Richard Binz
Innerer Glanz
Mit der Aufforderung, die Frage nach Studiengebühren
nicht zu tabuieren, faßt Roman Herzog ein heißes
Eisen an. Der Bundespräsident bleibt auch im Streit
um die Reformen an deutschen Universitäten seiner
Devise treu: Es kommt auf eine unverkrampfte und offene
Auseinandersetzung an.
In der Tat gilt es, den nötigen Reformprozeß
an deutschen Universitäten voranzutreiben. Allzusehr
aber fixiert sich die Diskussion auf Quantitatives.
Denn wie aussagekräftig sind Zahlenvergleiche:
daß deutsche Hochschulabsolventen mit 28 bis
30 Jahren im europäischen Vergleich zu alt seien;
daß 25 Prozent eines Altersjahrganges studieren;
daß Studiengebühren im Ausland oft die Regel
sind? Allzusehr wird Qualität der Ausbildung an
Jugend, Zahl der Studierenden und Etatgrößen
gekoppelt. Will man wirklich zu einer Diskussion darüber
kommen, was Universitäten von innen heraus "Glanz"
verleiht, wie es Herzog nennt, so gilt es den Stellenwert
akademischer Ausbildung gesellschaftlich neu zu bestimmen.
Allzusehr reagiert der Arbeitsmarkt auf akademische
Titel und Würden, statt sich der Qualifikation
Einzelner zu vergewissern. Solange das "Studierthaben"
einen Wert an sich darstellt, darf man sich über
hohe Studentenzahlen und lange Verweildauern nicht
wundern. Und auch das hinter dem Plädoyer für
Studiengebühren verborgene Konzept einer Elite
der Wohlhabenderen vermag das Mißverhältnis
zwischen universitärem Glanz und berufspraktischer
Qualifikation nicht zu beheben. Im Gegenteil, solch
monetär aufpolierter Glanz verstärkt den
Schein, der sich mit akademischen Weihen verbindet.
Das Umschlagen von Qualitäten in Quantitäten,
das von allen Seiten bedauert wird, ist der Preis,
den Gesellschaft für die tendenzielle Schaffung
eines Ausbildungsmonopols zahlt. Nun werden die Effekte
der Abschiebung von Verantwortung, wie man die Delegation
von Ausbildung auch nennen kann, deutlich. Kaum Mentoren,
die den Einzelfall prüfen; wenig Einrichtungen,
die Arbeitsproben in der Praxis Vorrang geben; Beurteilung
von Berufsanfängern aufgrund quantifizierter Leistung:
dies zu kritisieren, klingt altmodisch. Doch die Dinge
beginnen sich zu ändern: dann nämlich, wenn
Eliten wieder nach Kriterien gebildet werden, bei denen
der Glanz des Geldes den der Universitäten von
"innen heraus" überstrahlt und monetäre
Selektion zum Garanten für Qualität wird.
Man kann dies thematisieren, ohne Gegner von Studiengebühren
zu sein. Denn die Akzeptanz quantifizierender Ausbildung
hat auch etwas damit zu tun, daß es ein Anspruchsdenken
gibt, das meint, gute Ausbildung sei wohlfeil zu haben,
dürfe nichts kosten. Ausbildung, in der Qualität
und nicht Quantität im Vordergrund steht, hat
aber ihren Preis. Ohne der Generationenvertrag zu kündigen
ist es möglich, Schüler und Studenten dies
spüren zu lassen. Warum ist der Ausdruck: "Man
läßt uns die gesellschaftlichen Verhältnisse
spüren" negativ besetzt? Kann er nicht bedeuten,
daß zumindest ein wenig, eine Spur Teilhabe an
der Dienstleistung, die man erfährt, nicht von
Nachteil sein muß? Vielleicht würde sich
die inneruniversitäre Diskussion über die
Qualität von Lehre verändern, wenn die Frage
auftauchte, wofür man da eigentlich bezahlt. Hier
muß es nicht darum gehen, Studenten über
Gebühr zu "disziplinieren", wie manche
argwöhnen - hier kann es auch darum gehen, ein
Stück Mündigkeit zu gewinnen. Aber auch diese
Frage zeigt, daß die Diskussion über die
Reform der Universität an vielen Stellen anzusetzen
hätte. Wie viele sind in der augenblicklichen
Situation unverkrampft genug, Gründe zur Sprache
zu bringen - und nicht nur Ansprüche.