Hans Tennstedt
Das schleichende Gift der Religionen
Natürlich kann man sich über die kürzlich
von dpa verbreitete Meldung lustig machen, daß
man in Ägypten den Untergang der Gesellschaft
befürchtet, weil ein israelisches Kaugummi in
der Libido islamischer Mädchen und Jungen Fäden
zieht. Dpa berichtet, der Abgeordnete Fathi Masur habe
das Thema gar ins Parlament gebracht und eine "apokalyptische
Vision" beschworen: "Die ägyptische
Jugend solle sexuell stimuliert und die Gesellschaft
damit zerstört werden. Und die Oppositionszeitung
"al Ahrar" verbreite nach Angaben der Tageszeitung
"el Wafd" eine "antisemitische Verschwörungstheorie",
wonach der Kaugummi-Schöpfer ein 1992 nach Israel
eingewanderter Russe sei, der früher für
den KGB ein Wundermittel zur Beseitigung von Feinden
entwickeln sollte. Natürlich kann man sich auch
über die Theorien selbst lustig machen. Dan ginge
man zur Tagesordnung über und brauchte sich der
Frage nicht zu widmen, warum der Konflikt von Religionen
und Staaten zu solchen Theorien führt - um beim
nächsten Pogrom, bei dem Menschen erschlagen werden,
weil sie jemandem einen Kaugummi anbieten, kopfschüttelnd
zu fragen: Wie ist das möglich?
Es ist noch nicht lange her, daß man sich in Polen
öffentlich dafür entschuldigt hat, daß
Überlebende des Holocaust umgebracht wurden, weil
kurz nach dem Krieg ein Teil der alten Golemlegende
wieder auflebte, dergemäß Kinder entführt
werden, um in jüdischen Schlachtereien ausgeblutet
lassen zu werden. Auch hier kann man zur Tageordnung
übergehen, indem man feststellt, daß den
einen das noch lange nicht das koscher ist, was es
den anderen ist.
Man kann aber auch die Frage stellen, was einer dem
anderen zu schulden glaubt oder schuldet, daß
er es auf solche Art "heimzahlt".
Im "Prager Golem" erzählt Chajm Bloch
die Geschichte vom christlichen Fleischer Hawlicek,
der im Innern eines Schweines eine Kindesleiche versteckt,
um sie so in den Keller des Juden Meisel zu schmuggeln,
damit dieser im Kerker die Schuld vergesse, die Hawlicek
ihm derart heimzuzahlen versuchte. Nun steckt angeblich
eine Menge israelischen Libidoextraktes in einem Kaugummi
und versetzt ägyptische Studenten in "sexuelle
Raserei". Nicht nur Liebe geht also durch den
Magen, auch der Haß.
Aber all das streift nur des Pudels Kern. Ob vergifteter
Kaugummi oder vergiftete Mazzot oder Opium fürs
Volk - das schleichende Gift in der Religion muß
irgendwie Gestalt annehmen. Daß es dies zur Zeit
in Ägypten in Form sexueller Raserei und des Nackttanzes
tut, kommt dem Kern auf die Spur. Er steckt nämlich,
wie das Kind im Schwein, wie das Gift in den Mazzot,
wie die Libidoessenz im Kaugummi und wie der Kern im
Pudel in der Frage: Was treibt jemanden dazu anzunehmen,
der andere wolle in ihn eindringen und was treibt den
anderen dazu anzunehmen, jemand nehme an, er wolle
in ihn eindringen? Muß daran erinnert werden,
daß gift im Englischen auch Geschenk bedeutet?
Kann man ein solches aber nicht annehmen, obwohl man
es trotzdem erhält, immer, drängend, so bleibt
eine Schuld offen. Begleichen muß sie der andere,
denn ein solch drängendes Geschenk kann immer
nur von außen kommen: Incubus seines Treibens,
seiner Wünsche und Begehrungen. So ist es mit
der Niedertracht des teuflischen Triebes und seiner
Verkörperungen, wenn der eigene Körper als
Gefäß der reinen Religion gilt. Der Satan
ist immer der des anderen.