Text-Nummer: 0074

Schaltung am: 10.07.1996
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 3380
Verfasser(in): Hans Tennstedt
Geschrieben am: 09.07.1996
Kürzel: HT
Originaltitel: Das schleichende Gift der Religionen
Copyright: Hans Tennstedt
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Hans Tennstedt

Das schleichende Gift der Religionen

Natürlich kann man sich über die kürzlich von dpa verbreitete Meldung lustig machen, daß man in Ägypten den Untergang der Gesellschaft befürchtet, weil ein israelisches Kaugummi in der Libido islamischer Mädchen und Jungen Fäden zieht. Dpa berichtet, der Abgeordnete Fathi Masur habe das Thema gar ins Parlament gebracht und eine "apokalyptische Vision" beschworen: "Die ägyptische Jugend solle sexuell stimuliert und die Gesellschaft damit zerstört werden. Und die Oppositionszeitung "al Ahrar" verbreite nach Angaben der Tageszeitung "el Wafd" eine "antisemitische Verschwörungstheorie", wonach der Kaugummi-Schöpfer ein 1992 nach Israel eingewanderter Russe sei, der früher für den KGB ein Wundermittel zur Beseitigung von Feinden entwickeln sollte. Natürlich kann man sich auch über die Theorien selbst lustig machen. Dan ginge man zur Tagesordnung über und brauchte sich der Frage nicht zu widmen, warum der Konflikt von Religionen und Staaten zu solchen Theorien führt - um beim nächsten Pogrom, bei dem Menschen erschlagen werden, weil sie jemandem einen Kaugummi anbieten, kopfschüttelnd zu fragen: Wie ist das möglich?
Es ist noch nicht lange her, daß man sich in Polen öffentlich dafür entschuldigt hat, daß Überlebende des Holocaust umgebracht wurden, weil kurz nach dem Krieg ein Teil der alten Golemlegende wieder auflebte, dergemäß Kinder entführt werden, um in jüdischen Schlachtereien ausgeblutet lassen zu werden. Auch hier kann man zur Tageordnung übergehen, indem man feststellt, daß den einen das noch lange nicht das koscher ist, was es den anderen ist.
Man kann aber auch die Frage stellen, was einer dem anderen zu schulden glaubt oder schuldet, daß er es auf solche Art "heimzahlt".
Im "Prager Golem" erzählt Chajm Bloch die Geschichte vom christlichen Fleischer Hawlicek, der im Innern eines Schweines eine Kindesleiche versteckt, um sie so in den Keller des Juden Meisel zu schmuggeln, damit dieser im Kerker die Schuld vergesse, die Hawlicek ihm derart heimzuzahlen versuchte. Nun steckt angeblich eine Menge israelischen Libidoextraktes in einem Kaugummi und versetzt ägyptische Studenten in "sexuelle Raserei". Nicht nur Liebe geht also durch den Magen, auch der Haß.
Aber all das streift nur des Pudels Kern. Ob vergifteter Kaugummi oder vergiftete Mazzot oder Opium fürs Volk - das schleichende Gift in der Religion muß irgendwie Gestalt annehmen. Daß es dies zur Zeit in Ägypten in Form sexueller Raserei und des Nackttanzes tut, kommt dem Kern auf die Spur. Er steckt nämlich, wie das Kind im Schwein, wie das Gift in den Mazzot, wie die Libidoessenz im Kaugummi und wie der Kern im Pudel in der Frage: Was treibt jemanden dazu anzunehmen, der andere wolle in ihn eindringen und was treibt den anderen dazu anzunehmen, jemand nehme an, er wolle in ihn eindringen? Muß daran erinnert werden, daß gift im Englischen auch Geschenk bedeutet? Kann man ein solches aber nicht annehmen, obwohl man es trotzdem erhält, immer, drängend, so bleibt eine Schuld offen. Begleichen muß sie der andere, denn ein solch drängendes Geschenk kann immer nur von außen kommen: Incubus seines Treibens, seiner Wünsche und Begehrungen. So ist es mit der Niedertracht des teuflischen Triebes und seiner Verkörperungen, wenn der eigene Körper als Gefäß der reinen Religion gilt. Der Satan ist immer der des anderen.


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