei löst der Duden ein Problem, das er selbst erzeugt hat. Die Dünkelhaftigkeit des Verkehrspolizisten bei kleineren oder größeren Regelverstößen hat ihm immer angehaftet. Und Generationen von Lehrern haben mit seinem erhobenen Zeigefinger das Bußgeld der schlechten Noten eingetrieben, das für viele Schüler gleichbedeutend mit dem Entzug der Fahrerlaubnis im gesellschaftlichen Verkehr war. Nun, da die Straßen sich zu leeren drohen und mehr und mehr Schüler sich als zu bestimmten Disziplinierungen unfähig erweisen, da Oralität die Skripturalität mehr und mehr verdrängt (vergleiche die neueste Werbung für Windows 95, in der dem Schreiben ganz offen der Kampf angesagt wird), wird das Korsett der Regelzwänge gelockert.
Die friedliche Koexistenz zwischen Schrift und Sprechen ist dahin. Und alle die kleinen Durchdringungen an ihren Rändern und Schnittstellen, an denen der durchs Sprechen und die Sprache gewachsene Schnabel an den Wortbrocken und Grammatiknetzen des Dudens pickte. Faktisch wird das Netz nicht weitmaschiger, sondern enger zusammengezogen. Und wieder wird der erhobene Zeigefinger dem Undisziplinierten bedeuten: Wenn Du nichteinmal diese einfachen Regeln verstehst ...
Die Einführung von Schülern in die symbolische Ordnung der Normsprache mit ihren "Gesetzen" gehört sicherlich zur Beschneidung der Individualität. Und sie ist nötig, damit der gesellschaftliche Verkehr nicht im Chaos endet und Kommunikation unmöglich wird. Doch drohte das wirklich? Der Setzungsakt der "Reform" erzeugt eine neue Qualität. Bisher haben sich die Planer des dudengeregelten Verkehrs darauf beschränkt, kleine Verschiebungen im Gebrauch der Sprache nachträglich zu kodifizieren. Der fortschreitend sich verallgemeinernde Sprachgebrauch wurde in Abständen zur Norm erhoben. Wechselseitige Beeinflussung von Schreibenden und Lesenden untereinander bearbeitete das Sprachmaterial und veränderte es. Heute wird das erbärmliche Argument von Oberlehrern, die sich mit Störungen der Norm nicht auseinandersetzen wollen und sollen, erneut unterfüttert: Wenn Du mal Schriftsteller bist, dann darfst Du das. Setzen, fünf.
Warten wir aber die Erfahrungsberichte der Praxis ab. Denn auch Setzungsakte erzeugen bisweilen eine Chaotisierung, in die der Befolgungsdrang von Normen münden kann. Dann nämlich, wenn Schreibende und Lesende sich wieder der allmählichen Veränderung der Schriftsprache überlassen und die Frage, was richtig oder falsch ist sein. Wenn sie es nämlich überhaben, ihre Zeit mit Blättern im Duden zu verplempern, statt sich Lesenswertem zuzuwenden. Die langjährige Frustration der Dudenredakteure ist verständlich. Endlich wird aus dem Nachschlagewerk das Vorschriftenwerk. Endlich entkommt man der fatalen Position, Dokumentation des Schriftgebrauchs zu sein und erhält die Chance, stilbildend zu wirken. Die Häme jener, die gerne mit dem Finger zeigen und sagen: falsch, wird man ohnehin weiter bedienen.
Zweifelhaft, ob deshalb auch der neue Duden erreicht, was die alten nicht vermochten: Schreibende und Lesende bei seiner Verwendung nicht blöde zu machen. Denn die wahre Schule war der Duden für Schreibende nie. Das waren die Texte, an denen sich das Auge übte. Und die Rebellion der Finger und Schnäbel gegen Schriftzüge, die der Sprache nicht nur den Athem austreiben wollten, sondern auch jene Schriftverzüge, durch deren Einfälltigkeiten sich zeigt, daß ein Subjekt am Werk ist und kein Normular.


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