Text-Nummer: 0075

Schaltung am: 10.07.1996
Rubrik(en): Politik, Kultur
Umfang des Textes in Zeichen: 2244
Verfasser(in): Ulf Winckler
Geschrieben am: 10.07.1996
Kürzel: win
Originaltitel: Erbeutete Beutekunst
Copyright: Ulf Winckler
Veröffentlichungsabsicht von/am:
Veröffentlicht von/am:
Übersetzer(in):
Copyright Übersetzung:
Diskussion/Leserbriefe: vgl. Review L0002R und
Text-Nummer 0087 (Kultur, Forschung und Wissenschaft):
Wolfgang Ernst: Reichskleinodien

Ulf Winckler

Erbeutete Kunstbeute

Wem gehört der "Priamos-Schatz"? Der politische Streit nimmt an Schärfe zu. Gerade hat die Ausstellung "Moskau-Berlin" - "Berlin-Moskau" gezeigt, daß es andere Lösungen gibt, auch wenn die Organisation dieser Ausstellung nicht frei von Eigentumsfragen war. Wer würde aber ernsthaft die Frage stellen: Wem gehört DADA?
Liegt es am Glanz des Goldes, daß Eigentumsverhältnisse im Vordergrund der Auseinandersetzung um den "Schliemann-Schatz" stehen? Oder an der Zeitspanne, die vergangen ist, seit die Geschmeide aus Troja geschaffen (und auch weggeschafft) wurden? Vielleicht liegt es aber auch an der Frage, wer rechtmäßiger Eigentümer von Herrscherinsignien ist, daß Kohl und Jelzin persönlich verhandeln wollen. Der russische Wahlkampf und auch das deutsche Kulturverständnis zeigen, daß politische Repräsentanten sich gerne im Glanz der Geschichte zeigen. Darauf darf kein Schatten fallen. Genau die Schattenseiten einstiger Kunstbeutezüge aber werden zur Zeit ausgeblendet. Nicht nur im Krieg wurde Beute gemacht. Die Ausgrabungspolitik der Schliemannzeit hat nicht viel nach Eigentumsverhältnissen gefragt. Kunst aber und "Kulturprodukte" sind niemals das Eigentum eines Einzelnen, eines Landes oder eines Staates. Worüber verhandelt werden kann, das ist der Besitz . Mehr nicht. Und es wird raffinierter diplomatischer Drahtseilakte bedürfen, um zu rechtfertigen, warum einer ein größeres Besitzrecht hat als der andere. Vielleicht aber erbeutet Helmut Kohl den Priamos-Schatz in Moskau dadurch, daß er ihn schlicht aufkauft. Jelzin ist nicht in der Position, sich Stabilität in den außenpolitischen Beziehungen nicht erkaufen zu müssen. Vielleicht wird er deshalb "Verständnis" für die deutsche Forderung haben. Nimmt der Priamos-Schatz also im Rahmen des "Kulturaustausches" wieder den Weg nach Deutschland, so wird sich eine alte Erfahrung bewahrheiten: Bei der Aufhäufung von Schätzen hat derjenige die besten Karten, der über die größere Zahl politischer und wirtschaftlicher Trümpfe verfügt. Deshalb wird die "Heimführung" des Priamos-Schatzes nach Deutschland irgendwann ein Triumphzug sein. Das Schicksal von Herrscherinsignien eben: letztlich nichts anderes sein zu können, als Beutekunst.


This text is a Ragman's Rake document. (c) 1996 by the Author or/and by Ragman's Rake. Email: [email protected]